Waun’st Vertraun host in di selber, daun brauchst ka Versicherung, weu wann du wĂŒst, bleibst immer jung.
Wolfgang Ambros: FĂŒr immer jung, 1983.
Dass einem das auch mal auffĂ€llt: Wir verfĂŒgen ĂŒber zwei Haftpflichtversicherungen.
Ăber ein Jahrzehnt lang ist das unbemerkt geblieben, weil die einen immer am Jahresanfang abbuchen, wenn man froh ist, dass von den Ăberresten der Weihnachtsausgaben ĂŒberhaupt noch ein paar Kröten fĂŒr Wasser und Brot ĂŒbrig sind, und die anderen um die Jahresmitte, wenn man mit keinen jĂ€hrlich fĂ€lligen Abbuchungen mehr rechnet.
Cool. HeiĂt das jetzt, dass ich meine Schadensmeldungen immer gleich bei zwei Haftpflichtversicherungen einreichen kann, und ich krieg sie dann doppelt ersetzt? AuĂer mit den zwei Versicherungen sind wir ja auch mit zwei lebenslustigen, sprungkrĂ€ftigen Katern mit scharfen Krallen und einer laxen Einstellung zu Eigentumsfragen gesegnet, da ist so ein Schadensfall ruckzuck eingetreten.
Die Kater sollen sowieso mehr raus. Ein kurzer Ausflug mit einem Kater und einem Laserpointer in die Glas- und Porzellanabteilung vom Kustermann, und wir sind gemachte Leute.
meine junge tochter fragt mich griechisch lernen wozu sym-pathein sage ich eine menschliche fÀhigkeit die tieren und maschinen abgeht lerne konjugieren noch ist griechisch nicht verboten
Wer egal was fĂŒr eine Sprache studiert hat, ist Kummer gewohnt — vor allem die stĂ€ndige Verteidigungshaltung gegen den Vorwurf, was man denn jetzt wolle mit seinem Abschluss in Lesen und Schreiben, weil man sich von einem unfallfrei gelesenen Goetheband keinen Schweinsbraten runterschneiden kann.
Kurioserweise trifft dergleichen immer nur Geisteswissenschaftler. Dabei musste ich bisher weder lĂŒckenlos einen der inkriminierten, offenbar schwer volks- und wirtschaftsschĂ€dlichen GoethebĂ€nde lesen, schon gar nicht unfallfrei, andererseits ist mir kein Fall eines Naturwissenschaftlers bekannt, der jemals auĂerhalb seines Bildungsbetriebs eine Kurve diskutieren musste. Und hat ihn schon mal ein Linguist deswegen angemault?
Zur wirklich schwĂ€rzesten, unredlichsten Rhetorik zĂ€hlt der Kniff, eine valide Aussage als beweiskrĂ€ftige Tatsache ins Feld zu fĂŒhren, gegen die dann widersprochen werden muss, wodurch sich der Gegner zwingend zum Wahrheitsleugner macht; Schopenhauer hĂ€tte sich die HĂ€nde gerieben. Nein, natĂŒrlich pflege ich meinen Schweinsbraten nicht von sinnlosen GoethebĂ€nden abzuschneiden; nein, natĂŒrlich können nicht “alle” sechseinhalb Milliarden Erdbewohner, denen es schlechter als “uns” geht, “zu uns” dahergeflĂŒchtet kommen, und nein, natĂŒrlich ist “Griechisch nicht verboten” (cit. Sölle, D., 1978, siehe oben). Die Frage ist immer, was mit der Aufmerksamkeit auf solchen Binsen bezweckt werden soll.
