Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Vernünftiges Marketing geht anders

 

Neulich erreichte mich eine typische Anfrage mit der Bitte um ein klares Preisangebot. Im cc waren zu sehen: noch zwei andere Textanbieter :-) Und schnell sollte es gehen. Es sei dringend.

Ich zurückgemailt, dass klares Preisangebot gerne, aber derzeit nicht, da keine klare Beschreibung der Aufgabe und kein klarer Auftragsumfang vorliegt.
Den bekam ich dann, aber sehr kurz und sehr, was soll ich sagen, wenig aussagekräftig. Es kam mir vor, wie wenn man nach Textmenge bezahlen wollte, 1 Wort = xx Cent. Man wollte jedoch: 1 neues Unternehmensprofil und neue Texte für die Website. Vielleicht auch nur ein schöner flotter Text für den index. Ah ja.

Telefonierte zurück, dass sie, wenn sie wirklich 1 neues Unternehmensprofil wollten, welches funktioniert, dass das in ihrer engen und abgegrasten Branche kein Zuckerschlecken sei und sie mit mind. 2000-3000 EUR rechnen sollten, da Recherche, Wettbewerbsbeobachtung, SWOT, Positionierungs-Ansätze, Charts dazu, Strategie- und Marketingüberlegungen dazukommen würden et al. Pause in der Leitung, aha, vermutlich war ihnen das zu teuer. Aber kaum aufgelegt, dachte ich mir, uups, jeder Konzepter, jede Unternehmensberatung würde jetzt über mich lachen, einen dermaßen günstigen Schnappen angeboten zu haben. Sie würden mind. 5000-10 000 berechnen. Ich ärgerte mich.
Aber denen waren 2000-3000 zu teuer, also was soll’s.

2 Tage später kam, dass sie sich jemand anders ausgesucht hätten. Da ich ja weiß, wer diese Kandidaten sind, konnte ich mir schwer vorstellen, dass da allzuviele drunter sind, die ein bisschen Ahnung haben, was es bedeutet, ein strategisches Unternehmensprofil für einen engen Markt zu erstellen, nämlich eine Heidenvorarbeit und nicht erfinderisches Schöntexten. Hallo, sind wir im Supermarkt? 1 mal Waschmittel bitte, aber bitte keine teueren Megaperls, die knacken immer so beim Essen? Hallo?

Wer immer da – noch – günstiger als ich Dumme angeboten hat, oder gar selber getextet hat auf die Schnelle: Ein Unternehmensprofil formulieren, welches funktioniert, ist nicht: Corporate-Schönschwatz abliefern oder ratzfatz, um auf Teufel komm raus Kunden zu kriegen, Billigpreisangebote hypen. Das ist der Anfang vom End’, wie man in Bayern zu sagen pflegt. Wie zum Teufel wollt ihr das hinkriegen, wenn es für den ROI wirklich etwas taugen soll? Wenn es, wie der Auftraggeber sogar selber formuliert, Konversion und Kunden bringen soll, also übersetzt: wirklich attraktive Alleinstellungsmerkmale haben soll, den Markt verstanden haben soll?

Die Website des Anfragers ist http://www.°°°.com/, mit veralteten, suchmaschinenunfreundlichen Frames (!), wobei sie – irritierend – sogar selber Suchmaschinenoptimierung anbieten (sic) und wirbt seit heute mit “Preiswerte Webseite schon ab 25 EUR“, aber hallo. Komma- und “Pläng”-Fehler darinnen ohne Ende. Vorgestern war noch ein anderer Text drauf. War’s das jetzt? Soll dieses Billigreißerangebot mit dem Geldwäschersatz “Effektive und effiziente Geldanlage” im Metatag Description ein attraktives Unternehmensprofil bewerben und wenn ja welches? Ich werde bei Gelegenheit wieder mal vorbeisurfen, versprochen. Gucken, was Kollegas für Umme so texten tun. Am Ende aber ist der heutige Text bereits der gelieferte, hüstel. Dann gehe ich mal fremdschämen.

Oder ist alles im Web eh nur a Gschmarri. (Könnt’ ja sein, in letzter Zeit drängt sich mir dieser Eindruck gehäuft auf.)

Dann hab ich nix gesagt.

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Update (07.08.2008):

Sie haben den Stecker gezogen. http://www.°°°.com/ ist nicht mehr aufrufbar.

