Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Autor: Wolfster (Seite 1 von 32)

Katersachen

Zwei Katzen im Hinterhof
der Größe nach Kater
der inneren wie äußeren
Prominenz

ein kohlrabenschwarzer
ein geringelter
gehen jeder für sich
ihren Geschäften nach

Ein Schleichen und Schnüffeln
ein Schlendern und Patrouillieren
zwischen ruhenden Fahrrädern
und Frühlingsbepflanzung

verfolgen sie jedes Rascheln
im Efeu das eine Maus
sein könnte aber meistens
ein Falter auf der Flucht

Ab und zu begegnen sie sich grüßen
sich mit den Nasen Kollegen im Einsatz
gehen Katzengeschäften nach
machen Katersachen

Die Blausterne stehen schön gegen
die Osterglocken die Pfingstrosen sind
noch lange nicht soweit die Bäumchen
noch kaum Blätter ein Gebüsch aus Goldlack

Die zwei wichtigsten Herren sämtlicher
Hinterhöfe die sie kennen nur den einen
aber den genau mit allen Neuigkeiten des Tages
lassen einander gelten so ist der Job

Alarmbereitschaft wenn in einem oberen
Stockwerk ein Senkrechtgeher in Deckung
die Balkontür aufknarzt Schnurrhaare
voraus Augen auf Murmelgröße Hals ausfahren

ein Zittern durch zwei gespannte
Katerkörper vorsichtshalber auf Angriff
gehen gegenseitig die Breitseiten
zeigen jeder ist verdächtig

Hupf hupf doing doing Tatze aufs
Haupt den Eckzahn blitzen lassen
eine Drohung in Ultraschall und zu zweit
übereinander hopplahopp durchs Wohnungsfenster

 

Die Bitterlinge sind begeistert von den Kupferwerten

Die Wasserwerte sind da. Vom Labor bestellt und bitter bezahlt. Außer einigen selten auftretenden Image-Werbeplakaten der Münchner Stadtwerke für ihr wunder wie tolles Leitungswasser erzählt einem ja keiner was über das Lebensmittel, das man am meisten verwendet. Außer Chips natürlich, aber der Mineralgehalt müsste ähnlich sein.

Wer Münchner Leitungswasser, von Braumeistern der Stadtwerke liebevoll frotzelnd “M-Wasser” genannt, bisher für eine nachlässig gesättigte Kalklösung hielt, kann aufatmen und weitersaufen: Der Kalkgehalt ist keinesfalls höher als in den Schalen von Bio-Eiern. Kupferwerte hab ich bisher für etwas gehalten, das man nach dem Einkaufen in eine alte Asbach-Uralt-Flasche klimpern lässt, praktisch zu vernachlässigen sind Nitrat und Nitrit. Ich hab keine Ahnung, was das ist, aber ich verwechsle ja auch Manet und Monet. Unter dem psychogenen Grenzwert liegen auch Bor und noch irgendwas.

Sorgen muss man sich machen um Nickel und Blei. Dass Blei nicht in Leuten vorkommen sollte, lernt man ja schon als kleiner Bub, wenn man durchs Wohnzimmerschlüsselloch den Spätwestern mitguckt. Und vor allem Leute wie ich, sagt Vroni, die mit Müdigkeit, körperlicher Schwäche, Depression und noch irgendwas zu kämpfen haben…

“Mit Vergesslichkeit, Wolf”, hilft Vroni aus, “mit Vergesslichkeit!”

Sag ich doch, aber jetzt weiß ich nicht mehr, was ich wollte.

Soundtrack zum Bleigehalt: Tim Blake Nelson: Cool Clear Water,
aus: The Ballad of Buster Scruggs, 2018:

Der Stunt mit dem Becher:

You’re gonna miss me when I’m gone

Uschi, die mir seinerzeit die ersten vier Griffe auf einer Gitarre beigebracht hat, hat grundsätzlich nie Platten gekauft oder auf Kassetten überspielt, die sie nicht nachspielen konnte. Mit so einer musikalischen Auffassung sind ihr freilich Pink Floyd und Bach mit größerer als Kammerbesetzung fremd geblieben, aber solange ich sie kannte, wirkte sie eher ausgeglichener und aufgeräumter als andere Leute, die nicht vor Accept und Jennifer Rush zurückschreckten. Außerdem glaube ich Uschi bis heute jedes Wort, auch wenn sie keins mehr an mich richtet, aber ihre vier Gitarrengriffe funktionieren ja auch noch.

Wie ich darauf komme? — Als erstes sind Lulu and the Lampshades aufgefallen, die seit 2012 als Landshapes praktizieren:

Diese Gruppe wurde dadurch international bekannt, dass sie einen alten Folksong, der erstmals von der Carter Family im Jahr 1931 unter dem Titel When I’m Gone eingespielt worden war, um neue Strophen und Melodielinien erweiterte. Die Lampshades unterlegten ihre Neukomposition mit dem Rhythmus eines Klatsch- und Becher-Spiels für Kinder und veröffentlichten dies unter dem Titel You’re Gonna Miss Me 2009 auf der Internet-Plattform YouTube. Die Veröffentlichung wurde zum Internet-Phänomen und zur Vorlage der Adaption durch Anna Kendrick im Film Pitch Perfect unter dem Titel Cups.

Schon 2009, das “Klatsch- und Becher-Spiel” soll eher traditionell als bahnbrechend neu und außerdem “für Kinder” sein, und Anna Kendrick will Pitch Perfect auf eigenen Vorschlag mit ihrem Cup Rhythm bereichert und zum eigenständigen Draufschaffen gerade mal einen einzigen Nachmittag gebraucht haben.

Es ist 2021, wir sind keine Kinder mehr und können den Cup Rhythm nicht. Kein Grund, das auf sich sitzen zu lassen.

Als erstes folgt der Text des Liedes der Carter Family, 1931, nach der für deren Begriffe erheblich veränderten Version 1935 bearbeitet von den Lampshades Luisa Gerstein und Heloise Tunstall-Behrens:

I learnt the cup rhythm at a family run music class in North London called Sumics. The chorus comes from the Carter Family song “When I’m Gone — 1935”, and we wrote the verses. Also, we were credited in the Pitch Perfect film.

