Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Autor: Wolfster (Seite 1 von 33)

Wir sind die, die mit den letzten 70 Euro endlich die Welt retten wollen, wenn es doch sonst keiner macht

Wenn einer zu spät kam, hat mein Lehrer immer gesagt: “Jaja, Arbeit ist Kraft mal Weg”; wenn sich einer beklagte, dass die Zeit für die Schulaufgabe zu kurz war: “Jaja, Leistung ist Arbeit pro Zeit”, und das war nur der Deutschlehrer.

Im September 2021 betrug die Inflation 4,1 %, noch im August nur 3,9 %. Heizöl ist gerade innerhalb eines Jahres 76,5 % teurer geworden, Benzin 28,4 % — mal so als Beispiel. Ob das noch der gewohnte Klassenkampf von oben oder schon Enteignung ist, können gern mal welche diskutieren, die vor lauter Pfandflaschensammeln noch zu irgendwas kommen (und zu ihrer ölbeheizten Wohnung mit einem Auitomobil gefahren sind). Wenn Ihr Einkommen auch um 76,5 % gestiegen ist: Glückwunsch und weiterhin viel Spaß beim Geldzählen, Investieren und Das-Geld-für-sich-arbeiten-Lassen.

Wie das zusammenhängt? — Die Kassenpatienten, die von Jugend auf mit dem Versuch befasst waren, ein guter Mensch zu sein und sich auf Grundlage von Haben oder Sein fürs Sein entschieden haben, können sich in gar zu absehbarer Zeit ihr eigenes Begräbnis nicht leisten, weil es den Tod mitnichten umsonst gibt. In einem freien Land wie dem hiesigen bedeutet das, nicht wegen seiner Unfähigkeit zu handeln hingerichtet zu werden, sondern unter Verweis auf Freiheit und Chancengleichheit ausgehungert. Andere als sozial breit akzeptierte Mittel sind noch nicht wieder zu vermitteln. Bis sie es sind, bin ich hoffentlich schon sozialverträglich entschlafen.

Wenn ich schon die Auswahl hab, nehm ich trotzdem die Demokratie, denn Demokratie dient der Illusion, eine Auswahl zu haben. Deswegen beschwer ich mich auch nicht, solange ich noch was zu verlieren hab. Geld zum Beispiel, oder in meiner Freizeit: Körpergewicht. Wachstum zählt ja nur in seiner statistischen Gesamtheit.

Nur bei Katzen kommt es nicht darauf an, eine zu haben, sondern eine zu sein.

Oder anders: Wenn Aschenputtel der Schuh so toll passt, warum hat sie ihn dann verloren?

Soundtrack: Maike Rosa Vogel: Unser Geld ist wichtiger als ihr,
aus: Eine Wirklichkeit, 2020:

Bonus Track: dieselbe: So Leute wie ich, aus: Fünf Minuten, 2012:

Die neuen Rittersleut

Vor Zeiten musste ich ein Wochenende lang auf der Grünwalder Burg wohnen – was bedeutet: einmal übernachten –, um mit der Communitas Monacensis in stauferzeitlichen Gewandungen Kalligraphie in karolingischer Minuskel und gotischer Fraktur, Brettchenweben und nach dem Buch von guter spîse (ca. 1350) nahezu neongrüne, aber vegetarische Ravioli und Lungenmus am Spieß zu bereiten. Das nannten wir Burgbelebung.

Kuratiert wurde die Veranstaltung samt der ganzen Burg Grünwald außerhalb ihrer Belebungen von einem Professor der Archäologie, der von seinem Skriptorium aus auf unsere Anstrengungen blickte, mit Lebensmitteln vom unweit residierenden Grünwalder Edeka ein authentisches Nachtmahl herzustellen. Ein so liebenswürdiger wie breit und tief gebildeter Mann, der dem Nachtmahl nicht nur deshalb eine Flasche Roten stiftete, um von seiner termingebundenen Abhandlung abgelenkt zu sein, sondern mit seinen belebenden Mittelalterdarstellern am Lagerfeuer beisammenzusitzen, wobei ihm auffiel, dass keiner der Reenacter eines aufs Wesentliche reduzierten Hochmittelalters eine Armbanduhr trug – und das bei Nacht und flackerndem Feuerschein.