Und jetzt beobachtet Susanne Gaschke in der Welt vom 16. August 2016 unter Lernt Altgriechisch!:
Jetzt aber bewegt sich die Welle weiter. Politiker sind böse, ja, klar; Journalisten lĂŒgen, auch klar; die neuesten VerdĂ€chtigen sind: Akademiker im Allgemeinen. Ein Teil des Brexit hatte nichts mit der EU zu tun, sondern war eine GruĂbotschaft an die “Eliten”. Schandbar von dem Eton- und Oxford-Boy Boris Johnson, dabei mitgemacht zu haben! Man hat auch nicht gehört, dass Donald Trump den Intellektuellen besonders freundlich gesonnen wĂ€re. Und deutsche Pegida- und AfD-artige Onlinekommentare sprechen eine deutliche Sprache: Kunsthistoriker, Germanisten und andere Geisteswissenschaftler liegen dem Volk auf der Tasche!
Ach Leute. Ja, ich hab Germanistik. Und ich arbeite gegen Lohn, seit mir ein gefĂŒhlloser Mensch vom Hersbrucker Finanzamt mit 16 Jahren ungebeten meine erste Lohnsteuerkarte mit der Post geschickt hat. BAföG hab ich nie bezogen. Meine Eltern haben mich ĂŒber Zeit bei sich in ihrer nachmaligen Abstellkammer hausen lassen, damit sie mich nicht noch anderweitig unterstĂŒtzen mussten, das war’s mit dem Auf-der-Tasche-Liegen.
Und jetzt mal andersrum: Am Lagerfeuer waren es doch immer die BWL- und Jura-Kandidaten, die sich zu schade waren, sich die Fingerchen an Gitarrensaiten zu ruinieren und ihre wertvolle Freizeit mit dem Auswendiglernen von Bob-Dylan-Liedern (Text und Akkorde) zu verschwenden, geschweige denn jemals den Versuch zu unternehmen, selber ein Lied zu schreiben. Heute sind genau BWL und Jura — und Bauhilfsarbeiten — die Inhalte, die ich neben meiner germanistischen Ausbildung fĂŒr den tĂ€glichen Gebrauch von selber draufhaben muss. Wer liegt jetzt wem auf der Tasche, ihr Volk?
Einigen wir uns darauf, dass ihr ĂŒber “operatives GeschĂ€ft” schwallen dĂŒrft, sobald da einer arbeitet, und ich ĂŒber “Distichen”, wenn genug Daktylen zusammenkommen, ja? “Und das Liebste mag’s uns scheinen / So wie andern Völkern ihr’s.” — ebenfalls “frei nach Brecht” (cit. Sölle, D., 1978, siehe oben) — und dass keiner davon gescheiter wird, Entschuldigung: Kompetenzen erwirbt, indem er einfach nichts lernt.
Wer als hoffnungsloser Katzenidiot (ich) seinen Katzen Bananen-Bandanas kauft (weil sie in einer Bananenkiste vor die TĂŒre gelegt wurden âŠ), kauft seinem Mann auch das:
Und seinem Kunden das da âŠÂ oder umgekehrt ⊠flickr.com
(Eulen)Rassel; Baby; Kleinkind; Spielzeug.
Und das âŠÂ der Hahn auf dem Mist ⊠fĂŒr Gockel egal welchen Alters ⊠etsy.com
Wer als Werbeagentur oder Designagentur oder freier Grafikdesigner aus BonnMĂŒnchen oder Hamburg – also bundesweit – diese oder letzte Woche im heurigen August Anfragen fĂŒr konkrete Angebote und entsprechende Dienstleistungen bekommen hat oder soeben bekommt von einem GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Ledexchange und einer gewissen GFM-Gruppe fĂŒr: Komplettpakete Logo, Flyer, Webauftritt / Webdesign, und dem erzĂ€hlt wurde, ein Finanzinvestor hĂ€tte ihn als GeschĂ€ftsfĂŒhrer vor die TĂŒr gesetzt und sein Lebenswerk zerrupft, der möchte sich bitte bei mir ĂŒber E-Mail oder Telefon melden (Daten hier in “Ăber …” oben in der Navigation). Stichwort VerfĂŒgungsverbot und § (Paragraph) 133 der Insolvenzordnung.
