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Kategorie: Reisen (Seite 2 von 2)

Wannst aufd Wiesn, sagt er, wuist kemma, sagt er

Vielleicht ist ja doch nicht alles schlecht an der Wiesn. Der Kollege und München-Nachbar Ralf hat den so heroischen wie selbstlosen Versuch unternommen, dem Oktoberfest einige schöne Seiten abzugewinnen. Dazu musste er auch früh genug aufstehen.

Was der Bub zu nachtschlafender Zeit am Sonntagvormittag von der Aufstellung zum Umzug der Trachten und Schützenvereine mitgebracht hat, hab ich in professionellen Reportagen schon langweiliger gesehen.

Was ich ihm dauernd sag: Ralfster, sag ich, du kannst Leut. Du scheust dich nicht, welche anzureden, und wenn du’s schon candid machen musst, können sie’s sogar hinterher merken und sich noch freuen, weil kein Mensch entwürdigt wird. Das ist aufmerksam hingeschaut und sauber erwischt; wenn Arte Fotoserien bringen würde, dann solche.

Seine eigene Wertschätzung für die unentwegten Trachtenvereinsmeier, die versuchen, dem Oktoberfest eine schöne Seite zu verleihen, drückt er aus:

Boarische Trachten, Böhmer Trachten, Woidler, Wischauer, polnische Girlies, Bruckmühler Burschen, Deandl aus Kolbermoor. Die stellen sich für den Trachtenumzug zum ersten Sonntag des Oktoberfests auf. Kaum irgendwo findet einer so viel Habits und Aufmachungen. Nicht in Italien, nicht auf dem Balkan noch auf Bali. Manchmal ist München einmalig!

81 Bilder macht er uns zugänglich, der Ralf. Und wer weiß, wie viele er als Ausschuss betrachtet. Ich bringe beispielhaft 1, weil sonst der Beitrag wieder eine Ewigkeit lädt, aber die anderen 80 sind auch nicht grauslicher. Fragen, ob ich das darf, werd ich erst wieder hinterher, aber normalerweise ist der da nicht so. Außerdem kann er ja mit Leut.

Trachten und Schützenzug Oktoberfest 2015, 20. September 2015

Fun Facts über Schäftlarn

1. In der Bibel kommen keine Katzen vor. Deswegen kommen

2. in Kirchen nie Katzen vor. Unrein! Unrein!

3. In der Klosterkirche Schäftlarn, als ob sie dort das ganze Jahr über noch nicht genug agnostisch-freigeistige Hämmer krachen ließen, kommt eine Katze vor.

4. Dafür gibt’s in ganz Schäftlarn einschließlich Hohenschäftlarn keinen einzigen öffentlich zugänglichen Kühlschrank, der was taugt. Kein Supermarkt, bloß eine Bäckerei, die Adelholzener aus Plastikflaschen für 1,80 verkauft, aber immer noch Strom sparen muss. Zur Ehrenrettung dieses gottgesegneten Landstrichs will ich annehmen, dass die Wirtshäuser ihre Kühlschränke wenigstens auf 3 gedreht halten.

5. Ganz ohne ab und zu mal nach Schäftlarn zu latschen, geht’s halt doch nicht. Die neueste Motivation: Im Klosterbräustüberl haben sie inzwischen gelernt, was ein Schäufele ist. In Franken schlägt sogar jeder Wirt über die 11,90 € “bro Bozzion” die Hände über dem Kopf zusammen, aber das machen die eh dauernd, wenn sie was aus Bayern hören (und wenn sie das Diminutiv “Schäuferl” erleben müssen).

6. Katzen dürfen kein Schweinernes fressen. Denaturiertes schon, aber bevor das “Schäuferl” nicht richtig durch ist, lieber gar keins. Sonst Ende von Katze.

7. Wer mir sagen kann, wo genau in der Klosterkriche Schäftlarn die Katze vorkommt, ist auf ein Schäufele eingeladen. Vorausgesetzt, Sie wurden schon mal von mir eingeladen (oder Sie sind Hélène Grimaud oder so jemand), wo kommen wir denn da sonst hin.

Klosterkirche Schäftlarn, Sockel des Taufbeckens mit Katze

Buidl: Meins. Schenk ich Ihnen natürlich, wenn Sie immer fein dazusagen, wo’s her ist.

Eine der zehn besten Partys der Welt

Es ist eindeutig eine gewinnorientierte Werbung, keine Leistungsschau von und für Praktikanten. Normalerweise steckt man denen nämlich als erstes, dass der Text etwas anderes sagen soll als das Bild zeigt; siehe auch: “Neger vor Hütte” (Ausdruck von Erik Spiekermann, ca. 1950, als Menschen in der Pigmentierung bayerischer Restaurantaushilfsköche noch “Neger” hießen).

