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Haben Deutsche Geschmack?

WELT am SONNTAG:

Herr Siebeck, glauben Sie immer noch, dass man in Deutschland eher einen Schäferhund vor laufenden Kameras totschlagen kann als zuzugeben, dass man gerne Austern isst?

Wolfram Siebeck: Das war doch ein gut formulierter Satz von mir …

“Ich habe Selbstmörder sehr gern, also nur lustig ans Werk.”
(Schwejk zu einem Mitgefangenen, der sich erhängen möchte.)

 

Also, um neben den Antworten von Geschmacks-Päpsten wie Siebeck  …

… also um auf die ebenfalls gleichlautende uralte Grafikdesigner-Frage zurückzukommen (ich bin Grafikdesigner), ob Deutsche Geschmack haben:
Melde gehorsamst, dass nein. Sie haben nicht nur keinen, sondern versuchen auch noch Deutungshoheit darüber zu bekommen, wie wenig er kosten darf. (Im Idealfall nichts).

Am schönsten sieht man das immer wieder an den von der jeweiligen lokalen Presse – im Volksmund “Bratwurstjournalisten” – induzierten Shitstorms zu Stadtmarketing-Logos und ihren Erscheinungsbildern. Der Tenor: Kosten dürfen sie nichts, aber was zu sagen dazu hat jeder, der meint, Bürger der jeweiligen Häuseransammlung zu sein.

Um die kuschelige Situation abzurunden, werfe ich 3 weitere Brüllerthesen in den Raum:

These 1: Es ist nicht so, dass das Stadtmarketing-Logo für den dort wohnenden Bürger zur Festigung seiner Stadtliebe geschaffen wird.

Das Ding mit der besseren Selbst-Identifikation des demokratischen Souveräns Bürger machen Bürgermeister und die hiesigen Stadtmarketingabteilungen dem Bürger nur weis. Um ihm das Geld dafür abzuknöpfen. Legitimation.

In Wirklichkeit ist es immer nur ein Marketing- und Lockzeichen fürs Image von jot-we-de aus gesehen, für Leute, die NOCH NICHT in der Stadt sind: Touristen. Und Gewerbe und Industrie, welche da hin sollen. Zur Verbesserung des Stadtsäckels. Diesen Umstand verkennt der ansässige Bürger.

 

These 2: Es ist nicht nur so, dass nur der deutsche Bürger keinen Geschmack hat, der Lokal-Journalist hat ebenfalls keinen.

Man sieht es an seinen schlechten Anzügen, an dem heraushängendem Hemd, dem schlechten Bürokaffee.

 

These 3: Auch die an Stadtmarketing-Logos – und Erscheinungsbildern arbeitenden Gestalter haben keinen Geschmack.

Und keine Ahnung von Semiotik. Sonst hätten sie längst erkannt, dass es ein Unding ist, mit ein- und derselben Gestaltung gleichzeitig Touristen und Industrie anlocken zu wollen. Und hätten längst ihre städtischen Auftraggeber – diplomatisch versteht sich – behutsam über die Nichtlösbarkeit der Quadratur des Kreises oder über das eierlegende Wollmilchschweinschaf im einzelnen aufgeklärt.

Aber nein, sie tun es nicht. Tun so, als ob das alles gleichzeitig möglich sei.

Immerhin haben Kassel und seine Designer nicht die Gebrüder Grimm und die Dokumenta gleichzeitig im Stadtzeichen zusammengeschweißt. Uff! Etwas besseres als den Tod findet man überall … möchte man dankbar rufen. Wenn nur nicht jetzt der depperte Bindestrich gewesen wäre, der manchem Bürger fehlt, weil der Duden ist ja wichtig – wären fast alle zufrieden.
 

Dankbar zurück zu den “normal widersprüchlichen” anderen Stadtzeichen:

So ein Zeichen mit diametral entgegengesetzten Doppel-Anforderungen wirkt immer seltsam unausgegoren, egal wie kunstfertig umgesetzt. Zweitens wird es dann immer Argumente gegen das eine oder andere Element darin geben – je nachdem, welchen Aspekt der Betrachter eher betont sehen möchte. Und er wird, wie ein Wackeldackel. Shitstorm fast vorausprogrammiert.

Und jetzt sind wir wieder beim Bürger, der wütet.

Vielleicht ahnt er den Beschiss. Obwohl er ganz und gar keinen Geschmack hat.

Dummerweise versucht er sich bei seinen Kontra-Argumentationen in der Sprache der Grafiker. Worin sogar ich ab und an scheitere. Statt in der Sprache der Inhalte zu bleiben und sich zu fragen: “Wen soll das Zeichen überhaupt ansprechen? Wo soll es vorkommen? Warum hat es nichts mit mir zu tun, obwohl es das Stadtmarketing behauptet …?”

Ach ja, ich halte Designbüros und Grafiker, die bei diesem Spiel mit falschen Tönen mitmachen, in dem keiner gewinnen kann, für Selbstmörder. Auf lange Sicht.

Nur lustig ans Werk!

Links:
http://www.designtagebuch.de/kommunikationsdesign-in-der-lokalen-berichterstattung/#comments

 

1 Kommentar

  1. Norbert

    Großartiger Post.
    Aber: es gab in Deutschland schon Menschen mit Geschmack. Zum Beispiel die Oma meiner Frau, die aus Düsseldorf stammte und Diskussionen über Geschmack immer gleich freundlich beendete: „Mein Liebes, die Geschmäcker sind nun mal verschieden, ich habe eine guten.” Warum fällt mir das ein? Weil Düsseldorf neulich auch ein Schildbürgerstück in Sachen Stadtlogo abgeliefert hat, wie man hier lesen kann: http://reklamehimmel.typepad.com/reklamehimmel/2012/11/d%C3%BCsseldorfs-ob-dirk-elbers-macht-sich-mit-geklauter-marke-endg%C3%BCltig-l%C3%A4cherlich.html

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