You can purchase the recorded version of this song (with an extra verse) at our bandcamp[.]

— und natürlich mit dem extra verse:

——— Lulu and the Lampshades:

You’re Gonna Miss Me

1.: I’ve got my ticket for the long way ’round
Two bottles of whisky for the way
And I sure would like
some sweet company
And I’m leaving tomorrow, what d’you say?

Refrain 1: When I’m gone, when I’m gone
You’re gonna miss me when I’m gone
You’re gonna miss me by my hair
You’re gonna miss me everywhere — oh
You’re sure gonna miss me when I’m gone

2.: I’ve got my ticket for the long way ’round
The one with the prettiest of views
It’s got mountains, it’s got rivers
It’s got sights to give you shivers
But it sure would be prettier with you

Refrain 2: When I’m gone, when I’m gone
You’re gonna miss me when I’m gone
You’re gonna miss me by my walk
You’ll miss me by my talk,
You’re gonna miss me when I’m gone.

3.: I’ve got my ticket for the long way ’round
These feet weren’t built to stay too long
And I’d go there on my own
But you’ll miss me when you’re home
It’s for you dear that I sing this song

Refrain 1: When I’m gone, when I’m gone
You’re gonna miss me when I’m gone
You’re gonna miss me by my hair
You’re gonna miss me everywhere — oh
You’re sure gonna miss me when I’m gone

Refrain 2: When I’m gone, when I’m gone
You’re gonna miss me when I’m gone
You’re gonna miss me by my walk
You’ll miss me by my talk,
You’re gonna miss me when I’m gone.

Als zweites gilt es den Becher-Stunt zu lernen. Anna Kendrick überliefert nicht, wie sie das innerhalb weniger Stunden unter dem Zeitdruck einer Filmproduktion mit einem Budget von 17 Millionen Dollar geschafft haben will, aber wir, die wir unter dem Privileg der selbstbestimmten Freizeiteinteilung stehen, können seit 2009 (Lulu and the Lampshades), spätestens aber 2012 (Pitch Perfect) auf haufenweise YouTube-Tutorials zum Cup Rhythm zugreifen. Nach einem verdaddelten Tag der Direktvergleiche darf ich verraten: Am hilfreichsten erklärt’s einem der Schweizer in einer deutschsprachigen Version:

Und ich hab seinen Merkvers sogar mitgeschrieben, damit Sie es nicht müssen:

1.:Klatsch klatsch
schlag da-rauf
klatsch nimm
Cup —

2.:Klatsch nimm
Cup in
an-dre
Hand.

Als drittes darf ich als Praxistipps weitergeben:

1.: Es heißt “Cup Song”. Das bedeutet: keine Gläser. Plastik ist vollständig okay, Keramik knallt zu scharf auf die Tischplatte. Gute Erfahrungen hab ich mit zwei ineinandergestellten großen Jogurtbechern (500 Gramm) gemacht: nicht zu labbrig, aber untergrundfreundlich, schön satter Sound. Für kleinere Patschehändchen eignen sich unschlagbar die Becher von Grafschafter Goldsaft (450 Gramm). Wohl dem, der noch einen von vor ein paar Jahren aufgehoben hat, da waren die aus Pappdeckel;

2.: es hat sehr wohl einen Sinn, mit einem umgedrehten Becher anzufangen (und aufzuhören); richtig herum funktioniert der Abschlag an der Handfläche nicht;

3.: und vor allem mit einem leeren, ihr Schlauberger;

4.: in YouTube haben auffallend viele Einspielungen die Kommentarfunktionen deaktiviert, vermutlich wegen der sich allzu leicht aufdrängenden Kalauer mit “Cups” und großen Angriffsflächen für kleinliches Gemäkel an der Taktfestigkeit. Sollten Sie zu so etwas neigen, teilen Sie Ihre eigenen Live-Mitschnitte nicht zu voreilig mit einer hämischen YouTube-Gemeinde;

5.: beim gleichzeitigen Singen des Liedtextes ist es die halbe Miete zu wissen, dass auf die Stelle “You’re gonna miss me when I’m” sieben Taktschläge verteilt sind und allein auf das “gone” noch einmal sieben. Leider hab ich nicht viel Ahnung von Notation, nehme aber an, dass es etwas mit Triolen zu tun hat. Deswegen gucken auch die fröhlichsten Musikanten während ihrer Performance so verkniffen konzentriert: Die haben alle ein bis zwei Minuten Dauerfeuer in sämtlichen Gehirnregionen auf einmal.

Als viertes die Profiversion in verschiedenen Zeitlupen zum Mitklopfen:

Am schönsten finde ich fünftens und letztens bis auf weiteres die Studioversion der komplett versammelten Lampshades mit allen drei Strophen aus: Cold Water, 2013. Die wurde vermutlich spurweise eingespielt und ist in dieser Souveränität und Brillanz live praktisch nicht durchzuhalten:

Ich melde mich wieder, wenn ich das wie so beeindruckend viele — ja, auch Kinder — auf YouTube vorzeigbar zu zweit geschafft hab. Nein, nicht mit Uschi.

Du hörst nicht auf zu kämpfen, wenn du keine Lust mehr hast, sondern wenn der Bär keine Lust mehr hat

Diese Woche gelernt:

Die schlechte Nachricht: Ernährung durch Essen ist in den wenigsten Fällen ratsam. Die gute Nachricht: Sie ist auch nicht ernsthaft möglich.

Internet ist wie Krieg: Keiner macht mit, weil es für irgendwas gut wäre, sondern weil alle mitmachen müssen.

Wie das zusammenhängt? Bestimmt irgendwie, aber ich wünsche uns allen, gar nicht.

Soundtrack: Nora Brown: Omer Forster: Flowery Girls, 7. Februar 2021.
Lerninhalt 3: Brooklyn hat auch schöne Ecken:

Bring on the magic of that old-fashioned love

And here comes my girl
She’s all dressed in promise
She takes the old world
She makes it brand new.