Die Münchner City-Lights halten das derzeit vorbildlich durch. Der Plakattext geht:

Gewinne mit Beck’s die Nacht deines Lebens.

Reise mit 3 Freunden zu einer der 10 besten Partys der Welt.
Einfach Gewinncode im Deckel checken.

Beck’s
Folge deinem inneren Kompass

Dagegen auf dem Bild hat dann offensichtlich ein ungewaschener jugendlicher Alkoholiker eine nackte Hütchenspielerbande zusammengetrommelt, damit er auf drei Freunde kommt, und steht mit ihnen in einem überschwemmten Keller umher. Social Awareness — kann man machen, ist aber selten an Münchner Bushaltestellen, wo man die Werbefläche ohne weiteres in Schwabinger Wohnfläche umrechnen kann. Vor allem mit diesem Zynismus, mit dem der soziale Härtefall nicht als Opfer dargestellt wird, sondern vielmehr seine Misere als “Nacht [s]eines Lebens” betrachtet.

Gewinne mit Beck's die Nacht deines Lebens, Plakat Sendlinger-Tor-Platz

Wenn das eine der zehn besten Partys der Welt ist, will ich lieber nicht die Top 100 sehen. Eine soziale Mission strahlt es nicht aus, sonst wären den aktuellen Bedürfnissen folgend eher Flüchtliche aus restaurantaushilfsköcheliefernden Ländern abgebildet, sondern allein durch seinen Premiumplatz am Sendlinger Tor schon die ganze Verzweiflung einer hohen Gewinnorientierung. Dann wird es wohl so ein Hipster-Ding sein: ein- bis dreifach gebrochene Ironie und so.

Demnach sind wir jetzt von Firmenseite gewarnt: So kann’s gehen, wenn man Beck’s kauft. Das Gute ist, dass man fürs gleiche Geld schon einen Kasten Bier haben kann.

Bild: Meins, schenk ich Ihnen aber.

Gedenkens güt’ger Gestank

In Bayreuth müssen sie sich gar nicht mehr eingekriegt haben vor lauter Feiern. Jedenfalls hätte sich genau letzte Woche ein Besuch da oben rentiert, weil man, wenn man denn schon mal hin muss, gleich zwei Sachen mitnehmen konnte:

  1. 150 Jahre “Tristan und isolde”,
  2. die Blüte der Titanwurz.

In Punkt 1, dem “Tristan”, wie wir Wagnerianer, Brahmsianer und Indie-Indianer sagen, geht’s gleich im zweiten Takt, also praktisch ab der ersten Sekunde, los mit dem Tristan-Akkord, der dann die restlichen — für eine Wagner-Oper eher straff gehaltenen — vier Stunden gar nicht mehr aufhört.

Weil man sich bei Richard Wagner über viel beschweren kann, nur nicht über einen Mangel an kuriosen Einfällen, heißt so eine Erscheinung Leitmotiv, und nach den bisherigen 150 Jahren ist noch nicht einmal die Diskussion darüber beendet, in welcher Tonart das Ding überhaupt steht. Und der Organist in den “Buddenbrooks”, er hieß Pfühl, musste nur 25 Takte aus dem Klavierauszug des “Tristan” in einer häuslichen Übungsstunde probeweise anklimpern, um “mit allen Anzeichen des äußersten Ekels” (Thomas Mann, Wagnerianer, a.a.O.) zu urteilen:

Das ist keine Musik … glauben Sie mir doch … ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der Kunst!

Heutigentags hätte man Herrn Pfühl (der später im Roman sinnloserweise doch noch zum Wagnerianer umschwenkt) derweil zu Punkt 2 in den Ökologisch-Botanischen Garten der Universität Bayreuth schicken sollen, da hätte er ihn erlebt, seinen parfümierten Qualm. Dort hat am 6. Juni zum ersten Mal in den weltweit erhaltenen Aufzeichnungen die Titanwurz, immerhin die größte Blume der Welt, zum zweiten Mal innerhalb zehn Monaten geblüht, leider ausnahmsweise am 6. Juni 2015 a wengla kleiner als am 1. August 2014: heuer nur mit einem Durchmesser von 2,03 Meter.

