Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Bei uns unterm Sofa (Seite 1 von 6)

Beiträge zum Konstruktivismus

I never been to the Blue Mountains but I’ve been there in a song.
Never have I loved like this one – it just keeps rolling on.
And I never been hit by lightning but I know that life is long.
I never been to the Blue Mountains but I’ve been there in a song.

And I see the wine and the fire in you,
I see the mountains blue.

And I never killed a man and I never robbed a train,
Never had a deep thought when I’m walking in the rain.
And I never lit a holy candle and wished my life would change,
I never wished for anything outside this mountain range.

Peter Doran & Haley Heynderickx: Blue Mountains, aus: Voices, 2021.

“Die Hoffnung stirbt ja zuletzt”, meint Vroni.

“Ja”, sag ich, “das ist ja das Perfide dran.”

Soundtrack: a. a. O., 2021:

Mein Hobby. Beten hilft

Buidl: Sejwa gmacht, schenk i Eahna, bassd scho.

Positiv bleiben

“So, irgendwann ist auch wieder gut”, sag ich. “Wenn wir jetzt also um Himmels willen endlich wieder zum Lockdown übergehen könnten.”

“Gibt’s nicht, Wolf”, sagt Vroni.

“Wiesod’n nicht? Im Supermarkt herrscht alle Tage Rudelkuscheln, die Gastronomie ist von früh bis spät mit Aerosolschleudern besetzt, und das Oktoberfest ist schon genehmigt. Was glaubst du, was das für Neuansteckungen hagelt?”

“Man muss auch mal nach vorne schauen. Und positiv bleiben.”

“Tu ich doch grade. Und bin heilfroh um jeden Test, bei dem ich negativ geblieben bin.”

“Immer nur rückwärtsgewandt denken ist eine ganz schlechte Idee. Führt zu Depression und Burnout.”

“Alles, was momentan organsiert wird, führt zu schweren Verläufen und Triage. Vor zwei Jahren war meine Quarantäne wenigstens noch bezahlt.”

“Gibt’s nicht, Wolf”, sagt Vroni.

“Wir sind tot”, sag ich.

Soundtrack: Camille Hardouin: Le partisan, 1943 ff.,
bearbeitete Cover-Version von Leonard Cohen, 2019:

Woman Wanting

Song lyrics from days of yore.

~~~\~~~~~~~/~~~

1.: I want you to take me to your forest clearing
where you have taken all your girlfriends
It helps me to get to know you
and make you mine

Chorus: Man I want you I’m your girl

2.: I want you to tell me to dress in my
flowery summer skirt with strappy sandals
so to carry them for me and adore
my toes when they follow you beside you

Chorus: Man I want you I’m your woman

3.: I want you to bed me in the grass below the tree
where you had your first kiss and your last fuck
with a girl I will not know and I want
your hunger for the flesh of my rosy thighs

Chorus: Man I want you I’m your vixen

4.: I want you to play with your tongue in my mouth
one hand on my breasts two fingers on my clit
the thing you play one minute later
one level deeper oh deeper come deeper

Chorus: Man I want you I’m your mare

Bridge: I want you to uh
uh
uh
I want you too

Chorus: Man I want you I’m your bitch

5.: I want you too big too hard too sturdy
with relish and moaning too loud along
with me then come too soppy inside me
See it’s so simple when you want me

Chorus: Man I want you I’m your girl

~~~\~~~~~~~/~~~

Vroni meint: “Und wer soll dir das glauben?”

“Glauben?” sag ich, “einen Liedertext?”

“Die Leute suchen immer nach autobiographischen Bezügen. Da kannst du nix machen und wahrscheinlich nicht mal die Leute, die nach sowas suchen, selber.”

“Dann sollen die halt mal aufs Veröffentlichungsdatum schauen.”

Days of yore?”

“1. April.”

“Wolfwolfwolf. Wie soll sich das überhaupt anhören? Wie die drei Holländerinnen auf dem Sybian?”

So ungefähr: Beth Gibbons & Rustin Man: Mysteries,
aus: Out of Season, 2002:

Alles kommt zum Quell

Bärenbrunnen, Elisabethplatz München

“Wieso kommt alles zum Quell?” rätselt Vroni, “ich dachte immer, da kommt alles her?”

