Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Religion (Seite 2 von 2)

Die kommen alle immer wieder

Beim Wälzen des neuen Münchner Katalogs der Volkshochschule wird man noch ein, zwei Semester damit fremdeln, dass der abgemusterte Oberbürgermeister Christian Ude nicht mehr das Grußwort schreibt, sondern sein Genosse Dieter Reiter.

Der Ude kommt in der Volkshochschule trotzdem noch vor, diesmal im Dozentenverzeichnis (BG 6 E). Genauer: Er kommt wieder vor. Der Mann hatte nämlich, die Älteren entsinnen sich, ein Leben vor dem Oberbürgermeisteramt: 1969, noch als Student, leitete er an der Volkshochschule München den politischen Diskurs “Politik der Woche”. Darin ging es um die Nahost-Krise, Ostpolitik oder Rechtsradikalismus, eingebunden war ein Hearing mit dem Oberbürgermeister, seinerzeit Hans-Jochen Vogel, wenn er schon das Grußwort stiften durfte.

Udes damalige Einstellung zu Themen wie Nahost-Krise, Ostpolitik und Rechtsradikalismus sollte klar sein. 1969, das war die Zeit, in der man, um politisch satisfaktionsfähig zu sein, “Das Kapital” einmal durchgeackert haben musste. Das von Karl Marx, nicht das vom eigenen Vater, alle drei Bände mit Kommentar.

Leider zeigt sich, dass die Probleme, denen 1969 möglicherweise mit den Vorschlägen von Karl Marx beizukommen war, erst heute auftreten. Aber jetzt haben wir ja wieder den Ude — als ob man ihn je los gewesen wäre. Nach seiner letzten Lehrveranstaltung knüpft er da wieder an, wo er vor 45 Jahren aufgehört hat: bei einem politischen Diskurs namens “Politik der Woche”. Darin geht es um die Nahost-Krise, Ostpolitik und Rechtsradikalismus, eingebunden wird zweifellos ein Hearing mit dem Oberbürgermeister, dem Genossen Reiter, bekannt aus Grußwort und Kommunalwahl.

Ein “Kapital” von Marx gibt’s auch wieder in München und Freising, leider heißt er Reinhard und ist da der Erzbischof, und das “Kapital” ist ein “Plädoyer für den Menschen” von 2008. Für welchen Menschen, müsste man mal nachlesen, aber spielt das wirklich eine Rolle?

Sackl Zement

In manchen traditionell geprägten bayerischen Gebieten wird ja immer noch der Osterbrauch hochgehalten, einander zum Besten zu haben; wahrscheinlich ein schlecht sublimiertes Balzritual, wenn die Dirndln zuschauen. Darum hat mich auch ein “Gebetomat” am leicht vom Schuss gelegenen Romanplatz (Tram 16 bis Endstation, nur die 17 traut sich bis nach Obemenzing) nicht weiter gewundert. Und schau an: Christkönig hat eine Ausstattung, die in der Hauptsache auf Beton basiert, aber eine sichtlich quicklebendige Gemeinde. Und die Dinger gibt’s wirklich.

Gucktrack: Otto Waalkes: Tomatobrotomat aus: Otto Show — nicht eruierbar, aus welcher. Weiß jemand Rat?

Kalvarienberg

Jesus fühlte rein und dachte
Nur den Einen Gott im Stillen;
Wer ihn selbst zum Gotte machte
kränkte seinen heil’gen Willen.

Und so muß das Rechte scheinen
Was auch Mahomet gelungen;
Nur durch den Begriff des Einen
Hat er alle Welt bezwungen.

Goethe: Süßes Kind in: West-östlicher Divan,
Nachträge, Buch Suleika.

Kalvarienberg Nikolaikirche München Gasteig

Bild: Ein Gott im Stillen am Kalvarienberg der Nikolaikirche, München am Gasteig, 3. Januar 2014.

Brückentag

Update zu Birlik, adalet ve özgürlük:

Und? Schön gefeiert diese Woche? Können Sie ruhig, es ist gar nicht so recht raus, ob der 3. Oktober von gerade denen eingerichtet wurde, gegen die er gerichtet war. Der Tag der offenen Moschee geht auf den Koordinationsrat der Muslime zurück, und der ist nun wirklich nicht mit der “Freiheit” zu verwechseln.

In diesem Sinne: Vatanımız Almanya için!

Gschwandtner Bua, Minarett des Islamischen Zentrum München, Wallnerstraße 1--5, München-Freimann seit 1973

Bild: Gschwandtner Bua: Minarett des Islamischen Zentrums München in der Wallnerstraße 1–5, München-Freimann seit 1973, 26. August 2010.

In et ex cathedra

Irgendwie, solange wir keine Katzenbilder anfertigen oder über Restmünchen ablästern (was sich trefflich verbinden lässt), sind wir ja auch eine Agentur. Und müssen deshalb “was zum Oktoberfest” machen.

Das beste, was man zum Oktoberfest machen kann, ist: ganz weit wegrennen.

Freising ist gut. Der Freisinger Dom steht von unserer Haustür aus ziemlich genau 42,195 Kilometer weit entfernt, einmal die Marathonstrecke, noch weiter sollte niemand wegrennen müssen. Und den sieht man immer von der S1 aus. Warum waren wir da noch nie?

In unserer grenzenlosen Gnade, Rücksichtnahme und User-Freundlichkeit ersparen wir Ihnen die 42,195 Kilometer, in denen man sowieso nur einfach an der Isar entlanglatschen muss. Isar, das ist hundert Meter von unserer Haustür weg, einmal Sprintstrecke. Und mit Freising und dem Dom ist das auch wieder nicht anders. Okay, der Dom liegt höher. Muss er ganz schön schnaufen jeden Früh, der Bischof.

Der Dom macht aber wirklich was her, alles was recht ist. Sieht man dem Bunker von außen gar nicht an, dem Klotz aus rohweißem Waschbeton. Aber wenn man erst mal durch das Portal aus Adneter Marmor durchkommt, ist es wie in “Spiel mir das Lied vom Tod”, wo die Kneipe in der Wüste innen größer ist als außen. Ebenen, Seitenschiffe, Treppen, Sichtachsen, der volle Fuchsbau. Da drin wurden inzwischen, angefangen mit dem Frühmittelalter, sieben Architekturepochen verbaut, und schauen wir mal, was im Lauf der Jahrhunderte noch kommt. Mir war ja gar nicht klar, dass es so viele Epochen gibt. Ganz im Ernst: Da bekreuzigt sich sogar jeder ausgetretene Heide.

Ad vocem Austreten: Das architektonische Highlight des Dom St. Maria und St. Korbinian zu Freising ist unzweifelhaft das Klo. Nicht weil es in so tollen hochstrebenden gotischen Bögen erbaut wäre, bewahre. Da drin streben auch bloß die Wasserrohre in die Höhe, wie man’s kennt. Es ist mehr der stille Ort, an dem es erbaut wurde — wieder, wie man’s aus der Architektur kennt: Lage, Lage, Lage.