Weil die Botaniker 1878, als einer von ihnen, er hieß Odoardo Beccari, auf Sumatra so eine Wurz entdeckt hat, so wenig der kuriosen Einfälle ermangelten wie Richard Wagner 13 Jahre vorher, heißt sie wissenschaftlich Amorphophallus titanum, und so riecht sie auch. Der Duft wird von seinen Liebhabern, Befürwortern und Förderern beschrieben, “als sei eine Biotonne mit Fleischabfällen darin in der Sonne geparkt und sehr, sehr lange nicht geleert worden” bis “wie eine tote Maus, die man tagelang nicht findet”. Und das in einem absichtlich schlecht gelüfteten Tropengewächshaus. Wahrscheinlich hat wegen der Titanwurz “Aasgeruch” seine eigene Weiterleitung in Wikipedia (zu “Aas” nämlich).

Ähnlich wie beim Tristan-Akkord innerhalb des “Tristan” ist das kein Manko des sympathischen Aronstabgewächses, sondern muss so sein, um bei der kurzen Blütezeit besonders fiese Insekten anzulocken, die sich nicht zu schade sind, diese Ungurken zu befruchten und, ohne Dank zu erwarten, ihr Fortbestehen zu sichern. Letzten Samstag im Botanischen Garten hat’s allerdings nur für 4500 Besucher gereicht.

Pickelhart, die Bayreuther. Wer bei “Tristan”-Stellen wie “Vergessens güt’ger Trank, dich trink ich sonder Wank!” eineinhalb Jahrhunderte ernst bleiben kann, wird wohl noch zwei Tage lang Titanwurz schnuppern können.

Nächster Halt Völuspa

Man nennt mich einen Narren. Wird Gott, wenn er mich einst zu sich ruft, mich ebenso nennen?

Ludwig römisch Zwo

Auf den Spuren König Ludwig II.

Welche Bauten ließ Märchenprinz König Ludwig II. errichten? Wo hielt er sich in München am liebsten auf? Und wo findet man auch heute noch Denkmäler, die an den Regenten erinnern? Auf der Tour König Ludwig II. in München entdecken geht es kreuz und quer durch die Isarmetropole. Vom Hofgarten, wo der kleine Ludwig spielte, führt die Tour bis zu seiner letzten Ruhestätte in St. Michael. Dazwischen liegen Museen, Schlösser, Parkanlagen, Friedhöfe und Denkmäler — Orte in München, die auch heute noch im Glanz des Monarchen erstrahlen. Alles was man dafür braucht ist ein gültiges MVG Ticket. Wann es wohin geht, entscheidet jeder selbst.

König-Ludwig-Denkmal Bogenhausen, Maximiliansanlagen… und wann er wo welches Satzzeichen unterbringt, offenbar auch, o liberalitas Bavarica. Die MVG, die sich ansonsten eher bitten lässt, einen überhaupt irgendwo hinzutragen, gestaltet gelegentlich sogar Stadttouren, die man mit Hilfe seiner selbst bewältigen kann. Unter seinen MVG Freizeittipps schlägt er einen neuen König-Ludwig-Weg vor, der sich allein deswegen nicht durchsetzen wird, weil man ihn nicht hintereinander weg abklappern kann. Im zugehörigen Folder, der gerne zurzeit mal gratis ausliegt, kann man die notorischen Ludwigsorte so trickreich verbinden, wie man will, es ergibt weder eine Linie noch einen Rundkurs. Macht aber nix, ist ja für Leute aus dem MVG-Bereich, die können öfter los.

Was die Tour verschweigt: In München gibt es aktuell gerade mal zwei Denkmäler für König Ludwig II., den Märchenkönig, den Kini, den erfolgreichsten Touristenakquisiteur für Gesamtbayern noch vor seinem Namensvetter Ganghofer. Eins steht auf dem schon länger eingeführten König-Ludwig-Weg über der Isar (Blick verbaut) zwischen Bogenhausen und den Maximiliansanlagen, vom anderen ist nur noch der Kopf übrig, aber sie arbeiten schon wieder dran.

Was einem angesichts des Tourenfolders erst richtig auffällt: Die Schönheitengalerie von König Ludwig Römisch Eins, erst unlängst an dieser Stelle angenehm aufgefallen, verstand unter Schönheit noch die Schönheit von Frauen. Die Schönheitengalerie von seinem fraglichen Enkel Römisch Zwei, ebenfalls in Schloss Nymphenburg im Marstallmuseum nebendran, versteht darunter die Schönheit seiner eigenen Lieblingspferde.

Besonders gruselig daran: Der märchenkönigliche Leibapfelschimmel hieß Völuspa. Das bedeutet: Weissagung der Seherin. Der Prachtgaul wurde vom beauftragten Maler Friedrich Wilhelm Pfeiffer am Würmsee, heute: Starnberger See in der Nähe von Schloss Berg dargestellt. Das ist dort, wo Ludwig II. am Pfingstsonntag 1886 erschossen wurde, aber nix Genaues weiß man nie.

