Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Autor: Wolfster (Seite 1 von 30)

Neuland

Ich erfinde nichts. Nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was. Kommen doch grad im Abstand von zwei Stunden zwei Mails rein:

Die erste von meiner inzwischen gekündigten Halsabschneiderei, auf Rechnungsanfrage:

Der Datenschutz untersagt eine Antwort per E-Mail, die vertrags- oder personenbezogene Daten enthält. Sollte dies bei Ihnen der Fall sein, erhalten Sie unsere Antwort in wenigen Tagen per Post.

Die zweite von der altgedienten, noch nicht gekündigten Telefoneintreiberei:

Ab jetzt bekommen Sie Ihre Rechnung ganz bequem digital in [MeinTelefoneintreiber] unter [www.Telefoneintreiber.de/meinTelefoneintreiber]. So haben Sie sie in Zukunft immer und überall digital zur Hand.

Kann sich ja kein Mensch ausdenken, sowas.

If anyone should ask you who composed this song
If anyone should ask you who composed this song,
Tell ’em ’twas I, and I sing it all day long.

It takes a worried man to sing a worried song
It takes a worried man to sing a worried song,
I’m worried now, but I won’t be worried long.

Worried Man Blues, Roud Folk Song Index No. 4753,
as recorded by Carter Family, 1930.

D–A–d–f#–a–d; D–G–d–g–h–d

Nach ungefähr 25 Jahren wieder eine Mundharmonika in Betrieb genommen: Hohner Blues Harp, zum ersten Mal im Leben eine in A-Dur.

Nach einem halben Jahr wieder die Gitarre gestimmt: zum ersten Mal im Leben auf Open D. Angenehm simpel mit 3 von 6 Saiten als D, leider als Begleitung zum A-Hobel erst bei Kapo im 5. Bund verwendbar.

Memo to myself: Open G — noch primitiver, und der Kapo reicht im 2. Bund. Auch mit 3 Saiten als D. Die Physik ist ein schwieriges Fach.

Offene G-Stimmungen im Vergleich:
Beweisstück A: Joni Mitchell
auf Hunter, live 1970:

Beweisstück B: Keith Richards
auf Brown Sugar, live 1972:

The little isle is all inrailed / With a rose-fence, and overtrailed / With roses

Die englische Strauchrose Lady of Shalott ist “sehr winterhart“. Ist das ein Fortschritt oder Zynismus?

She left the web, she left the loom,
She made three paces thro’ the room,
She saw the water-lily bloom,
She saw the helmet and the plume,
       She look’d down to Camelot.
Out flew the web and floated wide;
The mirror crack’d from side to side;
“The curse is come upon me,” cried
       The Lady of Shalott.

Alfred Tennyson, 1832.

Soeben die Einkaufsliste aktualisiert.

Soundtrack: Loreena McKennitt: The Lady of Shalott,
aus: The Visit, 1991.

Ein Solitär in der Literatur des 20. Jahrhunderts (Buche massiv, mit Zierleiste und eisernen Tragegriffen)

Update zu Der nächste Meter bedruckter Seiten:

Vroni zeigt sich besorgt bis entsetzt: “Bestellst du schon wieder Bücher, sag bloß?”

“Nein”, sag ich, “Möbel.”

“Wie oft noch: Wir brauchen nicht noch mehr Bücher. Wir brauchen Stauraum.”

“Deswegen ist ja das Stehpult gleich mit dabei. Das Buch ist praktisch bloß Dreingabe.”

“Um Gottes willen. Zeig.”

