Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Autor: Wolfster (Seite 1 von 34)

Kollegenschnack (Neulich in der Kneipe, Teil 896)

“Sie schreiben?”

“Logisch. Man kann ja im Wirtshaus nicht bloß saufen.”

“Vor allem, seit man nicht mehr rauchen darf, gell.”

“Meine Rede.”

“Was schreiben Sie denn?”

“Jetzt?”

“Und hier. Brief ist das dem Layout nach keiner.”

“Och, Liedertext.”

“Sehr schön. Hab ich auch mal gemacht.”

“Echt? Und ist gesungen worden?”

“Fast.”

“Warum nicht ganz?”

“Ich kann keine Noten schreiben.”

“Die Melodie soll doch der erfinden, der es singen will.”

“Wollte er auch.”

“Hat er nicht?”

“Er hört die Melodie nicht aus dem Text, hat er gesagt.”

“Deswegen soll er sie ja erst erfinden.”

“Der konnte sich’s aussuchen.”

“Jemand, den ich kenne?”

“O ja.”

“Na, sagen Sie schon.”

“Ach, Sie würden nur denken, ich möchte prahlen.”

“Was hat der mit den Liedtexten gemacht?”

“An mich zurückgeschickt. Anständiger Kollege.”

“Und Sie singen jetzt alles selber daheim.”

“Haha, oder im Wirtshaus.”

“Später dann.”

“Prost.”

“Mir fallen auch immer bloß die Melodien ein, die’s schon gibt.”

“Gibt doch heute ganz andere Möglichkeiten.”

“Jam-Sessiion via Zoom?”

“Wenn wir das damals gehabt hätten …”

“… dann dürften Sie heute richtig im Wirtshaus rumprahlen, stimmt’s?”

“Die Möglichhkeit besteht.”

“Die Möglichkeit, dass uns gleich einer mit dem letzten öffentlichen Aschenbecher in der freien Wildbahn erschlägt, besteht auch.”

“Wieso, bei Ihrer Eloquenz schreiben Sie doch bestimmt recht ordentliche Texte.”

“Weiß ja keiner.”

“Das muss man positiv sehen.”

“Wie alles andere auch. Man schreibt ja Liedertexte nicht, damit man sie an Lerryn verkauft.”

“Hörnse auf mit dem. Außerdem schreibt der selber für Heinz Rudolf Kunze.”

“Wieso, der hat sein Zeug schon von Brecht und Eisler, Che Guevara und Rosa Luxemburg schreiben lassen.”

“Die mussten sich nicht mehr wehren:”

“Darf ich das verwenden?”

“Nur zu, ich plaudere einfdach so ins Gemeinfreie.”

“Man muss ja nicht alles gleich monetarisieren.”

“Gibt ja auch innere Werte:”

“Und man hat daheim immer genug Notizpapier rumliegen.”

“Wieso, schreiben Sie nicht die Rückseitren voll?”

“Könnte ja mal wer eine Melodie draufschreiben wollen:”

“Prost.”

“Prost.”

Soundtrack: Lerryn: Der Sänger Mit Den Besseren Liedern,
aus: Der Sänger mit den besseren Liedern, 1974:

The Masked Drinker

Zuzeiten schleiche ich mich unerkannt aus meinem Palast und mische mich ins Gewimmel der Gassen, um zu erfahren, wie das Volk über mich denkt.

Schmarrn, in der Kneipe war ich. Gar nicht so einfach unter Pestbedingungen, zum ersten Mal im Leben bin ich aus einem Wirtshaus rausgeflogen, bevor ich gescheit drin bin. Und da muss ich ja keine Namen nennen, das war bestimmt korrekt. Es reicht nämlich nicht, dreimal geimpft zu sein und es mit drei Einträgen samt Aufkleber in einem altehrwürdigen Impfbuche sowie einem Farbausdruck, der von einem promovierten Pharmazeuten erstellt wurde, nachzuweisen. Vielmehr muss der Nachweis auf einem Telephon gespeichert sein. Den Personalausweis dazu hätten sie als Plastikkarte genommen.

Leider bin ich nicht interessiert an Telephonen, auf denen ich Anwendungsprogramme speichern soll. Nix Ideologisches, mir ist bloß nie ein geldwerter Sinn davon eingeleuchtet, dass mein Handy mich unterwegs mit Unfug belästigt, der mir schon daheim zu blöd ist. Endlich weiß ich ihn, den geldwerten Sinn: So sortieren sie die Hungerleider aus, die sich nicht mal ein Smartphone leisten können. Dann hat man bloß die Freibiergesichter rumsitzen und saufen, statt dass sie nach Bezahlung eines Krabbenbaguettes von vorgestern den Platz für die nächsten räumen. Entweder “Essen” naushauen oder “Gäste” naushauen.

