Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Epikur für Werber

Den Menschen nützt der unnatürliche Reichtum nicht mehr als Wasser einem vollen Gefäß. Man wird mit Notwendigkeit bemerken, daß beide außen überlaufen.

Epikur, ca. 300 v.C.

Reklame begegnete uns nicht auf Schritt und Tritt, wären wir nicht so empfängliche Wesen.

Alain de Botton, 2000.

Anno 20 vor Christus hatte Oinoanda um die zehntausend Einwohner. Das genügte den Anbietern des überschaubaren Marktplatzes als Zielgruppe, um Werbung zu schalten. Darum bauten sie an ihrem POS eine massive Kalksteinmauer von achtzig Metern Länge und vier Metern Höhe mit beschreibbarer Oberfläche, gesponsert von Diogenes von Oinoanda.

Deren content bestand aus Sentenzen des führenden testimonials für consumer goods und lifestyle, des Philosophen Ἐπίκουρος, der 250 Jahre vorher verstorben war.

Die Kampagne hielt nur diesen einzigen flight lang, der allerdings mehrere Jahrhunderte andauerte. Das mag daran liegen, dass ausschließlich die hard facts der Produkte ausgelobt wurden; von ambient messages wurde vollständig abgesehen. Den Consumern sollte sogar in direkter Ansprache vermittelt werden, dass sie durch ihren Konsum keineswegs glücklich werden könnten, ja dass sie durch ihre buying decisions ihre wahren, anderweitigen needs lediglich kompensierten. Werbeziele waren modernerweise durchaus attention und awareness für den USP des jeweiligen Anbieters, jedoch auch dafür, dass sie ihr impliziertes Endziel, nämlich die Freiheit von körperlichem Schmerz und seelischer Unruhe, nicht durch Lustgewinn und Völlerei erreichen konnten. Wer Luxusgüter kaufte, bekam automatisch unterstellt, dass er wahrscheinlich Gäste einladen wollte und sich demnach wohl nach Freundschaft sehnte; wer materielle und Zeitressourcen bei den professionellen Würfelspielern investierte, wurde an den ideellen Wert eines Spiels mit Kindern und deren unschuldiges Lachen erinnert. Also corporate social responsibility communication management (CSR), zweieinhalb Jahrhunderte nach dem Tod des content providers.

Leider sind die antiken Aufzeichnungen zur Werbezielkontrolle nicht überliefert. Wir wissen also nicht, ob die Kundschaft aufgrund des jahrhundertelangen CSR aufhörte, Sachen zu kaufen, die sie nicht brauchte und sie vom Schnuppern an wild wachsenden, also verdienstneutralen Blumen abhielten. Offenbar nicht in einem krisenstiftenden Übermaß.

Auf heutige Verhältnisse übertragen hieße das nicht weniger, als dass ein Anbieter seinem entschlossenen Kunden einen Fernseher verweigert, weil er seine Fantasie ebenso gut auf Waldspaziergängen anregen könnte. Nur weil die Menschen nach Epikur ja nicht erwirtschaften wollen, sondern haben. Nicht lernen, sondern können. Nicht Arbeit, sondern Bezahlung, und kein Geld, sondern käufliche Gegenstände, und keine schönen Kleider, sondern gut aussehen, und nicht gut aussehen, sondern Sex, und nicht Sex, sondern dafür gelobt werden, und kein Lob, sondern wahrscheinlich doch wieder Bezahlung. Sogar ich hab mir vor ein paar Wochen einen neuen Computer gekauft, dabei will ich nur in aller Ruhe Kohle scheffeln.

Eine genügend konsequent epikureisch geführte Kommunikationsstrategie hätte das Zeug, die Weltwirtschaft lahmzulegen (und die Leute in umfassende Verwirrung zu stürzen). Die Anschauung lehrt jedoch: Oinoanda steht noch und floriert in einem Land mit ansteigendem Touristenaufkommen. Das hoffe ich so sachlich wie möglich zu referieren, mitdenken müssen Sie selbst.

~~~|~~~~~~~|~~~

Soundtrack: The Muffs: Really Really Happy, aus: Really Really Happy, 2004. Gute-Laune-Geschrammel, das drei Minuten lang glücklich macht.

1 Kommentar

  1. vroni und wolf gräbel

    Lars Wichert von roccatune.com (dt. Startup, †2009)
    hat dein Epikur wohl sehr gut gefallen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Freitag! Logbuch

Theme von Anders NorénHoch ↑