Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Der große Knall

Er wird gefürchtet. Er steht wieder vor der Tür.

Der Dax rutscht. Asien wird einbrechen.

Dennoch stehen wir gelangweilten Wohlstandsbürger und Büroslacker anscheinend drauf, denn wir tun es immer wieder, das Zocken. Und stehen masochistisch auf den Untergang, das Greinen (part of the same game) zur Bestrafung unserer Sünden auf Erden. Denn an den Himmel und an die Hölle glauben wir nicht mehr, wir haben unser Bedürfnis nach Zittern und Bestrafungsreligiosität erfolgreich und dauerhaft in der Finanzwirtschaft untergebracht. 2000, oder 2007. Es ist wieder soweit: Murmeltierjahr. Go short, Sir Quickly.

Auch ein Kreativer, ein g’lernter Heftlesmacher und Designer wie ich, macht sich ab und an Gedanken um’s Geld. Doch doch. Es heißt ja gerne, Grafiker verstünden nichts von Geschäften und vom Geld. Von der Luft und von der Liebe lebt er jedoch nicht, wiewohl manche prospektiven Kunden, die als forsche Einkäufer auftreten, denen jedoch die minimalsten Grundkalkulationen für ein Geschäft einfach nicht geläufig sind und glauben, ihr eigenes Netto-Stundengehalt nehmen zu dürfen, um damit den Handwerker und den Grafiker drunter zu drücken. “Des konn doch net sei, dass su aaner merra verdient in der Stund’ als wie iech…” Verdienstausfälle, kein Honorar während Krankheitszeiten, ständige Weiterbildung, Reisen zu den Kunden werden zwar 100%ig erwartet, aber man glaubt, es wäre ein kostenloser Spass für uns. Für diese irrationalen Möchtegernzocker und strukturellen Analphabeten, die ziemlich sicher dennoch Aktieneinlagen haben und auf Parties bräsig Geld-Kennerschaft verbreiten, habe ich ein schnuckeliges Schild vor die Tür gemalt “Wir müssen draußen bleiben!”.

Hochinteressant dagegen ist für mich die islamische Kredit- und Bankenwirtschaft, die das sich in immer gierigeren Spiralen drehende und ein unberechenbares Diveneigenleben bekommende westliche Zinseszinssystem mit seinen Exzessen ablehnt und vereinfacht gesagt, eine andere Wirtschaftsmoral hat und ein für unsere Beut-Beut-Verhältnisse sehr partnerschaftliches Geschäftsgebaren mittels Teilung von Gewinn und Verlust bevorzugt. Dies interessiert mich nicht erst, seit es diese Woche knirscht und kracht bei unserem Zinseszinssystem (das Geld verdient da paradoxerweise das Geld und macht Wertschöpfung, anstatt die Hersteller und Dienstleister, die eigentlich für Wertschöpfung zuständig sind), sondern schon länger. Ich bin bei einer deutsch-türkischen Bank.

 

Eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte der islamischen Banken

Hier der hochinteressante Artikel “Eine unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte” von IBRAHIM WARDE
* Forschungsbeauftragter an der Harvard University. Von ihm erschien zuletzt: “Islamic Finance in the Global Economy”, Edinburgh (Edinburgh University Press) 2000. Übernommen aus der französischen Le Monde, gepixelt in der haGalil.com

Cave: Der Artikel ist aus 2001.

Und wird 2007 wieder aktuell. Ich sage doch: Und wieder grüßt das Murmeltier. Wer den Film kennt, weiß, dass das so lange geht, bis wir kapiert haben. Bei manchem dauert es halt etwas länger. Mei.

Kenner wissen; ich sitze am Wochenende über der Steuererklärung. Gerüchte, dass ich demnächst zum Islam übertrete, entbehren jeder Grundlage. Ich finde die Burka ein extrem unpraktisches und hässliches Gewand, mag die Welt nicht durch ein Nasengitter betrachten und ordne mich Männern nicht unter.

 

5 Kommentare

  1. cohu

    So wie ich den Artikel verstehe, wird die Zinslosigkeit von den heutigen islamischen Banken doch nur noch pro forma aufrecht erhalten (statt Zinsen gibt’s halt saftige Gebühren).
    Gut, aber der Mikrokredit-Ansatz und der Grundsatz, nicht in ethisch zweifelhafte Unternehmen (Waffenhersteller etc.) zu investieren, scheint mir ganz einleuchtend.
    Dass übrigens hinter Spekulation keine Wertschöpfung (d.h. keine genuine Produktivität) steckt, finde ich einen seltsamen, wenn auch in Deutschland weit verbreiteten, Gedanken. Der Spekulant ist dafür zuständig, das Geld da hinzubringen, wo die höchste Produktivität ist (d.h., wo es die höchste Rendite verspricht). Darin besteht die – gesamtgesellschaftlich nützliche! – Wertschöpfung, auch wenn er kein physisches Produkt vorzeigen kann.