Zettels Traum (MIT LESEPULT !) – Buch gebraucht kaufen

MIT LESEPULT: Buche massiv, mit Zierleiste und eisernen Tragegriffen, extra gefertigt für “Zettels Traum” !! FOTOS sind vorhanden ! — Sehr gut erhalten, offensichtlich ungelesen, Schuber mit minimalen Lagerspuren: Faksimile-Wiedergabe (Frankfurt 1986, 4. Aufl.) des einseitig beschriebenen, 1334 Blätter umfassenden Manuskriptes des Werkes “Zettels Traum”, Folio (45 x 32 cm). Grüne OLwd. m. RSchild sowie Transparentumschlag (dieser mit 2 minimalen Läsuren, sonst sehr gut erhalten) mit farb. Deckelillustration “BaumMensch”, in bibliophilem HLn.-Schuber, eines von 1800 Ex., Druck nach der Erstausgabe von 1970. — Schneller versicherter Versand per DHL oder Hermes ! Versand ausserhalb Deutschlands auf Anfrage. (11480) – “Zettels Traum” umfasst 1334 mehrspaltig beschriebene Seiten, die in Form des Original-Typoskripts mit Randglossen und Handskizzen des Autors wiedergegeben sind. Der Titel verweist ironisch auf die 120.000 Notizzettel, auf denen Schmidt seine Einfälle zum Buch notiert hatte, und auf den Weber namens Zettel in Shakespeares “Ein Sommernachtstraum”. Der Roman ist ein Solitär in der Literatur des 20. Jahrhunderts, der seit der ersten Veröffentlichung 1970 großes Aufsehen erregte, wobei der Reichtum an Anspielungen bis heute nicht gänzlich ergründet werden konnte.

“Folio 45 auf 32 Zentimeter, das ist DIN A3, oder? Und davon 1334 Blätter?”

“Aber sowas von.”

“Willst du mal erleben, wie Zettels Traum 2019 gleich nochmal großes Aufsehen erregt?”

“Ist doch ohne Lieferkosten.”

“Wolfwolfwolf.”

Soundtrack: Arno Schmidt: Ultima Thule: aus: Zettel’s Traum, 1969, in: Mein Herz gehört dem Kopf, 2014:

Promihaiku

Wenn ich berühmt bin,
will ich keine Fans, dann will
ich Exegeten!

Bob Dylan, I Shall Be Free No. 10, from, Another Side of Bob Dylan, 1964

Yippee! I’m a poet, and I know it.
Hope I don’t blow it.

Bob Dylan: I Shall Be Free No. 10,
aus: Another Side of Bob Dylan, 1964.

L’important, c’est la Dose

Am 31. März wird in der Ukraine gewählt oder was sie in der Ukraine halt so unter Wählen verstehen. Die Ukraine, das ist das fucking größte Land von Europa. Da liegen Lemberg und Tschernowitz (und -byl), ohne die der deutschen Kultur, als sie noch was getaugt hat, einiges fehlen würde. Sie verschweigen taktvoll, dass Russisch ein reduzierter ukrainischer Dialekt ist, und sie haben Gogol, Bulgakow und Los Colorados. Und Ljuteniza.

“Das wär vvor dreißig Jahren auch noch nicht möglich gewesen”, sag ich, “kolonialistische Sandwichgurken und ukrainisches Ljuteniza im selben Essen zu verwenden.”

“Bin ich mal neugierig”, meint Vroni, “wann es möglich sein wird, das zu essen.”

Sandwichgurken in Scheiben mit Pempo Ljuteniza

Bild: Sandwichgurken in Scheiben + Pempo Ljuteniza. Können Sie haben. Das Bild, mein ich jetzt.

Amerikanisch-ukrainische Allianz: Madonna featuring Gogol Bordello: La Isla Bonita, 2007. Voraussichtlich wird es möglich sein, Madonna mitanzuhören, wenn sie mal ein bissel Gitarre lernt und sich auf die Volksmusik ihres Landes (das wäre das stolze Michigan) besinnt.:

Mein harmlos Haiküchen von der Bescheidenheit

Wie bescheiden man
wird, wenn man immer bloß nimmt,
was einer hergibt.

Vroni meint: “Bist du sicher, dass du’s in diesem Leben noch zu einem bescheidenen Menschen bringen wirst?”

“Nö”, sag ich, “genau das mein ich.”

“Wolfwolfwolf.”

Soundtrack: Mac Davis: It’s Hard to Be Humble,
aus: Hard to Be Humble, 1980,
in: The Muppet Show 514, 22. November 1980:

Nix diese

Was die Botaniker für die Erstbeschreibung einer neuen Spezies alles brauchen. Der Entdecker der Orange (Linné 1783, wetten?) muss sich ganz schön was an taxonomischer Diagnostizierung der Ökologie und Verbreitung bestehender Populationen aufgeladen haben, als er auch noch die Blutorange, Bitterorange, Navel-Orange, Navelina, Apfelsine, Mandarine, Clementine und Satsuma durchsetzen wollte, von Grapefruit gegenüber der Satsuma ganz zu schweigen.