Das Klo zweigt nämlich einfach so von einem Seitengang ab, unversperrt und sogar geputzt. Da bekommt das Wort “Seitenschiff” einen ganz neuen Geruch, wenn sich dem Bischof seine Predigt mal wieder recht hinzieht. Jetzt hab ich vor lauter Andacht ganz vergessen, im Kirchenführer nachuzuschlagen, ob die Spülung mit Weihwasser geht.

Im anderen Seitenschiff: eine Apollonia. Die mag ich, die lacht so ansteckend. Und als Paraphernalien eine Beißzange und die Märtyererpalme, die wie eine Schreibfeder aussieht. Könnte demnach fast eine Vroni sein. Ist aber die Schutzpatronin der Zahnärzte.

Was ich sag: Eigentlich alles nicht viel anders als daheim. Für die 42,195 Kilometer zurück hab ich dann doch lieber die S1 genommen.

Apollonia im Freisinger Dom

Apollonia von Alexandria: Selber gemacht. Fotografiert, mein ich, nicht geschnitzt. Das Bild wurde mit Hilfe veralteter Technik zu privaten Zwecken aufgenommen: seine Qualität entspricht daher weder in technischer noch ästhetischer Hinsicht den Auffassungen des Unternehmens the missing link.

Diese Woche gelernt:

  1. Zu warm zum Schneien ist immer noch zu kalt zum Schneeschippen;
  2. ein medial überpräsenter Beruf wird nicht zwingend durch eine leicht zugängliche Ausbildung erreicht (“Sexperte”!);
  3. die 1922er “Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen” von Gilbert Keith Chesterton, die der Enzensbergers-Hans Magnus mal in der Anderen Bibliothek herausgegeben hat, erwischt man heute ungelogen noch am besten als Taschenbuch eines erzkatholisch-erzbischöflich geführten Verlags am Schriftenstand in der Theatinerkirche St. Kajetan am Odeonsplatz (bitte ehrlich bleiben und die 9,90 Euro in den Opferstock auf mindestens 10 aufgehen lassen!).

Soundtrack: Die Doraus und die Marinas: Die Welt ist schlecht, das Leben ist schön, was ist daran nicht zu verstehn? aus: Die Doraus und die Marinas geben offenherzige Antworten auf brennende Fragen, 1983.

Verhalten im Weihnachtsfall

Weil Weihnachten ist, fangen wir an mit einer guten Nachricht: An Weihnachten sind Sie mit einem sozialprestigebefreiten Beruf im Vorteil. Wenn Sie Designer, Krankenschwester, Bierschwemmenbedienung, Domina, Politiker, Texter oder was mit Medien sind, wird Ihnen ohne weiteres abgenommen, dass Sie über Weihnachten arbeiten müssen und leider nicht zur Feier erscheinen können. Dass der Erlöser zuerst den Unterprivilegierten in der Provinz erschien, trägt für uns Heutige sehr wohl eine exegetische Botschaft.

Und das sag ich Ihnen jetzt. Wenn es Sie also schon erwischt hat und Sie für den Heiligen Abend in eine erklärt feierliche Runde (etwa Heilsarmee, Eltern, angeheiratete Familie) vorgeladen wurden, helfen immer noch einige Verhaltensregeln.

Meiden Sie Getränke, die Tiroler Hutzelpunsch, Markbrandenburger Gurkenwasser, Heißer Erzbegirgischer Nussknacker oder Schlimmeres heißen. Unterlassen Sie zu erörtern, ob das Zeug genau wie die “polnische Hafermastgans” aus einer chinesischen Rattenküche stammt. Auch dann, wenn Sie in der Zutatenliste in 2-Punktschrift mehr als drei Druckfehler finden, ohne zu suchen. Ich weiß, wovon ich rede.

Solange niemand das Wort an Sie richtet, leisten Sie unauffällig Ihren Beitrag zu Herstellung und Beseitigung des Weihnachtsessens. Verzehren Sie maßvoll Gebäck, und zwar von jeder Sorte gleichmäßig zwei Stück. Sobald Ihnen jemand eine Frage stellt, äußern Sie ausschließlich Zustimmung und Lob. Notfalls würdigen Sie den Salzteig, der außen an der Haustür klebt, und die Katze. Ansonsten nutzen Sie jede Gelegenheit, den Mund zu halten.

Wenn Ihnen jemand zu viele Fragen stellt, machen Sie den DJ, das ist eine akzeptierte Tätigkeit auf jeder Art von Feier. Beachten Sie dabei: “Wir warten aufs Christkind” von den Toten Hosen ist keine Weihnachtsplatte, das Vintage-Doppelalbum “Die lustige Witwe” mit René Kollo und Anneliese Rothenberger von Ihrem Vater schon. Wenn der Vinylplattenspieler schon seit 1991 unrepariert auf dem Dachboden herumrostet, ist dieses eine Mal im Jahr Bayern 1 ein zulässiger Radiosender. Faustregel: Wichtige Musik ist, wenn da welche Geige spielen und die Frau so piepst.

Spielen Sie auf keinen Fall den Helden. “Vom Himmel hoch, da komm ich her” hat je nachdem, wo man nachschaut, 62 oder 164 Strophen und wäre demnach Martin Luthers zweitgrößte Leistung als Texter. Es ist Konsens, nur die ersten drei Strophen von allen Liedern abzusingen. Setzen Sie getrost voraus, dass alle anderen auch nur die erste kennen. Die erste Zeile geht: “Vom Himmel hoch, da komm ich her”, alle folgenden: “Da dáram dá, da dáram dá.”

Wenden Sie kein Musikinstrument an. Besonders keines, in das man hineinblasen muss.

Stufen Sie die so genannte gewaltfreie Kommunikation als das ein, was sie ist: eine besonders perfide Kampftechnik mit zulassungsfreien Waffen. Verzichten Sie deshalb auf die “Ich-Aussagen” dieser Lehre, geben Sie lieber jederzeit jedem Recht. Auf eigene Konfliktgegner wirken Sie stets deeskalierend ein, auf fremde sicherheitshalber gar nicht. Nicht jeder Satz, der mit “Ich” anfängt, ist gleich ein Manöver der gewaltfreien Kommunikation. Warten Sie deshalb das Satzende ab, bevor Sie die Sprecherin verprügeln.

Rufen Sie sich schon während der Zurüstungen und vor allem während der Feierlichkeiten immer wieder ins Gedächtnis: Die Zeit arbeitet für Sie. Was erst einmal angefangen hat, ist praktisch auch schon vorbei. So eine Christmette fängt heutzutage schon um 22.00 Uhr an, das war noch vor zwanzig Jahren gerade mal die Zeit für eine Kindermette. Dazu müssen Sie schon um halb neun los, um nicht auf einen Stehplatz hinterm Taufbecken gedrängt zu werden, so lange halten Sie zur Not durch. Bis zum eigentlichen Showteil übt der Organist gerne schon ein paar Händevoll Bach-Fugen, das kann wirklich schön sein. Lauschen Sie ergriffen, das spricht für Ihre Andacht.

