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Rehquiem für Rusalka

Kinder und Tiere haben auf der Bühne nichts zu suchen.

J.W. Goethe (Theaterintendant, Weimar, zugeschrieben).

Nix, nix, gor nix,
Gelb is gröi und blau is roud.
Nix, nix, gor nix,
Blouß ewich is der Doud.

Venga der Tjalf, 1988.

Wir sind ja so kulturlose Gesellen. Der Gipfel der Kultur besteht bei uns darin, einen der Dienstcomputer auf zwei Stunden DVD plus Bonusmaterial zu beurlauben, die restliche Zeit steht das Gerät genau wie wir selbst im Dienste unserer Kunden. Ins Theater gehen wir nie, weil die dort angestellten Künstler immer gleichzeitig mit uns die Arbeit aufnehmen. Der Unterschied ist, dass die sich ab 23 Uhr abgeschminkt in den Glockenbachkneipen besaufen, während wir das beenden, was wir an Stelle einer Mittagspause haben.

Jarmil Burghauser, Růžena Maturová as the first Rusalka, 1901Jetzt weiß ich auch wieder, warum. Zum Beispiel in der Bayerischen Staatsoper (von uns aus keine Viertelstunde mit dem Bus 152 entfernt) mutet Martin Kušej die Rusalka von Antonín Dvořák einem entsetzten Abo-Publikum zu.

Nichts gegen die Rusalka. Das ist eine tolle Geschichte aus dem seit einem guten Jahrtausend tragfähigen Undinenstoff, der mir immer zugesagt hat, so wie alles, wo Nixen, Sirenen, Melusinen, Donauweibchen, Ritter Stauffenberg und die Meerfeye, die Loreley, die kleine Seejungfrau, die schöne Lau oder Arielle, die Meerjungfrau vorkommen: die Geschichte einer unmöglichen Liebe. Derzeit hat sie nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte Hochkonjunktur: Gestern ist im Kino der 2009er Ondine angelaufen. Der hat so ziemlich die gleiche Handlung nach einem Weltbestseller aus Deutschland, und die Wasserfrau (auf makellosen Flossen: Alicja Bachleda-Curuś) darf Irish Folk singen. Im Falle der Rusalka ist die Musik etwas schwerer verständlich und wie der Gang der Handlung slawisch geprägt, aber der Mythos der gleiche. Schon klasse, da könnte man richtig mal wieder in die Oper.

Nun ist Herr Kušej einer von jenen Theaterregisseuren, die es seit den 1960ern für irgendwie modern halten, wenn seine Schauspieler auf die Bühne pinkeln (Macbeth, 2008 im selben Haus); das soll provokant sein. Soll er ruhig, die Putzkräfte in Theatern werden hoffentlich anständig bezahlt. (Will man wirklich wissen, was Theaterdarsteller vor dem Auftritt zu sich nehmen…?) An dem, was man über “seine” Rusalka hört, stört mich etwas.

Jetzt geht er nämlich gegen die Rehe los. Zwölf Aufführungen sollen stattfinden, und für jede musste aus dramaturgischen Gründen ein Reh geschlachtet werden. Bis gestern.

Gestern gelang einem vielstimmigen Chor professioneller und schnellberufener Tierschützer, die Bayerische Staatsoper von der Verwendung echter Rehe abzubringen. Die Rehe hätten von einem Wildmetzger geliefert werden sollen, der Mitglied des Tierschutzvereins ist. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR München) hat die Aktion nach Prüfung der Tierschutzbestimmungen ausdrücklich genehmigt. Das Münchner Veterinäramt musste aus hygienischen Erwägungen den Verzehr des anfallenden Wildbrets untersagen, weil unter dem Herunterkühlen der Opernbühne auf 7 Grad Celsius (§3 EU-LebensmittelhygieneVO) das hohe C der Hauptdarstellerin leidet. Anders gesagt, wären ohne eine eilig hergestellte Öffentlichkeit in der Bayerischen Staatsoper Rehe mit behördlicher Genehmigung zur Schau umgebracht und weggeschmissen worden.

Witold Pruszkowski, Rusalki, 1877Dabei leuchtet mir sogar der Effekt ein, den Kušej mit dem Einsatz spektakulärer Tierleichen zu erzielen gedachte: Die Figur Rusalka ist anfangs des zweiten Aktes ihrem angestammten Element des Meeres entstiegen und wohnt jetzt bei ihrem sterblichen, daher landbasierten Geliebten. Beim Umschauen entdeckt sie, dass die Welt über Wasser ihre bösen Seiten hat: Da werden Tiere getötet! Manchmal werden sie sogar vor zahlendem Publikum abgehäutet und ausgeweidet!