Der trĂ»ric man nam urloup balde alsus: ir liehten vel, diu slehten, kĂŽmen nĂąher, swie der tac erschein. weindiu ougen — sĂŒezer vrouwen kus! sus kunden sĂź dĂŽ vlehten ir munde, ir bruste, ir arme, ir blankiu bein. Swelch schiltaer entwurfe daz, geselleclĂźche als si lĂągen, des waere ouch dem genuoc.ir beider liebe doch vil sorgen truoc, si pflĂągen minne Ăąn allen haz.
——— Ăbersetzung von Peter Wapnewski fĂŒr Des Minnesangs FrĂŒhling, 1935:
Der betrĂŒbte Mann verabschiedete sich entschlossen, und zwar so: Ihre hellen und glatten Körper kamen zueinander, obwohl der Tag herankam. Weinende Augen, um so sĂŒĂer der Kuss der Herrin! So konnten sie sich ineinander verflechten mit Mund, Brust, Armen und bloĂen Beinen: Wenn ein Maler das darstellen wollte, wie sie vereinigt dalagen, das wĂ€re zu schwierig fĂŒr ihn. Ihre Liebe war zwar von Sorgen beschwert, dennoch liebten sie sich ohne jede EinschrĂ€nkung.
Das Beste vom Tag ist ja, wenn er noch nicht richtig anfangen will. Das Achtel des Tages, zu dem unsere teutschen Vorfahren zur Gattung des Tageliedes anhuben, und das bei unseren anglophonen Zeitgenossen tiny wee hours heiĂt. Zwischen 4 und 7 Uhr frĂŒh wach sein, egal ob noch oder schon, das muss man sich verdienen.
Irgendwas wird sich Gustav Gsaenger bei seinem Neubau ab 1953 schon gedacht haben, dass er seine MatthĂ€uskirche so nah an die Bushaltestelle Sendlinger-Tor-Platz gebaut hat; fragen kann man ihn (1900–1989) leider nicht mehr.
“Es ist sechse in der FrĂŒh”, wie Ringsgwandl sagt, die Ersten mĂŒssen zur Arbeit, die letzten kommen von der Nachtschicht, und von denen wieder manche von einer, auf der sie Geld verdienen, die anderen, auf der sie welches ausgeben. Zwei solche stehen zwischen der Bushaltestelle und dem freiliegenden Treppenaufgang zum Turm der MatthĂ€uskirche und finden noch nicht heim.
Ihr Abschiedskuss zieht sich schon seit dem letzten Bus hin, der mir vor der Nase weggefahren ist und um diese Uhrzeit noch zwanzigminĂŒtlich verkehrt. Offenbar können sie sich nicht entscheiden, ob sie zu ihm oder zu ihr sollen. Nach einem verstohlenen Rundblick schleichen sie sich auf die Treppe zum Turm, ohne ihren Kuss so lange zu unterbrechen, dass sie einen neuen anfangen mĂŒssten. Langsam sammeln sich FahrgĂ€ste fĂŒr den nĂ€chsten Bus und schauen zu. Um diese Zeit soll man sich ĂŒber gar nichts wundern.
Die zwei sind jung. Kaum volljĂ€hrig, wahrscheinlich warten alle vier Eltern schon seit gestern Abend, 22 Uhr auf sie. Der Junge setzt sich auf eine Treppenstufe in halber Höhe, das MĂ€dchen setzt sich ihm breitbeinig frontal gegenĂŒber auf den SchoĂ und ruckelt sich zurecht. ZĂŒgig umhalst und umschlungen: So lĂ€sst sich gut weiterkĂŒssen. Der nĂ€chste Bus hat wohl VerspĂ€tung.
“Um die Zeit kommt der Bus eh, wann er will”, spricht mich ein Seehundsbart im Jeansanzug neben mir an, eine frische Zigarette im Mund. “Die zwei da drĂŒben machen’s richtig.”