“Weil’s draufsteht”, sag ich.

“Und du glaubst wieder alles, bloß weil’s in Stein gemeißelt steht.”

“Der Brunnen stammt von 1936. Da haben die Leut noch ganz andere Sachen geglaubt.”

“Jaja, genau so fängt alles an.”

“Steht ja drauf.”

“Wolfwolfwolf.”

Buidln: Georg Müller: Bärenbrunnen, 1936,
Elisabethplatz 4, München-Schwabing.

Bärenbrunnen, Elisabethplatz München

Soundtrack: Led Zeppelin: Bron-Yr-Aur,
aus: Physical Grafffiti, 1975:

Neulich in Thalkirchen

Ich bin so emotionslos ich könnte heulen

Ich bin so emotionslos ich könnte heulen

“Der Wolf”, meint Vroni, “lebt wieder seine Liebe für Paradoxa aus.”

“Kann ich nix dafür. Das hat sich aufgedrängt.”

“Mir kommen die Tränen. Wo denn?”

“Thalkirchen. Zwischen dem Wertstoffhof und dem jüdischen Friedhof.”

“Au weh. Ein Quadratparadox.”

“Siehst du? Man entkommt ihnen nicht mal beim Entsorgen von ausgeklapperten Tastaturen.”

“Auf dem Wertstoffhof nämlich.”

“Logisch. Oder seh ich aus wie ein Judenfriedhofsschänder?”

“Nein, nicht mit der Brille.”

“.מזל־טוב”

“Wolfwolfwolf.”

Buidl: Selber gemacht 1. Februar 2022, schenk ich Ihnen.

Soundtrack: Добраночь: Дойна Вяца, 2016:

Wie oft (xunz Neis)

“Wenn wir heuer irgendwas gelernt haben …”, fange ich an.

“Haben wir nicht”, meint Vroni.

“Hätte aber sein können”, wende ich ein.

“Was hast du zuletzt gelernt?”

“Na, dass die Österreicher irgendwas richtig machen.”

“Und die Katzen!”

“Das lernt man nicht”, sag ich, “das liegt seit dem Holozän auf der Hand.”

“Auf der Pfote”, verbessert Vroni.

“Vor allem auf der Pfote der österreichischen Katzen.”

“Und das mit den Österreichern willst du heuer gelernt haben? Bei den Inzidenzen?”

“Muss gegen Ende der Siebziger gewesen sein”, sag ich. “Schon länger vor heuer gelernt.”

“Sag ich doch”, meint Vroni.

Dann halten wir uns gefälligst dran. Gesundes Neues mitsammen.

A Gschicht zum verzähln: Anti Cornettos: Korsakov Syndrom,
aus: Dohuggandedeoiweidohuggan, 2014:

Endlich enthüllt: Warum aus mir nichts geworden ist

Aus einer Kleinstadt zu stammen muss ein verbreitetes Schicksal sein; besteht Deutschland ja zur Hauptsache nicht aus seinen paar Metropolen, sondern aus der endlosen Steppe dazwischen, die im unbeholfenen Jargon der Eingeborenen (“Deutsch“) Provinz heißt.

Wenn man schon zwischen Stadtkindern und Landeiern unterscheiden muss, ist man als gebürtiger Kleinstädter in urbanen Umgebungen immer der einzige, der die Leute fragt, ob sie bei den Schützen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr sind, und auf dem Land der einzige, der seit Jahrzehnten mit keinem Luftgewehr mehr geschossen hat, nicht am Motorengeräusch erkennt, dass in sieben Minuten der Metzen-Willi seinen Birngeist vorfinden will, und in der Stube rückwärts über den schlafenden Hund stolpert.

“Kann man”, fragt Vroni, “kann man das nicht auch so sehen, dass man auf dem goldenen Mittelweg geboren ist und sein Leben lang aus the best of two worlds besteht?”

“Kann man schon”, sag ich.

“Wolfwolfwolf.”