 

UPDATE 2 (16.12.2011:

 

Gerade erreicht mich diese Mail deren Geschäftsführers

“Sehr geehrte Herr und Frau Gräbel, ich bitte Sie unverzüglich alle Ihre absichtlichen, meinem Geschäft ausdrücklich schadenden Texte über mein Unternehmen zu löschen sowie deren Löschung aus dem Google-Cash zu beantragen.

Folgender Text auf http://the-missinglink.blogs.com/logisches/200x/0x/xxx

http://www.blog.vroni-graebel.de/logisches/xxx

sowie alle anderen Texte von Ihnen bezüglich meines Unternehmens sollen sofort und spätestens bis am 22.12.2011 gelöscht werden.

Dass Sie völlig grundlos mein Unternehmen schlecht machen und widerrechtliche Werbung meines Unternehmens betreiben, hat folgende negative Auswirkungen auf mein Geschäft: http://www.°°°.com/topic.html

Ferner sollen Sie diesen Link auf dem °°°-forum, welches mein Unternehmen negativ darstellt, auch entfernen. Wenn meine Forderungen Ihrerseits nicht eingehalten werden, so werde ich rechtliche Schritte gegen Sie einleiten.

Mit freundlichen Grüßen,

X. Y. Geschäftsführer Fa. xxx-xxx

E-Mail: info@xxx.com Skype: xxxxx-xx

Tel./Fax: xxx / xxx xx xx Web: www.xxx.com ”

 

Mein Kommentar dazu:

Wie soll ich den Link im Forum bitte entfernen, geht nicht. Bin nicht der Webmaster dort. Kann ihn drum bitten, aber es liegt nicht in meiner Macht, dass er es auch durchführt.

Werde jedoch die Links hier zu Ihrem Unternehmen, Herr Y, wegtun. Das kann ich Ihnen vorschlagen. Den alten Artikel (mit dem funktionierenden Link) aus dem Google-Cache herausnehmen, kann ich Ihnen auch machen. Hinweis: Die Links entferne ich nur deswegen, weil ich keinerlei Lust auf einen Rechtsstreit habe.

11 Kommentare

  1. Ja, die vergebene Liebesmüh, die gute alte. Ich komme langsam dahin, dass es für ein wirkungsvolles Profil nicht das volle Programm an Analysestationen braucht, das heißt aber nicht Resignation. Dabei wird mir bewusst, dass man oft als konzeptionell orientierter Mensch jede Menge Unternehmensberatungshausaufgaben wirklich halbwegs nebenbei mit erledigt, wenn man sich auf solche Anfragen einlässt. Puh, mal wieder eine ziemliche Wolfsangel in unserem Geschäft …
    Ich sach ma so: “Für nähere Information treten Sie bitte mit uns in Kontakt auf.” Oder auch nicht.

  2. Nein, Tina, noch ist keine vergebliche Liebesmüh passiert. Habe mir schon des längeren abgewöhnt, mir am Anfang zu viel Arbeit zu machen. Ich habe zum Beispiel nicht wie gewünscht ratzfatz ein detailliertes Preisangebot abgeliefert (das macht teuflische Arbeit, oft sitze ich bis zu 2 Stunden dran), sondern nur schnell zum Abchecken die Hausnummer angedeutet. Ich ahnte das schon.

  3. Ach ja,
    Unternehmensberatungshausaufgaben nebenbei gab es bei mir noch nie. Entweder sie werden bezahlt oder der Kunde selbst liefert die zur Gestaltung nötigen Unternehmensstrategien an.
    Kann er auch machen, gerne, aber die müssen stimmig sein. Dinger wie: Zielgruppe sind die, die auf der Website vorbeikommen, gehen natürlich nicht (is echt passiert). Da fühle ich mich verärmelt und sage das, nett natürlich.