Kann man machen. Da darf ruhig ein visueller Effekt her, der einen nicht ganz kalt lässt. Mein innerer Dramaturg wendet ein: Das ist ein Vorhaben für einen Film. In Filmen kann man Rehattrappen verwenden, schön eindrucksvoll blutig zurechtdesignen, vielleicht mit Ketchup, vielleicht mit CGI, oder teichoskopisch außenherum filmen. Was kann denn so ein Reh für das zweifellos anzuprangernde Böse unter der Sonne und das verwirrte Kunstverständnis eines entfesselten Österreichers? Und selbst wenn der Regisseur ein so toller wilder Archaiker der Avantgarde sein will, der sein Bowiemesser in echtes Tierblut taucht, reicht’s ein einziges Mal; das betroffene Reh fragen wir trotzdem lieber nicht. Für eine Hollywood-Produktion kommt er damit sowieso nicht durch: In Kalifornien sieht der Gouverneur (ebenfalls Österreicher) zwar die Todesstrafe für Mitbürger vor, aber einen penibleren Tierschutz als das Münchner KVR.

Die Mehrkosten des Opernhauses für künstliche Kadaver sind gleich null, in derselben Inszenierung kommen sowieso noch 30 von den sozialkritischen Bälgern vor. Bis jetzt musste ein Reh dran glauben: das für die Probe. Vielleicht verlegt sich Kušej ja doch noch aufs Filmschaffen? Über das geplante Schicksal der verbleibenden beim Wildmetzger vorbestellten Rehe ist nichts bekannt, aber sie werden wohl mit weniger Wahrscheinlichkeit vergammeln, als wenn sie der Kunst gedient hätten, schließlich ist gerade Jagdsaison.

John William Waterhouse, Undine, 1872Später in der Oper badet Rusalka in einem Aquarium voller Goldfische, das dann handlungsfördernd zerscherbt und sich über die Bühne ergießt. Rusalka wird von Krístīne Opolaís gespielt, die bei solchen Unterfangen bestimmt hinreißend aussieht und mit dem Operngucker auf Schwimmhäute abgesucht werden darf.

Die Goldfische sind künstlich. Aha, gerade mal einen Akt später, da geht’s plötzlich. Was beim heiligen Hubertus hat Martin Kušej gegen Rehe?

Nicht mehr als gegen Goldfische. Bei den ersten Proben wurden nämlich ebenfalls lebendige Goldfische verwendet. Durch Plastikfischlein wurden sie ersetzt, als sich erwies, dass Goldfische ungleich verdauenden Schauspielern nicht zur Zielgenauigkeit angehalten werden können, vielmehr dazu neigen, sich in den Ritzen zwischen Brettern, die die Welt bedeuten, zu verfangen, um alsbald in der Bühnenhydraulik vor sich hin zu stinken. Der Verbesserungsvorschlag kam vermutlich von den gleichen Putzkräften, die schon 2008 hinter Kušejs Macbeth herräumen mussten.

Wie schön, dass jetzt ungezählte Goldfische fröhlich leben bleiben und mindestens elf Rehe nur noch zum Aufessen geschlachtet werden. Was mir weiter Sorgen macht: wie unbeirrt Kušej weiterhin verbreitet, wie er doch den “Geruch von totem Tier” liebe. Ja, war denn bei dem daheim in Kärnten keine Lehrstelle als Schlachthäusler mehr frei oder sowas? Abdecker? Ausstopfer? Bergförster? Fischmüller? Streichelzoodirektor? Oder wenn schon Theater, als männliche Hauptrolle in Rotkäppchen? Nix?

Wie ich uns kulturlose Gesellen kenne, schaffen wir’s nicht mal in Ondine ins Kino, sondern warten auf die DVD, und von Rusalka gibt’s tolle historische Aufnahmen für den Gegenwert von zwei Maß Bier (leider ohne die Damen Opolaís und/oder Bachleda-Curuś). Mit Verlaub: Die Welt wird nicht besser davon, wenn man ihre Schlechtigkeit dadurch anprangert, dass man sie mutwillig schlechter macht.

Bilder: Jarmil Burghauser: Růžena Maturová als erste Rusalka in der Uraufführung 1901;
Witold Pruszkowski: Rusałki, Öl auf leinwand, 250 x 161 cm, Polnisches Nationalmuseum Krakau, 1877;
John William Waterhouse: Undine, Öl auf Leinwand, 1872.

Film: Krístīne Opolaís empfiehlt sich für ihre 2010er Rolle: Měsíčku na nebi hlubokém, 26. Juli 2010, Opermusic festival in Ogre, Lettland.

1 Kommentar

  1. baehr

    Sie singt nicht Irish Folk, sondern isländischen Schmacht von Sigur Rós. Toller Film.

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