Soundtrack: Lael Neale: For No One For Now,
aus: Acquainted with Night, 2021.
Das ist die mit dem Omnichord; siehe
ihre Würdigungen im Zündfunk und im Tagesspiegel:

Beiträge zur allgemeinen Wertschätzung von Textarbeiten

“Mein Verleser der Woche”, erzähle ich Vroni, “war: Bruchlandung statt Buchhandlung.”

“Angeber”, sagt sie, “was soll denn da der Unterschied sein?”

“Pf. Was war denn deiner?”

Sinnlose Unmöglichkeiten statt kontaktlose Impfmöglichkeiten.”

“Aber ich bin der Angeber, gell.”

Soundtrack: Riddy Arman: Spirits, Angels, or Lies,
aus: Riddy Arman, 2021:

Die Blätter

Update zu Das erste Frühlingsgedicht 2018:

Lenz

Der erste Vogel kam geflogen,
Bevor die Blumen blühten.
Und ich streife über Wiesen,
Weil sich’s weich verweilt auf diesen —
Lauer Wind streicht durch die Blätter
Ringsumher.

Herbst

Alle Vögel sind verzogen
Wohl in den heißen Süden.
Unaufhörlich muss ich niesen,
Weil die Fenster nicht mehr schließen —
Rauher Wind treibt braune Blätter
Vor sich her.

Vroni meint: “Wieso ‘Die Blätter’? Wieso nicht ‘Der Wind’ als handelndes Subjekt?

“Ich hab sogar ‘Perpetuum’ erwogen”, sag ich.

“Okay, Blätter.”

Soundtrack: Mariee Sioux: Swimming Through Stone,
aus: Gift for the End, 2012:

Und Pimentkörner

Update zu Nix diese
und Goethes Kindergartenfutter:

Petersil und Suppenkraut
gerebelt von Hela, Mautner, Ostmann
im Regal neben den frischen
Koriander, Blätterknoblauch, Portulak
in Plastiktöpfen auf einem Tablett,
in dem das Gießwasser unter
den Klarsichtfolien schwimmt,
und die türkischen Verkäufer
haben keine Ahnung, wer
oder was ein Liebstöckel ist,
haben aber gelernt, dass
“Wollen verarschen?”
nicht im Repertoire
der Kundenberatung vorkommt,
Frau Aja hätte aber
gelten lassen, was da ist,
und mich meine Laubfrösche kochen lassen,
wie es geht,
und aus ihrem
Buben ist damit auch noch was geworden.

Fachliteratur: Renate Hücking: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, vor allem Seite 22:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

Zutaten
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die “Laubfrösche” mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorsichtig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion:
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018,
mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

Und morgen versuchen wir dann, drei vollständige Staffeln durchzubingen

Rest des Nachmittags : faul und bösartig. (Wie Gott vor der Schöpfung).

Arno Schmidt: Brand’s Haide, 1951; BA I,1,136.

Na bitte: den ganzen Tag
          kein Spaß und keine
                    neuen Katastrophen.

Geht doch —
          für einen Tag, an dem
                    man aufgestanden ist.

Soundtrack: The Secret Sisters: He’s Fine,
aus: You Don’t Own Me Anymore, 2017:

Lautsprechermatsch

Herbstln duats: Im Supermarkt besteht die Obstauswahl hauptsächlich aus Erdbeermatsch und Kirschenmarmelade mit Stielen. Und beim Reparieren hab ich den Ersatzlautsprecher für den Laptop, der zugleich der Fernseher des Hauses ist, geschrottet. Das war nötig, weil sich nach zwei Fehllieferungen von Ersatzteilen aus dem großen, stolzen, fernen Guangzhou der alte immer noch nicht von selber reparieren wollte. Also neuen Ersatzlautsprecher bestellt, damit man die anderen zwei, die seit zehn Jahren den Schreibtisch blockieren, mit besserem oder mit schlechterem Gewissen wegschmeißen kann, je nachdem, wie man sich’s schönredet. Momentan wird mit einem regenschirmförmigen portablen Soundelement beschallt. Macht aber nix angesichts der Geldmengen, die man sparen kann, weil das letzte erreichbare Antiquariat in der Schellingstraße doch noch dicht gemacht hat.

