Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Die deutsche Sprache. Wir haben nichts anderes. (Seite 1 von 5)

Fußballmuddi

Nix gegen Klampfenelfen. Den meisten kann man unbesehen zuhorchen, so richtig scheiße ist keine von denen. Aber, liebe Kinder, glaubt keinem Marketing-Text. Nicht mal, wenn er von einer Firma namens Schädelbonbon in Auftrag gegeben wurde:

Soccer Mommy, unsere Künstlerin zum Thema “RAD”, spielt für uns ‘Still Clean’, einen “gechillten aber irgendwie traurigen” Gitarrentrack im 90er-Jahre-Stil, in einem extra für sie nachgebauten 90er-Jahre-Schlafzimmer.

Skullcandy, 2019.

Setzen wir voraus, dass mit “RAD” nicht der Reichsarbeitsdienst gemeint ist, lässt sich zur Not ergoogeln, dass die Soccer Mommy entweder zum Thema Rapid Application Development, fürchterlich awesome oder in Diensten der Royal Academy of Dance singt; der Herkunft des Zitats nach aber vermutlich über drahtlose Kopfhörer (ausverkauft). — “Für uns”? Für wen genau? Für mich? Ach, hätt’s doch nicht gebraucht, das Mütterchen soll sich wegen mir bloß keinen Umstand machen — schon gar nicht, solange sie in ihrer musikalischen Auffassung einen wesentlichen Unterschied zwischen “gechillt” und “irgendwie traurig” macht.

Wenn eine etwas ratlos herumklampfende Nashvillerin des Jahrgangs 1997 Musik “im 90er-Jahre-Stil, in einem extra für sie nachgebauten 90er-Jahre-Schlafzimmer” macht — woran könnte ich wohl den 90er-Jahre-Stil erkennen, wenn er nicht im Teaser erwähnt stünde, sofern ich mich noch erinnern kann, dass die Musik der 90er (des 20. Jahrhunderts, mein ich) mit nicht viel anderem als Revivals der Jahrzehnte vorher beschäftigt war?

Und aus welchen Elementen baut man denn ein “90er-Jahre-Schlafzimmer” nach? In meiner Küche finde ich keine Prilblumen mehr, einen vom Vormieter übernommenen Hanuta-Aufkleber schon noch. Weder vor, in noch nach den 90ern hat mein Schlafzimmer ausgesehen wie der Parkplatz vom Schafhofer “Why Not”.

Und würde das jemandem auffallen, der sich nicht an Silvester 1999 auf 2000 erinnern kann? Ich zwar — nicht aus Altersgründen — auch nicht, aber solang ich mich für solche Fragen interessiere, kann ich nicht alt sein.

PS: Dem Material nach, das ich bis jetzt von der “Soccer Mommy” kenne, halte ich sie für von vornherein überschätzt, Nashville hin oder her.

Auf Goethes halbrunden Geburtstag (28. August 2019)

270
kann jeder werden (außer
er ist gestorben).

Звуковая дорожка: Добраночь: Нормальные Герои, 2018:

Apokryphen des Konfuzius

  • Wer viel trinkt, schifft viel.

    (Jugendliche Erkenntnis.)

  • Der einzige, der eines kaputten Klappstuhls bedarf, ist der Weise, der einen kaputten Klappstuhl reparieren soll.
  • (Reifezeit.)

  • Man kann nicht den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn man in der Frühe aufsteht.

    (Altersweisheit.)

声音乐: 滿場飛: 張帆, 1938:

Neuland

Ich erfinde nichts. Nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was. Kommen doch grad im Abstand von zwei Stunden zwei Mails rein:

Die erste von meiner inzwischen gekündigten Halsabschneiderei, auf Rechnungsanfrage:

Der Datenschutz untersagt eine Antwort per E-Mail, die vertrags- oder personenbezogene Daten enthält. Sollte dies bei Ihnen der Fall sein, erhalten Sie unsere Antwort in wenigen Tagen per Post.