Der Vorteil ist: Wenn man nur die Münchner Ludwig-II.-Denkmäler mitnehmen will, hat man eine schön thematisch vollständige Stadtbesichtigung unternommen, zu der man sich mit dem MVG ziemlich eindeutig von A nach B auf den Weg machen kann. Oder andersrum.

Willhalm Veronika, Ein Denkmal für König Ludwig II., Stadtportal München 2009

Buidln: Selbergemacht, März 2014;
Willhalm Veronika: Ein Denkmal für König Ludwig II., 2009.
Soundtrack: Bally Prell: Isarmärchen, ca. 1953.

Nymphenburg von hinten

Bei “Nymphenburg” denkt man ja immer automatisch ans Schloss. Selbst wenn einer in München wohnt, ist der Versailles-Aufguss so prominent, dass man gern vergisst, dass so ein bayerischer König nicht gleich einen ganzen Stadtteil bewohnt haben wird.

Maria-Ward-Straße, Nymphenburg

Im Schloss selber ist eigentlich nur die Schönheitengalerie relevant, eine Art begehbares Fotoalbum von der Stärke eines alten Analogfilms: 36 Bilder. Außenrum gibt’s verdammt viel Park, sogar ziemlich schönen, und dann noch die gar nicht mal so ärmliche Stadt, die so einen König am Leben und Laufen hält.

Maria-Ward-Straße, Nymphenburg

Durch die Schloss Nymphenburger Periphierie gibt’s keine Führungen für die Japaner; schade eigentlich. Selbst mein eigenes Leben hört sich gleich interessanter an, wenn ich erzähl, dass ich in Wirklichkeit in dem Spalt unter der Sofalehne wohn. Das Leben bietet nichts Wesentliches, was man von dort aus nicht so gut wie irgendwo anders tun könnte (wenn man Zugang zu einem Klo hat), und ich bin noch nicht mal mit Regierungsaufgaben molestiert, eher im Gegenteil.

Maria-Ward-Straße, Nymphenburg

Dafür grenzt mein Sofa nicht an den Botanischen Garten.

Maria-Ward-Straße, Nymphenburg

Bavarian Gothic

Update zu Peregrini Bavarici:

Als ich noch in Nürnberg gewohnt hab, wusste ich gar nicht richtig zu schätzen, dass es da eine … nun ja: quicklebendige Gothic-Szene geben sollte. Mich entschuldigt einzig, dass ich das gar nicht gemerkt hab, und einfach so unter den schwarzgewandeten Bleichgesichtern meine Nervengifte zu mir nahm.

Das ist überhaupt das Schöne an den Gruftis: Es sind die Dickbrettbohrer unter den Subkulturen. Immer mit Edgar Allan Poe und Samuel Beckett befasst, immer ein besinnliches Liedchen auf den schwarz abgesetzten Lippen, stets im Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Existenz. Und mit Schwarz ist man sowieso immer und überall angezogen.

Als ich nach Bayern ausgewandert bin, waren die Leute nicht mehr so schwarz, jedenfalls nicht äußerlich. Mit der Vergänglichkeit haben sie’s aber hallo:

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Am Grabe streut man frische Blumen,
Warum im Leben nicht?
Warum so sparsam mit der Liebe,
Bis das Herze bricht!

Den Toten freuen keine Blumen,
Im Grabe fühlt man keinen Schmerz.
Würd’ man im Leben mehr Liebe schenken,
So lebte länger manches Herz.

Mir sagt ja die Unverfrorenheit zu, mit der die Oberländer Goten auf dem linken Fensterrahmen schnauzig und unterkühlt die Chevy-Chase-Strophe in die Memento-mori-Lyrik tragen und ohne falsche Scheu vor genug Senkungen pro Vers “Herz” auf “Schmerz” reimen — und vor allem das lebensbejahende “Im Grabe fühlt man keinen Schmerz”. Amen, Brüder!

Beinhaus St. Jakobus d. Ä., Lenggries

Buidln: Lenggries, glei wo ma einekimmt, und Sankt Jakobus der Ältere, “der Dom im Isartal”, ebenda.
Danke an Ralf für die Kamera, weil bei meiner die Akkus runter waren (soviel zur Vergänglichkeit)!

Mia san mia – und Kaiser simma eh.
Was das Maldöschen auf Gleis 1 mit der Landesausstellung Regensburg zu tun hat …

An was ich mich erinnere, war die extreme Dunkelheit im Dom und das gleißende Licht draußen. Die gute, aber viel zu kurze Führung und wie laut es in einem Dom sein kann, wenn mehrere Führungen auf einmal stattfinden. Man durfte innen nichts fotografieren und die Madonna mit dem Distelfink in der Kapelle am Kreuzgang wäre eine Sünde (also ein unerlaubtes Foto) wert gewesen.