I Draw Slow: Same Old Dress Will Do, 2017.

Wir brauchen noch mindestens ein Jahr Lockdown, sonst werden wir mit nichts fertig.

Mit der Arbeit sowieso nicht, die höret nimmer auf; mit der Freizeit schon gleich gar nicht. Wobei es mehr Spaß macht, letztere zu optimieren: Andere Leute haben daheim eine Nebelmaschine, alles von Grateful Dead auf Vinyl und ausreichende Mengen Bier, das trägt schon mal recht weit. Ins Jahr 1968 oder sonst eins von den Jahren, auf die es ankommt, zum Beispiel.

Unsereins hat daheim nicht mal eine Kaffeemaschine, dafür einen Spotify-Account gratis voller Werbung und bis jetzt noch ausreichende Mengen Leitungswasser, das trägt einen jeden Tag ein paar entscheidende Minuten später an einen gedeckten Frühstückstisch. Bei gleichbleibender Zeitverschiebung müssten wir nächstes Jahr um diese Zeit wieder so frühstücken, dass man am Abend wieder guten Gewissens anfängt, über Bier nachzudenken.

“Lockdown” heißt doch, dass einer sich niedersetzt und abgedichtet wird, oder nicht?

Soundtrack: I Draw Slow: Same Old Dress Will Do,
aus: Turn Your Face to the Sun, 2017:

Shoemanic Franz

Vor langer Zeit war unsere Kernkompetenz beim Bloggen aus naheliegenden Gründen die Werbung, danach die Geschicklichkeit darin, nichts Berufliches preiszugeben, weil es beruflich ist, nichts Politisches, weil es politisch ist, und schon gleich dreimal nichts Privates, weil es privat ist. Dieses eine Mal müssen wir zu unseren Werbewurzeln zurückkehren. Ende des Meta-Teils.

Den österreichischen Schuhhersteller Humanic mit Sitz in Graz gibt’s noch. Am aufschlussreichsten zitiert sich sein Wikipedia-Artikel; mehr als dort — einschließlich der wenigen Verlinkungen — erfährt man über sein Werbekonzept nirgends:

Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren fiel Humanic durch innovative Werbekonzepte auf, für die Horst Gerhard Haberl verantwortlich war. Die Werbespots hatten wenig bis nichts mit den Produkten zu tun, es waren komprimierte Stücke avantgardistischer Kunst. Texte bekannter österreichischer Autoren wie H. C. Artmann, Andreas Okopenko, Wolfgang Bauer oder Claus Schöner wurden verwendet und Anleihen bei der konkreten Poesie genommen. […] Markant war der Ausruf “Franz!” am Ende der Spots, der erstmals 1971 vorkam. […] Für das damalige Publikum waren die Werbespots irritierend, die Marke und die Franz-Figur erreichten einen hohen Bekanntheitsgrad, zeitweise von 98 %. Umgekehrt fühlten sich auch die damaligen Künstler nicht immer wohl dabei, für die Werbung zu arbeiten, Ernst Jandl etwa zog einen bereits ausgearbeiteten Spot wieder zurück.

Das für Österreicher ikonisch gewordene Soundlogo “Franz!” wurde ziemlich genau von 1971 bis 1996 unter Werbeleiter Horst Gerhard Haberl eingesetzt, seit dem grundlegenden Wechsel des Werbekonzepts gilt die Humanic-Werbung als konventionell bis ausgesprochen langweilig.

Leider bin ich nicht im Österreich der 1970er Jahre aufgewachsen und musste daher erst tief im 21. Jahrhundert über den Spot mit H. C. Artmann — es ist der ruhigste, der von der typischen Handbewegung beim Schreiben von Haiku lebt — auf eine “kultige”, aber aussortierte Werbung stoßen, vor deren Courage und Innovationswillen auch in dessen drittem Jahrzehnt manchen rezenten Werbern die Luft wegbleibt. Ein Jammer, den Spot von Ernst Jandl hätte man schon gern miterlebt.

Nicht dass an Lautpoesie ansonsten Mangel geherrscht hätte — und in der Tat muss ein martialisch redupliziertes Statement wie “Berge brauchen keine Menschen” gerade in Österreich an existenzielle Belange rühren. Dokumentiert sind auch einige vogelwilde Plakate, die TV-Spots dauern standardmäßig 20 bis 30 Sekunden. In ungefährer chronologischer Reihenfolge waren aufzutreiben:

Serendipity Jane

Vor 21 Uhr
an der Bushaltestelle
Zigaretten rauchen müsste
bis jetzt noch
erlaubt sein. Auf
einmal wächst eine
Frau im plastikblauen
Michelin-Männchen-Mantel
aus dem verschneiten
Gehsteig, wasserdichte Plastiktüte
am Handgelenk, den
Lippenstift ist sie
nicht mehr gewohnt.
“Gott zum Gruß”,
sagt sie, “ich
bin heut 40
geworden.” Gut gehalten.
“Glückwunsch”, sag ich.
“Keine Ursache”, sagt
sie, “und sie
haben mir eine
Flasche Wein geschenkt.”
Sie wedelt mir
mit ihrer Plastiktüte
unter dem Gesicht
herum, gratuliert hab
ich ihr schon.

“Wenn ich nicht
trocken wär”, redet
sie weiter, “würd
ich den ganzen
Tag Chardonnay saufen.”

Ich nicke weise.
“Wer nicht, wer
nicht”, sag ich.
“Können Sie haben”,
sagt sie, drückt
mir die Plastiktüte
vor die Brust,
damit ich sie
nehmen muss, und
ist hinter einer
Schicht Schneeflocken in
Richtung einer Kneipe,
aus der vorhin
noch Licht auf
die schlampig geräumten
Schneefladen fiel, verschwunden.
Stellenryck, Südafrika. Hab
ich letztes Jahr
mal beim Aldi
im Angebot gesehen.

Wenn ich trocken
wär, würd ich
den ganzen Tag
keinen Wein saufen.

