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Der Umschlag in der Krise

Update zu Osterurlaub:

Karstadt schließt. Wie gewöhnlich um 20.00 Uhr, jetzt dann bald für immer.

Sperrt Karstadt jetzt zu? Nein, die Filialen bleiben in vollem Umfang geöffnet, verspricht der Konzern.

Ja, klar. Wer der Fronleichnamsausgabe der Abendzeitung nicht glauben wollte (Seite 2).

Selbst wenn wir nie was dort gekauft haben, weil wir gleich in die Apotheke gekonnt hätten: Karstadt wird uns fehlen. Das haben sie davon, dass sie perfekt funktionierende Häuser, in denen man Sachen kaufen kann, vulgo “Kaufhäuser”, in “Erlebniswelten” umbauen mussten: eine Krise. Seitdem fallen jeden Samstag erlebnishungrige Bauern aus Münchner Vororten wie Aschheim, Augsburg, Ingolstadt, Landshut, Unterhaching und Vaterstetten (alphabetisch) über die paar Quadratmeter um den Marienplatz her und grabbeln in reduzierten Büstenhaltern. Ihr Geld überlassen sie der Tankstelle.

Dreißig Jahre ist es her, da hat mein Schulkumpel im Nürnberger Karstadt ein Federmäppchen geklaut, um den elterlichen Zuschuss für Wichtigeres zu sparen, der konnte zu Hause was erleben. So sah die Erlebniswelt Karstadt aus, und alle waren glücklich (außer meinem Kumpel). Nach Ende des Mietvertrags 2010 werden die zwei Karstadt-Häuser in der Münchner touristischen Rennmeile erwartbar in Parkhäuser oder Sammelgebäude für Dönerbratereien und Taschengeldwaschanlagen für ephemere Plastikscheiße umgebaut.

Gerade in unserem Beruf werden wir von Karstadts Dahingang einschneidend betroffen. Dort gab es nämlich die einzigen zurechnungsfähigen Briefumschläge, die ich kenne: 50er-Packungen Versandtaschen etwas größer als DIN A4, reinweiß und nicht im gängigen Braun von Umzugskartons, die schon in drei Kiffer-WGs als Kleiderschrank gedient haben, die Lasche lang genug, dass man ohne Verzweiflungsakt eine vollständige Präsentation darin verschließen kann, eine Gummierung, der man nur von weitem die Zungenspitze zeigen muss, damit sie unbarmherzig zuklebt, und als Alleinstellungsmerkmal: die Öffnung an der Längsseite!

Seit ich diese Umschläge kenne, ist mir ein Rätsel, wie irgend ein anderer Anbieter auf dem Schreibwarenmarkt je die Öffnung an der kurzen Seite anbringen konnte. Sie tun es alle.

Die einzigen Umschläge, für die wir regelmäßig Rückmeldung bekommen haben: Die sind ja klasse, wo haben Sie die her, die kann man ja richtig benutzen, sehen auch ganz edel aus, muss ich haben, warum sind nicht alle so? Meine Textaufträge für Bewerbungsschreiben schlossen immer auch die dringende Empfehlung ein, die Bewerbungsunterlagen in den längsgeöffneten weißen A4-Versandtaschen von Karstadt und keinen anderen zu verschicken, und was soll ich sagen: Die Leute wurden einer nach dem anderen genommen. Das sage ich, ohne meinen Anteil an diesen Erfolgen unnötig zu schmälern. Etwas scheint falsch daran oder unrentabel in der Herstellung, denn Deutschlands einzige diskutable Versandtaschen gibt’s jetzt nicht mehr. Weder bei Karstadt noch sonstwo.

Ich war konsumwillig, ich trat auf als informierter, mündiger Verbraucher, der eine klare Vorstellung von seinen Bedürfnissen hat, und machte mich auf zu Karstadt, um seine Konkursmasse durch einen Hamsterkauf zu entlasten. Haushaltsartikel 50 % reduziert, hing überall von der Decke; Schreibwaren halten offenbar zu lange, um sie verbilligt den verstaubten Käuzen zu überlassen, die heute noch Sachen im Umschlag statt im Download verschicken wollen.

In dem Regal, in dem ich zuverlässig seit einem Jahrzehnt die Briefumschläge meines Vertrauens wusste: alles voll kackbrauner A5-Tüten mit schmaler Öffnung, die Laschen herstellerkostenbewusst gummiert und keinen Millimeter zu lang.

Der mündige, konsumbereite Verbraucher in mir fragte die Verkäuferin, übrigens nicht die übliche Alpha-Türkin beim After-Hour-Clubbing, sondern eine respektable Substitutin mit geflügelter Hornbrille. Die erinnerte sich nicht, jemals dergleichen geführt zu haben, hielt jedoch Versandtaschen wie von mir beschrieben für eine wirklich gute Idee. Sollte man sofort erfinden.

So verstärkt sich “die Krise” selbst: Mit den anstehenden 43.000 Arbeitslosen aus der Arcandor-Insolvenz ist es ja nicht getan. Der Schreibwarensubstitutin aus dem Oberpollinger-Haus am Dom wollen wir wünschen, dass sie in ihren 40 Dienstjahren schon mal einen Rentenanspruch wenigstens auf Hartz-IV-Niveau zusammengewirtschaftet hat und beim Baron von Ullmann, Mädi Schickedanz und ihresgleichen vielleicht noch ein bissel putzen gehen kann. Aber was machen die anderen 42.999 aufstrebenden Alpha-Türkinnen, Metzgermeister, Reisekauffrauen und was sich bei Karstadt alles tummeln durfte, die noch was vorhatten im Leben, wenn sie sich jetzt weiterbewerben müssen, damit der vorsortierende Praktikant den Umschlag überhaupt öffnet? Eine witzige Diddlmaus draufkleben?

Es wird gespenstisch, so ohne Karstadt. Da kann man sich ja gleich vorstellen, dass im Straßenbild plötzlich kein Opel mehr mitfährt oder… Moment…

1 Kommentar

  1. Wolf

    [Edit:] Kommt soeben rein: Es gibt doch noch welche.[/Edit]

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