Zu den täglichen Verrichtungen des Professors gehörte, das Ewige Licht unter dem Kruzifix im Hof brennend zu erhalten. Im Keller des Wirtschaftsgebäudes, einem niedrigen, von einer Reihe Schießscharten erhellten Gewölbe, hausten Siebenschläfer.

Schießscharte Burg Grünwald, 22. September 2021

Eher 20 als 15 Jahre nach dem Wochenende auf und unter der Burg Grünwald bin ich noch einmal wandernd vorbeigekommen. Unter dem Wohngebäude des Professors bis in den Burghof hinein wurde ein Café eingerichtet, im Wirtschaftsgebäude ein Museum, das übrigens gar nicht so schlecht sein soll; danken wir’s unbesehen dem rotweinstiftenden, zuzeiten prokrastinierenden Professor von der Archäologischen Staatssammlung.

Was aus den Siebenschläfern geworden ist, frag ich vorsichtshalber nicht so genau nach. Das Ewige Licht wurde abgeschafft. Unterm Professor hätt’s das nicht gegeben.

Kruzifix Burghof Grünwald, 22. September 2021

Buidln: Sejwergmacht am 22. September 2021, schenk i Eahna.

Zu Grünwald im Isartal: Karl Valentin: Die alten Rittersleut aus: Die Ritterspelunke, 1939, populär durch: New Orleans Hot Dogs, 1966 ff.; mit den meisten Strophen in einer Version von 1970:

Und Pimentkörner

Update zu Nix diese
und Goethes Kindergartenfutter:

Petersil und Suppenkraut
gerebelt von Hela, Mautner, Ostmann
im Regal neben den frischen
Koriander, Blätterknoblauch, Portulak
in Plastiktöpfen auf einem Tablett,
in dem das Gießwasser unter
den Klarsichtfolien schwimmt,
und die türkischen Verkäufer
haben keine Ahnung, wer
oder was ein Liebstöckel ist,
haben aber gelernt, dass
“Wollen verarschen?”
nicht im Repertoire
der Kundenberatung vorkommt,
Frau Aja hätte aber
gelten lassen, was da ist,
und mich meine Laubfrösche kochen lassen,
wie es geht,
und aus ihrem
Buben ist damit auch noch was geworden.

Fachliteratur: Renate Hücking: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, vor allem Seite 22:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

Zutaten
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die “Laubfrösche” mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorsichtig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion:
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018,
mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

I drank ten pints of beer and I cursed all the people there

At the time, I was working for a landlord
And he was the meanest bastard that you have ever seen
And to lose a single penny would grieve him awful sore
And he was a miserable bollocks and a bitch’s bastard’s whore.

The Pogues, a. a. O., 1984.

Immobilienmakler sind goldig. Die kennen alle ein einziges Lied, das nur aus dem Refrain besteht; der geht:

Lage, Lage, Lage.

und das singen sie jetzt den ganzen Tag. Süß. Wenn es nicht so zynisch wäre.

Schlachthof München, August 2021Man freut sich nicht, wenn einem innerhalb eines Google-Suchlaufs der Sinn des Lebens, nein: der Wert der eigengenutzten Immobilie auf die Hälfte zusammensackt, und innerhalb eines weiteren solchen auf ein Viertel.

Nicht dass man sich selbst in der Isarvorstadt, vulgo Glockenbachvierel, durch die schiere Tätigkeit des Wohnens im noch laufenden Leben als Millionär wiederzufinden erhofft hätte. Allerdings hätte man sich in einer “Lage. Lage, Lage”, deren Wert sich angeblich immer noch aller zehn Jahre verdoppelt, gewünscht, dass die prospektiven Erben einen gewissen Gegenwert für zwei verdaddelte Leben davontragen.

Wenn man trotz lebenslänglicher Vermögensbildung und praktischer Altersvorsorge verarmen wird, kann man seine Burg doch wenigstens verrenten, oder nicht?

Im August 2021 stand die Inflation bei 3,9 %. Aber ich bin der Zyniker, gell?

Rechenbeispiel:

And it’s lend me ten pounds, and I’ll buy you a drink,
And mother, wake me early in the morning.

The Pogues: Boys from the County Hell, aus: Red Roses for Me, 1984:

Buidl: Plakat am Schlachthof München, selbergemacht August 2021.