Dabei sind wir eigentlich nur nach Regensburg, um mein metallenes Maldöschen aus dem Gleis 1 zu fischen, das dort am vorigen Wochenende beim Umsteigen in Regensburg aus seinem Rucksack fallend verloren ging.

Genauer: Das Maldöschen war meins. Und ich greinte, dass er es so lässig in eine äußere Rucksacktasche gestopft hatte, musste ja. Bekam ich einen erneuten Samstag in Regenburg geschenkt. Wir gleich auf Gleis 1 mein Einbein-Stativ (Manfrotto) ausgefahren und mit Klebeband unten an der Spitze präpariert, zwei nichtsnutzige Sonnenbrillen und mein Döschen aus dem Schotterbett gefischt. Gleich warense da, die Bahnbeamten: “Was machen Sie denn da?”

Waren wir aber schon fertig, hehe. Wir: “Nix!”

Und wenn man schon einmal da ist in diesem Regensburg, dann ab zum Ludwig, damit es sich rentiert. Hört sich an wie eine Kneipe, ist aber ein stock-eigensinniger Bayer wie er im Buche steht.
Ludwig der Bayer: Wir sind Kaiser!
Bild: Junggesellinnenabschiede unten, und alter Sack oben.

Wo Ludwig sich einst mit der Obrigkeit, den Päpsten, anlegte, sitzen heute ganze Regierungen samt ihrem Volk die Probleme aus und wenden sich Schabernack und Kostümparties zu.

Aus dem Besucherbuch 25.05.2014: “Lieber Ludwig, wir bitten für Deine Entlassung aus dem Fegefeuer.”

Junggesellinnenabschied im Schatten des Doms
Man sucht an diesem Tag lieber den Schatten.

Figur mit Löwe an der Fassade des Regensburger Doms Figur mit Löwin an der Fassade des Regensburger Doms
Wüstentieren wie Löwe und Löwin ist das schon lange ziemlich wurscht.

Schattiger Innenhof mit Platane des Café Prock Regensburg
Kluge Wölfe retten sich in einen schattigen Hinterhof.

Wolf im Innenhof des Café Prock beim Eiskaffee

 

Es gibt frischen Beerenkuchen (Erdbeere, rote Johannisbeere, scharze Johannisbeere) und jede Menge Sahne
Tortenporn: Kühle, frische Beerentorte (Erdbeere, rote Johannisbeeren, Heidelbeeren) mit saftiger Mohnunterlage und Sahneberg.

Vertreter der Regensburger Hofspatzen
Vertreter der Regensburger Hofspatzen warten auf Krümel.

Sonnendurchglühter Fuchsengang, Regensburg
Der Fuchsengang in Regensburg präsentierte sich sogar noch beim Heimgehen um 18:00 als sonnendurchglühte, menschenleere Gasse. Diese verdammte Hitze! Aber die Dose ist wieder da, das ist das Wichtigste … . Lieber Ludwig magst ruhig sein.

 

95 Jahre Gefreiter a. D. Josef Schwejk

Heute vor hundert Jahren: Da war grade Julikrise. Haben ja unter ihren Pickelhauben irgendwie die Zeit rumbringen müssen, nachdem sie am 28. Juni den Franz Ferdinand in seinem Automobil erschlagen und am 28. Juli Serbien richtig den Krieg erklärt haben.

Das hat sich dann hingezogen bis 1918. Der Salon-Eisenbahnwaggon in Compiègne, in dem sie den Waffenstillstand unterschrieben haben, steht da noch auf einer Waldlichtung. Sollte erst nur 36 Tage dauern, der Stillstand, danach hat sie’s schon selber genervt.

Der Waggon wird bestimmt bis heute aller Monate von einer kittelschürzigen femme de menage mal nass durchgewischt. “Krieg is nur für reiche Lajte”, sagt Schwejk, und am Schluss im Kelch: “An diesen Krieg werd’ ich noch wochenlang denken.”

Wenigstens sind wir die Gedenkfeiern schon gewöhnt, wenn am nächsten achten Mai der Zweite Große Krieg siebzig Jahre aus ist, und dann darf gern endlich Ruhe sein mit dem Kriegsgetümmel. Am besten für immer und überall.

Sackl Zement

In manchen traditionell geprägten bayerischen Gebieten wird ja immer noch der Osterbrauch hochgehalten, einander zum Besten zu haben; wahrscheinlich ein schlecht sublimiertes Balzritual, wenn die Dirndln zuschauen. Darum hat mich auch ein “Gebetomat” am leicht vom Schuss gelegenen Romanplatz (Tram 16 bis Endstation, nur die 17 traut sich bis nach Obemenzing) nicht weiter gewundert. Und schau an: Christkönig hat eine Ausstattung, die in der Hauptsache auf Beton basiert, aber eine sichtlich quicklebendige Gemeinde. Und die Dinger gibt’s wirklich.

