Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Absage.doc II . Anmerkungen zum erhaltenen Briefing zum Corporate-Redesign einer Meta-Plattform

Sehr geehrte Frau xxx und an
alle Mitglieder der Jury,
 
erlauben Sie uns vier Anmerkungen:
 
1. Es fehlt das geistige
Dachmarkenkonzept, bevor mit Design losgelegt wird.
 
So aber kann nie ein sauberes Design entstehen, das
den Wirrwarr der Scout-Plattformen klar verbindet, gleichzeitig die zarten
Untermarken-Unterschiede herausarbeitet (Farbleitlinien?) und dennoch klar als
EINE Dachmarke arbeitet.
 
 
2. Bildmarke
 
a)  Allgemein-rechtliche Probleme der
Bildmarke.
 
Wenn Sie Pech haben, passiert Ihnen das,
was der großen Internetplattform Mr. Wong mit ihrem runden, gedrungenen,
klischeehaft feist-listig-grinsenden Chinesenkopf als Bildmarke
passiert ist: Die Internetplattform Mr. Wong bekam eine Abmahnung/Klage
und musste das Logo entfernen. Begründung: Rassismus.
Der Chinesenkopf musste weg, er stellt eine rassistische Beleidigung aller
Chinesen dar. Sie mussten tatsächlich ein neues Logo erstellen lassen. Wenn Sie
Markenrechts – Internet- und UWG-Anwälte in Ihren Plattformreihen haben, lassen
Sie das bitte vorher prüfen, bevor Sie einen Wettbewerb aufrufen, der so ein
düsteres Hakennasen -Logo implementiert und stilistisch vom Design
darauf aufbaut. Sonst fangen Sie wieder ganz von vorne an.
 
b) Grafisch-werbliche Tonality der
Bildmarke
 
Der Indianerkopf geht grafisch-werblich gar
nicht: Er hat eine strenge, unfreundliche Miene. Er guckt nicht einmal im
Ansatz spähend
, sondern böse – und hat noch dazu wie gesagt eine
diskriminierend-deutliche Hakennase, wie in der Judendarstellung des
III.Reiches. Letzteres zieht mit ziemlicher Sicherheit
Rassismus-Vorwürfe
nach sich). Das passt
nicht zu einer Plattform, die modern, einladend wirken und mehr Besucher
anziehen will. Streng, unfreundlich geht eh nie und diskriminierend geht gar
nicht.
 
Daraus ergeben sich ebenfalls Probleme für
die gewünschte freundliche Farbgebung:
 
So mit dieser unfreundlichen Strenge und
mit dieser ungeschickten strengen Farbkombination, die aber stilistische Vorgabe
für die Farben sind, die von uns verwendet werden dürfen – dieses
Dunkelblau und dieses dark gold SIND in dieser Zusammensetzung nicht freundlich
–  bekommen Sie niemals eine freundliche, lockere und vor
allem schicke Optik mit freundlichen Farben und viel Weiß wie XING (plus helles
Grün) oder Mymuesli (freundliche warme Farben) [im Briefing des Wettbewerbs wurde die Anmutung wie XING, mymuesli als bevorzugt/gewünscht eingestuft, d. S.]. Das kann ich jetzt schon
beurteilen, das sehe ich klar vor mir. Freundliche Farbkombinationen und
Farbwelten im Corporatebereich gehen deutlich anders wie in Ihrem derzeitigen
Logo.
 
3. Briefing
 
Das gesamte Briefing müsste vor Beginn der Arbeiten
überarbeitet und von der Agentur in einem sauberen und aufwändigen Creative
Re-Brief neu dargestellt und abgestimmt werden. Grund: Es ist – so wie es
derzeit ist –  von einer seriösen, markentechnisch und corporate-design- und
joborientierten Agentur nicht ausführbar, da es keine klare Arbeitsgrundlage
darstellt.
 
Nur ein Beispiel, es gibt noch mehrere: "Die
Conversionsrate soll durch ein neues Design erhöht werden".
Kein noch so
schickes, neues Design dieser Welt kann eine Conversionsrate erhöhen. Dieser
Punkt geht gar nicht. Bitte halten Sie Rücksprache mit einem erfahrenen
SEO-Fachmann und Online-Marketer Ihrer Wahl. Aber selbst ein Diplom-Designer,
der in der echten Welt weilt und in der Online-Welt auf dem laufenden ist, weiß
das.
 
 
4. Teilnahmebedingungen
 
Nicht nur ein (wie oft zu großes) Gremium stimmt
ab. Das ist eine bekannte Schwierigkeit für eine präsentierende Agentur, vor
allem, wenn man nicht persönlich präsentieren kann, sondern nur online, und
dadurch kaum persönliche Überzeugungsarbeit auf Augenhöhe leisten kann, die hier
dringend nötig wäre.
 
Sondern dazu soll es zusätzlich noch eine
Online-Abstimmung geben. Die Online-Abstimmung ist aber fachlich so fair und
ungefähr so zielführend für Ihr Anliegen, eine wirklich gute Meta-Plattform zu
bekommen wie "Deutschland sucht den Superstar". Keine
Corporate-Design-Agentur, die auf sich hält, läßt ihre durchdachte Arbeit, die
sie per Brief und Re-Brief geleistet hat, fachlich öffentlich-Online beurteilen
von Menschen, die weder das Briefing, noch irgendein Re-Brief kennen und gesehen
haben (sich vermutlich auch nicht die Mühe machen würden, sich das alles
durchzulesen und zu verinnerlichen), dazu einen Scout-Fährtenleser nicht von
einem Indianer auf Kriegspfad unterscheiden können aber bereits vorher schon
einen festen Zettel in der Hand haben, wen sie mit viel Traffic und
Aufmerksamkeit zum Favoriten küren sollen (Seilschaft- und
Verbandelungsfaktoren). So wird das sein.
 