Diese Metten mit Hochamt, großem Bahnhof und drei vollständigen Kantaten wurden vor einigen Jahren von kirchlichen Seelsorgern in den späten Nachmittag vorverlegt. Damit folgten sie der Erfahrung, dass sich die Gemeinde, zu lange sich selbst ausgesetzt und von Tiroler Hutzelpunsch befeuert, zu oft gegenseitig mit dem Christbaum erschlägt oder Baumspitzen, brennende Tannenzweige und Krippenfiguren in Körperöffnungen rammt, die es gar nicht gibt.

Durch solche Ursprünglichkeit drücken manche Familienverbände ihre Zuneigung untereinander aus. Respektieren Sie das Brauchtum und zugleich Ihre physischen Grenzen.

Nach der Christmette, in eher humanistisch orientierten Haushalten oder solchen, die Hanukkah begehen, sogar schon nach dem Essen, ist Ihr geordneter Rückzug legitim. Handeln Sie kooperativ, aber zielgerichtet. Geben Sie jedem die Hand und wünschen Sie “Fröhliche Weihnachten” und, ganz wichtig: “einen guten Rutsch”, nicht dass noch einer vor Silvester schon wieder anruft. Antworten Sie auf alle weiteren Ansprachen eisern: “Feiert noch schön.” Wird erwartet, dass Sie sich für etwas bedanken, bedanken Sie sich ohne Zeitverzögerung. Vermeiden Sie Ihren sarkastischen Tonfall. Streunen Sie durch die nächtliche Stadt und schließen Sie für einige Stunden Freundschaft mit einer studentischen Bierschwemmenbedienung.

Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch, feiert noch schön.

Soundtrack: “Stille Nacht”, was denn sonst? Und zwar in der einzig wahren Version von Tom Waits, 1989.

Totensonntag

(Update zu Barfußläufte:)

Der Eingang sieht aus wie die Stufen zur Glyptothek. Nicht das, was man einladend nennt oder was man normalerweise träumt. Aber einmal muss da jeder durch. Wenn schon nicht einmal im Leben, dann eben jetzt, wo ich gestorben bin. Vermute ich.

Wie immer in solchen großklassizistischen Einschüchterungsbauten darf ich nicht durch eine Flügelpforte, die sich vor meiner Majestät beiseite schiebt, sondern muss durch den unspektakulären Windfang hinter den Säulen. An einem marmornen Tisch, an dem man in der Glyptothek Eintritt zahlen würde, sitzt ein Rauschebart in einer Art Bademantel und tippt zehnfingrig in einen Laptop. Kein Apple, stelle ich fachmännisch fest. Daneben ein Stapel unausgefüllter Formulare und ein Stapel ausgefüllter.

“Grüß Gott.”

“Grüaß Eahna. Moment, i mach schnell no die Seele vor Eahna fertig.”

Tipp, tipp, tipp. Tipp!

“So! Grüß Gott!”

“Ich soll hier anscheinend vorsprechen oder so.”

“Ja, des hat scho sei Richtigkeit. Was führt Sie zu uns, wissens des, könnens des sagn?” Petrus nimmt ein Blatt vom unausgefüllten Stapel und einen Zimmermannsbleistift.

“Na, weil i gstorben bin, nehm i an.”

“Jaja, des is die Voraussetzung, dass Sie vorglassen wern. Aber an was Sie gstorben sind, könnens des aa sagn?”

“Ich glaub, ich hab einen Kalauer zuviel gerissen über die Namen von Gottfried Benn und Ben Cartwright.”

“Au weh zwick. Da könnens von Glück sagen, dass Sie bei sowas überhaupt no rauf zu mir kommen. Normalerweis gengen solche Bestände glei nahtlos zum Kollegen owewartse, wenns ma folgen können. Ohne lange Fegefeuerzuteilung.”

“Ich weiß es zu schätzen.”

“Des is scho recht. Des kann bloß daher kommen, dass Sie sowieso dran gwesn wärn, wenn Sie von der Generation übrig san, die noch den Ben Cartwright kennt.”

“Ja… Was mach ma dann etza mit mir? Komm i da etza in Himmel nei oder für was hab i mi da die ganzen Jahrzehnte abkaschpert, Herr Petrus?”

“Des sehng ma jetztn. Aber Petrus. Einfach Petrus. Ohne Herr oder Sir oder Sahib oder -san, wir hams herobm net so mit die Titel und Dienstgrade. Aber Sie san doch aus Europa, wenn ich Ihren Dialekt richtig einordn, nent? Irgendwas Nördlichs bestimmt. Österreich, Irland, Lappland oder was da alles liegt.”

“Deutschland”, sag ich. “München, ursprünglich aber Nürnberg, bloß den Zungenschlag nie losworn.”

“Franken oder Frankreich, Wales oder Wallis, Galizien oder Gallizien, und des dritte vo de zwoa habts scho wieder eigstampft, und des München in der Oberpfalz is nach Dings eingmeindet.”

“Hirschbach. Kenn i scho, da wolltns amal a Brauerei ham. Münchner Bier aus der Oberpfalz, dass i net lach. Fürn Baugrund hättns fast no was rauskriegt.”

“In der Oberpfalz, da hams fei aber oft a richtig grüabigs Bier! Bei Etzelwang in der Näh, da hab i moi…”

“Scho. Aber bei die zweiahalb Hektoliter Ausstoß pro Jahr hält si ja nix. Des grenzt an Schwarzbrennerei als Hobby.”

“Manchmoi kummt ma echt nimmer mim Zuaschaun nache bei eich.”

“Wos Galizien sagn. Mei Urgroßvater war glaub i noch aus Czernowitz.”

“Is des net neilich explodiert?”

“Naa, Tschernobyl war des. Czernowitz müsst scho no wo rumsteh.”

“Omeiomei, ein Gfrett, was ihr habts. Na Hauptsach, ihr kennt eich aus.”

“Fei aa net wirklich.”

“Aber Deutschland is gut. De Deitschn kamma fast ganz unbürokratisch von der oana auf die andre Autorität umgwöhnen, des ham mir anno 510, 820 und 1945 zuletzt mit euch probiert. Dankbars Publikum, da in Deutschland.”

“Und 1918?”

Petrus denkt nach. “Naa, des war koa so rechter Autoritätenwechsl. Bloß andere Titel. Umgekehrt wie 1989, verstengens?”

“Glaub schon.”

“Glauben is auch gut. München, München, München… Da seid ihr doch gern so katholisch und evangelisch und wie des alles bei euch heißt, gell?” Petrus rudert mit den Händen nach den Wörtern und amüsiert sich ein Loch in die Toga.

“Ausgetreten, katholische Grundausbildung”, knurre ich durchs Gebiss.

“Recht hams, guader Moo, recht hams! Ihr Zeug glauben könnens auch daheim.”

“Des hätt i jetz gar net glaubt, dass aus der Kirch austreten bei Ihnen a Bonus sei könnt.”