Die zweite von der altgedienten, noch nicht gekündigten Telefoneintreiberei:

Ab jetzt bekommen Sie Ihre Rechnung ganz bequem digital in [MeinTelefoneintreiber] unter [www.Telefoneintreiber.de/meinTelefoneintreiber]. So haben Sie sie in Zukunft immer und überall digital zur Hand.

Kann sich ja kein Mensch ausdenken, sowas.

If anyone should ask you who composed this song
If anyone should ask you who composed this song,
Tell ’em ’twas I, and I sing it all day long.

It takes a worried man to sing a worried song
It takes a worried man to sing a worried song,
I’m worried now, but I won’t be worried long.

Worried Man Blues, Roud Folk Song Index No. 4753,
as recorded by Carter Family, 1930.

Kommunika(t)ze

Der Kater erlaubt sich einen kätzischen Nachruf.

Schon seltsam, wie leicht man vergisst, dass alles, was man tut, für immer ist.
Wiglaf Droste, † 15. Mai 2019

 

Für immer ist er jetzt.  Viel zu früh mit seinen 57 Jahren.
Zahlreich die Morde an den jetzt ungegessenen Knödeln.

 

“Gegen die Artikel von Droste sind die meisten aktuellen Kommentare in gedruckter und gesprochener Form so schrecklich bieder, dass man heulen könnte.”

Recht haste, ZEIT ; – )

 

Bildergebnis für zitat wiglaf droste

 

Wieder einer weniger, den man sich doch für immer dachte.

Bombardiert mein Hirn an der Biegung des Flusses, oder so
Gruß, der Mor

 

 

So jagt ein Life-Hack den nächsten

(Wenn ich tot bin, mir soll mal Einer mit Auferstehung oder so kommen : ich hau ihm Eine rein !)

Arno Schmidt: Brand’s Haide, 1951.

Diese Woche gelernt: Die Bargfelder Ausgabe von Arno Schmidt ist seit seinem 105. Geburtstag um 14.00 Uhr endlich im Volltext durchsuchbar, und wenn man Krebs hat, soll man sorgfältig auf seine Eisen- und Kaliumwerte achten — nach aufsteigender Wichtigkeit oder absteigendem Gaudifaktor, je nach verbleibender Lebenszeit.

Seidenstraße

Update zu Die west-östlichen Sofata:

In der Goethestraße
kauf ich das
Gemüse, seit in
der Türkenstraße kein
Antiquariat mehr steht.

Kausal unhaltbar. Nochmal:

Seit in der
Türkenstraße kein Antiquariat
mehr steht, kauf
ich das Gemüse
in der Goethestraße.

Auch nicht besser.

Soundtrack: Nil Auslaender: der ost und der west SOFA
(der west östliche divan von wolffgang göte), 28. Mai 2010:

Muss ich da dabei sein?

In Bearbeitung
Buchhaltung
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Besprechungsmappe

——— Joseph Freiherr von Eichendorff:

Der Isegrim

1837:

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

Soundtrack: Tocotronic: Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk,
aus: Digital ist besser, 1995:

Buchstaben-WTF

Man sagt doch noch YOLO?

Frau Schnabelstedt, in: Fack ju Göhte, 2013.

Also, ich erfinde nix, nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was, und sag gar nix dazu, nicht dass es wieder heißt, ich hätt was gesagt.

DREH’ DEN SWAG AUF!

NACH 70 JAHREN BLEIBT ALLES NEU.

Das neue Buchstaben-YOLO bietet jetzt noch mehr Spaß — für die Fam, für die Gang und für alle Fans von lässiger Jugendsprache! Einfach mal wieder anlegen: Crossed die vorhanden Wörter der anderen, packt neue Buchstaben auf’s Board und zeigt, wer rasiert! Sammelt Props und Punkte durch smartes Ausnutzen von Powerfeldern!

Wer die besten Wörter fetzt, bekommt den Fame im Game!

Cool, darf ich die Turnierregeln angleichen, ich hab einen Myspace-Account? Das Deppenleerzeichen im Corporate Naming ist inkonsequent eingehalten. Außerdem heißt das Abiturensohn-Battle, ihr Opfah.