Gucktrack: Otto Waalkes: Tomatobrotomat aus: Otto Show — nicht eruierbar, aus welcher. Weiß jemand Rat?

Top 5 Party-Facts über München

5.: In München hat seit 1498 keine Syphilis-Epidemie stattgefunden.

4.: In der Bogenhausener Wohnung vom Adolf ist heute die Polizei drin.

3.: Der einzige, der jemals die alte Marketing-Coach-Legende mit den Kosmetikartikeln auf dem öffentlichen Klo für voll genommen hat, ist der Allacher Schuhmair in der Ludwigsfelder Straße.

2.: Das Neuperlacher Einkaufszentrum Pep hat den einzigen Kaufland Münchens, einen Starbucks mit integriertem Theater und die größte freitragende Glaskuppel Deutschlands.

1.: Isar-Athen ist die nördlichste Stadt Italiens.

Florida

Buidl: Das Le Florida am Eck Kurfürsten- und Georgenstraße, selber gemacht. Schenk ich Ihnen vorsichtshalber, bevor mir einer copyrightlich was will. Dann muss es bloß noch jemand geschenkt wollen.

Stopp und renn

Feinkost M. Stopp, Sailerstraße

Dabei ist doch so klar, warum solche Läden praktisch ausgestorben sind: weil man sich durch solche Straßen nicht alleine traut. Milbertshofen hat immer noch den Ruf des kleinen Hasenbergls, da muss nicht erst die Dunkelheit einbrechen, damit einen jede alleinstehende Frau verdächtigt, man will ihr was. In leichten Fällen hilft es, die Straßenseite zu wechseln; wenn der Ladenschluss droht: rennen.

Aber sie tun schon was: Schmetterlinge draufmalen.

Feinkost M. Stopp, Sailerstraße

Der moderne Hofnarr

 

Die moderne Jobwelt ist alternativlos:

Ermüdende Sandwich-Positionen für das strebsame Akademikervolk.
Null Erbauung.
Immerwährender Stress.
Mäßige Bezahlung.

Sie wissen schon: diese pseudo-Managertitel für die Daueroptimierer-Sandwiches der mittleren Ebene. Um die tragen zu dürfen, gibt es gnadenlos blaue Flecken von oben und von unten. Daher der Begriff Sandwich, mittendrin. Aber man muss nehmen, was man kriegen kann.

Eine Hotelcheffin aus Österreich weiß die Sehnsucht nach ganzheitlicher Berufung, in der man ganz man selbst sein darf, für ihr Hotel zu nutzen:

Sie vergibt jetzt den Job eines Hofnarren für ihr feudales Hotel. Und lässt den EulenSPIEGEL Online berichten.

Ihre Jobbeschreibung (so sagt jedenfalls die Hoteldame):

Den Gästen Fragen beantworten.

Sie auf das einstimmen, was sie erwartet.

Über das Angebot informieren (wann die Palatschinkenstunde anfängt)

Orientierungslosen Gästen das Gelände erklären.

Die Gäste leiten.

Aha.

Weiß sie denn nicht, dass die echten Hofnarren ganz andere Sachen gemacht haben: dem König und seinem Hofstaat Kritik an den bestehenden Verhältnissen auf philsosophische oder närrisch-künstlerische Art darzubieten.

Dass sich bereits ein Manager närrischerweise auf diesen Job, der nicht nur Unemüdlichkeit und kaum Freizeit anbietet plus mit kläglichen 1.400,00 EUR brutto dotiert^^ ist, meldete, ist ein Hinweis darauf, dass darüber, was ein Hofnarr wirklich ist, zarte Missverständnise herrschen.

Hofnarr Prangerl

Prangerl am Karlstor, München (Bildquelle: Wikipedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMuenchen_Karlstor_Hofnarr_03062009.JPG)

Der letzte bairische Hofnarr Hofnarr Prangerl http://bar.wikipedia.org/wiki/Hofnarr_Prangerl wusste noch darum, was ein Hofnarr an kulturellen Kompetenzen haben muss. Eine seiner höfischen “Missetaten” war, sich bei einem Konzert als den extra eingeladenen französischen Geigenkünstler auszugeben und keiner hats gemerkt. Erst am Schluss lüftete er seine Identität. Er konnte Geige. Anscheinend anständig genug, dass es nicht aufflog.

Ich glaube, da müssen Manager noch nachlegen.