“Ach, gehns. Was da der Junior vor zweitausend Jahr in eierm Judäa drunt amal gaudihalber für an Fischerverein aufgmacht hat, des spielt heut nimmer so die Rolln.”

“Jesus is gaudihalber am Kreuz gstorbm?”

“Was glaum denn Sie? Der Moo is a Drittl Dreifaltigkeit, der is allmächtig. Der lebt und der stirbt wann und wiarer mog.”

“Ham Sie wieder recht.”

“Aber warns bei einer parakirchlichen Vereinigung? Sans bittschön gleich ehrlich, Ihre Angaben wern leider nomal prüft. Scientology und Opus Dei waar jetzat schlecht, Freimaurer waar jetzat positiv. Seit a paar hundert Jahr wern die allerdings immer weniger.”

“Freimaurer? Um Gotts willn, i war doch bei keim Geheimbund drin.”

“Die Freimaurer?” Petrus ist aufrichtig erstaunt. “Wo san de geheim, die Freimaurer? Die missioniern bloß nix, des rechnt bei uns scho was. Da haltens auch an Frieden auf Erden, da ham mir unsern Wohlgefalln, wenns mei Redeweise gstattn.”

“I kann scho folgn, Petrus.”

“Ja, i siehg scho, Sie san a Gstudierter. Die Freimaurer, die wolln solche, des is bei denen richtig gwünscht, sogar Ihre Studienfächer. Aber wenns net hinwolln ham… Ihr Entscheidung.”

“Kann ja ich net wissn.”

“Freilich net, deswegen heißts Glauben. Was hamsn gessn? Vegan, vegetarisch, zoophag, kannibalisch?”

“Ich bitt Sie, Petrus. Ich war aus Franken.”

“Ja, scho klar. Fragen muss i halt danach. Da warns bestimmt auch alle Tag gscheit unter Drogen?”

“Ach, woher. Ganz selten mal besoffen. Und wenn, dann a Bier, schlimmstenfalls einzwei Flaschn Schnaps.”

“A so, ja warum denn? Was meinens denn, für was der Chef des ganze Zeigl wachsn lasst? A Bier, scho recht, aber die ganzn andern guadn Sachan? Hams dann wenigstens jeden Tag gscheit was weggvögelt?”

“Bitte??”

“Hatten Sie täglich Geschlechtsverkehr?”

“Eminenz, ich bin verheiratet. War.”

“Å, å, å, å…” Petrus macht mit seinem Zimmermannsbleistift einen energischen Strich.

“Ihnen is schon klar, guader Moo: Für jeden Tag ohne Vögln muaß i Eahna… na, was sagn ma… samma gnädig… sagn ma fuchzg Jahr Fegefeuer draufhaun.”

Ich schlucke. “Des wern Sie scho richtig machn.”

“Lebt Ihr Frau noch, so als Witwe, die sich ab jetzat fröhlich an Ihre ehelichn Pflichtn erinnert? Ja? Na, die muss leider dann später des gleiche, logisch…”

Petrus schreibt in meiner Akte herum, sucht im beistehenden Aktenreiter unter meinem Buchstaben noch eine heraus, notiert vorne drauf herum, schaut wieder hoch zu mir und sagt betrübt:

“Ach, i sags Ihnen: Des is alles so eine sinnlose Verschwendung von Seligkeit.”

“Keuscher Lebenswandel zählt nix?”

Langsam wird Petrus unwillig: “Keuscher Lebmswandl, keuscher Lebmswandl. Herrschaftzeitn, i kanns bald nimmer hörn vo eich christliche Abendländer, mit eicherer Keuschheit und Enthaltsamkeit und Monogamie und gar koa Gamie und Zölibat und Sublimierung und Fuizleis und hunderttausnd wichtigere Sachan ois wiares Vegln! Des seids immer bloß ihr, die eier Frau im Bett neber eich rumschimmln lassts und glangts net oo. Ja Greizdeife halleluja nomoi nei, die gschlechtliche Fortpflanzung, des wor a Gschenk! Unser gressts! Da hamma lang an die Windbestäubung dro hiigschraubt, bis ma des in der Evolution überhaupts möglich gmacht ham, dass eier Balz es ganze Johr lang durchdauert! Hat des irgend a anders Viech? A Privileg is des! Ja duad denn des weh oder wos?!”

“Da hab i scho von Möglichkeitn ghört…”

“Jajaja, net in dem Internetzeigl Buidl vo dem Dekadenzschmarrn ooschaun. I red davoo, dass ihr endlich mit eirer Frau veglts. Da hättns Ihrer Frau zoagn kenna, wia gern dasses ham, oder wia deitlich hättnses denn no braucht? A Möglichkeit hättns da ghabt, dass Eahnern Ausdruck findn, Sie Schreibhansl Sie windiger.”

“‘WEnn ich mit Menschen vnd mit Engel zungen redet / vnd hette der Liebe nicht / So were ich ein donend Ertz oder eine klingende Schelle.’ A so war des gmeint?”

“Sehngs, Sie wissns doch alles. Und durchschauns sogar. Und nutzns net. Entschuidigns scho, wenn i da so drastisch werd, da könna Sie persönlich wahrscheinlich gar net so viel dafür, aber des is halt so allgemein worn die letztn zwoa-dreihundert Johr.”

“Des tut ma jetz scho leid, Petrus.” Ich meine es ehrlich.

“Jaja, glaub i Ihnen sogar. Wissns, in a paar Jahr hab ja ich in dem Job da herin mei Zweitausendjährigs, des ham vielleicht Sie mitkriegt, als Kathol. Da seh i jedn Tag tausnd da reinkommen und meinen, sie ham oisamt richtig gmacht. Und wann ma fragt, ja was hams denn so gmacht? I sogs Eahna, was gmacht ham. Nix hams gmacht.”

“Des kenn i aus meim Job aa”, versuche ich zaghaft.

“Ja, genau des sagns alle, wann ma nachfragt. An Job hättns doch ghabt. Oder no besser: a Arbeit. Oder des Beste is immer: an Beruf. Wenn i des scho oiwei hör. Berufen dan oiwei no mir.”

“Da müssns etz aa unser Position verstehn, Petrus. Des Vögln kann falsch sei, des Gegenteil kann genauso falsch sei. Des is so mit allem, was ma macht. Machen oder unterlassen, ruckzuck is scho wieder Schuld aufgladn.”

“Ach, des mit der Schuld.” Petrus winkt ab. “Was glaum Sie, wer mir san? Ihr Kindermadl? Mir san doch auf Eahnerner Seitn. Mir erschaffm Eahna ja net, bloß dass Sie nachat schuldbeladn umanandalaffa, do hättn doch mir sejber koa Freid damit. Bei uns zählt leicht amal der Versuch.”

“Des is ja dann aa erleichternd und alles. Aber unter die eignen Leut und grad bei der Arbat und der eignen Frau, da zähln halt oft die Resultate. I kann ja net hergehn und vögln wolln, wenn die Beziehung net passt. Und die passt erst vom hundertsten Prozent an aufwärts.”