Nebendran beim Atzinger gilt das geschriebene Wort, jedenfalls die Abkürzungen auf einem Aufkleber in einem Impfbuch. War halt doch mal eine Studentenkneipe, wo ich im letzten Jahrtausend mal drin war, kann aber heute nicht mehr sein bei einer Öffnungszeit von 17 bis 22 Uhr. Fürs Protokoll sind das noch die angenehmeren Zustände vor der Omikron-Wellenkrone 2022.

Zuzeiten schleiche ich mich unerkannt in meinen Palast und verdrücke mich ins Bett, um die Erfahrung noch ein Weilchen hinauszuschieben, wie meine Frau über mich denkt.

Klangspur: Fred Raymond: Maske in Blau 1937,
mit Hans Moser verfilmt 1943:

Wie oft (xunz Neis)

“Wenn wir heuer irgendwas gelernt haben …”, fange ich an.

“Haben wir nicht”, meint Vroni.

“Hätte aber sein können”, wende ich ein.

“Was hast du zuletzt gelernt?”

“Na, dass die Österreicher irgendwas richtig machen.”

“Und die Katzen!”

“Das lernt man nicht”, sag ich, “das liegt seit dem Holozän auf der Hand.”

“Auf der Pfote”, verbessert Vroni.

“Vor allem auf der Pfote der österreichischen Katzen.”

“Und das mit den Österreichern willst du heuer gelernt haben? Bei den Inzidenzen?”

“Muss gegen Ende der Siebziger gewesen sein”, sag ich. “Schon länger vor heuer gelernt.”

“Sag ich doch”, meint Vroni.

Dann halten wir uns gefälligst dran. Gesundes Neues mitsammen.

A Gschicht zum verzähln: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom,
aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag

——— Erich Kästner:

Der Dezember

aus: Die 13 Monate, 1955:

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
“Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.”

Soundtrack: Brüder Rehm: Bairische Weisen und Lieder zur Weihnachtszeit, 1978:

Staying Home for Christmas

Update zum Verhalten im Weihnachtsfall vor zehn Jahren:

Ein Paket mit den Ausmaßen von 120 cm x 60 cm x 60 cm bis 31,5 kg kostet auf dem Stand von Weihnachten 2021 gerade mal 16,49 Euro Porto. Das ist die Hälfte von einem Bayernticket, mit dem Sie Ihre eigene werte Person zu einer Familienweihnachtsfeier verfrachten müssten. Und dafür kriegen Sie 63 Kilo Altpapier los, wenn Sie’s als Weiterreichen Ihrer Bücherschätze ausgeben.

Wiegen Sie mehr als 63 Kilo? Dann wissen Sie ja, was Sie Weihnachten anfangen.

Soundtrack: George Harrison: My Sweet Lord, aus: All Things Must Pass, 1970, restauriert und mit taufrischem Video, 2021. Keine Ahnung, für wen das spricht, dass ich an den darin auftretenden Prominenzen gerade mal Weird Al Yankovic und Kate Micucci ungestützt erkannt hab:

Endlich enthüllt: Warum aus mir nichts geworden ist

Aus einer Kleinstadt zu stammen muss ein verbreitetes Schicksal sein; besteht Deutschland ja zur Hauptsache nicht aus seinen paar Metropolen, sondern aus der endlosen Steppe dazwischen, die im unbeholfenen Jargon der Eingeborenen (“Deutsch“) Provinz heißt.

Wenn man schon zwischen Stadtkindern und Landeiern unterscheiden muss, ist man als gebürtiger Kleinstädter in urbanen Umgebungen immer der einzige, der die Leute fragt, ob sie bei den Schützen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr sind, und auf dem Land der einzige, der seit Jahrzehnten mit keinem Luftgewehr mehr geschossen hat, nicht am Motorengeräusch erkennt, dass in sieben Minuten der Metzen-Willi seinen Birngeist vorfinden will, und in der Stube rückwärts über den schlafenden Hund stolpert.

“Kann man”, fragt Vroni, “kann man das nicht auch so sehen, dass man auf dem goldenen Mittelweg geboren ist und sein Leben lang aus the best of two worlds besteht?”

“Kann man schon”, sag ich.

“Wolfwolfwolf.”