Recht hat er. Das MĂ€dchen trĂ€gt Parka mit Pelzrand unten und an der Kapuze, darĂŒber langes Blondhaar, und rutscht mit dem Hintern immer nĂ€her an den Jungen, bis es nicht mehr geht. Die HĂ€nde hat er inzwischen wohl unter ihrer Bluse, oder was junge MĂ€dchen immer unter ihren Parkas tragen. Jetzt flĂŒstern sie sich etwas in die Ohren. Einverstanden: Sie schwingt ihr Bein von seinem SchoĂ, sie stehen auf, nebeneinander auf die Treppe.
Als nĂ€chstes lösen beide ihren GĂŒrtel und knöpfen sich die Hosen auf. Weil man Hosen nicht ĂŒber die Schuhe ausziehen kann, nimmt zuerst das MĂ€dchen die Hand des Jungen, damit sie nicht die Stufen hinunterkullert, und zieht sich mit der anderen einen Schuh nach dem anderen von den FĂŒĂen und stellt das Paar sorgfĂ€ltig neben sich. Putzige kleine MĂ€dchenturnschuhe. Jetzt er. Seine enormen Hiphopperstiefel schafft er kaum einhĂ€ndig. Jetzt wieder sie: Ein Griff links, ein Griff rechts, und sie hat ihre Söckchen in der Hand und stopft sie in eins ihrer TurnschĂŒhchen. Dann wieder er: Ein Griff links, ein Griff rechts, die Socken in den Schuhen versenkt, und sie tapsen barfuĂ auf den Steinstufen umher.
Leider mĂŒssen sie kurz die HĂ€nde voneinander lassen, um sich die Hosen auszuziehen. Sie stellt sich vor ihn, damit wir nicht zuviel von ihnen lernen können. Von hier aus erkennt man nur: respektable GröĂe, weil er noch jung ist, immerhin freistehend und lang genug fĂŒr eine AufwĂ€rtsbiegung. Sie lĂ€sst ihre MĂ€dchenjeans sorgfĂ€ltig ĂŒber ihr Turnschuharrangement hinflieĂen. Er breitet seine Cargohosen oben drauf. Dann die Hauptsache: ein duftig winziger, geblĂŒmter MĂ€dchenschlĂŒpfer schwebt auf den Haufen. Er schmeiĂt seine Unterhose drĂŒber. Wer immer auf dem Sendlinger-Tor-Platz es wissen will, erfĂ€hrt jetzt: Das MĂ€dchen ist im Schritt rasiert — oder ist die wirklich so jung?
Kurze, fröhliche MĂ€dchenbeinchen neben stachligen Jungsstelzen. Sie wenden sich wieder einander zu, umfangen einander in einer flieĂenden Bewegung und sinken dahin auf die Steinstufen. Der Seehundsbart raucht wahrscheinlich schon die ĂŒbernĂ€chste, ein paar Meter steht offenmĂŒndig eine Frau und schĂŒttelt sehr langsam den Kopf.
Der Junge nimmt seinen Platz auf der Treppenstufe wieder ein, sie stellt den linken BarfuĂ neben ihn, schwingt das rechte Knie noch breitbeiniger als vorhin ĂŒber ihn und senkt sich ganz langsam ĂŒber seinen SchoĂ. Bei der TurnĂŒbung blitzt ihr milchweiĂer, doppelt runder MĂ€dchenhintern unterm Parka hervor. Sie muss sich öfter hinsetzen. Noch einmal. Und nochmal, diesmal nĂ€her. Und jetzt aber richtig. Und wieder. Und dabei immer schön kĂŒssen.
“Und ich hab geglaubt, ich wĂ€r schon aufgewacht”, sagt der Seehundsbart fassungslos.
