Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Der triviale Pursuit of Happiness oder: Lebbe is kei Twitterwidget

"Sind Herr und Frau Aarenhold schon zurück?" fragte Siegmund ihn, indem er über des Hausmeisters Kopf hinwegsah wie jemand, den die Sonne blendet…

Thomas Mann: Wälsungenblut, 1906

"Was machst du hier?" Das Kind duckte sich. "Was du hier machst?" Sie ging dabei auf die Kleine zu und gab ihr eine Art Knuff gegen den Kopf — es war nicht einmal eine Ohrfeige; der Schlag ignorierte, daß da ein Kopf war: er verfügte nur über das vorhandene Material. Zufällig war es ein Kopf.

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm, 1931

Gehen Sie an die Isar. Heben Sie einen der zwölfhundertelfzig Millionen Isarkiesel am Ufer auf, dann tun Sie ihm den Gefallen und werfen Sie ihn in steilem Bogen in die Luft.

Was glauben Sie, was sich der Isarkiesel da denkt?

"Endlich frei", denkt sich da der Isarkiesel, "endlich kann ich tun, was ich will. Ich kann einfach davonfliegen, und heute sieht man sogar die Alpen! Da kann ich einfach hin, wenn ich will — oder in die andere Richtung, nach Ingolstadt, Nürnberg, Hamburg, bis ans Meer und darüber, nach Amerika. Oder ich fliege einfach noch höher und höher, bis über die Alpen und hinauf bis zum Mond. Jaa — zum Mond!"

Das denkt sich alles der Isarkiesel, vorausgesetzt, er redet sich fest genug ein, er hätte einen freien Willen. Wohin fliegt aber der Isarkiesel tatsächlich? Genau: runter.

Nicht anders der Konsument von Konsumgütern: Sie, ich, der Papst, der Schlauchtruppführer der Freiwilligen Feuerwehr von Ebersberg, vielleicht sogar die Japaner, und alle, die sich sowas ausdenken: Wir alle leben in dem Glauben, wir hätten einen freien Willen, nach dem wir uns richten, wenn wir zum Beispiel unsere hart erwirtschafteten paar Euro fuchzig ausgeben wollen. Gerade, wenn wir Geld ausgeben wollen. Dann schalten wir unser Gefühl mal aus und treffen eine knallhart rationale Entscheidung, was wir kaufen. Denken wir.

Aber am Arsch die Räuber. Rationale Kaufentscheidungen gibt’s nicht. Alles gefühlsgesteuert. Noch nie in der Geschichte allen Handels und Wandels hat jemand so kühl kalkuliert, dass er sein Geld bewusst für den besten Gegenwert angelegt hätte.

Glauben Sie nicht? Warum tragen Sie dann diese tollen Levi’s 501, wenn eine Pferdedecke viel besser wärmt? Warum putzen Sie sich die Zähne morgens mit Aronal und abends mit Elmex, wenn richtige Zahnpasta 39 Cent kostet? Warum schauen Sie erst jetzt nach, was schadstoffarme Kühlschränke kosten, obwohl diese Technik seit Aberjahren vernünftig ist? Warum gehen Sie essen? — Und lassen Sie mich hier nicht mit Klingeltönen anfangen.

Weil Ihnen vor zwanzig Jahren eine junge hübsche Verkäuferin gesagt hat, die 501 stehe Ihnen hervorragend, weil das Design hochpreisiger Zahnpasten Ihr Vertrauen erweckt und blendend weißer Zahnschmelz Erfolg bei Frauen verspricht, weil Sie auf die Ökomaus mit der schicken runden Brille stehen, weil man beim Essengehen seine sozialen Kontakte pflegt. Zusammengefasst: damit Sie öfter Sex haben.

Wie überaus rational, oder? Das hat die Marktforschung bewiesen, dass Sie das machen, Sie sind durchschaut. Wer immer auch diese ominöse Marktforschung ist — stellen wir sie uns wie einen KGB-Agenten in schwarzem Trenchcoat und Schlapphut vor —, das hat sie ganz alleine fertig gebracht. Ohne Sie je zu fragen. Staunen Sie aber, gell?

Da denken wir uns aber die 50er-Jahre-Agentenmontur der Marktforschung ganz schnell wieder weg, weil wir sonst selber eine anziehen müssten. Leugnet doch die Marktforschung mit ihrem 360°-Blickwinkel nicht nur Ihre Individualität, sondern ihre eigene gleich mit. Zwar behauptet sie Sachen über Sie, obwohl sie Sie gar nicht kennt, schließt sich aber selber mit ein, weil sie selber ja auch nur ein Mensch ist, die Marktforschung. Sogar ziemlich viele Menschen, da redet sie gar nicht dagegen, so ist sie halt.

Individuelle, wohlabgewogene Entscheidungen treffen? Pah, wir sind doch keine Isarkiesel.

Neue Geschäftsidee:

  1. Überweisen Sie mir Ihr ganzes Geld.
  2. Dann sind Sie nicht verarmt, sondern kriegen
  3. alle fünf oder zehn Jahre, je nachdem wie ich dazu komme, eine top neue Pferdedecke von mir geliefert.
  4. Ihr Vorteil: Das ist endlich der beste Gegenwert für Ihr Geld und die rationalste Entscheidung, die Sie in Ihrem verbleibenden Leben noch treffen können. Die Sorgen um Ihr soziales Ansehen, modische Erscheinung und wettergerechte Kleidung sind Sie
  5. auch los.
  6. Sorgen um die Entfaltung Ihres freien Willens? Ach kommen Sie, haben Sie doch noch nie gehabt.
  7. Nein, Sie Manövrierkehricht, haben Sie nicht.

Wollen Sie nicht? Dann buchen Sie wenigstens the missing link als Werbeagentur; jede Gelegenheit im Leben kann die letzte sein.

3 Kommentare

  1. Bester Wolfster,
    huh, “am Arsch die Räuber”? Ich hab zwar noch keine Gauldeckchen als weltbesten Gegenstand zur – nein, nicht freien! – Verfügung, aber dafür jetzt schonmal die weltallerbeste Redewendung.
    Aber ein bisschen enttäuscht bin ich schon, wie du die Quintessenz meiner immerhin um die 150 Seiten starken Arbeit zu Dingfunktionen und Konsumentscheidungen hier so ganz lapidar hinbloggst … ;-)

  2. Die großen Wahrheiten sind ja immer die ganz einfachen .ò)
    Am Arsch die Räuber kennt der Franke aus der Schule und Wiglaf Droste von 1993 (Rezension in: Der Rabe 37: Der heilige Rabe, 1993).

  3. Der Franke wieder … Die Westfälin schweigt und genießt und fügt das drostesche Werk ihrer Wunschliste zu.

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