Und Trivial Pursuit heißt dann bis Weihnachten LMGTFY und die Siedler von Catan die Hasenjagd vong Chemnitz her? Wow, heißt das, beim Scrabble zählen jetzt auch Akronyme? Englische Akronyme? YOLO mit dreifachem Wortwert kann ja kein Mensch im Kopf ausrechnen.

Das sind die Sachen, die einen ins Antiquariat treiben. Aber ich wollt ja nix sagen.

Soundrack: Bloodhound Gang: Foxtrot Uniform Charlie Kilo,
aus: Hefty Fine, 2005:

Doofer Witz

Treffen sich ein Mexikaner, ein Däne, ein Ungar, ein Engländer, ein Araber, ein Inder, ein Franzose, ein Österreicher, ein Chinese, ein Bulgare, ein Finne und ein Deutscher.

Sagt der Mexikaner: “Die Deutschen sind voll die Altersrassisten.”

Sagt der Däne: “Schmarrn, die Deutschen sind ganz allgemein Rassisten.”

Sagt der Ungar: “Schmarrn, die Deutschen sind voll die linken Bazillen.”

Sagt der Engländer: “Schmarrn, die Deutschen machen bloß den Amis alles nach.”

Sagt der Araber: “Schmarrn, die Deutschen sind halt ungläubige Schweinefresser.”

Sagt der Inder: “Schmarrn, die Deutschen fressen Kühe.”

Sagt der Franzose: “Schmarrn, die Deutschen fressen praktisch gar nix mehr.”

Sagt der Österreicher: “Schmarrn, die Deutschen trauen sich bloß nicht mehr rauchen.”

Sagt der Chinese: “Schmarrn, die Deutschen schreiben das bloß dauernd ins Internet.”

Sagt der Bulgare: “Schmarrn, die Deutschen haben doch noch gar kein Internet.”

Sagt der Finne: “Schmarrn, die Deutschen lernen bloß in der Schule nicht lesen.”

Sagt der Deutsche: “Schmarrn, wir sind voll das Volk der Dichter und Denker.”

Alternatives Ende: Sagt Vroni: “Keine Umstände bitte. Sag einfach, was der Russe sagt.”

Soundtrack: Los Colorados: Du Hast (Official Rammstein Cover),
aus: Move It!, 2012:

Sous les pavés, la plage !

Update zu Maximilianstraße:

Unterm Gehsteig der
Strand
. Hinterm Kneipenfenster
Bier. Dazwischen du.

(Diese Woche gelernt: Im Französischen ist der Leerschritt vor Satzzeichen nicht allein zulässig, sondern allein zulässig.)

Soundtrack: Zaz: La Toy Session, Montmartre Sommer 2010:
Les passants; Je veux; Ton rêve; Dans ma rue:

5–7–5 (7–7)

Immer noch nicht raus ist ja, ob Dialektlyrik jetzt wirklich ausdrucksvoller als Lyrik in “hochdeutscher” Standardsprache ist. Ich versuch mal einen Vergleich, vorsichtshalber angefangen mit der hochdeutschen Version, zum Wohle unserer Leser nördlich der Pegnitzlinie. Und südlich davon eigentlich auch.

Tattoo

Die zwei Buchstaben
am dritten Halswirbel werd
ich noch vermissen.

Inhalt erfasst? Dann nochmal den gleichen Silbenfall mit so vielen Informationseinheiten, wie reinpassen:

Dadduu

Di zwaa Bouchschdoom am
driddn Groongwirbl wer i

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Manic Street Preacher

Schubs mich nicht Querformat

Schubs mich nicht wenn ich am Abgrund
Ich frühstücke in der Apotheke

Vroni meint: “Du wieder mit deinem dunkelschwärzlichen Zeug zur Verherrlichung der Gemütskrankheit.”

“Kaum schreiben die Leute gleich zwei halbwegs zusammenhängende deutsche Sätze an die Laterne, sind sie schon behandlungswürdig depressiv.”

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Toutes les choses coulent

Alles fließt: Alles
geht den Bach runter: Alles
findet sich im Meer.

Bande-son: Charles Trenet: La Mer, 1943 ff.