Tag 2 ohne Duolingo

Soviet Visuals, Цирк уехал, клоуны осталисьDass der Entzug nicht einfach so ohne Turkey abgehen könnte, wurde mir gesagt. “You started learning with Duolingo 1 year ago. Keep up the good work!” schreiben sie mir bis jetzt noch kooperativ, als ob sie nicht ahnten, dass ich nach einem Jahr im Status eines “Wildfire” in der “Amethyst Legaue” mit voller Absicht aussteigen will. Das Härteste wird, ihren täglich anstehenden Sirenengesangseinlagen zu widerstehen, dass ich doch weiterlernen soll, nur weil ich zufällig motiviert wäre. Was sie nicht wissen: Motiviert war ich nicht mal am ersten Tag von den 365. Das wird sich auch nicht so schnell ändern, wenn mich bis heute jede Hotel-Azubimaus auslacht, sobald ich beim Reinkommen привет sag, und nein, das hatte nie “was mit Corona” zu tun, sondern mit einem gewissen Ehrgeiz, auf meine alten Tage noch Чехов im Original zu lesen. Was hab ich mir wohl je eingebildet, wen ein Golden Ager noch kennenlernen sollte, mit dem er Russisch reden muss — und warum er jemanden kennenlernen will, der kein Englisch kann? Nächstes Mal fang ich Monolingo an, falls es die gibt; bei denen bleibt man einsprachig und hält gesittet die Klappe, wie man es als allererstes gelernt hat.

Kommt gerade rein, während ich das schreibe: Betreff “That 365 day streak is seriously impressive. Duo’s advice? Practice Russian today!”

Sie kommen.

Цирк уехал, клоуны остались.

Bild: Soviet Visuals: “The circus is gone, but the clowns remain: Popular Russian expression to describe people who are acting in a strange or absurd way”, 29. Mai 2021.

Lifehack: Torte für noch einen Tag früher bestellen, dafür mehr Schnaps anschaffen

Wir haben ja, falls uns jemand schon immer mal was schenken wollte, im Abstand von zwei Tagen — und ich sag jetzt nicht, wie vielen Jahren — Geburtstag. Zwei dickschädelige, genusssüchtige Stiere im selben Haushalt, das kann ja nicht gutgehen, dafür können Sie uns einmal was Großes stiften, statt sich zweimal was Mickriges zu überlegen.

Vroni ist auch heuer wieder Erste, ich muss also mit dem Geschenk vorlegen. Torte. Torte ist immer gut, vor allem für genusssüchtige Stiere. Buttercreme, Schwarzwälder Kirsch mit dem nötigen Schuss Kirschwasser. Natürlich online bestellt, weil wir wegen drohendem Verwandtschaftsbefall die Wohnung nach allen bekannten Himmelsrichtungen putzen müssen und unsere Geburtstage auf mehrere Tage verteilt stundenweise feiern müssen. Gut so, da hat man länger was davon, die Katzen werden vom Staubsauger mal wieder zur ihnen anstehenden Demut angehalten, und eigentlich haben wir, falls sie mitliest, unsere Verwandtschaft ja recht lieb.

Die Torte wird am angeklickten Wunsch-Liefertermin mit unschlagbarer Zuverlässigkeit natürlich nicht geliefert. Der Puffertag vorher war blind und nicht anklickbar, vielleicht haben ja am 3. Mai ja besonders viele Leute Geburtstag oder einen vorausplanbaren Schmacht auf Buttercremetorten. Macht nix, wir überblicken vor lauter Staubsaugen und nebelfeuchtem Nachwischen an den gesaugten Stellen sowieso kein Datum mehr, außerdem soll das Ding voll Schnaps sein, damit werden einem eh viel mehr Sachen wurschtegal, da nehmen wir am Puffertag zwischen unser beider Gruftigedächtnisterminen kleine Gaben Alkohols dankbar entgegen.