  4. Und Frau Passig, einer der klügsten Schädel in dieser weltumspannenden Jugendorganisation, die wir Internet nennen, fragt grade noch (okay, es war am 3. Juni): Was sind das für Menschen, die in 20-Euro-Jugendherbergszimmern ‘Glamour’ und ‘Vanity Fair’ zurücklassen? Was soll aus denen nur werden?
    Jetzt ahne ich es. Vor allem, wenn Bachmannpreisträgerinnen in 20-Euro-Jugendherbergszimmern übernachten…

  5. Potz Blitz! Ich habe leider keine Ahnung, wie die Website zuvor aussah und sich textlich darstellte, aber unter der URL ist aktuell wieder was zu sehen. Herrlich schrecklich scheußlich und durchaus auch etwas gruselig mit Allerwelts-Illu und Extreme-Tracker. Jo mein …

  6. Marc,
    nö, ist noch nichts zu sehn auf http://www.°°°.°°/.
    War sicher ein gruselicher Traum :-)

  7. also, ich sehe die Seite wieder. Naja, nicht besonder schön – habe aber auch schon schlimmere gesehen.
    Grundsätzlich muss ich allerdings sagen, dass ich 2000 bis 3000 Euro auch unangemessen finde. Nicht, weil ich das zu teuer fände für die umfassende Leistung – sondern weil das einfach nicht in den Kontext passt. Denn selbst wenn das Unternehmensprofil dann perfekt ist, so bleibt der ganze Rest doch ziemlicher Mist. Und dafür würde ich dann auch keine 2000 bis 3000 Euro ausgeben wollen. ;-)) Dann müsste mal alles komplett machen: Positionierung, Konzeption, Webtexte, Gestaltung – einfach alles. Dann würde es ja auch was bringen. Aber hier jetzt “nur” das Unternehmensprofil zu perfektionieren? Was bringt das?

  8. Doch, doch, nix nur 1 Unternehmensprofil. Püdde genau lesen. Sie haben angefordert (im Eingangsbeitrag steht’s doch): “1 neues Unternehmensprofil und neue Texte für die Website.” Was ja gar nicht so blöd war.
    Ihnen war aber bereits das Unternehmensprofil zu teuer, da brauch ich ihnen nicht auch noch die Kosten für Texte und Trallala dazu addieren und sagen. So war das. Das ist, wie wenn einer in den Laden geht und will einen neuen großen Plasma-Fernseher (statt seine alte Röhre daheim), aber ihm gefallen schon die Preise für die geeigneten Wandhalter nicht. So ähnlich.
    Deren Problem war/ist, dass sie glaub(t)en, ein Unternehmensprofil erfinde man mal eben schnell so ohne Bezug auf die Realität, nur schön schnell hingeschrieben. Hauptsache es klingt gut. Oder: Hauptsache, es klingt aktionig wie: Heiße Würstchen! Nur 10 Cent! Aber das ist tödlich. Kein Bezug mehr zu ihrem – inneren und äußeren – Standort, zu ihrem Produkt, alles allgemein, blabla. Man erkennt als Kunde nicht, was sie treiben. Warum sie ihre eigene Geschäftssite ausgerechnet mit Joomla! generieren (sieht man schön im Quellcode, jajaaa!), aber selbst ein eigenes CMS angeblich anbieten. Da stimmt doch schon im Ansatz etwas nicht. Man versteckt sich lieber. Entweder hinter hehren, aber substanzlosen Worten und glaubt auch noch, das gehöre so. Oder aber hinter Billig-Aktionismus (“Website für 25 EUR!” ). Aber der Kern, das Produkt, stimmt nicht. Das ist der schlimme Denkfehler vieler Unternehmen. Den auch Texter gerne begehen, es zwar sehen, aber sich lieber verhuren: Nix sehen, nix hören, nix sagen. Sollen schnell helfen, wenn das Geschäft nicht läuft. Da treffen sich dann die Richtigen…
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    Sehe die Site übrigens auch wieder.
    Immer noch die gleichen Plängfehler (zuviel Wortabstand) und Kommafehler drinne. In das Xtreme-Tracking komme ich ebenfalls ohne Problem rein.

  9. Aber die denkwürdigen Worte
    Eine würdevolle Webpräsenz bildet heute die Basis für den Erfolg eines Unternehmens. Eine Webseite ist mit der Visitenkarte eines Unternehmens zu vergleichen.
    hätte ich ohne diesen Eintrag nie gefunden. Würdevolle Webpräsenz. Warum bin ich nicht darauf gekommen?

  10. Jaja, würdevolle Webpräsenzen verkaufen sie. Kannste mal sehen, Stabreim auch noch.

  11. “Würdevoll” heißt ja: Wär wunderschön, wenn wer worbeischauen würde.

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