“Und Sie glaum, Ihr Beziehung werd besser, wenns einfach net vegln?”

“Wenns es a so hiistelln…”

“So leicht waars gwesn.”

“Aber wissns scho: Da ghörn fei zwaa dazu.”

“Oha, gä? Net no über Eahna Frau herziang, gä? So vui konn i Eahna versprecha: De kimmt uns aa net aus. De hat iatz aba no a paar Johr, dass ihr evolutionäre Bestimmung eilöst.”

“Soll mi des etz beruhign?”

“Sie? Sie ham ab sofort andre Sorgn. Was hams gmacht, solangs net grad garbat ham? Gern a Gsetzl glesn, hab i recht?”

“Scho.”

“Als Lieblingsbiacher?”

“Och, des übliche. Moby-Dick, Alice im Wunderland, aber bloß mit die richtign Illus, vom Goethe die Werther-Leidn…”

“Genau des moan i. De ganzn Hirntratzer, wo mit Sicherheit nirgends gveglt werd.”

“Was Sie jetz dauernd ham mit dem Vegln.”

“Koa Angst, des hams hinter sich, is scho abghakt.”

“Musik war noch wichtig.”

“Den Tom Waits, wettn?”

“Ja, den. Fehlt mir leider die Stimm, dass i den selber sing.”

“Na, selber gschriem hams einige Liadl, siehg i grad.”

“Was man kann.”

“Den Tom Waits, den mog i aa. Hättns Eahna a Beispui an dem gnumma, der machts richtig. Do gfrei i mi scho, wann der zu uns kimmt.”

“Dem hams aa die Stimm mitgebm und des Hirnkastl.”

“Da verrat i Eahna was, weils für Sie scho wurscht is: Sie können heut alles im Lebm erreichen, Sie dürfens bloß net wollen oder gar versuchen.”

“I hab dacht, andersrum? Ma müsst bloß wolln, dann geht alles?”

“Ach, viel so Hollywoodfilme hams gwiss gern angschaut, gell? Sehngs, da dauert a oanziger neinzg Minutn Minimum. In der ganzn Zeit hättns besser feste gveglt. Des hams jetzt.”

Durch den anliegenden Saal der Glyptothek haben sich hallende Schritte von Badeschlappen genähert. Jetzt steht ein vollbärtiger Hippie in der gleichen Tracht wie Petrus neben dem Marmorschreibtisch.

“Grüß dich, mein Sohn”, sagt er zu mir, und dann zu Petrus: “Und, oider Wetterfrosch, wia kummstn heint rum? Kannst mit Mittag machen?”

“I hab no gar net gschaut, was gibtsn heit? Schüttlst du wieder deine fünftausnd Fischsemmln ausn Ärml?”

“Eh klar. TGIF!” Übermütig lässt der Hippie die Fingerknöchel krachen. Zwei runde, verheilende Wundmale auf den Handrücken.

“Ja, is recht. I verräum no gschwind die Seele do.”

“Der da?” Der Hippie mustert mich milde. “Au weh zwick. Wara bei die Freimaurer?”

“A woher. Nixn.”

“Aber dem Gsicht und dem Aufzug nach oversexed and underfucked, stimmts?”

“Jaja, aus Frankn.”

“Wohnhaft in München”, blöke ich dazwischen.

“München, München, München… Des in der Oberpfalz, wos die Brauerei ham wolltn? Da hättns fürn Baugrund…”

“Naa, des andere.”

“Dann is des doch des mit der Asamkirch neber dem kloana Buachladn mit die hübschn Buachhändlerinnen, oder? Des hams schee eigricht, meine Sterblichn, des mag i eigntlich. Naja, da samma gnädig, dass ma fertig wern.”

“Is Nammittog no was Wichtigs?”

“Ach ja: Der Senior moant, wir braucha langsam des Meeting fürs Weihnachtswetter. Da stehst du obligatorisch drin.”

“Hab i fast scho denkt. November is halt immer schwierig, und dann jedsmal glei des Weihnachtn hinterdrei.”

“Selig sind die Schifahrer.”

“Was mach ma jetz mit dem?”

“Ach mei, Fegefeuer bis zum nächstn Zeitalter halt, was meinst?”

“Ja, hab i aa gmoant, um den Dreh. Oder lass man glei zum übernächstn?”

Der Hippie überlegt. “Zu wem kaam er denn? Satan oder Luzifer?”

Petrus checkt in seinem Laptop: “Der Mephisto hätt grod wos frei, weil heit der Sokrates aufsteigt. Dem sein Plootz kannt er übernehma. Dass er net koit werd, haha.”

“Ui jegerl, der Mephisto, der macht den fertig, scho alloa rhetorisch. Der Bua war doch verheirat, oder?”

“Grad deswegn hab ich ja gmoant, zum übernächstn. Mit seiner ehelichn Pflicht schauts mau aus.”

“A geh weider, da is er gstraft gnua. Des hat der aa net aus lauter Bosheit gmacht. Und vielleicht hat er Germanistik studiert, vielleicht hat er nia koa Auto net besessn, vielleicht hat er an greislichn Orsch, vielleicht wor er a Blogger und a Brillnträger is er aa. Des muaß ma ois sehng.”

Petrus seufzt. “Oiso recht. Aber i nehm eahm net, wann er in zwoahunderttausnd Johr scho wieder dosteht und frohlocken wui. Dann nimmstn nämlich du.”

“Des passt scho. De wo beim Mephisto warn, des wern hinterher der angenehmste Umgang.” Und zu mir: “Wärst du damit einverstanden, mein Sohn?”

“Kann i was ändern?”

“Wahrlich, wahrlich. Na, mit der Einstellung wundert mi nix. Mir sprecha uns dann am Jüngstn Tog. Gehe hin in Frieden.”

Er segnet mich, es scheppert, und dann nehmen mich zwei krokodilsköpfige Legionäre mit rotglühenden Hellebarden in ihre Mitte.

Und Sie, wenn Sie jetzt glauben, es wäre ein Happy End, wenn ich jetzt aufwachte und es war alles nur ein Traum, dann haben Sie weder eine Ahnung vom Aufwachen noch vom Träumen.

(Soundtrack: Johnny Cash: I Corinthians 15:55 (King James Edition) (2003) (in Deutschland nicht zugelassenes Video, daher dürfen Sie dafür auch nicht Stealthy installieren, womit dieses wunderschöne Lied funktionieren würde), aus: American VI: Ain’t No Grave (2010).)

Thank you Jesus, thank you Lord! (And if you’re downright disgusted)

 

Update zu Machst du mir bis Donnerstag ein .mp3 mit allen Münchner Bushaltestellen?Iss deine Frühstückszerealien, Schatz :

Liebe Freunde, gerade habe ich http://j.mp/kuVmov gestartet. Gelobt sei Jesus Christus! Mein Gebet und mein Segen begleiten euch, B. XVI

Vatikan Nachrichten; ea sunt:
Vatikan-TV, Osservatore Romano, Päpstlicher Medienrat, Radio Vatikan, Pressesaal, Vatican.va, V.I.S., vulgo Benedictus PP. XVI per fluminem twitterorum, 28. Juni 2011.