Der aktuelle Filmtipp:

Rambo III, USA 1988:

Laut Guinness-Buch der Rekorde mit 221 Gewalttaten und 108 toten Menschen brutalster Film, daher FSK 18 ohne Jugendfreigabe; von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat “wertvoll” ausgezeichnet. Endet mit: “This film is dedicated to the gallant people of Afghanistan”, deutsch: “Dieser Film ist dem tapferen Volk von Afghanistan gewidmet.”

Highlights:

“Das ist Afghanistan! Alexander der Große wollte dieses Land erobern, Dschingis Khan, die Briten und jetzt die Russen, aber wir lassen uns nicht erobern!”

“Gott muss lieben verrückte Menschen!”
“Wieso?”
“Er machen soviele davon.”

“Meine Zeit ist um.”
“Was heißt das?”
“Das heißt, mein Krieg ist vorbei:”

Und mein Liebling:

“Wozu ist das?”
“Das ist blaues Licht.”
“Und was macht es?”
“Es leuchtet blau.”

Danke für die Idee an Sven!

Und morgen versuchen wir dann, drei vollständige Staffeln durchzubingen

Rest des Nachmittags : faul und bösartig. (Wie Gott vor der Schöpfung).

Arno Schmidt: Brand’s Haide, 1951; BA I,1,136.

Na bitte: den ganzen Tag
          kein Spaß und keine
                    neuen Katastrophen.

Geht doch —
          für einen Tag, an dem
                    man aufgestanden ist.

Soundtrack: The Secret Sisters: He’s Fine,
aus: You Don’t Own Me Anymore, 2017:

Und hätten sie nicht so gelacht, hätt’ Niklas sie nicht schwarz gemacht

Gehört schon lange mal gesagt: Die Quintessenz des Antirassismus stammt von 1844, es spricht “der große Nikolas / Mit seinem großen Tintenfaß” in der Geschichte von den schwarzen Buben:

Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist, wie ihr?

Ja, was? — Die Davidsterne in der Illustration dazu bestehen erst — oder schon — seit 1859. Das gesamte Korpus gilt heute als schwarzpädagogisch; Angehörige von anderen als deutschsprachigen Kulturen können es überhaupt nicht fassen, dass Minderjährige mit Handlungsverläufen, in denen die Amputation beider Daumen und Verbrennung bei lebendigem Leib als erzieherische Maßnahmen durchgehen, geängstigt werden. 1844 ff. war es offenbar notwendig, dass ein Psychiater, der sich aufs Ersinnen von Paarreimen und deren Illustration versteht, seine Geschichten so weit überspitzt, dass sie lange genug überleben, und sei es als abschreckendes Beispiel.

Mehr gibt es über Rassismus und seine Gegenseite nicht zu wissen. Mein Liebling war natürlich trotzdem immer Die Geschichte vom fliegenden Robert, und seit Hans Magnus Enzensberger weiß ich sogar, warum.

Der ganze Horror, FSK 6: Der Struwwelpeter, Deutschland 1955,
mit Wulf Rittscher als Nikolas:

Bonus Track: Dr. Böhmermanns Struwwelpeter, 2018 war auch nicht schlimmer (bloß nicht einzubetten).

Wer Zigaretten durch Stangensellerie ersetzt, kann bis zu 100 % von dem reduzieren, was er noch vom Leben hat

Hier sollten meine empathischen Auslassungen darüber stehen, was das Wetter doch für eine Katastrophe ist, im Ausgleich zum #jokergate eines hämischen Kapitalisten, den ich zu meinem Kanzler wählen soll, weil die Auswahl zu ihm mehr Fehler im Lebenslauf hat als mein Lebenslauf Kundenreferenzen. Das wird aber gerade so wenig helfen wie sich das Hirn von ein paar alten Folgen Tom und Jerry breitklopfen zu lassen. Das bleibt wenigstens kostenneutral. Als Angehöriger der dienenden Klassen war ich immer darauf angewiesen, für mein bisschen Geld meine Arbeit anzubieten, der Arbeit-Geber war ein Leben lang ich. Und zwar länger als mein Vater, der mich verächtlich dafür anschaut, dass ich ein längeres Arbeitsleben lang, als er bis zur Frühpension hatte, immer noch weniger rauskrieg als er, ob er sich nun früh oder spät aus dem Bett quält oder nicht. In all den Arbeitsjahren hätte ich mir das Hirn von weniger alten Folgen Tom und Jerry breitklopfen lassen können, als Unterschied erwarte ich jedenfalls nicht so viel, dass es einen Unterschied macht, immerhin verbietet es sich aus meinem gesellschaftlichen “Status”, meine Rechte anwaltlich einzuklagen, weil ich leider auf meine Rechte angewiesen bin: Geld, wie erwähnt. Während Kapitalisten Kapitalistensachen machen, schreib ich schon mal in meine Patientenverfügung: Wenn meine Behandlung der Krankenkasse zu teuer wird, dürft ihr mir sofort das letzte Lebenslichtlein ausknipsen, damit ich niemandem zur Last falle, gell. Und wenn ich mir jetzt gefälligst in Ruhe das Hirn von ein paar alten Folgen Tom und Jerry breitkopfen lassen dürfte.

