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Wie man garantiert nicht pitcht

Eine vorbildhafte Eseley. Moritat mit 30 Beteiligten.

Es war einmal: Ein Auftraggeber aus dem öffentlich-touristischen Bereich, dessen Name ich jetzt nicht nenne (vielleicht später mal) lud im Juli/August dieses Jahres ein zum Pitch.

Das Briefing: nicht vorhanden bis kläglich unprofessionell.

Das erste Anschreiben: herb unklar (es wurde dann ein zweites verfasst)

Die Aufgabe: Marketing UND Corporate-Design (id est: man brauchte ein Lögelchen)

Der Pitchtermin: Von Anfang an zu knapp (in 14 Tagen, aber hallo!), das veränderte Anschreiben, das 4 Tage später eintrudelte, blieb bei dem anfänglichen Schlusstermin. Wie sinnvoll.

Terminsituation: es wirkte alles sehr sehr eilig.

Bezahlung/Pitchhonorar: keine. Agenturen flogen raus, die das erwähnten. Stronzi!

Wie ich zu dieser Info kam:
Eine befreundete Webdesignerin wurde dazu eingeladen und bat mich um Marketingunterstützung. Bekam sie.

Ich warnte sie aber dennoch freundlichst, da mitzumachen und von diesen 0 Cent-Summen-Spielen die Pfoten zu lassen, zudem halte ich nicht viel von vielköpfigen Gremien (Ogilvy rang the bell): Der Auftraggeber war ein vielköpfiges Gremium. Mit KMU (Marketing-Ausschuss, mit Leuten, die "Marketing" kaum buchstabieren konnten) und Politikern aus der Region bestückt. Bis zum Stotter-Stoiber rauf net, aber bis auf Landratsebene.

Präsentation:
1 Agentur (Event-Agentur, notabene; oder besser: unverständlicherweise) lieferte gar nicht, stellte sich nur stotternd hin und vor (2 männliche Jung-Pappnasen)
1 mittelgroße Agentur aus der Region lieferte über 60 Minuten lang PR-Strategie (war nicht angefragt), und sagte aber auch nicht klar, warum (Das wär’s gewesen: einen Ausreißer liefern und sauber begründen: gewonnen! Denn die zu bewerbende Region hat(te) gute PR bitter nötig statt der derzeit stümperhaften Öffentlichkeitsarbeit).

Keine der vorgeladenen Agenturen (außer der befreundeten) sagte, warum der vom Auftraggeber gewünschte Claim sinnlos ist, da schon bei der Konkurrenz vorhanden.

Allerdings auch kein Wunder, liebe Freunde von der Werbefront: Für einen Pitch, der nix kosten darf, sollte man sich bei der Markt- und Umfeldrecherche auch nicht zu sehr anstrengen, da unwirtschaftlich :)

Oder andersrum gesagt: Wat nix kost, dat is auch nix.
(Bis auf meine befreundete Agentur, die hat sich echt angestrengt.)

Das Ding ging weiter: Man beschied freundlich, dass die befreundete Agentur in die 2. Runde käme.

Hä, 2. Runde? Nochmal? Und warum?

Es war nie die Rede davon, dass man das Gleiche nochmal vor einem komplett anderen Gremium präsentieren soll (mangelnde Transparenz = grober Fehler Nr. 2 des Auftraggebers, wo ich heute noch nicht weiß, war das jetzt eine superlinke Frechheit, oder platte Unprofessionalität, aber grübeln half nix.)

Reaktion: Ooookeeey, man hat schon so viel Schweiß reingesteckt, da schmeißt jeder  – auch die befreundete Agentur am Rande des Städteles doch gern schlechtem noch gutes Geld hinterher. Konnte ich zu 70% sogar verstehen… wer bis hierher kam… der gab nicht mehr auf…

Der Knaller:
Die vortragende befreundete Agentur wurde mitten im Vortrag von Leads des 2. Gremiums übelst angegriffen, weil sie aus einem stellenweise kritischen Vermarktungskonzept der Region zitierte, welches mit Steuergeldern finanziert (Uni Bayreuth) und mit dem Namen des in dem Präsentionsvortrag sich in der Versammlung merkwürdig hochnotaggressiv aufführenden Landrat bestückt war. (Vermutlich wurden die Handouts aus der ersten Präsentation dem 2. Gremium, bestehend aus Landräten und Bürgermeistern) ausgehändigt, da konnten sie sich sauber darauf einschießen. Über das Logo sprach…  keiner.

Es kam, wie es kommen musste:
Selbstverständlich wurde das Konzept der befreundeten Agentur abgelehnt. Eine andere Agentur, die null Marketing-Analyse anbot, dafür ein grob unverständliches Logo mit einem schwarzen Steinhaufen plus dem unbrauchbaren Claim, wurde genommen.

Die Lehre daraus:
Mache kein fundiertes Marketing.
Schlage auch keine bitter-nötige PR-Strategie vor.

Der Kunde will das alles nicht wissen. Er will bunte Bildchen.
Und wenn er die nicht schmerzlos kriegt, weil mit unbequemen Marketing-Analysen verbunden (die er zwar anforderte, weil… Marketing, des schicke Butzwort, socht mer heutzutoch halt so), nimmt er zur Not und als Ausweg auch unbunte Bildchen. Hauptsach’ verschwommene Bildchen, Hauptsach’ harmlos, Hauptsach’ es fällt nicht auf. Wo wir beim wichtigsten Wunsch von KMU über Werbung wären:

Lieber einen schwarzen Steinhaufen (plus unglaublichem Claim, den es bei der Konkurrenz schon gibt.)

Designer, lass dir das gesagt sein und krieche weiter im Staub: Erfolg hat nur der, der so unklar bleibt wie sein Kunde (Regel Nr. 1: birds if the same feather!). Vor allem, wenn er gar nix dafür gekriegt hat, die Lusche.

Der Auftraggeber in Form einer hilflos agierenden Geschäftsführerin, vor deren Professionalität ich mich verneige Biggrin_13 und alle anderen üblichen Verdächtigen: wenn sie nicht vor Scham gestorben oder gefeuert sind, so leben sie noch heute…

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Heute, 3 Monate später:
Das neue Logo gibt es immer noch nicht im Auftritt, weder auf der immer noch unglaublich schlecht gemachten Website, noch anderswo in Print. Das Event, auf dem es Mitte September hätte vorgestellt werden müssen, gab es auch nicht.

Dafür war aber die Präsentation sauknapp und verdammt dringend, wie?
Danke, lieber Auftraggeber, aber verarschen können sich Werbeagenturen in Zukunft besser alleine mit sich selbst – und viel lustiger.
Da professionell gelernt.

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Besser ist das: Der Pitch-Guide.
Wie man pitchen lässt, Handlungsempfehlungen für Werbetreibende und Agenturen.
Eat it.

1 Kommentar

  1. Jan

    Wow. Brilliante Darstellung. Wieder eine Bestätigung, sich nicht bei unbezahlten Pitches zu beteiligen.

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