Der Junge hat lange, spillerige Zehen und knochige Knie, mit denen er ihr durch Ăffnen und SchlieĂen biem hĂ€ufigen Hinsetzen hilft, die HĂ€nde hat er mal in ihren Haaren, mal an ihrem Hintern, meistens aber unter ihrem Parka. Sie hat eine Hand um ihn geschlungen, die andere in ihrem Schritt, und nimmt mit dem Hintern immer gelĂ€ufiger eine geĂŒbte Wellenbewegung auf.
Nur ganz kurz gibt der untere Pelzrand ab und zu den typischen Pornoblick frei: StĂ€nder in Aktion zwischen MĂ€dchenhinterbacken; sie bleckt wie zum Spott die FuĂsohle am knienden Bein in Richtung ihrer Zuschauer. Ihre Zehe Nummer 2 ist lĂ€nger als die groĂe, erkenne ich von unten: eigentlich viel zu lange und schmale FĂŒĂe, irgendwie zu erwachsen fĂŒr so ein Mausi. Ich wĂŒrde ja gern auch ihre Gesichter beobachten, aber die haben sie zusammengeklebt.
“Sieht gar nicht mal so unbequem aus, wie sie’s machen”, sag ich zu dem Seehundsbart.
“Kein Wunder”, sagt er, “morgen probier ich das auch mal mit so einer jungen HĂŒbschen.”
Von hinten fĂ€hrt der Bus ein. Der Fahrer stellt den Motor ab, lĂ€sst die TĂŒren aufzischen, steigt aus, kramt in drei Jackentaschen nach Zigaretten, angelt eine heraus, schĂŒrt sie sich an und erfasst ungerĂŒhrt die Situation auf der Kirchturmtreppe.
“Ja verreck”, brummelt er und raucht. Die eingetroffenen drei FahrgĂ€ste steigen in den Bus, alle auf die Fensterseite zur Kirche hin.
Dann fasst der Busfahrer einen Entschluss. Er geht auf die Treppe mit den TurteltĂ€ubchen zu, stellt sich beamtig auf und fĂ€ngt an, gedĂ€mpft in die Morgenluft zu schimpfen. Ich meine ungefĂ€hr zu verstehen: “Wenn ihr zwei Hallodri net sofort eiern nackerten Arsch in die Hosen nei verstauts, dann raucht’s aber da. I werd eich glei helfen von wegn da umanandervegln am MontagfrĂŒh in der Kirch.”
Sie dreht ihm ihr zweifellos hitzig kirschenrotes Gesicht zu und sagt: “Wieso, Herr Oberförster? Erregen wir wohl Ihr öffentliches Ărgernis?” Dem Jungen, solang er alle HĂ€nde voller Brust hat, fĂ€llt nur ein: “Ist doch evangelisch, die Kirche.”
Nicht schlecht fĂŒr ihr Alter. Das wollte sie schon immer mal sagen, die machen das also öfter. Der Busfahrer hat wĂ€hrend seiner Amtshandlung fertiggeraucht, stampft vor den zweien seine Kippe aus und strebt wieder auf seinen Bus zu, den Fahrplan einhalten. “Ihr habts mi scho verstanden.”
Auf einmal sitzt ein rotes Eichkatzel mit einem hellbraunen BĂŒschel Nistmaterial im Maul unter der Treppe und spĂ€ht auf das ungewohnte Treiben hinauf. “Ui jegerl, ui jegerl, ui jegerl”, höre ich es keckern, womit es auf den nahen Baum mit den Eichhörnchenkobel hinaufwieselt, “ist denn schon wieder Paarungszeit?” Akkurat festlegen will ich mich da aber nicht.