Soundtrack: Lael Neale: For No One For Now,
aus: Acquainted with Night, 2021.
Das ist die mit dem Omnichord; siehe
ihre Würdigungen im Zündfunk und im Tagesspiegel:

Kommt ein Impfgegner nicht in die Bar

“Warum gibt’s im Wald kein Corona?” fragt die Frau neben mir, während sie mit den Baukastenteilen eines COVID-19-Schnelltests herumnestelt. Nicht dass ich sie gekannt hätte.

“Tapfer, tapfer”, sag ich, “ungeimpft, aber immer noch fremden Leuten Witze erzählen.”

“Weil die Bäume alle Zwei-Ge haben”, löst sie auf.

“Au weh zwick, Sie sind wirklich Schmerzen gewohnt”, sag ich, “und Booster shot schreibt sich auf Englisch Borcestershire shot, gell.”

“Schwein gehabt”, sagt sie und hält triumphierend ihren Schnelltest in die Höhe, “wieder nicht schwanger.”

“Sind Sie sicher”, sag ich, “dass Sie den Abstrich aus der Nase genommen haben?”

“Nase?” sagt sie, “verdammt, dann hab ich das falsche Youtube-Tutorial erwischt.”

Vielleicht sind Impfverweiger*innen ja auch bloß Menschen.

Soundtrack: Hurray for the Riff Raff: I Know It’s Wrong (But That’s Alright),
aus: Small Town Heroes, 2014:

Beiträge zur allgemeinen Wertschätzung von Textarbeiten

“Mein Verleser der Woche”, erzähle ich Vroni, “war: Bruchlandung statt Buchhandlung.”

“Angeber”, sagt sie, “was soll denn da der Unterschied sein?”

“Pf. Was war denn deiner?”

Sinnlose Unmöglichkeiten statt kontaktlose Impfmöglichkeiten.”

“Aber ich bin der Angeber, gell.”

Soundtrack: Riddy Arman: Spirits, Angels, or Lies,
aus: Riddy Arman, 2021:

Die Blätter

Update zu Das erste Frühlingsgedicht 2018:

Lenz

Der erste Vogel kam geflogen,
Bevor die Blumen blühten.
Und ich streife über Wiesen,
Weil sich’s weich verweilt auf diesen —
Lauer Wind streicht durch die Blätter
Ringsumher.

Herbst

Alle Vögel sind verzogen
Wohl in den heißen Süden.
Unaufhörlich muss ich niesen,
Weil die Fenster nicht mehr schließen —
Rauher Wind treibt braune Blätter
Vor sich her.

Vroni meint: “Wieso ‘Die Blätter’? Wieso nicht ‘Der Wind’ als handelndes Subjekt?

“Ich hab sogar ‘Perpetuum’ erwogen”, sag ich.

“Okay, Blätter.”

Soundtrack: Mariee Sioux: Swimming Through Stone,
aus: Gift for the End, 2012:

Quadratinterimsquartier

Burn it!
Love,
Leonard Bernstein

Gästebuch dser Philharmonie am Gasteig 1986.

Gar nicht so einfach, in seine zuständige Stadtbibse zu finden. Nicht, seit sie “im HP8” untergebracht ist, dabei kann ich neuerdings in Hausschlappen hin, statt eine einstündige Stadtrundreise mit Umsteigen zu unternehmen. Sollen sie halt sagen, wo er ist, ihr “Interimsstandort”, nämlich am Eck Thalkirchner und Brudermühlstraße, und nicht die Adresse Hans-Preißinger-Straße, die eine verschwindend mickrige Sackgasse zwischen den Hallen der Isarphilharmonie und dem Stadtkanal ist, der seinerseits nicht mal in der Lage ist, die Isar zu entwässern.

Also noch bis 26. November 2021 merken: Stadtbücherei ist momentan auch an der Brudermühl, wohin Sie Ihrer Schwiegermutter nächsthin eine Einzelkarte für einen Schönberg-Webern-Berg-Abend schenken, danach finden wieder die Stadtrundfahrten statt. Nicht ins normale Quartier, sondern demselben geggenüber, im Motorama. Geradeaus ginge das die ISar runter, bis man den Gasteig sieht, bloß halt rechts der Isar. So einfach wär’s, wenn man keinen Bus bräuchte, gell.