Und dann raschelt einem der Kassierer beim Gemüse-Cavusoglu in der Landwehrstraße mit der Tüte “Orange Herkunft Land Spanien KG 1,99” rum, zottelt eine einzelne raus und sagt zielsicher: “Diese nix eins neunundneunzig. Diese drei neunundneunzig.”

“War aber in derselben Wanne”, wende ich ein.

“Nix diese. Andere.” Wiegt die einzelne separat ab und berechnet souverän hundert Prozent Aufschlag.

“Steht das nach dem ICN in einer gültigen Publikation?” frag ich.

“Nix diese”, sagt er.

Das sieht der durch die Plastiktüte. Schon klasse.

Soundtrack: Johnny Cash: Orange Blossom Special, was sonst?
Live in San Quentin am 24. Februar 1969. Auch schon wieder vor fuchzig Jahren.

So jagt ein Life-Hack den nächsten

(Wenn ich tot bin, mir soll mal Einer mit Auferstehung oder so kommen : ich hau ihm Eine rein !)

Arno Schmidt: Brand’s Haide, 1951.

Diese Woche gelernt: Die Bargfelder Ausgabe von Arno Schmidt ist seit seinem 105. Geburtstag um 14.00 Uhr endlich im Volltext durchsuchbar, und wenn man Krebs hat, soll man sorgfältig auf seine Eisen- und Kaliumwerte achten — nach aufsteigender Wichtigkeit oder absteigendem Gaudifaktor, je nach verbleibender Lebenszeit.

Amazon Prime killed the Bibliothekarinnenmuttchen

Das war ja auch Zeit, dass die Münchner Stadtbüchereien am Samstag geöffnet haben. Jetzt neu seit 2019! — Wie lange eigentlich? Mal nachschauen:

Montag geschlossen;
Dienstag 10:00 Uhr–19:00 Uhr;
Mittwoch 10:00 Uhr–19:00 Uhr;
Donnerstag 10:00 Uhr–19:00 Uhr;
Freitag 10:00 Uhr–19:00 Uhr;
Samstag 10:00 Uhr–15:00 Uhr;
Sonntag geschlossen.

Wie man nur zweifeln konnte: Die haben jetzt tatsächlich am Samstag offen. Und was man den Friseuren im Lauf der Siebziger abgewöhnen konnte: neuerdings am Montag zu.

Damit wir nur ja kein halbtagsstelliges Bibliothekarinnenmuttchen zusätzlich finanzieren müssen, versauen wir halt denen, die sich sowieso schon unter der Woche die Blümchenschürze aufreißen, das Wochenend, gell? Müssen ja eh bloß zwei da sein. Zwei pro Fililale. Und pro Woche. Hauptsache, die Welt wird mit allem, was seit Jahrzehnten von der Kund- und Belegschaft einhellig gefordert wird und sich so kostenneutral wie möglich ändern lässt, ein klitzekleines bisschen beschissener.

Ja, mach nur einen Plan:
Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens,
aus: Die Dreigroschenoper, 1928:

Cordelia und der besoffene Waldbär

Love’s not love
When it is mingled with regards that stands
Aloof from th’ entire point.

Lieb ist nicht Liebe,
Wenn sie vermengt mit Rücksicht, die seitab
Vom wahren Ziel sich wendet.

König von Frankreich, a. a. O., I,1,259 ff..

“Eigentlich”, sag ich, “eigentlich will ich mich gar nicht mit tagesaktuellen Ereignissen beschäftigen. Die haben noch nicht bewiesen, dass sie es wert sind, sich mit ihnen abzugeben.

“Wann denn auch?” sagt Vroni.

“Eben.”

“Mit was”, fragt sie vorsichtig, “würdest du dich denn gern beschäftigen — ‘eigentlich‘?”

“Och. King Lear zum Beispiel.”

“Dem vom Shakespeare? Dein Ernst jetzt.”

“Logisch. King Lear ist ungefähr von 1603, die Real-Life-Vorlage aus dem achten Jahrhundert — und zwar vor Christus — und die erste Literaturfassung von anno 1136. Die hat schon mal jemandem was gegeben.”