NatĂŒrlich haben die zwei nicht aufgehört, sondern vielmehr zu einem Endspurt angesetzt: Das MĂ€dchen hoppelt beneidenswert hĂŒftgelenkig auf ihr Ziel zu, und weil schon alles egal ist, stöhnt sie jetzt sogar. Durch die sich schlieĂenden TĂŒren hören wir eine Art LöwenbrĂŒllen von der Kirche her, das war der Junge. Er hat den Kopf ins Genick gekippt, und sie hĂ€lt sich mit dem FuĂ hinter seinem Hals eingehakt. Dazu hat sie sich auf seinem SchoĂ so weit zurĂŒckgebogen, dass man ihr Gesicht voll erkennt. Ihre Haare baumeln ĂŒber seine FĂŒĂe, ihre Beine lagern auf seinen Schultern und pumpen vor und zurĂŒck. Der Busfahrer lĂ€sst den Motor an. Die Bluse — tatsĂ€chlich ein Hemd GröĂe S mit Knöpfen — ist dem MĂ€dchen weitgehend ĂŒber die BrĂŒste gerutscht, er schiebt sie ihr beidhĂ€ndig noch höher. Sie hat die Augen zu und den Mund weit offen. Beider Gesichter sind hektisch rot, und unsereins macht am MontagfrĂŒh nicht mal seine zehn LiegestĂŒtzen am Fenster. Der Bus fĂ€hrt ab.
Hinter uns kommen schon die ersten an die Haltestelle, die unseren Bus verpasst haben. “Da hat sie jetzt zwei rote und zwei weiĂe Backen”, sag ich zum Seehundsbart.
“NĂ€chster Halt MaistraĂe”, sagt der Busfahrer.
Mir passiert das eh andauernd, dass die Leute feste vor mir rumbumsen, egal ob im Nachbarschlafsack nach dem Feiern, im Zeitschriftenarchiv von der Stabi, Buchstabe O bis Q, oder bei gleiĂendem Sonnenschein hinterm Wittelsbacherbrunnen; ich weiĂ auch nicht, was die da alle dran finden. Den Spannervorwurf muss ich deshalb von mir weisen, bevor er erhoben wird.
Bild: Heinz Theuerkauf: St. MatthĂ€us, 17. April 2012, gut sichtbar der Treppenaufgang zum Kirchturm; Soundtrack: Ringsgwandl: Sechse in der FrĂŒh, aus: Vogelwild, 1992:
Seit 16 Jahren sind wir jetzt in dieser Wohnung, die Fensterrahmen wahscheinlich schon seit 160.
“Wann bauen wir neue Fenster ein?” fragt Vroni.
“Was fĂŒr Fenster?” frag ich.
“Neue”, sagt sie, “aber alte. Hölzerne. Mit den Leisten im rechten Winkel aufeinander, nicht den Erdölschrott auf 45 Grad.”
FachmĂ€nnisch untersuche ich die Fensterrahmen in ihrer Beziehung zum Mauerwerk (Germanisten können alles) und trete vor Vroni, um mein Resultat zu verkĂŒnden.
“Geht nicht,” sag ich.
“Gibt’s nicht”, sagt sie.
Fortan mailt sie mir in stĂŒndlichen AbstĂ€nden MĂŒnchner Angebote zu Heimwerkerkursen fĂŒr Einsteiger. Die meisten davon Ă€uĂern sich im Tonfall von ErnĂ€hrungsberatern, die zu vermitteln suchen, dass veggie total lecker schmecken kann, wenn man nur etc., und Trockengelegten, die sich und anderen einreden mĂŒssen, dass sie auch ohne Alkohol SpaĂ haben können.
Leider bin ich aus Franken, da darf Arbeit keinen SpaĂ machen. Arbeit muss so scheiĂe wie möglich sein, sonst hilft sie nichts. Umso erstaunter bin ich, wie fundamental unbekannt das Angebot von Obi ist: Die halten tatsĂ€chlich in ihren paar verbliebenen Filialen Praxiskurse ab (“Eines der angenehmen Dinge am Heimwerken rund um Haus, Garten und Hobby ist doch, dass es immer etwas Neues zu entdecken gibt und dass sich die eigenen Fertigkeiten immer noch weiter entwickeln lassen. Auf diese Weise wird es nicht nur niemals langweilig, die Steigerung des eigenen Know-hows erhöht auch das Einsatzpotenzial stetig.” etc.).