Öffnungszeiten sind neuerdings von 7 Uhr in der Früh bis 23 Uhr in der Nacht, sie haben also was gelernt. Zum Beispiel was man für Ausweichmöglichkeiten braucht, wenn man seiner Schwiegermutter die falschen Philharmoniekarten zu Weihnachten geschenkt hat. Dafür gibt’s jetzt auch Gratisbenutzung von Stromklavieren — übrigens Yamaha Clavinova, die Nachfolger der Hausorgel, die der Gulda-Fritz benutzt hat, und im an-, nicht etwa abgeschlossenen Musiklabor darf man sie sogar aufnehmen, egal wie’s geklungen hat.

Und der Innenarchitekt hat sich was gedacht. Der Bestand ist, was wir angesichts seiner Verweildauer nicht weiter bemosern wollen, ungefähr so mickrig wie die Hans-Preißinger-Straße selber. Aber man kann ihn so betrachten, dass er richtig was gleichschaut. Der Blick durch die Belletristik im zweiten Stock, die im Interiumsquartier “Unterhaltung” heißt, ohne Photoshop, einmal hin:

Münchner Stadtbibliothek im HP8

und einmal her:

Münchner Stadtbibliothek im HP8

Sie nennen es “intuitive Aufstellung der Medienbestände”, aber dauert ja nicht mehr lang. Die Isarnähe wird durchgehend bei allen Standorten beachtet, falls doch mal jemand dem Bernstein-Leo seine Empfehlung von 1986 ernst nimmt.

Soundtrack: Micah P. Hinson: Fuck Your Wisdom, aus:
When I Shoot at You with Arrows, I Will Shoot to Destroy You, 2018:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal

Man hat immer die Auswahl: Entweder früh beizeiten losgehen, wo noch der Vollmond über Thalkirchen thront, damit man den Mandarinenten auf dem Tümpel Richtung Schloss Schwaneck beim Aufwachen zuschauen — und zuhören! — kann, oder so spät, dass in Schäftlarn schon der Klosterladen offen hat (Mittwoch bis Samstag 14 bis 17, Sonn- und Feiertage 11 bis 17 Uhr), damit man einem zum Strafdienst verdonnerten Internatsinsassen ein Pfund Honig abkaufen kann.

Diesmal war’s die Frühversion:

Isartal früh

Das Kloster steht seit anno salutis 762 und hoffentlich noch ein paar Tage; meine eigenen liebsten Dokumentationen waren Von München bis Venedig (fast) mit den meisten, seit 2010 leider deteriorierten Bildern, und Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten mit der besten Begründung, warum man sowas gelegentlich machen muss.

Maria Rast spricht sich beiläufig mit kurzem a, weil es sonst das Gegenteil hieße, und bringt momentan den Anfang des beliebtesten aller Psalmen in etwas fragwürdiger, dazu noch allzu verletzbarer, aber höchst ansprechender Umsetzung. Offenbar haben die Eichkatzeln schon drei Kiesel entführt:

Maria Rast, Psalm 23

Herr ist mein hirte mir wird nichts mangeln
weidet mich auf einer aue und führet mich zum frischem wasser
psalm 23

Sic, Schreibung wie in Maria Rast vorgefunden. “Mir wird nichts mangeln” — außer Honig halt. Man hat immer die Auswahl.

Soundtrack: Cellosonate op. 102 Nr. 1 mit Sviatoslav Richter und Mstislav Rostropovich, live ca. 1961–1963, von Beethoven für die auf dem Schäftlarner Klosterfriedhof begrabene Marie von Erdődy 1815:

Wir sind die, die mit den letzten 70 Euro endlich die Welt retten wollen, wenn es doch sonst keiner macht

Wenn einer zu spät kam, hat mein Lehrer immer gesagt: “Jaja, Arbeit ist Kraft mal Weg”; wenn sich einer beklagte, dass die Zeit für die Schulaufgabe zu kurz war: “Jaja, Leistung ist Arbeit pro Zeit”, und das war nur der Deutschlehrer.

Im September 2021 betrug die Inflation 4,1 %, noch im August nur 3,9 %. Heizöl ist gerade innerhalb eines Jahres 76,5 % teurer geworden, Benzin 28,4 % — mal so als Beispiel. Ob das noch der gewohnte Klassenkampf von oben oder schon Enteignung ist, können gern mal welche diskutieren, die vor lauter Pfandflaschensammeln noch zu irgendwas kommen (und zu ihrer ölbeheizten Wohnung mit einem Auitomobil gefahren sind). Wenn Ihr Einkommen auch um 76,5 % gestiegen ist: Glückwunsch und weiterhin viel Spaß beim Geldzählen, Investieren und Das-Geld-für-sich-arbeiten-Lassen.