Bei Redaktionsschluss hielten die Reinigungsarbeiten noch an, nicht anders als die Alkoholzufuhr nach den allzu geringen Dosen, die in einer mehr oder weniger anklickbaren Schwarzwälder Kirschtorte enthalten sind. There is no such thing as too much schnaps in the house, sagen die Chinesen, was aber ein Übersetzungsfehler sein kann.

Was würdet ihr uns schenken? Würdet ihr es unkompliziert überweisen können oder würde jemand es mühsam basteln müssen? Wie viel Schnaps gehört in eine Torte und wie viel in einen genusssüchtigen Stier? Schreibt’s uns in die Kommentare, lasst uns’n Like und’n Abo da und folgt uns für mehr Lifehacks!

Soundtrack: Ярослав Сумишевский featuring die фолк-группа “Клевер” mit dem funkelnden Kristall unter den russischen Volksliedern: Ой, то не вечер ab ca. 1880, vermutlich Ende 2017 live aufgenommen unter erschwerten Bedingungen des Verwandtschaftsbefalls (jedenfalls tut die фолк-группа erfolgreich so, als ob sie verwandt wäre), daher mit ihrem unverschämten Schmalz- und Schnulzfaktor die schönste Version, die ich mit meinen leider gar zu porösen Russischkenntnissen finden konnte. Und unsereins zahlt für Spotify und lässt die Quetsche im Keller verrosten. Und jetz’ alle:

I drink and I smoke, I play music with friends

Diese Woche gelernt: Aldi lässt jetzt bei Oettinger brauen, wovon man sich auch nicht weniger Schädelweh zuzieht, und meine ganzen Helden passen auf ein Bild DIN A4, und da passt noch großflächig Efeu dazwischen.

Wenn ich endlich Herder von Wieland auf weniger als zwei Zentimeter unterscheiden kann, sprech ich nochmal auf einer idyllischen Uni vor, Literatur muss ganz lustig zu studieren sein (entgegen einem verbreiteten Vorurteil hab ich Linguistik studiert); dafür hab ich jetzt das wahrscheinlich einzige Bild von Günter Stössel südlich der Altmühl an der Wand.

Merke: Schädelweh rentiert sich immer für irgendwas.

Soundtrack: Krista Shows: Full of Sin, aus: Prone to Wander, 2020:

I am a girl that’s full of sin
I’ve done some harm, less outward than in
I drink and I smoke, I play music with friends
I have no regard, my mercy runs thin

Meinetwegen lasst’s halt steh

Wenn man seine ganzen steinalten Langspielplatten — in diesem Fall die Globetrottel Rag von Günter Stössel — nicht bis zur selbsttätigen Entrümpelung aufhebt: Das wirklich anrührend schöne Lied Goldbach City existiert nur in dieser einen Live-Aufnahme von 1976 aus einem nicht überlieferten Wirtshaus, in sämtlichen Restaurierungen und Neuanordnungen ist der gesprochene Vorspann abgeschnitten. Das heißt, es kommt nicht mehr zur Geltung, dass die beschriebene Unternehmung das historische Pilotprojekt avant la lettre für den Abenteuerspielplatz Goldbachwiese am Zabo, nein: in Nürnberg-Zerzabelshof war. Den gezupften Turnaround hab ich dereinst jahrelang immer mal wieder auf der Klampfe geübt, bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das nicht ein Banjo ist:

Wie ich darauf komme? Nun ja, weil wir diese Woche unter Aufbietung unseres gesamten Repertoires an fränkischen, bairischen und internationalen Flüchen eine neue Tastatur und, schlimmer: eine neue Festplatte in den Laptop eingebaut — besonderer Dank an die IT-Vroni — und im Gefolge Windows 10 neuinstalliert und jedes Fitzelchen wieder draufgespielt haben, denn man sieht ja, was passiert, wenn man nicht seine ganzen steinalten Langspielplatten und Word-98-.rtfs aufhebt.