So fundamental unbekannt sind die OBI Praxiskurse (nur echt ohne Bindestrich), dass ihr Ruhm noch nicht einmal bis zum Informationsstand der Filiale tief im Westend gedrungen ist. Die fast motivierte Mitarbeiterin lernt sogar langwierig ihre Vorgesetzten telefonisch kennen, bis sie mir sagen kann: “Ja, da zahlen Sie halt zehn Euro und dann kommen Sie halt dann vorbei.”
Mein Praxiskurs fĂŒr Einsteiger heiĂt: TĂŒren- und Fenstereinbau. Ich bin der einzige Teilnehmer. Der Dozent (sagt man bei Praxiskursen “Dozent”?) ist ein sonniger Ossi und bedankt sich, dass ich so zahlreich erschienen bin. Er hat schon mal angefangen, weil ihm keiner gesagt hat, dass jemand teilnimmt. Zum Beweis zeige ich ihm meinen kopierten Kassenzettel vom Informationsstand.
“Normalerweise kommen so zehn, zwölf”, lĂŒgt mein Dozent marktwirtschaftlich orientiert. “Wir hatten hier sogar schon Kurse, da waren dreiĂig.”
Er ist ein ganz Netter, daher glaube ich ihm. “Um Gottes willen”, sag ich, “bei welchem Thema kommen denn dreiĂig?”
“Och, das war …” Eigentlich wollte ich ihn nicht in die Verlegenheit bringen, sich von einer Sekunde auf die nĂ€chste die erfolgreichen Themen auszudenken, auf die eine bestimmt irgendwo existierende Marketingabteilung in Jahren nicht kommt. “Das war Heimwerken fĂŒr AnfĂ€nger. Mehr so allgemein.”
Der Mann ist richtig gut. Nur ganz kurz doziere ich meinerseits darĂŒber, dass es eigentlich viel einfacher ist, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schlieĂen (Induktion) als umgekehrt (Deduktion), wenngleich nach Aristoteles wissenschaftlich nicht ganz so zulĂ€ssig, darum hab ich mich extra fĂŒr das Nischenthema angemeldet. “AuĂerdem”, schlieĂe ich, “hab ich erstens ein Germanistikstudium und zweitens eine Eigentumswohnung.”
“Das ist natĂŒrlich eine ungĂŒnstige Mischung”, grinst er immer noch sonnig. Der Mann wird immer besser, jedem Germanisten wurde schon mal aus weit geringerem Anlass ĂŒbers Maul gefahren.
Im weiteren Verlauf bauen wir zu zweit eine PlastiktĂŒr in eine Art Galgengestell ein, das mein Dozent zuvor auf eine Palette gezimmert hat. Ich lerne, wie herum man sich vor eine TĂŒr stellen muss, um zu benennen, ob sie gemÀà der Deutschen Industrienorm links- oder rechtsanschlagend ist, dass man die Spreizdinger, deren man drei braucht, bei Obi kaufen und nach dem dreiviertelstĂŒndigen Gebrauch gleich wieder bei Ebay verkaufen soll, ja nicht andersrum, und dass der Fugenschaum bei Obi im absperrbaren Glasschrank steht, weil er krebserregender sein soll als eine Zigarette, aber nicht ganz so krebserregend wie zwei Jahre Urlaub in Tschernobyl, und wenn er getrocknet ist, gar nicht mehr.
In der Dreiviertelstunde, die der Fugenschaum trocknen muss, lerne ich das Fenster. Die werden mit der Scheibe geliefert. Kein Wunder, sind ja auch Obi-Plastikfenster.
“Ich brauch alte”, wende ich ein.
“Einbauen tut man doch neue”, wendet er ein.