Wie das zusammenhängt? — Die Kassenpatienten, die von Jugend auf mit dem Versuch befasst waren, ein guter Mensch zu sein und sich auf Grundlage von Haben oder Sein fürs Sein entschieden haben, können sich in gar zu absehbarer Zeit ihr eigenes Begräbnis nicht leisten, weil es den Tod mitnichten umsonst gibt. In einem freien Land wie dem hiesigen bedeutet das, nicht wegen seiner Unfähigkeit zu handeln hingerichtet zu werden, sondern unter Verweis auf Freiheit und Chancengleichheit ausgehungert. Andere als sozial breit akzeptierte Mittel sind noch nicht wieder zu vermitteln. Bis sie es sind, bin ich hoffentlich schon sozialverträglich entschlafen.

Wenn ich schon die Auswahl hab, nehm ich trotzdem die Demokratie, denn Demokratie dient der Illusion, eine Auswahl zu haben. Deswegen beschwer ich mich auch nicht, solange ich noch was zu verlieren hab. Geld zum Beispiel, oder in meiner Freizeit: Körpergewicht. Wachstum zählt ja nur in seiner statistischen Gesamtheit.

Nur bei Katzen kommt es nicht darauf an, eine zu haben, sondern eine zu sein.

Oder anders: Wenn Aschenputtel der Schuh so toll passt, warum hat sie ihn dann verloren?

Soundtrack: Maike Rosa Vogel: Unser Geld ist wichtiger als ihr,
aus: Eine Wirklichkeit, 2020:

Bonus Track: dieselbe: So Leute wie ich, aus: Fünf Minuten, 2012:

Die neuen Rittersleut

Vor Zeiten musste ich ein Wochenende lang auf der Grünwalder Burg wohnen – was bedeutet: einmal übernachten –, um mit der Communitas Monacensis in stauferzeitlichen Gewandungen Kalligraphie in karolingischer Minuskel und gotischer Fraktur, Brettchenweben und nach dem Buch von guter spîse (ca. 1350) nahezu neongrüne, aber vegetarische Ravioli und Lungenmus am Spieß zu bereiten. Das nannten wir Burgbelebung.

Kuratiert wurde die Veranstaltung samt der ganzen Burg Grünwald außerhalb ihrer Belebungen von einem Professor der Archäologie, der von seinem Skriptorium aus auf unsere Anstrengungen blickte, mit Lebensmitteln vom unweit residierenden Grünwalder Edeka ein authentisches Nachtmahl herzustellen. Ein so liebenswürdiger wie breit und tief gebildeter Mann, der dem Nachtmahl nicht nur deshalb eine Flasche Roten stiftete, um von seiner termingebundenen Abhandlung abgelenkt zu sein, sondern mit seinen belebenden Mittelalterdarstellern am Lagerfeuer beisammenzusitzen, wobei ihm auffiel, dass keiner der Reenacter eines aufs Wesentliche reduzierten Hochmittelalters eine Armbanduhr trug – und das bei Nacht und flackerndem Feuerschein.

Zu den täglichen Verrichtungen des Professors gehörte, das Ewige Licht unter dem Kruzifix im Hof brennend zu erhalten. Im Keller des Wirtschaftsgebäudes, einem niedrigen, von einer Reihe Schießscharten erhellten Gewölbe, hausten Siebenschläfer.

Schießscharte Burg Grünwald, 22. September 2021

Eher 20 als 15 Jahre nach dem Wochenende auf und unter der Burg Grünwald bin ich noch einmal wandernd vorbeigekommen. Unter dem Wohngebäude des Professors bis in den Burghof hinein wurde ein Café eingerichtet, im Wirtschaftsgebäude ein Museum, das übrigens gar nicht so schlecht sein soll; danken wir’s unbesehen dem rotweinstiftenden, zuzeiten prokrastinierenden Professor von der Archäologischen Staatssammlung.

Was aus den Siebenschläfern geworden ist, frag ich vorsichtshalber nicht so genau nach. Das Ewige Licht wurde abgeschafft. Unterm Professor hätt’s das nicht gegeben.

Kruzifix Burghof Grünwald, 22. September 2021

Buidln: Sejwergmacht am 22. September 2021, schenk i Eahna.