“Aber wem halt.”

“Naja, Shakespeare zum Beispiel …”

“Also, bevor du dich in meinem Bett mit Shakespeare zu vergleichen anfängst …”

“… red ich mich darauf hinaus, dass der sagenhafte König Lear drei heiratsfähige Töchter hat, einer schöner als die andere, und spinnt wie der besoffene Waldbär mit dem Zigarrenkistenbanjo.”

“So eifert jeder seinen Vorbildern nach, wie er kann.”

“Die Lebensweise des Waldbären ist eine der erstrebenswertesten.”

“Du weißt aber schon, wie King Lear ausgeht?”

“Schlimmer als Hamlet. Aber wenn ein fünfhundert Jahre alter Stoff für Shakespeare gut genug war, reicht für mich ein vierhundert Jahre alter allemal.”

“Wie gesagt, bevor du dich in meinem Bett mit Shakespeare zu vergleichen anfängst …”

“Wieso eigentlich nicht?”

“Eigentlich, eigentlich. Eigentlich will ich keinen stockschwulen Fremdgänger in meinem Bett.”

“Jawoll. Und eigentlich will ich 1800 verdienen.”

“1800 was? Euro?”

“Nein, heiratsfähige Töchter.”

“Hauptsache, es sind nicht deine Töchter, gell.”

“Und zwar 1800 netto.”

“Jawoll. Und vor lauter Verliebtheit bläst dir die zweitausendachthundertjährige Cordelia einen.”

“Jeden Tag.”

“Und sie schluckt sogar.”

“Vor allem stellt sie nicht in Frage, dass ich ab 2019 von keinen tagesaktuellen Ereignissen behelligt sein will.”

“Kann die überhaupt den redaktionellen vom Werbeteil unterscheiden? Die ist doch bestimmt nicht mal volljährig, oder?”

“Irgendwas zwischen 14 und 26. Jedenfalls keine zweitausendachthundert.”

“Pff. Hat noch nicht mal Haare unterm Arm.”

“Haben heute nicht mal mehr die volljährigen bis tief in die Wechseljahre.”

“Ach? So tagesaktuell sind wir dann doch informiert?”

“Was ich wissen muss, erfahr ich dann schon ab Ende November in den ganzen ungerufenen Jahresrückblicken.”

“Ächz. Na, lies schon deinen Dreieinhalbtausendseiter.”

“Na bitte, geht doch.”

The Norton Shakespeare in 2nd edition, 2008, via WorthPoint

Bild: Der Norton Shakespeare in 2. Auflage 2008 via WorthPoint, aber meiner sieht praktisch genauso aus. Eigentlich.

Soundtrack: Brush Up Your Shakespeare, aus: Kiss Me Kate, 1953:

Feuerzangenbowle

Bis heute gibt es an jeder Schule, jedenfalls an jedem Gymnasium, einen Lehrer, der Struppi heißt, einen, der mal die Transsibirische Eisenbahn bis Wladiwostok gefahren ist, und einen, der mal mit dem VW-Bus durch Südamerika gefahren ist. Der mit dem VW-Bus schüttelt den Kopf darüber, wie ein Mensch acht Tage in einem Zugabteil stillsitzen kann, während er einen halben Erdkreis lang kurz unter Nordpol entlangschrammt, der mit der Transsib ist stolz, dass niemand sich je getraut hat, ihm einen kauzigen Spitznamen anzuhängen, und Struppi ist froh, dass er daheim bleiben kann.

Vroni meint: “Wolf. Es sind Ferien.”

“Ha”, sag ich, “nicht mehr lang.”

Guten Rutsch.

Soundtrack: Element of Crime: Immer da wo du bist bin ich nie, 2009:

Heiligabend fällt auf einen Montag.

“Wolfwolfwolf”, rügt Vroni, “hättest du nicht eine noch belanglosere Überschrift gefunden?”

“Das meiste auf der Welt wäre von weniger Belang. Rechne mal nach, was das heißt, dass ein Heiligabend auf einen Montag fällt.”

“Dass Silvester dann auch auf einen Montag fällt?”

“Das ist die Konsequenz, aber ziemlich genau halb so schlimm.”

“Du bist anstrengend.”