Bewerbungsfoto on Joseph Ratzinger anläßlich seiner Berufung nach Tübingen Mitte der 60-er Jahre.Kaum 2000 Jahre jung und immer auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist: DerStellvertreter Gottes auf Erden benutzt die Stiftung seines treuen Dieners Konrad Adenauer als Agentur für Crowdsourcing. Und unsereins ist berufen, am 26. August vielleicht sogar auserwählt, so Gott will,Ghostwriter für den Papst zu werden.

Die Stelle dauert nicht in Ewigkeit, amen, sondern ist befristet bis 26. August 2011. Wir zitieren aus der Ausschreibung:

Wettbewerb: Ghostwriter für den Papst!

 

Ghostwriter gesucht!
Ein Wettbewerb zum Besuch von Papst Benedikt XVI in Deutschland

Wettbewerb bis zum 26. August 2011

Was könnte Papst Benedikt XVI im Deutschen Bundestag im September 2011 sagen? Versuchen Sie sich an einem Redeentwurf und beteiligen Sie sich an unserem Wettbewerb!

Vom 22. bis 25. September 2011 besucht Papst Benedikt XVI. Deutschland. Der erste offizielle Staatsbesuch seiner Heimat steht unter dem Motto „Wo Gott ist, da ist Zukunft“.

Im Rahmen seiner Deutschlandreise wird der Papst auch eine Rede im Deutschen Bundestag halten. Seit Wochen wird heftig über die Inhalte dieser Rede spekuliert. Wir möchten Ihnen die Gelegenheit bieten, sich selbst an einem Redevorschlag für Papst Benedikt XVI zu versuchen. Beteiligen Sie sich an unserem Ghostwriter-Wettbewerb!

Der Gewinnertext wird auf der Webseite der KAS veröffentlicht. Zudem erhält der Gewinner eine der wenigen Karten für die Teilnahme an der Papstrede im Deutschen Bundestag.

Teilnahmebedingungen

Gewertet werden nur Beiträge in Theologie, Form und Inhalt Papst Benedikt XVI entsprechen. Einen Anhalt für die Form kann die Rede des Papstes in Westminster Hall vom 17.09.2010 bieten; Max. Länge: 4-5 DinA4 Seiten, Schriftgröße 12, 1.5 Zeilenabstand;

Die Rede muss auf in deutscher Sprache eingereicht werden. [Sic.] […]

Jury

Die Auswahl wird von einer Jury bestehend aus den Mitarbeitern des KAS Auslandsbüros in Rom, Professoren der katholischen Theologie, Journalisten (Radio Vatikan & Osservatore Romano) sowie geistlichen Würdenträgern. Die Auswahl ist nicht anfechtbar.

Wir freuen uns sehr auf Ihren Beitrag!
Katja Christina Plate, Leiterin Auslandsbüro Rom der Konrad-Adenauer-Stiftung

 

Wie ich das verstehe, ist die Qualifikation: katholisch und deutsch. Und ich müsste meine Mutter fragen (solange sie sich noch an irgendwas erinnert), aber ich erinnere mich verschwommen an eine Ausbildung von vier oder sechs Semestern im katholischen Kindergarten (an mein Deutsch-Studium wollte Mutter sich noch nie erinnern). Bei der Bezahlung sollte das reichen: Die Naturalien, die als Bezahlung dienen, sind nicht im Verkauf, also ein Wert von genau null Euro.

Der ideelle Wert liegt wohl darin, dass die Kreativen das ja nachher für ihr Portfolio verwenden dürfen und deshalb hallelujamäßig dankbar sein müssen. Selber veröffentlichen sie's ja auch. Nutzungsrechte errechnen sich nämlich prozentual, und wie viele Prozent von null ergeben null? Na?

Derlei Briefings ist man als harter Texterknochen auch langsam gewohnt: Schreiben Sie einfach sowas wie letztes Jahr in Westminster Hall und reden wir nicht über den Preis.

Wo Gott ist, da ist Zukunft, genau darum geht's ja, und wo Sein Stellvertreter in seinem Ratzefummel umherwandelt, da hat er keine Zeit, schon vorher zu wissen, was er den Preußen erzählen soll. Der Mann hat Professortitel, oder…? Dann passt das schon: So als Papst ist der Papst ja kein umstrittener Religionsführer wie alle anderen, weil man ihm ja nicht seine Seele verkauft, sondern den Not leidenden öffentlichen Dienst unterstützt.

Karten, um die man sich bewerben muss, gibt's erst wieder für die anschließende Eucharistiefeier, 18.30 Uhr im Olympiastadion. Auch durch dieses Nadelöhr kommt man um Gotteslohn rein. (Ja verreck, in Berlin haben sie jetzt wohl auch schon ein Olympiastadion?)

Bewerbungsfoto:Tübinger Universitäts Nachrichten, 14. Juni 2005.

Soundtrack: The Rolling Stones: Far Away Eyes, aus: Some Girls, 1978:

 

Love Minus Zero

Der deutsche Tonsetzer Adrian Leverkühn ist am 23. Mai 1941 “aus tiefer Nacht in die tiefste gegangen”, welchen Ausdruck Thomas Mann durch seinen Erzähler des Doktor Faustus, den Dr. phil. Serenus Zeitblom, für Leverkühns Tod verleiht.

Tags darauf, den 24. Mai 1941, ist der amerikanische Tonsetzer Robert “Bob Dylan” Zimmermann geboren. So hat, ohne dass der erfindungsreiche Thomas Mann davon erfahren konnte, das Musikgenie der alten Zeit das Szepter an dasjenige der neuen Zeit fliegend überreicht: Adrian Leverkühn, den es nie gab, an Bob Dylan, den es noch lange geben soll. Ein vernachlässigter Umstand in der Berichterstattung über Dylans siebzigsten Geburtstag.

Man mag sich erinnern, worin Adran Leverkühns “tiefe Nacht” im diesseitigen Leben bestand: Um den Preis, vierundzwanzig Jahre lang zum allerfeinsten, genialsten und höchststehenden musikalischen Schaffen befähigt zu sein, verschreibt er seine Seele für alle Zeit, die darauf folgt, dem Teufel. In seiner “geheimen Handschrift”, die zum Fulminanstesten gehört, was nicht nur Thomas Mann je zusammengesponnen hat, liest sich der Kontrakt:

Er: “[…] Zeit hast du von uns genommen, geniale Zeit, hochtragende Zeit, volle vierundzwanzig Jahre ab dato recessi, die setzen wir dir zum Ziel. Sind die herum und vorübergelaufen, was nicht abzusehen, und ist so eine Zeit auch eine Ewigkeit, – so sollst du geholt sein. Herwiderumb wollen wir dir unterweilen in allem untertänig und gehorsam sein, und dir soll die Hölle frommen, wenn du nur absagst allen, die da leben, allem himmlischen Heer und allen Menschen, denn das muß sein.”