Soundtrack: Slime: Lustig lustig ihr lieben Brüder,
aus: Viva la muerte, 1992 (nur auf der LP, nicht der CD):

Aus der prekären Bildungsnähe

Die wenigen Menschen, die öfter im Leben mit Spuren von Wohlwollen an mich denken, kennen mich als “Büchermenschen”, gern auch mit einem anderen Tier als Determinatum. Stimmt ja auch: Glück ist eine möglichst gut erhaltene alte Schwarte von Eichendorff oder eine von Ludwig Richter illustrierte — beides gleichzeitig gibt’s nicht — und bis 1996 hab ich Germanistik studiert.

Das war allerdings das letzte Mal, dass ich einen Hörsaal von innen gesehen hab; nur einen weitgehend ungenutzten Bibliotheksausweis der Uni München hab ich noch. Für den Buchhandel bin ich verloren: Wer braucht schon verlagsfrische Bücher, die sich noch kein Jahrhundert lang bewähren konnten, und Antiquariate sind viel lustiger. Denen trag ich meistens nur den Straßenschmutz aufs abgewetzte Parkett, ohne ihnen Geld dazulassen, weil ich genau so lange eine bezahlte Beschäftigung hab, bis der Richtige das Gegenteil behauptet. Und wenn ich mich historisch bilden will, dann mit Fernsehdokumentationen aus dem Hause Terra X, in vollem Bewusstsein, was von denen zu halten ist.

Den “Büchermenschen” lässt man sich schon lieber gefallen als Schimpfwörter aus dem Fäkalbereich, aber wenn ich nach einem Vierteljahrhundert noch Akademiker sein soll, wer ist dann eigentlich bildungsfernes Prekariat?

Soundtrack: Isa “Master Your Mind” Ulubaev:
5 Bücher, die du lesen musst, 7. Februar 2017:

Lautsprechermatsch

Herbstln duats: Im Supermarkt besteht die Obstauswahl hauptsächlich aus Erdbeermatsch und Kirschenmarmelade mit Stielen. Und beim Reparieren hab ich den Ersatzlautsprecher für den Laptop, der zugleich der Fernseher des Hauses ist, geschrottet. Das war nötig, weil sich nach zwei Fehllieferungen von Ersatzteilen aus dem großen, stolzen, fernen Guangzhou der alte immer noch nicht von selber reparieren wollte. Also neuen Ersatzlautsprecher bestellt, damit man die anderen zwei, die seit zehn Jahren den Schreibtisch blockieren, mit besserem oder mit schlechterem Gewissen wegschmeißen kann, je nachdem, wie man sich’s schönredet. Momentan wird mit einem regenschirmförmigen portablen Soundelement beschallt. Macht aber nix angesichts der Geldmengen, die man sparen kann, weil das letzte erreichbare Antiquariat in der Schellingstraße doch noch dicht gemacht hat.

Truth is the perfect disguise

“What kind of music do you usually have here?”

“We got both kinds, we got country and western.”

Blues Brothers in Bob’s Country Bunker, 1980.

All she could pay was attention
So all they could take was her time
Proving an ounce of possession
Ain’t worth a piece of your mind.

‘Cause nightmares are somebody’s daydreams
Daydreams are somebody’s lies
Lies ain’t no harder than telling the truth
Truth is the perfect disguise

Kris Kristofferson: Sandy, aus: Spooky Lady’s Sideshow, 1974.

Diese Woche aufgefallen und mit eilig neu angeschafften Kamerabatterien dokumentiert:

Fällt ja sofort ins Auge, nein: sogar ins Ohr, dass es nur ein Liedertext sein kann. In diesem Fall von The Legendary Band aus: Pirates, 2014. Und es erinnert doch stark an eins der frühen Funny Forwards, für das die — oft aus Gründen — anonym gebliebenen Content Provider mehr überlegen mussten, als wie man einen Text nicht über 30 Anschläge Impact bold versal in ein ohnehin überstrapaziertes Filmbildchen photoshoppt.