“Und vor dem Montag, auf den de Heiligabend fällt, was ist da?”

“Sonntag?”

“Ganz recht. Und hinterher?”

“Dienstag?”

“Feiertag. Der erste. Und dann noch einer, genannt der zweite.”

“Das kommt so überraschend wie immer.”

“Aber so saudumm wie selten. Wer am Freitag nicht einkaufen war, kann erst am Donnerstag wieder. Außer er will sich von nachlässigen Haushältern niedertrampeln und von missmutigen Vekäufern mit dem Putzlumpen erschlagen lassen.”

“Oder von genervten Ehefrauen.”

“Die keine Weihnachtseinkäufe machen müssen.”

“Wir schenken uns doch eh nix.”

“Okay, dann essen wir halt auch nix.”

“Dann leb schon deine Restless Legs aus.”

“Um ein weihnachtliches Hungerödem zu vermeiden.”

“Wolfwolfwolf.”

Soundtrack: Paul Young: Love of the Common People, aus: No Parlez, 1983:

Das ist der wahre Untergrund

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen drei wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter “Happy-Rock” (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde:

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen. Und sie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region:

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im “Mobile” in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: “Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!”

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots “Herr Müller-Lüdenscheid”, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von “Gabi aus Bad Salzdetfurth” verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine “Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave”-Discothek, die laut Eigenwerbung “Famous & Fantastic” ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

“Voilà”, sagt Andreas, “willkommen im Uterus des Rock ‘n’ Roll!” Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos’ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er “was von Living Colour” da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

“Da drüben!”, unterbricht Andreas meine Vision. “Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!” Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Playlist der angeführten Lieder:

Playlist typischer Bauerndiscolieder, die seit 2000 in die Repertoires vorgelassen wurden (kurz, aber von besonderer Hupfbarkeit):

Seidenstraße

Update zu Die west-östlichen Sofata:

In der Goethestraße
kauf ich das
Gemüse, seit in
der Türkenstraße kein
Antiquariat mehr steht.

Kausal unhaltbar. Nochmal:

Seit in der
Türkenstraße kein Antiquariat
mehr steht, kauf
ich das Gemüse
in der Goethestraße.

Auch nicht besser.

Soundtrack: Nil Auslaender: der ost und der west SOFA
(der west östliche divan von wolffgang göte), 28. Mai 2010:

Nicht die Sonne

Update zu Before Frühstück:

Immature poets imitate; mature poets steal; bad poets deface what they take, and good poets make it into something better, or at least something different. The good poet welds his theft into a whole of feeling which is unique, utterly different from that from which it was torn; the bad poet throws it into something which has no cohesion. A good poet will usually borrow from authors remote in time, or alien in language, or diverse in interest.

T. S. Eliot.

Lesser artists borrow, great artists steal.

Igor Stravinsky.

Talent borrows, genius steals.

Oscar Wilde.

Es scheint alles eine Frage des Standpunkts. Ganz wörtlich, auch im sehr großen Stil:

——— Franz Hohler:

Sprachlicher Rückstand

aus: Vierzig vorbei, 1988:

Immer noch
sagen wir dem
was am Morgen geschieht

die Sonne geht auf

obwohl seit Kopernikus klar ist
die Sonne bleibt stehn
und
die Welt geht unter.

——— Wayne Coyne und Steven Drozd für The Flaming Lips:

Do You Realize??

aus: Yoshimi Battles the Pink Robots, 2002:

You realize the sun doesn’t go down
it’s just an illusion caused by the world spinning around.

——— Thees Uhlmann für Tomte:

Die Schönheit der Chance

aus: Hinter all diesen Fenstern, 2003:

Das ist nicht die Sonne, die untergeht,
sondern die Erde, die sich dreht.