Und plötzlich sehnt man sich zurück in die Zeit nicht etwa vor dem Internet, sondern vor der Gutenbergischen Wende in der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken. Da haben die Leute nämlich ein für alle Male ein Jahresgehalt für ihr persönliches Stundenbuch angespart, und da stand dann alles drin, was man wissen musste. Jedenfalls alles, was einen was angeht. Wenn’s gebrannt hat, war das die o. a. selbsttätige Entrümpelung, und man hatte andere Sorgen als ob in einen Blues ein Barré oder gar keiner hineingehört:

Bonus Track: Günter Stössel. One Barré Only, aus: Schdrohwitwer Blues, 1975, das Pilotprojekt zur späteren Ballade vom Leberschrumpf, weil ich das auch selber halbwegs kann:

Katersachen

Zwei Katzen im Hinterhof
der Größe nach Kater
der inneren wie äußeren
Prominenz

ein kohlrabenschwarzer
ein geringelter
gehen jeder für sich
ihren Geschäften nach

Ein Schleichen und Schnüffeln
ein Schlendern und Patrouillieren
zwischen ruhenden Fahrrädern
und Frühlingsbepflanzung

verfolgen sie jedes Rascheln
im Efeu das eine Maus
sein könnte aber meistens
ein Falter auf der Flucht

Ab und zu begegnen sie sich grüßen
sich mit den Nasen Kollegen im Einsatz
gehen Katzengeschäften nach
machen Katersachen

Die Blausterne stehen schön gegen
die Osterglocken die Pfingstrosen sind
noch lange nicht soweit die Bäumchen
noch kaum Blätter ein Gebüsch aus Goldlack

Die zwei wichtigsten Herren sämtlicher
Hinterhöfe die sie kennen nur den einen
aber den genau mit allen Neuigkeiten des Tages
lassen einander gelten so ist der Job

Alarmbereitschaft wenn in einem oberen
Stockwerk ein Senkrechtgeher in Deckung
die Balkontür aufknarzt Schnurrhaare
voraus Augen auf Murmelgröße Hals ausfahren

ein Zittern durch zwei gespannte
Katerkörper vorsichtshalber auf Angriff
gehen gegenseitig die Breitseiten
zeigen jeder ist verdächtig

Hupf hupf doing doing Tatze aufs
Haupt den Eckzahn blitzen lassen
eine Drohung in Ultraschall und zu zweit
übereinander hopplahopp durchs Wohnungsfenster

 

Die Bitterlinge sind begeistert von den Kupferwerten

Die Wasserwerte sind da. Vom Labor bestellt und bitter bezahlt. Außer einigen selten auftretenden Image-Werbeplakaten der Münchner Stadtwerke für ihr wunder wie tolles Leitungswasser erzählt einem ja keiner was über das Lebensmittel, das man am meisten verwendet. Außer Chips natürlich, aber der Mineralgehalt müsste ähnlich sein.

Wer Münchner Leitungswasser, von Braumeistern der Stadtwerke liebevoll frotzelnd “M-Wasser” genannt, bisher für eine nachlässig gesättigte Kalklösung hielt, kann aufatmen und weitersaufen: Der Kalkgehalt ist keinesfalls höher als in den Schalen von Bio-Eiern. Kupferwerte hab ich bisher für etwas gehalten, das man nach dem Einkaufen in eine alte Asbach-Uralt-Flasche klimpern lässt, praktisch zu vernachlässigen sind Nitrat und Nitrit. Ich hab keine Ahnung, was das ist, aber ich verwechsle ja auch Manet und Monet. Unter dem psychogenen Grenzwert liegen auch Bor und noch irgendwas.

Sorgen muss man sich machen um Nickel und Blei. Dass Blei nicht in Leuten vorkommen sollte, lernt man ja schon als kleiner Bub, wenn man durchs Wohnzimmerschlüsselloch den Spätwestern mitguckt. Und vor allem Leute wie ich, sagt Vroni, die mit Müdigkeit, körperlicher Schwäche, Depression und noch irgendwas zu kämpfen haben…

“Mit Vergesslichkeit, Wolf”, hilft Vroni aus, “mit Vergesslichkeit!”

Sag ich doch, aber jetzt weiß ich nicht mehr, was ich wollte.

Soundtrack zum Bleigehalt: Tim Blake Nelson: Cool Clear Water,
aus: The Ballad of Buster Scruggs, 2018:

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