Sonst wird es nix mit dem Job. Und es muss ein extra Hofnarren-Hartz-4 geschaffen werden (fordern und fördern), damit sie nicht in der faulen sozialen Hängematte herumdämmern, und sie wieder in vernünftige kulturelle Kontexte eingegliedert werden können.

Und ja, natürlich weiß der geneigte Leser, dass es lediglich um mehr oder weniger gekonnte Hotel-PR auf http://www.spiegel.de/reise/europa/hofnarr-gesucht-ungewoehnliche-stellenanzeige-eines-hotels-a-906080.html des SPIEGELs ging.

“Die Direktorin selbst hält die Position für die wichtigste ihres Hauses.”

Ein Narr, wer Arges dabei denkt wer glaubt, dass sich Unverständnis über das echte Narrentum zumindest mit Verständnis über wertschätzende Bezahlung ausgleichen muss. It won’t.

Bus 502 ins Präkambrium

Als einen seiner dankenswerten Exkursionshinweise gibt Peter Rothe in Die Erde. Alles über Erdgeschichte, Plattentektonik, Vulkane, Erdbeben, Gesteine und Fossilien (Abschnitt Eine kleine Geschichte der Erde):

An der Bushaltestelle “Zirkel” bei Glasbach-Mellenbach, Schwarzatal im südlichen Thüringer Wald: Präkambrische metamorphe Sedimentgesteine, denen man ihre Herkunft von Grauwacken und tonigen Gesteinen noch ansieht; durch die nachfolgende Gebirgsbildung sind sie intensiv gefaltet, geschert und zerbrochen.

Erinnern Sie sich aus Erdkäs noch, wann Präkambrium war? Ganz flau kann einem werden, so blödsinnig irrwitzig schwindelerregend lange ist das her. Und im Schwarzatal, wenn man auf den Bus wartet, blickt man in diesen Abgrund; da darf der Professor Rothe sogar ausnahmsweise Glasbach-Mellenbach mit Mellenbach-Glasbach verwechseln, der Mann ist ja so viel rumgekommen.

Dergleichen zu wissen ist vermutlich nicht der Sinn des Lebens. Was der Sinn des Lebens denn sonst sein soll, weiß ich allerdings auch nicht.

Beiträge zur Infrastruktur des Alpenvorlandes: Malerwinkel

Flaschen, Tüten und Papier
Sind dem Walde keine Zier.
Schleppst Du sie gefüllt hierher,
Trägst Du heimzu auch nicht schwer.

PR-Lyrik seit ca. 1950.

Malerwinkel, das ist nicht das Eck, das die Esomieze vom dritten Stock in ihrem Abstellraum eingerichtet hat, das ist ein Flurname. Den Malerwinkel bei Geretsried mein ich, gelegen in der Gemarkung Schuss, ziemlich genau in der Mitte des zweiten Tages auf dem direkten Wanderweg von München nach Venedig. Alle Malerwinkel, die Google sonst kennt, liegen in anderen Winkeln und kosten meistens Halbpension. Das Material beschränkt sich auf einen Absatz PR-Prosa bei der Via Bavarica Tyrolensis.

Dabei wurde da ein “Weg der Geschichte” in zwei handlichen Teilstücken zu 10 und 18 Kilometern angelegt, auf dem man allerhand lernen kann. Zum Beispiel Vokabeln wie “Gemarkung”, “Würm-Eiszeit” und “Deltaschotter”:

Schild Malerwinkel, Weg der Geschichte in Königsdorf

Die Gegend auf dem Steilufer über dem Zusammenfluss von Rottach und Isar heißt “Malerwinkel”, weil sie ein beliebtes Motiv für Maler ist.

Vor etwa 15.000 Jahren, gegen Ende der Würm-Eiszeit, durchbrach die Isar, die vorher südlich von Bad Tölz Richtung Inn geströmt war, den Moränenrücken zwischen dem Malerwinkel und Rampertshofen und ergoss sich in den Wolfratshauser See, der sich von Hohenschäftlarn bis Bad Heilbrunn erstreckte. Diesen See füllte die Isar zunächst in seiner Mitte durch die Aufschüttung von Deltaschotter im Raum Königsdorf-Wiesen und im Raum Gelting auf. Bei Hohenschäftlarn durchbrach sie daraufhin den hoch aufragenden Endmoränenwall des Isar-Loisachgletschers, so dass der Wolfratshauser See an seinem Nordende auslief. Er wurde das Opfer der reißenden Isar.

1877 wurde in der Nähe des Malerwinkels ein gut erhaltenes Bronzeschwert gefunden. Es befindet sich jetzt in der Prähistorischen Staatssammlung in München.