——— Martin Endres:

Montierte Überlegung. Eine Lektüre von Nietzsches ‘Am Gletscher’

aus: Christian Benne und Claus Zittel, Hrsg.:
Nietzsche und die Lyrik. Ein Kompendium,
Stuttgart 2017, Seite 46 bis 58,
hier: Unkorrigierte Druckfahne:

Die Analyse des Verses

[Um Mittag, wenn zuerst
Der Sommer in’s Gebirge steigt]

macht deutlich, dass die Rede an eine ego-geozentrische Perspektive gebunden ist, denn es ist ja nicht die Sonne, die steigt, sondern die Erde, die sich dreht. Doch nicht nur das: Diese Perspektive zeigt ebenso die Unhintergehbarkeit einer — pointiert gesagt — grundsätzlichen Metaphorizität und Anthropomorphizität der Sprache: Die Dechiffrierung des Verses ist keine Rückführung auf eine ‘eigentliche’ und ‘wortwörtliche’ Bedeutung, sondern endet erneut nur in einem Sprachbild: das der ‘aufgehenden’ oder ‘steigenden’ Sonne.

Und jetzt mal eine Frage: Offenbar bin ich selber anno 2011 darauf verfallen, die angeführte Formulierung von Tomte (deren Fan man nicht sein muss) beziehe sich nicht auf The Flaming Lips, sondern auf Sokrates, ohne allerdings einen nachweisenden Link beibringen zu können. Weiß jemand ein Detail über das altgriechische Weltbild, das eine solche Zuschreibung ermöglichen könnte?

Soundtrack: Tomte (hilft ja nix …), a. a. O.:

Und weil Musik ja auch ruhig Spaß machen darf, noch eine erbauliche 80er-Schnulze:
The Stranglers: Always the Sun, aus: Dreamtime, 1986:

Muss ich da dabei sein?

In Bearbeitung
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Besprechungsmappe

——— Joseph Freiherr von Eichendorff:

Der Isegrim

1837:

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch,
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

Soundtrack: Tocotronic: Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk,
aus: Digital ist besser, 1995:

Farbraum

4 Wäschekübel im Hotelkeller

Endlich möglich:
CMYK an 3D-Objekten:
Küche, Grün, Blau, Rosa.

Vroni meint: “Wolfwolfwolf. CMYK ist kein Farbraum, sondern ein Farbmodell. Und taugt höchstens für Tintenstrahl.”

“Tröste dich, ist ja bloß die Dokumentation. Das Foto ist im RGB-Farbraum.”

“Wolfwolfwolf.”

Bild: selber gemacht, können Sie aber haben,
wenn’s Ihnen nicht graust.

Soundtrack: The Rolling Stones: She’s a Rainbow,
aus: Their Satanic Majesties Request, 1967:

What a cat’s gotta do

Die Katze wartet,
dass es Wohltaten regnet.
Aber nie lange.

Bild: Ysambre Fauntography: Exercice de style VI, 31. Oktober 2016.
Die Widmung war: “Happy Samhain everyone ;)“.

Daniel in der Kinderstube

Solange James Bond noch ein Fall fürs Kino und nicht für die Kinderstunde war, haben wir gesagt: Alt sind wir dann, wenn wir älter sind als der aktuelle Bond. Dann war Daniel Craig. Der Mann ist zwei Monate und vier Tage älter als ich, aber der zählt eh nicht als Bond. Beim nächsten werden wir uns wohl eine neue Faustregel ausdenken müssen. Vielleicht den Gandalf.

Neuerdings soll Daniel Craig gleich gar “entmännlicht” (emasculated) sein, indem er fotografiert wurde, wie er ein kleines Kind mit Hilfe einer Babytrage (papoose) mit sich führte. Hat er das verdient?

Zur Einordnung: Das Kind ist sein eigenes, soll allem Vernehmen nach ganz frisch im September 2018 geboren sein und ist sein zweites, nach dem ersten von 1992 — und zwar von Rachel Weisz. Dazwischen war er mal, Bond oder nicht, mit Heike Makatsch zusammen.

Es mag eher bedingt hierher gehören, aber kurz nach diesen Bildungsanstrengungen in der zeitgenössischen Schauspielkunst hab ich gefunden:

Not all pricks have pricks, not all pussies have pussies, but all assholes have assholes.

Wenn man es von vorne und hinten betrachtet, findet sich schon noch was, das man sich merken sollte, gell. Wenn mich wer sucht: Nägel lackieren, und zwar meine eigenen und ohne erst herumzugreinen, ob ich dann schwul oder ein Mädchen sein könnte.

Soundtrack: Johnny Cash featuring Oscar the Grouch:
Nasty Dan, aus: The Johnny Cash Children’s Album, 1975,
in: Sesame Street, Season 5, 1973:

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