Wirklich beeindruckt war ich erst diese Woche — nach der Entdeckung eines Aufklebers von 2021 zur Werbung für eine CD (sic) von 2014 — bei der Erkenntnis, dass die Liste gar nicht so frei erfunden ist, wie sie aussieht. Die Lieder gibt’s wirklich, die liebevoll gesammelten Zeilen nicht immer als Überschrift, sondern umso schwerer auffindbar als Zitat — und die meisten lohnen sich sogar aufzurufen. Yeehaw, folks.

The Best of the Worst Country-Western Song Titles

  • Drop Kick Me, Jesus, Through The Goalposts Of Life
  • Get Your Biscuits In The Oven And Your Buns In The Bed
  • Get Your Tongue Outta My Mouth ‘Cause I’m Kissing You Goodbye
  • Her Teeth Were Stained, But Her Heart Was Pure
  • How Can I Miss You If You Won’t Go Away?
  • How Can You Believe Me When I Say I Love You When You Know I’ve Been A Liar All My Life?
  • I Been Roped And Thrown By Jesus In The Holy Ghost Corral
  • I Changed Her Oil, She Changed My Life
  • I Don’t Know Whether To Kill Myself Or Go Bowling
  • I Fell In A Pile Of You And Got Love All Over Me
  • I Flushed You From The Toilets Of My Heart
  • I Keep Forgettin’ I Forgot About You
  • I Wanna Whip Your Cow
  • I Would Have Wrote You A Letter, But I Couldn’t Spell Yuck
  • I Wouldn’t Take Her To A Dawg Fight, Cause I’m Afraid She’d Win
  • I’d Rather Have A Bottle In Front Of Me Than A Frontal Lobotomy
  • I’m Just A Bug On The Windshield Of Life
  • I’m The Only Hell Mama Ever Raised
  • I’ve Been Flushed From The Bathroom Of Your Heart
  • I’ve Got The Hungries For Your Love And I’m Waiting In Your Welfare Line
  • If I Can’t Be Number One In Your Life, Then Number Two On You
  • If Love Were Oil, I’d Be A Quart Low
  • If My Nose Were Full of Nickels, I’d Blow It All On You
  • If You Don’t Leave Me Alone, I’ll Go And Find Someone Else Who Will
  • If You Leave Me, Can I Come Too?
  • Mama Get The Hammer (There’s A Fly On Papa’s Head)
  • My Every Day Silver Is Plastic
  • My Head Hurts, My Feet Stink, And I Don’t Love Jesus
  • My John Deere Was Breaking Your Field, While Your Dear John Was Breaking My Heart
  • My Wife Ran Off With My Best Friend, And I Sure Do Miss Him
  • Oh, I’ve Got Hair Oil On My Ears And My Glasses Are Slipping Down, But Baby I Can See Through You
  • Pardon Me, I’ve Got Someone To Kill
  • She Got The Gold Mine And I Got The Shaft
  • She Got The Ring And I Got The Finger
  • She Made Toothpicks Out Of The Timber Of My Heart
  • She’s Got Freckles On Her, But She’s Pretty
  • Thank God And Greyhound She’s Gone
  • They May Put Me In Prison, But They Can’t Stop My Face From Breakin’ Out
  • Velcro Arms, Teflon Heart
  • When You Leave Walk Out Backwards, So I’ll Think You’re Walking In
  • You Can’t Have Your Kate And Edith Too
  • You Can’t Roller Skate In A Buffalo Herd
  • You Done Tore Out My Heart And Stomped That Sucker Flat
  • You Were Only A Splinter As I Slid Down The Bannister Of Life
  • You’re The Reason Our Kids Are So Ugly

Soundtrack ist das aus der Liste, das einem wieder kein Mensch glaubt:
Jimmy Buffett mit den Oak Ridge Boys als Background-Schubiduapdap-Truppe: My Head Hurts, My Feet Stink, And I Don’t Love Jesus, aus: Havana Daydreamin’, 1976:

Nine, ten — never sleep again

Nichts Schlimmeres als eine Baustelle vor dem Fenster. Vor dem Fenster zur Straße. Vor dem Erdgeschossfenster zur Straße. Außer:

Die Baustelle wäre wieder abgebaut, man verstünde schon vor 19 Uhr sein Radio und wachte erst nach 7 Uhr auf. Die Bagger, Dampfwalzen und Wohncontainer der eingeflogenen Straßenbauexperten wären abtransportiert, der Gehsteig wäre kein eingezäunter Hindernisparcours mehr, der Blick aus dem Schlafzimmerfenster schweifte frei bis zur anderen Straßenseite. Nach Abermonaten wäre Nachtruhe kein dienstplanbedingt zugeteilter Luxus mehr. Kann man sich, glaub ich, vorstellen.