Ich (äußerst kalt angeweht): “Wie? Das ist neu. Was will die Klausel sagen?”

Er: “Absage will sie sagen. Was sonst? Denkst du, Eifersucht ist nur in den Höhen zu Hause und nicht auch in den Tiefen? Uns bist du, feine, erschaffene Creatur, versprochen und verlobt. Du darfst nicht lieben.”

usf. “Gut altdeutsch, ohn’ alle Bemäntelung und Gleisnerei” (a.a.O.) heißt das: Leverkühn durfte nur komponieren, niemals lieben. Das interessiert uns ehrfürchtige Lesejünger, weil von Leverkühn alles über seine fiktive Biographie, hingegen nichts von seinem musikalischen Schaffen auf uns gekommen. Bei Bob Dylan verhält es sich umgekehrt: Wir ehrfürchtigen Musikjünger besitzen alle seine Platten und wissen über sein Werden, Werben und Wandeln nur, was er uns wissen lässt. Beides ist gänzlich in der Ordnung.

Einige Jahrzehnte nach Leverkühns Ende und Dylans Anfängen verliebte sich in meine bescheidene Person ein Mädchen von hoher Schönheit und Intelligenz, das dem Prinzip der körperlichen Leidenschaft in ihrem Herzen einen großen und besonders kuschligen Raum gab. Sie konnte genau so küssen, wie Bob Dylan auf Don’t Think Twice, It’s All Right Mundharmonika spielt. Vielleicht hätte mich ausgerechnet dieses Lied von Anfang an misstrauisch stimmen sollen. Trotzdem verfügte sie damit über eine unter Mädchen jeglichen Alters vernachlässigte Fertigkeit.

Genau das unterscheidet die Musik Leverkühns von der Dylans: Die erstere muss ohne Liebe auskommen bis zu dem Grade, dass ihr Schaffender für einen Anflug wärmender Liebe, von liebender Wärme zur Hölle führe, sie ist ganz Hirn-Gespinst bis zu dem Grade, dass sie rein als theoretische Beschreibung existiert – nachzuvollziehen im XXII. Kapitel des Doktor Faustus –, letztere besteht nahezu aus Sinnlichkeit, subjektivem Empfinden, eben aus Liebe und jener Form des Hasses, die nicht das Gegenteil von Liebe, sondern ihr unmittelbarer Nachbar ist. Mit Dylan wäre kein teuflischer Pakt zu schließen wie mit Leverkühn. Das erklärt auch, wie Dylan trotz seiner unsäglich disharmonischen Gesänge immer wieder mit dem Götterliebling Orpheus verglichen werden kann: Der Mann scheint allem Vernehmen nach ein dauermürrischer Ranzbeutel zu sein, seine Musik jedoch entspringt der Motivation der Engel. Die Erkenntnis, die wir von Dylan erfahren, führt nicht zwingend über musikwissenschaftliche Bildung, sondern über die Resonanz im Trommel- und im Zwerchfell.

Ein weiteres Jahrzehnt später verliebte sich in meine schon weit weniger bescheiden gewordene Person ein großes Mädchen von noch viel höherer Schönheit und Intelligenz als die oben beschriebene. Ihr Kuss glich nicht dem Saugen und Blasen auf Dylans wildgewordener Mundharmonika, die er auf seinem eisernen Ständer spielt – bei welcher Wortwahl abermals die Nähe seiner Musik zur körperlichen Liebe auffällt –, vielmehr fühlten unsere Harmonien sich an wie die Gitarre auf Down the Highway. Das ist das vierte Lied auf Dylans Zweiter, der The Freewheelin’ Bob Dylan, die von ihrem Lieblingslied eröffnet wird, und somit in vielfacher Hin- und Rücksicht eine Steigerung davon.

Schon heute praktiziert Dylan mehr als doppelt so lange, wie dem Leverkühn teuflischerseits zugebilligt wurde: Seine erste Platte ist von 1961. Auf zirka 1917 wird Leverkühns oben zitierte “Handschrift” durch Thomas Mann datiert, die ihre absichtsvolle Antiquiertheit außer in der lutherischen Ausdrucksweise in der Beobachtung offenbart:

Er: “Gewiß doch! Wenn einer die gröbsten Mißverständnisse über sich, mehr noch aus Wahrheits-, denn aus Eigenliebe, richtigstellt, ist er ein Maulaufreißer. Ich werde mir von deiner ungnädigen Verschämtheit den Mund nicht stopfen lassen und weiß, daß du nur deine Affecten bei dir verdruckst und mir mit so viel Vergnügen zuhörst wie das Mägdlein dem Flüsterer in der Kirche… Nimm gleich einmal den Einfall, – was ihr so nennt, was ihr seit hundert oder zweihundert Jahren so nennt, – denn früher gabs die Kategorie ja gar nicht, so wenig wie musikalisches Eigentumsrecht und all das. […]”

Man erkennt ohne Vorkenntnis: Der Teufel sagt das. Eher der gewinnende Mephisto denn der schwefelstinkende bäurische Pferdefuß, sagt er dem Leverkühn aufs Haupt zu, wie er ohnehin so ungnädig verschämt und verdruckst zur Liebe unfähig sei, wessenthalb “dir denn auch die Hölle nichts wesentlich Neues, – nur das mehr oder weniger Gewohnte, und mit Stolz Gewohnte, zu bieten haben” werde.

Wie viel anders und, trotz seines mittlerweile zusammengeflossenen halben Jahrhunderts in aktiver Musik und Liebe, wie viel neuzeitlicher die Auffassung von Bob Dylan! Ungnädig und verdruckst wie nicht leicht einer, wacht er eifersüchtig über sein musikalisches Eigentumsrecht, was wir ihm als liebende “Affecte” zu seiner ureigenen Musik gutschreiben wollen.

Nun ist gerade Dylan berüchtigt dafür, keins seiner Lieder je ein zweites Mal genau so spielen wie ein vergangenes Mal. Und mit Verlaub: Einen Gitarrenlauf wie das virtuose Fingergewühl auf Down the Highway erschafft man weder mit der ptolemäischen Naturtönerey noch mit der wenige Jahrhunderte seit Bach zählenden chromatischen Wohltemperiertheit, und am wenigsten mit Zwölfton-Reihentechnik, sondern – sagen wir gut altdeutsch, ohn’ alle Bemäntelung und Gleisnerei, was Sie schon lange ahnen, mit einem modernen Wort: Das entsteht wie Sex.