Ende der Allee

Fassen wir also endlich zusammen: Das Gedicht von Eugen Gomringer geht:

avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Auch wenn man für das absichtsvoll schlichte Spanisch mit dem kleinen Latinum auskommt, gibt die deutsche Übersetzung anzuführen besonders viel Sinn, weil Gomringer als bolivianisch-schweizerischer Dichter geführt wird, aber ab 1954 die Konkrete Poesie mitbegründet hat, die sich wesentlich im deutschen Sprachraum – ja, auch in anderssprachigen – äußerte. Avenidas fällt formal und historisch unter die Vorformen der Konkreten Poesie und vermittelt als solche

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Ein Mann, ein Wort

Wenn’s nicht kaputt ist, reparier’s nicht.

Volksgut.

Wenn ich nix sag,
mach ich’s;
wenn ich’s nicht mach,
sag ich was.

Wenn ich was gemerkt hätt,
hätt ich’s gemacht;

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Crossover über Kreuz

There was a guy of
low IQ who mixed up li-
mericks with haiku.

Jemand musste es mal hinschreiben. Wenn das jetzt nicht viral geht, weiß ich auch nicht.

Soundtrack:

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ברודר מרטין לותר

Wie könnte man wohl die Feierlichkeiten zu fünfhundert Jahren Reformation und Martin Luthers Verdienste um die Gefährdung des Weltfriedens geeigneter begehen, als indem man endlich Hebräisch lernt?

Eben: gar nicht. Die üblichen über Thüringen und Sachsen-Anhalt verteilten Lutherstädte wollen zehn Jahre gebraucht haben, alle Bratwurstbuden und Mehrzwecksäle mit dem Nötigsten zu bestücken, um zu vermitteln, dass man die Bibel sogar im Internetz lesen kann und dass Katholen auch Menschen sind, vielleicht sogar die Juden — was nicht einmal dem Doctor Luther jemals einer vermitteln konnte. Weiterlesen

Sann end fann

Als ich noch ein Gefangener der Kneipen war — keine Angst, gegen regelmäßige Kautionen war ich Freigänger — war ich womöglich noch leichter zu erheitern als heute. Aus einer meiner zuständigen Kneipen erinnere ich mich an einen Spielautomaten, vulgo Bierfilzlesroulette, der aller fünf Minuten eine fiese eingängige Melodie füdelte, aller 30 Minuten in einer Art Maxi-Version. Dann pflegte er seine schönsten Blinkermuster herzuzeigen, damit auch ja jeder herschaute, um vielleicht mit ihm spielen zu kommen. Der Zockertyp war ich noch nie, darum war das immer der Moment, von meiner hochwichtigen Schreibarbeit aufzublicken und das Display zu beobachten. Darüber lief dann immer der Schriftzug: “SUN UND FUN”.

Eben nicht “Sun and fun” oder so. Sondern als ob man es genau so aussprechen müsste, ungefähr in Landnürnberger Betonung: “Sunn und Funn”. Die Bedienung war daran gewöhnt, wie ich mir jedes Mal das Lachen ob eines fränkisch sprechenden Spielautomaten verbiss. Einmal wollte ich ihr meine ständig neue Erheiterung nahebringen. Leider war sie keine Linguistin.

Und gerade gestern hab ich keine Kamera dabei und sehe ein kreidegeschriebenes Gaststättenschild: “LUNCH UND BRUNCH”. Gut, dass mir das erst nach meiner Kneipenentlassung passiert. Ich bin schnell weiter.

Soundtrack: Meiner leider etwas verschwommenen Erinnerung nach das letzte Lied, das ich gegen 1990 gegen Bargeld in einer Musikbox gewählt hab — wegen des hinterfotzigen Doppelsinns, den man erst besoffen überhaupt mitkriegt: Ringsgwandl: Radlmare, aus: Das Letzte, 1986. Hat’s das echt je als Single gegeben oder beziehen Kneipen Special Bierfilzl Releases?

https://youtu.be/cdVy9ISBM1Y

Wir sind < 95 Thesen

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Karl Valentin, Zuschreibung.