  2. vroni

    Hohe Rendite steckt derzeit nicht einfach nur in einfacher Spekulation, sondern in Derivaten, das sind Finanzprodukte aus Finanzprodukten. Insofern sehe ich nicht, wo da Produktiviät sein soll. Aktuelles Beispiel eben gerade die fälschlich von Ratingsgenturen sehr hoch gerateten Finanzprodukte über die faul gewordenen Immobilienkredite. Faule Kredite = null “Produktivität”. Steht nur auf dem Papier.
    Meine Rede geht gegen aberwitzige Derivate.

  3. David

    Derivate haben sehr wohl einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Sie erlauben eine effektives Risikomanagement und ermöglichen damit wirtschaftliche Aktivitäten, die ohne sie schlicht nicht stattfinden würden. Zwei (konstruierte) Beispiele:
    1) Stell Dir einen Weinbauer vor, der einen neuen Hang entdeckt hat und diesen bewirtschaften möchte. Leider ist die Lage des Hangs so, dass alle paar Jahre witterungsbedingt die komplette Ernte zerstört wird. Wenn es aber klappt, ist die Ernte besonders gut und man kann wunderbaren Wein aus den Trauben des Hangs herstellen. Der Hang hat an sich eine super Qualität, aber gleichzeitig ein hohes Risiko von Ernteausfällen. Der Bauer ist nicht groß/reich genug, dass er einen solchen Ernteausfall überstehen würde. Was kann er machen? Entweder er lässt die Sache sein (offensichtlich schade und gesamtgesellschaftliche schlecht, der ganze gute Wein wird nie hergestellt) oder er kann sich per Derivaten gegen das Risiko eines Ernteausfalls absichern. Z.B. könnte er einem Händler seine zukünftigen Ernten zu einem Fixpreis heute verkaufen. Damit trägt der Händler das Risiko eines Ernteausfalls. Der aber kann sich dagegen viel besser absichern, er schließt einfach mit Weinbauern in verschiedenen Regionen solche Verträge ab und kann damit sein Risiko besser streuen. Alle profitieren: Der Weinbauer kann den Hang bebauen, obwohl er an sich nicht die nötigen Rücklagen aufbringen kann, um eine schlechte Ernte auszusitzen, der Händler verdient was daran, dass er das Risiko von Ernten pooled und wir kriegen den lecker Wein. Der Nutzen für die Produktivität ist klar, oder?
    2) Ein mittelgroßes Unternehmen möchte sich eine neue Fertigungshalle mit neuen Maschinen kaufen. Damit sich das alles rentiert, muss in zehn Jahren eine der Maschinen erneuert (Verschleiß, was weiß ich). D.h. das Unternehmen trägt ein großes Risiko, wenn in zehn Jahren plötzlich hohe Zinsen herrschen sollten, denn dann könnte es die neue Maschine nicht finanzieren und die ganze Investition in die neue Halle wäre für die Katz. Was tun? Das Unternehmen kann sich per Derivaten gegen hohe Zinsen absichern, damit verschiebt es das Zinsrisiko an eine andere, größere Einheit, welche das Zinsrisiko von vielen kleinen Firmen sinnvoll poolen und damit senken kann. Auch hier scheint der Sinn und Zweck vollkommen klar zu sein: Das Zinsrisiko ist für eine kleine Firma zu groß, wenn sie es nicht abgeben könnte, würde die entsprechende Halle eben einfach gar nicht gebaut werden.
    Je größer die Firmen werden, desto komplizierter wird die Sache. Banken usw. können sich per Derivaten z.B. gegen Wechselkursschwankungen absichern. Aber das Prinzip ist immer das gleiche: Durch solche Finanzinstrumente kann man verschiedene Risikoarten getrennt handeln und sammeln (und damit senken), so dass mehr wirtschaftliche Unternehmungen gelingen können.

  4. vroni

    Alles ganz prima erklärt. Das war: die Theorie.
    Unglaublich viel Derivate sind in der Praxis jedoch nichts als Wetten, und zwar hochspekulative. Das hat dann nichts mehr mit dem tatsächlichen Gegenwert zu tun.
    Das ist die Malaise

  5. David

    Natürlich sind es Wetten, das ist doch gerade der Witz. Aber solche Wetten haben einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen, denn sie verteilen Risiken neu und effizienter und ermöglichen dadurch ökonomische Aktivitäten, die ansonsten nicht möglich wären. Wo da die Malaise ist, kapier ich leider nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Freitag! Logbuch

Theme von Anders NorénHoch ↑