Kaum jemals hat man Bob Dylan öffentlich lächeln gesehen, außer (1969 auf dem Cover zur Nashville Skyline und) 1973 in Pat Garrett and Billy the Kid, und da war er Schauspieler. Den Soundtrack dazu hat er nie auf Konzerten verwendet, das Knockin’ on Heaven’s Door daraus allenfalls nach seiner alten und immer neuen Weise bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Die CD davon und die Freewheeling war zu Zeiten unserer jungen Liebe der Soundtrack zu unseren stillsten Stunden. Sobald die Musik in ihrer technischen Wiedergabe verstummte, schufen wir Rhythmus und Harmonie selbst. Oft werden das Fingergewühl und die Resonanz im Zwerchfell hörbar. Es ist – und ich übertreibe mit keinem Wort – es ist – und damit sei der Höhepunkt meiner Unbescheidenheit für diesmal überschritten – es ist, sagte ich, ein Privileg, sich so zwischen Leverkühn und Dylan zu begeben und von meiner Frau zu lernen und mit ihr immer alte und immer neue Harmonien zu schaffen. Down the Highway mit all seinem virtuosen Fingergewühl, all seinem unsäglich disharmonischen Gesang, all seinem Saugen und Blasen auf dem – amorabile dictu – Ständer – es ist ein vernachlässigtes Lied.

Herrschaften, ich liebe diese Frau. Wahrscheinlich heißt es deswegen Gitarren-Lick.

Bob Dylan: Love Minus Zero/No Limit, aus: Bringing It All Back Home, 1965: Live-Video; Text.

Fachliteratur: Von meiner ab sofort wieder bescheidenen Person: Warum wir trotz allem Thomas Mann lieb haben; Adrian Leverkühns Krankheit; ferner ein Essay von Karl-Heinz Wollscheid: Personifikationen des Bösen. Hölle, Teufel und Dämonen in der Bibel und in der christlichen Tradition.

Das Gezänk der Weisen

But in a last word to the wise of these days let it be said that of all who give gifts these two were the wisest. Of all who give and receive gifts, such as they are wisest. Everywhere they are wisest. They are the magi.

O. Henry: The Gift of the Magi, 1906.

Heuer schenken wir uns nichts. Uns schenkt auch keiner was, und wer hat schon was zu verschenken. Heuer schmeißen wir lieber mal Sachen raus, die uns vom Wesentlichen abhalten. Als erstes sparen wir uns das Merchandising zum Thema Lebensvereinfachung, zumal ich den Thoreau vor Jahren für eine Mark (und nicht etwa einen Euro) auf dem Ramsch erwischt hab, von dem haben noch unsere Enkel was.

Gewinner der Weihnacht 2008 wird Moritz: Ich werde ihm endlich die Ecke freiräumen, die er für seine Janosch-Decke braucht und die bislang von meinem Plattenspieler belegt wird. “Auf modern machen und dann mit LPs hantieren”, mault Moritz, “ist auf deinen Myspace-Kapellen jetzt auch schon Abspielschutz drauf?”

“Katzen sind ja so gemütlich und romantisch”, maule ich zurück.

“Deine passiv-aggressive Argumentationsweise kannst du dir für deine Frau aufheben”, schließt Moritz ab und bestellt noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

Dass ich anno 1990 der letzte Mensch in Nordbayern war, der von LP auf CD umgestellt hat, zählt heute nicht mehr als Romantik und Loyalität zur wichtigen Musik, sondern als Rückständigkeit in geradezu selbstverletzerischem Ausmaß. Dabei hab ich es in all den Jahren nie geschafft, auch nur die Skirl o’Carson von meinen alten Nürnberger Lieblingsiren Carson Sage aufzutreiben: 1991 bei den Fürther Musical Tragedies in einmaliger Auflage von tausend Stück gepresst, nie als CD erschienen, schon auf den ersten paar Konzerten rettungslos vergriffen, während ich für die Uni gelernt hab. Das Leben besteht aus verpassten Gelegenheiten.

In der Nacht vor Heiligabend lagere ich meinen Technics-Turm an einem stillen Waldstück zwischen, an dem es nicht drauf ankommt. Mir blutete das Herz, wenn nicht so ein schneidendes Sauwetter wäre.

Am Heiligabend selbst sorge ich für die nötige Weihnachtsstimmung, indem ich ein paar Youtube-Videos mit Weihnachtsliedern bookmarke, damit ich sie nacheinander aufrufen kann. Schon praktisch: Die Spieldauer hält viel länger vor als eine LP, wenn man sie alle drei Minuten anklickt, die Sounddateien knacksen nicht und wiegen keine fünf Tonnen, die man vor und nach jedem Anhören abstauben muss. Wenn es kein DSL gäbe, die Hardcore-Romantiker unter uns müssten es erfinden. Moritzens neuer Schlafplatz mit seiner Janosch-Decke erstrahlt nicht gerade in weihnachtlichem Glanze, aber immerhin abgestaubt; Weihnachten ist ja die wenigste Zeit des Jahres.

Als Moritz die Zeit für die Weihnachtsbescherung geeignet hält, springt er mir mit allen vier Pfoten auf den Bauch und schiebt sich vors Buch. “Hier wird nicht auf urbane Konsumverweigerung gemacht”, schnarrt er, “es ist der Heilige Abend, die Nacht, in der Tiere Musik verstehen.”

“Sie verstehen Musik? Und das ist jedes Jahr?”

“Man könnte glauben, es ist dein erstes Weihnachten.”

“Nein, aber Musikverständnis ist mir bisher noch selten bei anderen Viechern außer mir aufgefallen.”

Moritz, unwillig zu wohlfeilen Sophistereien, lotst mich ins Bescherungszimmer. Dass er eigenmächtig Türen öffnen kann, hinter die er nicht soll, wusste ich. Auf meinem abgestaubten Janosch-Deckenplatz prangt groß und bunt: die Skirl o’Carson.

“Moritz, mein Moritz”, sag ich, “das ist der Platz für deine Decke!”

“Die Janosch-Decke? Vergiss die. Hab ich für deine Carson-Platte eingetauscht. Ein Blogkumpel war so freundlich, der hat die seit 1992 nie angehört und ist inzwischen sowieso eher im Alter für Jazz.”

“Du hast deine Janosch-Decke hergegeben?”

“Für dich, o mein Meister der Dosenöffner.”

“Und dich gar nicht gewundert, wo mein Plattenspieler hin ist?”

“Doch, schon irgendwie. Und was mich deine Renovierungsanfälle interessieren, ist dir bekannt.”

“Stellen wir die Platte halt jetzt schön vor die anderen. Ist ja ein schönes Bild drauf. Das können die wenigsten Youtubes ersetzen.”

“Und ich schlaf jetzt immer bei dir im Bett.”

“Halleluja.”

“Frohe Weihnachten, Meister.”

Es gab dann noch Brathendl mit Reis an Sahnesauce.

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An dem alten Tränendrüsentorpedo (sprechen Sie das mal auf Fränkisch aus…) “Das Geschenk der Weisen” hat mich dramaturgisch immer gestört, dass Della sich die Haare ohne weiteren Aufwand wieder wachsen lassen kann (“Es wird wieder wachsen — du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell.“), aber Jim seine goldene Uhr nicht.

Bitte nichts Selbstgemachtes und keine Aktien. Am sichersten sind Überweisungen. Unter unserer bekannten Münchner Adresse werden Geschenkgutscheine und Bargeld entgegengenommen. Am besten in großen Scheinen, das spart Porto.

xkcd, Theft of the Magi, December 2008

Bild: Randall Munroe: Theft of the Magi, Dezember 2008.

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