Soundtrack: Caravan: Winter Wine, aus: In the Land of Grey and Pink, 1971:

For there is always light

We cannot do more than refer to this.

——— Amanda Gorman:

The Hill We Climb

December 30th, 2020 to January 6th, 2021,
version as performed as inaugural poem
for Joseph R. Biden Jr. on January 20th, 2021,
from: The Hill We Climb, Viking Books for Young Readers, September 2021:

When day comes we ask ourselves,
where can we find light in this never-ending shade?
The loss we carry,
a sea we must wade
We’ve braved the belly of the beast
We’ve learned that quiet isn’t always peace
And the norms and notions
of what just is
Isn’t always just-ice
And yet the dawn is ours
before we knew it
Somehow we do it
Somehow we’ve weathered and witnessed
a nation that isn’t broken
but simply unfinished
We the successors of a country and a time
Where a skinny Black girl
descended from slaves and raised by a single mother
can dream of becoming president
only to find herself reciting for one
And yes we are far from polished
far from pristine
but that doesn’t mean we are
striving to form a union that is perfect
We are striving to forge a union with purpose
To compose a country committed to all cultures, colors, characters and
conditions of man
And so we lift our gazes not to what stands between us
but what stands before us
We close the divide because we know, to put our future first,
we must first put our differences aside
We lay down our arms
so we can reach out our arms
to one another
We seek harm to none and harmony for all
Let the globe, if nothing else, say this is true:
That even as we grieved, we grew
That even as we hurt, we hoped
That even as we tired, we tried
That we’ll forever be tied together, victorious
Not because we will never again know defeat
but because we will never again sow division
Scripture tells us to envision
that everyone shall sit under their own vine and fig tree
And no one shall make them afraid
If we’re to live up to our own time
Then victory won’t lie in the blade
But in all the bridges we’ve made
That is the promised glade
The hill we climb
If only we dare
It’s because being American is more than a pride we inherit,
it’s the past we step into
and how we repair it
We’ve seen a force that would shatter our nation
rather than share it
Would destroy our country if it meant delaying democracy
And this effort very nearly succeeded
But while democracy can be periodically delayed
it can never be permanently defeated
In this truth
in this faith we trust
For while we have our eyes on the future
history has its eyes on us
This is the era of just redemption
We feared at its inception
We did not feel prepared to be the heirs
of such a terrifying hour
but within it we found the power
to author a new chapter
To offer hope and laughter to ourselves
So while once we asked,
how could we possibly prevail over catastrophe?
Now we assert
How could catastrophe possibly prevail over us?
We will not march back to what was
but move to what shall be
A country that is bruised but whole,
benevolent but bold,
fierce and free
We will not be turned around
or interrupted by intimidation
because we know our inaction and inertia
will be the inheritance of the next generation
Our blunders become their burdens
But one thing is certain:
If we merge mercy with might,
and might with right,
then love becomes our legacy
and change our children’s birthright
So let us leave behind a country
better than the one we were left with
Every breath from my bronze-pounded chest,
we will raise this wounded world into a wondrous one
We will rise from the gold-limbed hills of the west,
we will rise from the windswept northeast
where our forefathers first realized revolution
We will rise from the lake-rimmed cities of the midwestern states,
we will rise from the sunbaked south
We will rebuild, reconcile and recover
and every known nook of our nation and
every corner called our country,
our people diverse and beautiful will emerge,
battered and beautiful
When day comes we step out of the shade,
aflame and unafraid
The new dawn blooms as we free it
For there is always light,
if only we’re brave enough to see it
If only we’re brave enough to be it

Soundtrack: Aretha Franklin: Think, from: Aretha Now, 1968,
as performed in: The Blues Brothers, 1980:

Tauwetter

Zwischen Fladen von
gesulztem Schnee, der
mich davor bewahrt,

auf dem Split
herumzukullern, der mich
davor bewahren soll,

auf dem Schnee
auszurutschen, verliert sich
ein rostiges Centstück.

Mit dem Fingernagel aus der
Pflasterfuge hebeln und in der
fünften Jeanstasche zum Euro für

den Einkaufswagen versenken. Blanker raus,
rostiger rein: So vertauscht sich
ein Glück mit dem anderen.

Soundtrack: The Be Good Tanyas: Rain and Snow,
aus: Blue Horse, 2000,
live im Railway Club (erloschen), Vancouver, 3. Oktober 2001:

Schon Zeit zum Aufstehen?

Wie Silvester war? Erstens: Wer sich an Silvester erinnern kann, hat keins erlebt. Zweitens: Entweder war es so wie bei allen anderen auch, dann ist der Rückblick nicht nötig, oder es war anders als bei allen anderen, dann ist er nicht möglich.

Sagen wir einfach, es war so wie das rückblickend hinterherschleppende Jahr: Wenn man sich hätte rühren dürfen, hätte man nicht gewollt, und wenn man gewollt hätte, wär’s immer noch verboten. Systemrelevante Tätigkeiten verbieten sich für Risikogruppen.

Wahrscheinlich war es ganz okay. Schon in ganz wenigen Wochen werden wir alle sagen, dass 2020 vergleichsweise doch gar nicht so schlecht war.

Viel Glück im neuen Jahr, wir werden es brauchen.

Soundtrack: Chip Taylor: The Last Video (F**k All The Perfect People Part II),
aus: Block Out the Sirens of This Lonely World, 2013:

Und ihr so?

Wie Heiligabend war? An dem haben wir wie immer — wie immer an Heiligen Abenden, mein ich — am Heiligen Abend haben wir also wie immer eine Ente gebraten, die Ente darf man also schon mal nicht fragen.

Traditionell — das heißt: seit Franz Messner nicht mehr seine vielstündige, sensibel kuratierte Weihnachtsmischung auf Bayern 1 ausschüttet — legen wir dazu die Lola Versus Powerman and the Moneygoround, Part One auf, viel eher wegen Strangers als wegen Lola, danach kommt eine überhaupt nicht sensibel kuratierte, sondern algorithmisch zusammengekleisterte Playlist mit Hippiegeschrammel.