——— Dr. Thomas de Maizière:

Leitkultur für Deutschland — Was ist das eigentlich?

in: Bild am Sonntag, 30. April 2017, via Bundesministerium des Inneren:

[…] Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur für Deutschland.

  1. Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot. “Gesicht zeigen” – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.
  2. Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. Schüler lernen – manchmal zu ihrem Unverständnis – auch das, was sie im späteren Berufsleben wenig brauchen. Einige fordern daher, Schule solle stärker auf spätere Berufe vorbereiten. Das entspricht aber nicht unserem Verständnis von Bildung. Allgemeinbildung hat einen Wert für sich. Dieses Bewusstsein prägt unser Land.
  3. Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: Im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht. Wir leisten auch Hilfe, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an. Als Land wollen wir uns das leisten und als Land können wir uns das leisten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz.
  4. Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. Wir sind Erben unserer deutschen Geschichte. Für uns ist sie ein Ringen um die Deutsche Einheit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels.
  5. Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland. Deutschland hat großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe “gehören” der ganzen Welt und waren Deutsche. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird. Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns.
  6. In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Dafür stehen in unserem Land die Kirchen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gesellschaft. Sie stehen für diesen Kitt – sie verbinden Menschen, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas und Schulen, in Altenheimen und aktiver Gemeindearbeit. Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht in der christlichen Kirche, in der Synagoge und in der Moschee. Wir erinnern in diesem Jahr an 500 Jahre Reformation. Für die Trennung der christlichen Kirchen hat Europa, hat Deutschland einen hohen Preis gezahlt. Mit Kriegen und jahrhundertelangen Auseinandersetzungen. Deutschland ist von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt. Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt. Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft. Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden. Und die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben.
  7. Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land. Vielleicht sind wir stärker eine Konsens orientierte Gesellschaft als andere Gesellschaften des Westens. Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz. Wir stören uns daran, dass da einiges ins Rutschen geraten ist. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.
  8. Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Auch wir Deutschen können es sein. “Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s. Und das Liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihr‘s”, so heißt es in der Kinderhymne von Bert Brecht. Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus. Mal wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen. All das ist vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Unsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne sind selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit.
  9. Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. Die NATO schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland. Die geographische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik.
  10. Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil solcher kollektiven Erinnerungen. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften. Regionales kommt hinzu: Karneval, Volksfeste. Die heimatliche Verwurzelung, die Marktplätze unserer Städte. Die Verbundenheit mit Orten, Gerüchen und Traditionen. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die am Klang der Sprache jeder erkennt, gehören zu uns und prägen unser Land.

Was folgt nun aus dieser Aufzählung? Manches mag fehlen, anderes kann hinzukommen. […]

Stimmt:

  1. “Wir” benutzen sehenden Auges Weblog-Themes, bei denen Blockquote automatisch kursiv dargestellt wird.
  2. Wir haben keinen Schimmer, wer “wir” sein soll, schreiben es aber in öffentlichen Äußerungen hin, wenn keiner so genau wissen muss, um wen es gerade geht.
  3. Wir benutzen die Bezeichnung für unser Land als Schimpfwort. Oder
  4. als Ausrede, wenn wir sonst nichts haben, auf das wir stolz sein könnten.
  5. Wir schließen die deutsche Sprache konkludent von der Leitkultur aus. Jedenfalls ist es Leuten in Berufen mit angeblicher Vorbildfunktion gestattet, Sätze wie “Wir sind nicht Burka” zu bilden und zu verbreiten. Verdammt, wie oft noch: Obervolta heißt schon seit 1984 nicht Burka, sondern Burkina Faso, was nicht Bundesrepublik bedeutet, sondern Vaterland der ehrenwerten Menschen.
  6. Wir brechen reflexartig in lange totgesagte Gratiswitzchen aus, wenn jemand “unsere” Kultur erwähnt. In diesem Sinne: Dichter, Denker, Goethe, Schiller, Socken, Sandalen, Blasmusik, Feinrippunterwäsche, Fußball, Hitlergruß, Jägerzaun, Kehrwoche,
  7. grüß Gott.

PS: Ich bin auch keine Burka. Ich bin eine schwarze Jeans, 36/36.

Und nochmal verständlich:

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