Dann hätte man beim abendlichen Studium des Filmschaffens der 20. Jahrhundertmitte sein Handy neben sich aufs Kopfkissen gelegt, weil man neuerdings wieder einen Wecker bräuchte. Dann piepste eine MMS. Dann nähme man sein Handy, um nachzuschauen, wer einem nach Mitternacht noch Bilder schickte. Unbekannte Nummer, es ist ein Bild von der eigenen Rückansicht im Bett liegend und das Filmschaffen der 20. Jahrhundertmitte studierend, vom Schlafzimmerfenster durch die Jalousienritzen aus. Sobald man im Bett herumführe, sähe man gerade noch hinter der Jalousie einen Schatten davonhuschen.

Damit dergleichen nicht erneut vorfiele, installierte man sich gleich am Lieferdatum eine legal erhältliche Überwachungskamera, die den Gehsteig beobachtete. Am nächsten Morgen wäre sie verschwunden, weil man ein leises Rappeln an der Jalousie morgens um drei aus Trägheit nicht weiter verfolgt hätte, um weiter von amerikanischen Filmen zu träumen, in denen die Leute ungestraft jeden über den Haufen ballern dürfen, der sich ihrem Privatgrund nähert. Die letzte Aufzeichnung auf dem Laptop zeigte in grobem Korn einen schwarz vermummten jüngeren Mann mit Kapuze, der die Hand nach dem Objektiv ausstreckt, dann bräche die Übertragung ab. Soviel vom Gesicht zu erkennen wäre, war es Freddy Krueger.

Ominöse Telefonbotschaften rissen ab sofort nicht mehr ab. Die Polizei belangte einen wegen des Anfertigens weder genehmigter noch unkenntlich gemachter Aufzeichnungen aus dem öffentlichen Raum.

Glauben Sie nicht? Nun, natürlich war es nicht zwingend Freddy Krueger.

Fachliteratur aus der Regensburger Weststadt: Lisa Schnell: Der Typ an der Jalousie, Süddeutsche Zeitung 29. Mai 2021.

Bande sonore: Carla Bruni: Quelqu’un m’a dit, aus: Quelqu’un m’a dit, 2003, das so ziemlich gruseligste Video des 21. Jahrhundertanfangs:

Tag 2 ohne Duolingo

Soviet Visuals, Цирк уехал, клоуны осталисьDass der Entzug nicht einfach so ohne Turkey abgehen könnte, wurde mir gesagt. “You started learning with Duolingo 1 year ago. Keep up the good work!” schreiben sie mir bis jetzt noch kooperativ, als ob sie nicht ahnten, dass ich nach einem Jahr im Status eines “Wildfire” in der “Amethyst Legaue” mit voller Absicht aussteigen will. Das Härteste wird, ihren täglich anstehenden Sirenengesangseinlagen zu widerstehen, dass ich doch weiterlernen soll, nur weil ich zufällig motiviert wäre. Was sie nicht wissen: Motiviert war ich nicht mal am ersten Tag von den 365. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, wenn mich bis heute jede Hotel-Azubimaus auslacht, sobald ich beim Reinkommen привет sag, und nein, das hatte nie “was mit Corona” zu tun, sondern mit einem gewissen Ehrgeiz, auf meine alten Tage noch Чехов im Original zu lesen. Was hab ich mir wohl je eingebildet, wen ein Golden Ager noch kennenlernen sollte, mit dem er Russisch reden muss — und warum er jemanden kennenlernen will, der kein Englisch kann? Nächstes Mal fang ich Monolingo an, falls es die gibt; bei denen bleibt man einsprachig und hält gesittet die Klappe, wie man es als allererstes gelernt hat.

Kommt gerade rein, während ich das schreibe: Betreff “That 365 day streak is seriously impressive. Duo’s advice? Practice Russian today!”