Um nicht den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren — sagen wir’s mal so: unsere Weihnachtspost bestand aus der Telefonrechnung — hören wir zwischendrin vorsichtshalber Radio: Rundfunkstationen gehören zum Letzten, was im Verteidigungsfall kapeister geht, und die Nachrichten zur vollen Stunde stiften ein Urvertrauen zum Leben und zur Welt, viel eher wegen ihres zuverlässigen Eintretens als wegen ihres Inhalts.

Kein Verteidigungsfall auf eigenem Boden, aber den üblichen affirmativen Erleichterungsschreien, dass dieses doofe Jahr 2020 ja ganz arg bald hinter uns liegt, folgt in den 23-Uhr-Nachrichten die Meldung: Coronavirus-Variante aus England erstmals in Deutschland nachgewiesen” — formuliert mit entschieden zu vielen “erstmals”, “bisher” und “vorläufig”. Die Schreibweise von B.1.1.7 wird man sich “vorläufig” merken müssen: Das erste Jahr der Pest ist nicht zwingend das letzte.

Fröhliche Weihnachtsreste und gedeihlichen Jahreswechsel.
Gott steh uns bei.

Wer die Melodie korrekt mitpfeifen kann, darf sich einen Keks nehmen:
Christina Bowers und Henry Toland: Strangers,
aus: The Kinks: Lola Versus Powerman
and the Moneygoround, Part One
, 1970.
Aufgenommen vermutlich Dezember 2015 in Orlando/Florida, und fast noch hypnotischer als das Original. Also fast. — Man beachte den Hund.

Giesing und zurück

Rotkraut hat’s wohl keins gegeben?

Lockdown findet ja vor allem im Kopf statt. Auf der Straße sieht man jedenfalls nix davon.

Fernkälte-Rohre, Bausetelle Reifenstuelstraße München 2020Die Straße, die ich vom Fenster aus im Blick hab, wird dieser Tage im allerengsten Sinne des Wortes abgeschlossen: mit der letzten Asphaltschicht auf den schmuck schwarzglänzenden Teer. Das war per Flyer vom Oberbürgermeister persönlich für 4. Dezember versprochen, ist also gar nicht mal so schlimm verspätet. Das Foto nebenan hat also ab sofort einen überaus dokumentarischen Seltenheitswert.

Und ab sofort kann man wieder mit dem Auto durch die Reifenstuelstraße. Muss man aber nicht, und vor allem: Wer kann sich heute noch ein Auto leisten? Das Gefühl wohligen Nichts-Müssens muss mit dem Lockdown zu tun haben, die dauerpanische Existenzangst macht widerwillig jener gallig heiteren Auffassung Platz, dass einen das Leben doch langsam kreuzweise kann: Alles den Bach runter? — Ja, und jetzt? Soll ich weinen oder lieber kotzen? Sucht euch was aus, vielleicht mach ich’s, falls ich heuer oder nächstes Jahr mal dazu komm.

Gestern hab ich die fast fertig asphaltierte Reifenstuelstraße dazu benutzt, eine Weihnachtsente aufzutreiben: über eine Stunde zu Fuß zum Händler für Kronen-Enten unseres Vertrauens — ohne öffentliche Verkehrsmittel, damit einem keiner was nachsagen kann. Vor allem ohne Auto lernt man dabei, dass Ober- und Untergiesing richtig was gleich-, aber grundverschieden ausschauen, und wird unterwegs sogar noch unabhängig voneinander von zwei local Beauties angelacht, weil man so ein rüstiger Wandersbursch ist; im Bus passiert einem das garantiert nie.

Vor allem kommt man mit dem Bus nicht über den Ostfriedhof. Auf dem lernt man, egal ob gerade eine Seuche mit oder ohne Lockdown tobt oder nicht: Schlimmer als so wird’s langfristig nicht.

Ist das Fatalismus oder Defätismus? Und braucht man wirklich ein Fremdwort dazu? Wurscht: Wie schön, dass man auch das ignorieren kann. Aber nicht muss. Geil.

Buidl: Fernkälte-Rohre, Baustelle Reifenstuelstraße, ca. November 2020, schenk i Eahna.

Soundtrack: Bob Geldof: The Great Song of Indifference,
aus: The Vegetarians of Love, 1990:

Schäufele-Gewinnspiel 2015 geschlossen

Augen auf pp.

Nachdem ich schon anno 2015, als ich noch nicht zu faul war, nach dem Einsetzen aufgeladener Akkus das Datum an der Kamera frisch einzustellen, unter Einsatz meiner morschen Gebeine und ebensolchen Wanderschuhsohlen eine der ganz wenigen Katzendarstellungen in den Kirchen der weltumspannenden Christenheit zu dokumentieren die Gelegenheit ergriff — das Halbrelief eines weitgehend nackigen kleinen Buben, der mit einer Katze spielt, indem er ihr einen großmächtigen Zapfen Wurst anbietet, mithin ein Bild des Friedens, der Eintracht und der Wohltätigkeit, im Sockel des Taufbeckens, wenn man reinkommt links auf halbem Weg zum Hochaltar, an der lichtabgewandten Wandseite, wo es nicht heller wird, außer man fragt den Pfarrer, ob man’s besser ausleuchten darf, falls man sich auf sowas versteht, und damit das Bild aus meiner spärlichen Bilderproduktion, auf das ich möglicherweise am stolzesten von allen bin — bleibt mir nur noch die Dokumentation der Weisheit der Straße, vulgo Streetsmartness.

Augen auf, Maul zuDas Weise an dem Graffito, wie jeder auch nur halbwegs Weise bemerken wird, ist selbstverständlich seine lakonische Stringenz und seine seit 2018 nur noch stetig angewachsene Nützlichkeit. Wobei mir einfällt: Die Einladung zu einem Schäufele im Klosterbräustüberl Schäftlarn, die ich anno 2015 ausgerufen hab, falls jemand weiß, wo sich die Katze in der Klosterkirche rumtreibt, fällt damit natürlich automatisch aus, weil ich’s jetzt nach über fünf Jahren selber verraten hab, obwohl sie den Laden “voraussichtlich” am 1. Dezember wieder aufsperren.