Der Fischreichtum von Isar und Rottach und gute Jagdmöglichkeiten in den umliegenden Wäldern hatte[n] offensichtlich schon in der Bronzezeit (1.800 bis 700 vor Christus) Menschen in den Malerwinkel gelockt.

Ein Vergeben des Flurnamens “Malerwinkel” veranschlage ich aus sprach- und kulturhistorischer Kenntnis in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als es für den Geretsrieder Sommerfrischler so normal wie heute ein Rutsch zum Gardasee war, mit Staffelei unterm Arm und den Biedermeier im Sinn schöne Landschaften vor Ort in Öl zu pinseln. Da lasse ich mich von zuständigen Experten korrigieren, die z.B. die PR-Prosa für die Via Bavarica Tyrolensis verantworten, aber bis auf begründeten Widerspruch werde ich das glauben.

Malerwinkel hinter Geretsried bei Schuss

So malerisch es da tatsächlich aussieht, wird’s aber wohl nichts werden mit dem Widerspruch: Fischreichtum von Isar und Rottach und gute Jagdmöglichkeiten waren vielleicht in der Bronzezeit ausgeprägt, heute gibt’s zwischen Geretsried und Bad Tölz nur alle paar Kilometer ein Schild vom Weg der Geschichte, aber praktisch kein Wirtshaus, und das kann sich ganz schön hinziehen. Der land- und forstwirtschaftlich orientierten Gemarkung Schuss wird das eher wurscht sein.

Also, geschätzte Kulturwanderer: Brotzeit selber mitbringen, aufs Einwickelpapier unter gestalterischer Einbindung der Butterfettflecken spontane Bleistiftskizzen werfen und schön wieder mit heimnehmen.

Geretsrieder Arsch

Ausführliche Fußmärsche machen übrigens wirklich klug: Diese Woche wurde ich nachts um drei mitten in München von einem Taxifahrer nach dem Weg gefragt. Und hab ihn gewusst.

Das Neueste vom Sommerloch

NEUENKIRCHEN Fassungslos waren die Bewohner des Antoniusstift, als sie am Dienstagmorgen vor die Tür sahen: Einer der zwei Blumenkübel vor dem Eingang des Altenheimes wurde umgestoßen und lag zerbrochen vor dem Eingang.

Katharina Hövels: Antoniusstift: Großer Blumenkübel zerstört, 3. August 2010, 13.52 Uhr.

Und damit nicht genug, denn “[e]ntlang der gesamten Rheiner Straße, von Dr. Göbbels abwärts, wurden auch noch Mülltonnen umgeworfen.”

Was die Münstersche Zeitung verschweigt: Der Chaostheorie oder irgend so einem Angeberquatsch für Theoretische Physiker und Epigonen der Empfindsamkeit folgend, müsste sich wenige Kausalschritte darauf ein Schmetterling in Südamerika den Flügel verstaucht haben. Von den ungezählten Säcken Reis in China ganz zu schweigen.

Das war doch bestimmt wieder die eine Dicke aus dem Zweiten.

Katharina Hövels, Antoniusstift. Großer Blumenkübel zerstört. Münstersche Zeitung, 3. August 2010

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Edit: Nochmal gut gegangen:

NEUENKIRCHEN Die neuen Blumenkübel sind am Freitagmorgen in Neuenkirchen eingetroffen. Um 10 Uhr lieferte ein Postbote per Overnight-Express die neuen trittsicheren Blumenkübel aus Metall an.

Yvonne Petrausch: Das sind die neuen Blumenkübel, 6. August 2010, 11.22 Uhr.

Yvonne Petrausch, Das sind die neuen Blumenkübel. Münstersche Zeitung, 6. August 2010

/Edit.

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Soundtrack: Funny van Dannen: Freunde der Realität, aus: Herzscheiße, 2003;
Fotos: Katharina Hövels, Yvonne Petrausch.

Osterurlaub

Und jetzt: ans Meer oder in die Berge?

Beides: an den Stachus.

Bild: Frauenkirche München mit Segelschiff auf dem Kaufhaus Oberpollinger, 48 ° 8′ nördlicher Breite, 11° 34′ östlicher Länge, 519 Meter (und sechs Stockwerke) über dem Meeresspiegel, 7. April 2009. Selber gemacht, ein bissel was am Kontrast gedreht, keine Montage. Näheres bei Moby-Dick™.

PS: Leider muss ich aus juristischen Gründen an dieser Stelle vermerken, dass das Bildmaterial meinem eigenen Copyright unterliegt, weil ich keine 8000 Euro zuviel hab. Die Bilder sind zur Gaudi auf meinem Flickr-Account, die schenk ich Ihnen.

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