 
Ich möchte daher mit meiner Agentur die
Teilnahme an diesem Wettbewerb, wie er derzeit inhaltlich und von den
Bedingungen her ist, höflich absagen. Vor allem wg. Punkt 4.
 
Es tut mir
leid.
Vielleicht
überdenken Sie Ihren Wettbewerb und Ihr Briefing, und lassen sich besser für
eine Briefing-Erstellung an Agenturen kompetent beraten.
 
Nur dann bin ich
wieder mit dabei.
 
Mit freundlichen Grüßen,
die Vroni Gräbel
 
the missing link
Designbüro für bessere
Kommunikation

_______________________________________________________________________________
Nachtrag/Update:
So sieht das (in meinen Augen) ungünstige Logo aus

Logo_indianer_rgb

2 Kommentare

  1. Tina

    Uiuiui, das klingt nach Mission Impossible XVII!
    Da kann man fast so gut auf einem My-Hammer-Briefing arbeiten:
    “Wir sind ein im Jahre 2007 gegründetes junges Unternehmen und suchen aus Expansionsgründen ein neues professionelles und einprägsames Firmenlogo das zu unserem Tätigkeitsfeld “Vermittlung professioneller Businesskontakte” und “Content Management” passt.
    Erstellt werden soll ein Firmenlogo das sich verlustfrei verkleinern und vergrößern lässt, da es sowohl auf Rechnungen, Visitenkarten, etc. als auch für die Internetpräsents verwendet wird. Die Lieferung erfolgt per eMail in einem gängingen Format (bmp, jpg, gif, etc.). Da es sich um ein professionelles Firmenlogo handelt sollen weder fertige Cliparts noch Zeichnungen verwendet werden.
    Der Auftragnehmer erbringt vorab drei Vorschläge, davon ist eines bis zur Zufriedenheit zu ändern. Im Auktionspreis sind alle Kosten enthalten.
    Mit Rechnungsausstellung ist schriftlich zu versichern das keine Rechte Dritter verletzt werden sowie das alle Rechte an den Auftraggeber übergehen. Bezahlung erfolgt umgehend nach Lieferung.”
    Für 25 Euro Höchspreisvorstellung, übrigens.
    Und immer wieder die Frage: Warum ist ein Konzept kein Tralala?

  2. Vroni

    Nein, nicht my-hammer, sondern ganz normaler mittelständischer Wahnsinn.
    Die Plattform ist, anders als my-hammer, seriös – die Aufgabenstellung war, ein Frontend-Design online zu schaffen, das verbindlich für alle Unterplattformen sein soll, ich bin dort explizit zum Wettbewerb eingeladen worden. Es tummeln sich dort Zahnwälte, Steuerberater, Architekten und KEINE notleidenden Billighandwerker. Das sollte uns zu denken geben.
    Es ist auch etwas^^ mehr Honorar angeboten als das klassische my-hammer-Honorar :-), so mancher Designer würde sich danach leckern. Doch was mir gar nicht gefällt, ist der Modus der Online-Abstimmung (nach!) einer immer schon schwierigen Gremiumsabstimmung: so eine Online-Abstimmung, wie in den mir vorliegenden Teilnahmebedingungen des Metaplattform-Auftraggebers vorgeschrieben, kann so wie sie im Papier beschrieben ist, theoretisch technisch ganz schön manipuliert werden; wie dem Abhilfe geschaffen werden soll, wird jedoch vom Auftraggeber nicht erklärt.
    Auf solche Teilnahmebedingungen sollte man sich jedenfalls nicht einlassen, wenn so eine Online-Abstimmung intern auf der Plattform stattfindet, auf der sich auch noch die ebenfalls am Wettbewerb teilnehmenden Agenturen/Designer aufhalten, weil sie halt ebenfalls Mitglieder dieser Plattform sind. Nachtigall, ick hör dir…
    Logisch, oder?
    _____________________________________________
    Warum bei sowas ein Dach(marken)konzept gern vergessen wird?
    Weil es immer vergessen wird. Habe ich genauso erlebt, als ich noch als Angestellte für große Kunden gearbeitet habe. Der Unterschied zwischen dem, was manch große Kunden für Briefings abliefern und zwischen dem, was kleine und mittelständische Kunden abliefern, ist gar nicht so groß, wie man meinen könnte…
    ___________________Ich will jedoch gar nicht so defizitorientiert denken. Man kann mit Reden, Überzeugen, guten Re-Briefs sehr viel erreichen. Ein Re-Brief, wenn es fundiert sein soll, enthält jedoch viel Arbeit, Analyse und gleichzeitig bereits kreative Ansätze/Konzepte. Mach ich alles. Aber in einem Wettbewerb, wo man das Re-Brief nicht persönlich präsentieren und damit überzeugen kann, sind einem die Hände gebunden: Kein müdes Borstentier im Gremium (erst Recht nicht später dann in der suboptimalen Online-Abstimmung) wird das Re-Brief lesen.
    Verstehen auf dem spröden Papier noch weniger. Hat mit aktiver Kommunikation zu tun: Weil es eben innovative Gedankengänge sind, die aufmerksames aktives Zuhören und Nachfragemöglichkeit von Seiten des Publikums brauchen und vom Präsenter lebendig vorgetragen werden sollten. Wenn das nicht gewährleistet ist, und das ist es bei reinem Online-Verschicken und passivem Empfangen, kann man trotz der vielen Arbeit und Mühe eigentlich gleich wieder einpacken. Useless as a chocolate-teapot.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Freitag! Logbuch

Theme von Anders NorénHoch ↑