Zu Grünwald im Isartal: Karl Valentin: Die alten Rittersleut aus: Die Ritterspelunke, 1939, populär durch: New Orleans Hot Dogs, 1966 ff.; mit den meisten Strophen in einer Version von 1970:

Und Pimentkörner

Update zu Nix diese
und Goethes Kindergartenfutter:

Petersil und Suppenkraut
gerebelt von Hela, Mautner, Ostmann
im Regal neben den frischen
Koriander, Blätterknoblauch, Portulak
in Plastiktöpfen auf einem Tablett,
in dem das Gießwasser unter
den Klarsichtfolien schwimmt,
und die türkischen Verkäufer
haben keine Ahnung, wer
oder was ein Liebstöckel ist,
haben aber gelernt, dass
“Wollen verarschen?”
nicht im Repertoire
der Kundenberatung vorkommt,
Frau Aja hätte aber
gelten lassen, was da ist,
und mich meine Laubfrösche kochen lassen,
wie es geht,
und aus ihrem
Buben ist damit auch noch was geworden.

Fachliteratur: Renate Hücking: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, vor allem Seite 22:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

Zutaten
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die “Laubfrösche” mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorsichtig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion:
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018,
mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

I drank ten pints of beer and I cursed all the people there

At the time, I was working for a landlord
And he was the meanest bastard that you have ever seen
And to lose a single penny would grieve him awful sore
And he was a miserable bollocks and a bitch’s bastard’s whore.

The Pogues, a. a. O., 1984.

Immobilienmakler sind goldig. Die kennen alle ein einziges Lied, das nur aus dem Refrain besteht; der geht:

Lage, Lage, Lage.

und das singen sie jetzt den ganzen Tag. Süß. Wenn es nicht so zynisch wäre.

Schlachthof München, August 2021Man freut sich nicht, wenn einem innerhalb eines Google-Suchlaufs der Sinn des Lebens, nein: der Wert der eigengenutzten Immobilie auf die Hälfte zusammensackt, und innerhalb eines weiteren solchen auf ein Viertel.

Nicht dass man sich selbst in der Isarvorstadt, vulgo Glockenbachvierel, durch die schiere Tätigkeit des Wohnens im noch laufenden Leben als Millionär wiederzufinden erhofft hätte. Allerdings hätte man sich in einer “Lage. Lage, Lage”, deren Wert sich angeblich immer noch aller zehn Jahre verdoppelt, gewünscht, dass die prospektiven Erben einen gewissen Gegenwert für zwei verdaddelte Leben davontragen.

Wenn man trotz lebenslänglicher Vermögensbildung und praktischer Altersvorsorge verarmen wird, kann man seine Burg doch wenigstens verrenten, oder nicht?

Im August 2021 stand die Inflation bei 3,9 %. Aber ich bin der Zyniker, gell?

Rechenbeispiel:

And it’s lend me ten pounds, and I’ll buy you a drink,
And mother, wake me early in the morning.

The Pogues: Boys from the County Hell, aus: Red Roses for Me, 1984:

Buidl: Plakat am Schlachthof München, selbergemacht August 2021.

Der aktuelle Filmtipp:

Rambo III, USA 1988:

Laut Guinness-Buch der Rekorde mit 221 Gewalttaten und 108 toten Menschen brutalster Film, daher FSK 18 ohne Jugendfreigabe; von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat “wertvoll” ausgezeichnet. Endet mit: “This film is dedicated to the gallant people of Afghanistan”, deutsch: “Dieser Film ist dem tapferen Volk von Afghanistan gewidmet.”

Highlights:

“Das ist Afghanistan! Alexander der Große wollte dieses Land erobern, Dschingis Khan, die Briten und jetzt die Russen, aber wir lassen uns nicht erobern!”

“Gott muss lieben verrückte Menschen!”
“Wieso?”
“Er machen soviele davon.”

“Meine Zeit ist um.”
“Was heißt das?”
“Das heißt, mein Krieg ist vorbei:”

Und mein Liebling:

“Wozu ist das?”
“Das ist blaues Licht.”
“Und was macht es?”
“Es leuchtet blau.”

Danke für die Idee an Sven (Website erloschen)!

Und morgen versuchen wir dann, drei vollständige Staffeln durchzubingen

Rest des Nachmittags : faul und bösartig. (Wie Gott vor der Schöpfung).

Arno Schmidt: Brand’s Haide, 1951; BA I,1,136.

Na bitte: den ganzen Tag
          kein Spaß und keine
                    neuen Katastrophen.

Geht doch —
          für einen Tag, an dem
                    man aufgestanden ist.

Soundtrack: The Secret Sisters: He’s Fine,
aus: You Don’t Own Me Anymore, 2017:

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