Sie kommen.

Цирк уехал, клоуны остались.

Bild: Soviet Visuals: “The circus is gone, but the clowns remain: Popular Russian expression to describe people who are acting in a strange or absurd way”, 29. Mai 2021.

À la recherche des aufgegebenen Weblogs

Soweit ich das überblicke, sind inzwischen die ganzen Blogs, in denen einer darüber berichtet, wie er Auf der Suche nach der verlorenen Zeit liest, aufgegeben bis gelöscht. Genau genommen handelten alle davon, wie einer es nicht liest. Fleischlich, nein: digital vorhanden sind noch:

Marcel Proust hätte schon wieder zwanzig Seiten darauf verwendet, ob einen Langzeitversuch zu einer Unterlassung aufzugeben eine sinnvolle Unternehmung ist oder nicht.

Bei Proust schon. Und den Jochen Schmidt von 2008 gibt’s bis auf weiteres gedruckt: Schmidt liest Proust: Quadratur der Krise (Taschenbuch 2010), 608 Seiten.

Soundtrack: Die Sonate, die es nicht gibt, von einem Komponisten, den es auch nicht gibt: La Sonate de Vinteuil, 1913, wiedergegeben in Le Temps retrouvé, 1999:

Begriffe wie:

Versteh einer die Balanstraße:

[…] Zuvor war seit 1867 die amtliche Bezeichnung „Irrenweg“ wegen der dort seit 1859 anliegenden Kreisirrenanstalt München (bis 1900, seit 1919 Salesianum für benachteiligte Jugendliche). Nachdem sich mehrere Bewohner erfolgreich gegen diese Bezeichnung gewandt hatten, erfolgte die Umbenennung zugunsten der „ruhmreichen Erinnerungen für die bayerische Armee, in Sonderheit für die Münchner Regimenter“.

Begriffe wie Balanstraße

Die Begriffe bitte ich selbstständig zu entziffern. Mit der Auflistung zieht man sich bloß komische Suchanfragen.

Buidl: Sejwagmacht, März 2021; schenk i Eahna.

Lifehack: Torte für noch einen Tag früher bestellen, dafür mehr Schnaps anschaffen

Wir haben ja, falls uns jemand schon immer mal was schenken wollte, im Abstand von zwei Tagen — und ich sag jetzt nicht, wie vielen Jahren — Geburtstag. Zwei dickschädelige, genusssüchtige Stiere im selben Haushalt, das kann ja nicht gutgehen, dafür können Sie uns einmal was Großes stiften, statt sich zweimal was Mickriges zu überlegen.

Vroni ist auch heuer wieder Erste, ich muss also mit dem Geschenk vorlegen. Torte. Torte ist immer gut, vor allem für genusssüchtige Stiere. Buttercreme, Schwarzwälder Kirsch mit dem nötigen Schuss Kirschwasser. Natürlich online bestellt, weil wir wegen drohendem Verwandtschaftsbefall die Wohnung nach allen bekannten Himmelsrichtungen putzen müssen und unsere Geburtstage auf mehrere Tage verteilt stundenweise feiern müssen. Gut so, da hat man länger was davon, die Katzen werden vom Staubsauger mal wieder zur ihnen anstehenden Demut angehalten, und eigentlich haben wir, falls sie mitliest, unsere Verwandtschaft ja recht lieb.

Die Torte wird am angeklickten Wunsch-Liefertermin mit unschlagbarer Zuverlässigkeit natürlich nicht geliefert. Der Puffertag vorher war blind und nicht anklickbar, vielleicht haben ja am 3. Mai ja besonders viele Leute Geburtstag oder einen vorausplanbaren Schmacht auf Buttercremetorten. Macht nix, wir überblicken vor lauter Staubsaugen und nebelfeuchtem Nachwischen an den gesaugten Stellen sowieso kein Datum mehr, außerdem soll das Ding voll Schnaps sein, damit werden einem eh viel mehr Sachen wurschtegal, da nehmen wir am Puffertag zwischen unser beider Gruftigedächtnisterminen kleine Gaben Alkohols dankbar entgegen.

Bei Redaktionsschluss hielten die Reinigungsarbeiten noch an, nicht anders als die Alkoholzufuhr nach den allzu geringen Dosen, die in einer mehr oder weniger anklickbaren Schwarzwälder Kirschtorte enthalten sind. There is no such thing as too much schnaps in the house, sagen die Chinesen, was aber ein Übersetzungsfehler sein kann.