2020, schreiben sie dazu. Das ist ebenfalls weise, weil sie ja dann immer am 2. Dezember bloß die letzte Ziffer an der Jahreszahl ändern müssen.

Buidl: Selbergmacht, schenk i Eahna, 7. Januar 2018.

Soundtrack: Hildegard von Blingin’: Creep, medieval and fantasy inspired, 10. Juni 2020:

Beiträge zur deutsch-ukrainischen Freundschaft

Update zu L’important, c’est la Dose:

Ich hab ein Problem mit Augenkontakt, deshalb sitze ich von jeher mit den Leuten lieber nicht gegenüber, dass man ständig ihren Blick parieren muss, sondern nebeneinander, und versuche es als “in die gleiche Richtung schauen” auszugeben. So wird das freilich nix mit der Völkerfreundschaft mit dem befreundeten Ausland:

“Also Leute mit zwei Muttersprachen ham doch immer alle irgendwie ein Rad ab.”

“Du findest?”

“Du nicht? Wahrscheinlich macht das schizo oder entwurzelt oder sowas.”

“Bei uns in der Ukraine alle haben die zweite Muttersprache.”

“Weiß schon, ihr tatarischen Reiternomaden kommt viel rum.”

“Nomaden an dem Arsche. Kiever Rus war viel länger als Sowjetunion mit bisschen Moskau.”

“Halt kleiner.”

“Heute noch größte Land von Europa. Außerdem schöner. Russkij Heartland, weißt du.”

“Wozu braucht ihr dann eure zwei angeborenen Sprachen?”

“Moskau zu frech. Russkij Jasyk sowieso bloß degenerierter Dialekt von Ukrajinska Mowa.”

“Parther und Skythen halt.<"

“Weites Land. Viel reiten.”

“Was ist jetzt der korrekte Terminus für die ganzen räuberischen Kosakenstämme: glagolitische Walachei oder moskowitische Mongolei?”

“Bist du selber Arsch.”

Und ich hab immer geglaubt, wenn ich den Augenkontakt mit den Leuten, die noch mit mir reden, halten könnte, hätte ich’s zur Not so weit bringen können, dass mich der eine oder andere für einen funktionalen Erwachsenen hält. Erleichternd zu wissen, dass nicht mal das was gebracht hätte.

Der Vorteil ist: Man kann seine Zigaretten sehr viel souveräner mit seinem Nebeneinander teilen als mit seinem Gegenüber.

Soundtrack: Chip Taylor & The New Ukrainians:
Fuck All The Perfect People, aus: F++K All The Perfect People, 2012.

Metablogging

Tausendundein Artikel

Isarfräulein

“Weißt du, was du letzte Woche gemacht hast?”

“Mich jedenfalls nicht am Isartalbahnweg rumgetrieben und heimlich fremde Isarfräulein fotografiert.”

“Die tragen doch heut alle ihren Zensurbalken von Natur aus im Gesicht.”

“Aber im Gegensatz zu dir Design-Kundschaft herbeigeschafft?”

“Und den tausendsten Blog-Artikel veröffentlicht.”

“Tausend? Echt? Schon?”

“Schon ist gut. Da arbeiten wir seit 17. Oktober 2005 drauf zu.”

“Tausend Einträge in nicht ganz fünfzehn Jahren. Wow, wir sind sowas von die Textmaschine.”

“Fünfzehn Jahre sind so mittelfleißig. Tausendundeine Nacht …”

“Nächte, du Hilfsgermanist.”

“1001 Nächte dauern nicht mal drei Jahre.”

“Du meinst hinereinander am Stück.”

“Wenn man’s mal so sagt, war’s wieder langsam.”

“Dann sag’s halt anders.”

“Okay: Der versprochene eine Artikel pro Woche hätte nach über neunzehn Jahren seine Nummer 1000 erreichen müssen.”

“Wenn man’s mal so sagt, war’s wieder schnell.”

“Könnte aber schneller gehen.”

“Wir waren immer die Besten, nicht die Schnellsten.”

“Und Quantität und Qualität müssen sich ausschließen?”

“So kennen wir uns. Wolfwolfwolf.”

Isarfräulein Aborte

Buidln: Sejwagmacht, 23. Juli 2020.

Soundtrack: The Proclaimers: I’m Gonna Be (500 Miles),
aus: Sunshine on Leith, 1988.

Kapitalisten verstehen etwas von den Genüssen des Lebens (Barks/Fuchs)

Update zu Das nächste große Ding: Pumuckl-Marketing!:

Man kann es ja gar nicht einfach genug erklären. In diesen Tagen, als Der Donaldist 158 verschickt wurde, ist mir auch wieder eingefallen, was ich über BWL weiß. Alles auf einmal. Es passt auf zwei Bilder, dabei kommen die nicht mal im DD 158 vor.

Sie kommen vielmehr vor im Entenhausener Bericht Eine würzige Geschichte, i. e. Carl Barks: A Spicy Tale, 1962, übersetzt von Dr. Erika Fuchs für Micky Maus 28, 1963. Dagobert Duck sucht als Begleiter des Entwicklungshelfers Donald (der sich auf Spinatkochen und Bongotrommeln versteht), die knapp gewordenen Muskatnüsse bei den Muskateller-Indianern am Amazonas (die sich viel eher für die Fertigkeit des Geldverdienens interessieren), um sie nicht zuletzt für seinen eigenen Bedarf an Muskatnusstee direkt aus dem Urwald zu exportieren:

Donald Duck, Eine würzige Geschichte Donald Duck, Eine würzige Geschichte

Der verdiente Donaldist Andreas Platthaus nimmt Dagoberts Auffassung von Vermögensbildung, die in der BWL Schatzbildung heißt, ernst — in: Die Kunst, Geld anzuhäufen, Jungle World, 6. November 2008:

Ein Großteil des Duckschen Geldes arbeitet nicht. Es genießt vielmehr den Ruhestand und dient vor allem sentimentalen Gefühlen seines Besitzers. So findet sich tief im Geldspeicher unter unzähligen anderen Münzen vergraben ein Fass mit der ersten Million Dagobert Ducks, die dieser »noch heute nicht ohne Rührung betrachten kann«. Dass auch der erste selbstverdiente Taler noch in seinem Besitz ist, dürfte sogar oberflächlichen Kennern Entenhausens bekannt sein. Man darf aber vermuten, dass frisch verdientes Geld von Dagobert Duck generell nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wird. Man rufe sich nur einen Satz in Erinnerung, den er beim Betrachten einer einzelnen Münze aus seinem Ver­mögen äußerte: »Oh, das Geldstück kenn’ ich. Das ist das, was ich damals auf der Weltausstellung 1907 nicht ausgegeben habe.«

Dieses Zitat führt ins Herz der politischen Ökonomie Entenhausens, die sowohl rätselhafte Phänomene wie die kurzfristige Bilanzschwebe als auch mittlerweile leicht nachvollziehbare wie die kreditabwürgende Unabhängigkeitstheorie kennt. Erfreulicherweise ist durch Barks und Fuchs ein Vorlesungszyklus überliefert, den Da­gobert Duck als unfreiwilliger Entwicklungshelfer beim Stamm der südamerikanischen Muskateller-Indianer gehalten hat. Hören wir uns den Milliardär erst einmal an: »Zuerst muss man sich ein paar Taler sparen. Die tut man auf die Bank. Ersparnisse erfreuen das Herz des Bankdirektors. In seiner Freude legt er noch etwas dazu.« So erläutert Duck das Zinsphänomen. Es ist hier also weniger Geld, das Geld heckt, um mit Marx zu reden, als vielmehr eine Ökonomie des Wohlgefallens (man könnte auch sagen: eine Günstlingswirtschaft), die das Vermögenswachstum erst in Gang bringt. Banken fungieren dabei als grundgütige Gläubiger.

Das wirkt etwas weltfremd. Aber weiter in Ducks Vorlesung: »Mit dem geborgten Geld kauft ihr billige Waren ein und verkauft sie so teuer wie möglich.« Spätestens hier werden wir hellhörig, denn wir wissen ja, dass sich der Milliardär selbst nicht mehr verschuldet. Wir folgern daraus, dass kaum jemand so wenig berufen ist, uns den Kapitalismus zu erläutern, wie Dagobert Duck. Es gibt ein berühmtes Diktum aus seinem Munde: »Mir hat auch keiner gesagt, wie man Kapitalist wird.« Der Witz ist: Er ist es nie gewesen, denn Hortung, wie Duck sie betreibt, muss dem Kapitalismus wesensfremd bleiben. Er ist ja gerade angewiesen auf frei flottierende Geldströme, weil nur so Kapital akkumuliert werden kann.

Dagobert Duck wäre mithin gar kein Kapitalist? Platthaus braucht bedeutend länger als Duck, um seinen Standpunkt klar zu machen; normalerweise ein schlechtes Zeichen, aber Platthaus muss auch nicht in zwei Sprechblasen passen, und plötzlich gibt es einen ganz neuen Sinn, dass Dagobert andernorts, in populär gewordenen Fuchs-Zitaten eher als Plutokrat bezeichnet wird. Die Kuriosität, die den Bericht erst buchenswert macht, liegt inzwischen nicht mehr in der Grundgüte von Bankinhabern, sondern in der Grundannahme, Zinsen bedeuteten einen Zuwachs an Barmitteln.

Eine vergleichbar stringente Darstellung der Uneigennützigkeit erscheint in Entenhausen erst 1970, Dagobert kommt nicht im Bilde vor. Was immer das bedeutet.

Bilder: Walt Disney, Ehapa, Erika-Fuchs-Haus, D.O.N.A.L.D..

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              sind. Nach dem

letzten Versuch hab
       ich online Günter
              Grass bestellt: das,

wo sich über
       zwanzig Dichter in
              Telgte treffen, um

zu überlegen, was
       man richtig machen
              könnte. Das war

1647: gegen Ende
       des Krieges. Zwei
              Tage später war

das Buch im
       Kasten: Irgendwas muss
              doch irgendwann funktionieren.

Soundtrack:

Noch erstaunter — und Schütz ein wenig erschrocken — waren alle im Hof, als Gelnhausen plötzlich und nachdem er sich schon dienstfertig zwischen das Gepäck des späten Gastes gestellt hatte, mit angenehmem Tenor aus den “Cantiones sacrae”, einem eher überkonfessionellen, deshalb bis in katholische Gegend verbreiteten Werk den Anfang der ersten Motette zu singen begann: “O bone, o dulcis, o benigne Jesu…”

Günter Grass: Das Treffen in Telgte, 1979,
Sammlung Luchterhand 1985, Seite 46.

Ohoho-ho lalala

Das unsägliche, um nicht zu sagen: in den postmodernen Versionen brunzdumme Donaulied hatte ich nicht mal in meiner aktiven Lagerfeuerzeit im Repertoire-Ordner stehen, weil das selbst mir zu flach war. Heute kann man eine Online-Petition namens Bierzeltsexismus Aktion gegen das Donaulied unterzeichnen, damit der Unfug nicht mehr öffentlich aufgeführt werden darf. Wenn es einen durchaus dazu drängt, kann man auch eine Online-Petition namens Rettet das Donaulied unterzeichnen, damit der Unfug aus lauter Tradition doch weiterhin öffentlich aufgeführt werden darf, aber den Link können Sie selber suchen.

Angeblich waren seit “vor 1828” Versionen mit bis zu 24 Strophen in Umlauf, gern aus der Sicht eines Mädchens, das ihren Geliebten sucht. Ursprünge sind begründbar aus einer ähnlich lautenden Singspiel-Arie aus dem Donauweibchen von Ferdinand Kauer 1790; mithin wäre es der Definition nach kein Volkslied, allenfalls ein verderbter Gassenhauer. Die volkstümlicher Weise leichtfertig gut geheißene, ja heldenhaft gesehene Vergewaltigung wurde erst nach 1945 in die Texte getragen, ein virulenter Bierzelthit wurde der Liedtypus aus männlicher Perspektive nach 1970. Eine gängige Einspielung von Mickie Krause verschleiert immerhin die die offene Vergewaltigung, die genannte Petition richtet sich gegen die gedankenlosesten, möglicherweise triggernden Versionen und wahrscheinlich aus rechtlicher Durchsetzbarkeit nur gegen die Aufführung “in Passauer Bierzelten und Kneipen”. Befürworter des traditionellen Sexismus machen geltend, der Schmarrn gehöre als Volkslied “einfach zur Bierzelt- und Kneipenstimmung” dazu.