“Schon”, wende ich ein, “aber hölzerne. Mit den Leisten im rechten Winkel aufeinander, nicht den Erdölschrott auf 45 Grad.” Gelernt ist gelernt.
Er kratzt ausfĂŒhrlich seine Igelfrisur. “Da fragen Sie besser mal innem Obi aufm platten Land”, fĂ€llt ihm dann ein, “dem in Pasing oder Parsberg oder so. FĂŒr die Bauernhöfe haben die ein ganz anderes Angebot.”
Wir einigen uns, dass ich nicht weitersage, dass Pasing selbst vom Westend aus gesehen schon als plattes Land durchgeht, und er lobt meine sauberen, punktgenau gesetzten Bohrlöcher sogar dann noch, nachdem er sie angeschaut hat, was mir daheim noch nie passiert ist.
Fragen vorbeiflanierender Kundschaft wimmelt er routiniert mit dem Hinweis ab, dass er sich schon auskennt, aber aus arbeitsrechtlichen GrĂŒnden nicht beraten darf, weil er nicht von Obi ist.
“Sind Sie nicht?” frag ich.
“Nö, bin ich nicht. Das is so eine Art Event-Agentur fĂŒr die Kurse bei Obi.”
“Ach, wie Jochen Schweizer. Jochen Schweizer fĂŒr Arme.”
“Ja, genau! Wie Jochen Schweizer fĂŒr so arme Schweine, die alles allein machen mĂŒssen.”
Ich bin sicher, er meint es freundlich.
Am Schluss bewundern wir stolz unsere TĂŒr und unser Fenster, die wir erfolgreich und richtig gerade vorne und hinten in ein Galgengestell eingepasst haben. “Rekordzeit”, freut sich mein Dozent.
“Ganz anders als mit dreiĂig Leuten”, sag ich.
Um das OBI Angebot zu vollstĂ€ndigen, schickt mich mein Dozent zu dem Kollegen mit dem Vollbart, der sich mit der Verrechnung meines Kassenzettels auskennen soll. Das Angebot lautet nĂ€mlich, dass ich erst zehn Euro fĂŒr den Kurs zahle, aber hinterher einen Obi-Gutschein ĂŒber zwanzig Euro wieder rauskriege.
Die fast motivierte Mitarbeiterin am Informationsstand verbirgt inzwischen schon sehr geschickt ihren Schrecken darĂŒber, was ich schon wieder von ihr wollen könnte. Der Kollege mit dem Vollbart wirkt beruhigend auf sie ein, dass sie einfach einen Gutschein ĂŒber zwanzig Euro ausstellen soll.
“Ăber zwanzig? FĂŒr einen Kassenzettel ĂŒber zehn?”
“Genau.”
“Dann kann er ja hundertmal teilnehmen und hat sich am Schluss das ganze Haus zusammengespart!”
Langsam gefÀllt sie mir.
“Das ganze Haus nicht”, sag ich, “aber einen Handwerker schon.”
Stolz fahre ich mit dem 62 nach Hause, denn wenn man der Folklore den Glauben schenkt, den Germanisten ihr entgegenbringen, kriegt man nach erfolgreichem Handwerkern von seiner Frau eine Woche lang aus lauter Bewunderung und Dankbarkeit jeden Tag einen geblasen.
“Mit Schlucken, oder?” begrĂŒĂe ich Vroni beim Reinkommen.
“Gleich fĂŒr den nĂ€chsten Kurs angemeldet?” begrĂŒĂt sie mich.
“Wieso?” frag ich.
“Lernen ist ein kontinuierlicher Prozess”, sagt sie. “Oder kannst du jetzt alles?”
“Na ja, alles …
“Ob du dich schon fĂŒr den nĂ€chsten Kurs angemeldet hast!”
“Geht nicht,” sag ich.
“Gibt’s nicht”, sagt sie.
Soundtrack: Bach: Erbarme dich, aus: MatthÀus-Passion, 1727. Mit singender SÀge, was sonst.
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