Was würdet ihr uns schenken? Würdet ihr es unkompliziert überweisen können oder würde jemand es mühsam basteln müssen? Wie viel Schnaps gehört in eine Torte und wie viel in einen genusssüchtigen Stier? Schreibt’s uns in die Kommentare, lasst uns’n Like und’n Abo da und folgt uns für mehr Lifehacks!

Soundtrack: Ярослав Сумишевский featuring die фолк-группа “Клевер” mit dem funkelnden Kristall unter den russischen Volksliedern: Ой, то не вечер ab ca. 1880, vermutlich Ende 2017 live aufgenommen unter erschwerten Bedingungen des Verwandtschaftsbefalls (jedenfalls tut die фолк-группа erfolgreich so, als ob sie verwandt wäre), daher mit ihrem unverschämten Schmalz- und Schnulzfaktor die schönste Version, die ich mit meinen leider gar zu porösen Russischkenntnissen finden konnte. Und unsereins zahlt für Spotify und lässt die Quetsche im Keller verrosten. Und jetz’ alle:

I drink and I smoke, I play music with friends

Diese Woche gelernt: Aldi lässt jetzt bei Oettinger brauen, wovon man sich auch nicht weniger Schädelweh zuzieht, und meine ganzen Helden passen auf ein Bild DIN A4, und da passt noch großflächig Efeu dazwischen.

Wenn ich endlich Herder von Wieland auf weniger als zwei Zentimeter unterscheiden kann, sprech ich nochmal auf einer idyllischen Uni vor, Literatur muss ganz lustig zu studieren sein (entgegen einem verbreiteten Vorurteil hab ich Linguistik studiert); dafür hab ich jetzt das wahrscheinlich einzige Bild von Günter Stössel südlich der Altmühl an der Wand.

Merke: Schädelweh rentiert sich immer für irgendwas.

Soundtrack: Krista Shows: Full of Sin, aus: Prone to Wander, 2020:

I am a girl that’s full of sin
I’ve done some harm, less outward than in
I drink and I smoke, I play music with friends
I have no regard, my mercy runs thin

Meinetwegen lasst’s halt steh

Wenn man seine ganzen steinalten Langspielplatten — in diesem Fall die Globetrottel Rag von Günter Stössel — nicht bis zur selbsttätigen Entrümpelung aufhebt: Das wirklich anrührend schöne Lied Goldbach City existiert nur in dieser einen Live-Aufnahme von 1976 aus einem nicht überlieferten Wirtshaus, in sämtlichen Restaurierungen und Neuanordnungen ist der gesprochene Vorspann abgeschnitten. Das heißt, es kommt nicht mehr zur Geltung, dass die beschriebene Unternehmung das historische Pilotprojekt avant la lettre für den Abenteuerspielplatz Goldbachwiese am Zabo, nein: in Nürnberg-Zerzabelshof war. Den gezupften Turnaround hab ich dereinst jahrelang immer mal wieder auf der Klampfe geübt, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das nicht ein Banjo ist:

Wie ich darauf komme? Nun ja, weil wir diese Woche unter Aufbietung unseres gesamten Repertoires an fränkischen, bairischen und internationalen Flüchen eine neue Tastatur und, schlimmer: eine neue Festplatte in den Laptop eingebaut — besonderer Dank an die IT-Vroni — und im Gefolge Windows 10 neuinstalliert und jedes Fitzelchen wieder draufgespielt haben, denn man sieht ja, was passiert, wenn man nicht seine ganzen steinalten Langspielplatten und Word-98-.rtfs aufhebt.

Und plötzlich sehnt man sich zurück in die Zeit nicht etwa vor dem Internet, sondern vor der Gutenbergischen Wende in der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken. Da haben die Leute nämlich ein für alle Male ein Jahresgehalt für ihr persönliches Stundenbuch angespart, und da stand dann alles drin, was man wissen musste. Jedenfalls alles, was einen was angeht. Wenn’s gebrannt hat, war das die o. a. selbsttätige Entrümpelung, und man hatte andere Sorgen als ob in einen Blues ein Barré oder gar keiner hineingehört:

Bonus Track: Günter Stössel. One Barré Only, aus: Schdrohwitwer Blues, 1975, das Pilotprojekt zur späteren Ballade vom Leberschrumpf, weil ich das auch selber halbwegs kann:

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