Bedeutend wirksamer als Aufführungsvorschriften egal von welcher Seite empfinde ich die Version der Frauen-Formation die 7, die den Text nach Jahrhunderten wieder in eine weibliche Sichtweise rückt. Dass sie ausgerechnet am 4. Juni 2020 auf YouTube hochgeladen wurde, deutet auf ihre ideologische Stoßrichtung hin, was in Ordnung geht; dass dabei in der Überschrift flüchtiger Weise das “ich” ausgelassen wurde, deutet auf eine gewisse “weibliche” Verhuschtheit, was noch viel mehr in Ordnung kommen muss. Der Anfang dazu ist durch die Umdeutung und den neuen Text gemacht.

Erschütternd genug war der “Das Lied aus Sicht des Mädchens” online nicht aufzufinden, deshalb erscheint der Text unten, dem Video abgelauscht. Er kommt einem Volkslied erfreulich nahe und klingt glaubwürdig genug wie etwas, das so in Des Knaben Wunderhorn oder dem Deutschen Liederhort stehen könnte. Dabei wurde der Text für diese feministisch gedachte Gegenversion wesentlich komplexer als das vorgefundene Original gebaut: Die Strophen haben vier statt nur zwei Verse, die handlungstragenden Inhalt — also mehr als das berüchtigte “Ohoho-ho lalala” — vermitteln; dazu wurde ein Refrain eingeschaltet, der aus der Strophenmelodie ausbricht und inhaltlich auf einer übergeordneten Ebene spielt. Das hat objektiv sehr viel mehr Substanz als der Bierzeltkracher.

Beim Nachspielen behält die Melodie auch auf Moll heruntertransponiert die üblichen drei Gitarrengriffe, also nur unverzagt zugeklampft; das obligate Solo bietet sich auf Mundharmonika an, gern vom selben Aufführenden mit Bob-Dylan-Ständer. Das offizielle Cello-Solo aus dem Video, vermutlich erfunden und vorgetragen von Lena Kranjc, wird voraussichtlich wieder nicht zur Mutter aller Cello-Soli ausgerufen, sollte es aber.

Auf gegenwärtigem Stand hat die Petition von Corinna Schütz schon gewonnen. Das ist schön, aber für die Praxis gar nicht so erheblich: Keine Bierzeltunterhaltung, die eine gewisse Reststimmung aufrechtzuerhalten strebt, wird das Zeug je wieder spielen können. Das haben, hoch sollen sie leben, Corinna Schütz, Maria Voss und Lena Kranjc geschafft.

——— die 7:

Einst ging ich am Ufer der Donau entlang

Text: Maria Voss; Musik: Lena Kranjc, Maria Voss, 2020:

1.: Einst ging ich am Ufer der Donau entlang,
ohoho-ho lalala.
Der Fluss und sein Rauschen ein kraftvoller Klang,
ohoho-ho lalala.
Die Sonne so freundlich, das Gras satt und dicht,
||: ich legte mich hin, eilig, hatt’ ich es nicht. :||

2.: Ich schloss meine Augen und sanft schlief ich ein,
ohoho-ho lalala.
Versäumend und träumend, so muss Urlaub sein,
ohoho-ho lalala.
Ein Schatten jeoch störte kalt meinen Schlaf,
||: ich regte mich nicht, weil mich sein Blick traf. :||

Refrain: Lass die Gläser klingen, die Burschen singen,
aus voller Brust klingt ein Lied.
Lass die Mädchen sich wiegen, im Takt sich verbiegen,
feuchtfröhlich tönet das Lied.

[Cello-Solo.]

3.: Er lächelte zynisch, erstarrt lag ich dort,
ohoho-ho lalala.
Er strich sich durchs Haar und dann war er fort,
ohoho-ho lalala.
Der Fluss rauscht vorbei, doch ich höre ihn nicht,
es kreischt in mir, meine Seele zerbricht.

Refrain: Lass die Gläser klingen, die Burschen singen,
aus voller Brust klingt ein Lied.
Lass die Mädchen sich wiegen, im Takt sich verbiegen,
feuchtfröhlich tönet das Lied.

Noch ein Wort an die Traditionalisten, die kein traditionelles Volkslied von einer weitertradierten Unsitte unterscheiden können: Bei den rüden, sexistischen Versionen der unbesonnenen 1980er Jahre konnte ich öfters einen kumpelhaften Anerkennungserfolg mit der letzten Strophe einheimsen:

Da hast du fünf Mark und nun scher dich hier raus,
ohoho-ho lalala,
und wasch dir die Klitsche mit Schmierseife aus,
ohoho-ho lalala.

Aber von mir habt ihr das nicht, ihr Anfänger.

FAR TAN

Immer wieder beruhigend, dass es auch Pflanzen gibt, die man nicht jeden Tag von vorne handpäppeln muss. Moos ist ja was Schönes. Unbegreiflich, dass es keiner im Garten will, das innenstädtische Kapuzinerkloster St. Anton duldet es wenigstens davor.

Pfarrei St. Anton, Thalkirchner Straße

Manche Moosarten — meistens Ackermoose — setzen ihre Sporen frei, indem sie verwesen, und wenn unsereins nicht achtmal pro Woche seine Sexualität auslebt, herrscht Beziehungskrise. Das Zeug wohnt am Kloster schon ganz zurecht. Im Bild der malerischste Ausschnitt der Inschrift Pfarrei St. Anton, Eingang Thalkirchner Straße.

Moos sehenden Auges ins Haus zuziehen:

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