Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Endlich enthüllt: Warum aus mir nichts geworden ist

Aus einer Kleinstadt zu stammen muss ein verbreitetes Schicksal sein; besteht Deutschland ja zur Hauptsache nicht aus seinen paar Metropolen, sondern aus der endlosen Steppe dazwischen, die im unbeholfenen Jargon der Eingeborenen (“Deutsch“) Provinz heißt.

Wenn man schon zwischen Stadtkindern und Landeiern unterscheiden muss, ist man als gebürtiger Kleinstädter in urbanen Umgebungen immer der einzige, der die Leute fragt, ob sie bei den Schützen oder bei der Freiwilligen Feuerwehr sind, und auf dem Land der einzige, der seit Jahrzehnten mit keinem Luftgewehr mehr geschossen hat, nicht am Motorengeräusch erkennt, dass in sieben Minuten der Metzen-Willi seinen Birngeist vorfinden will, und in der Stube rückwärts über den schlafenden Hund stolpert.

“Kann man”, fragt Vroni, “kann man das nicht auch so sehen, dass man auf dem goldenen Mittelweg geboren ist und sein Leben lang aus the best of two worlds besteht?”

“Kann man schon”, sag ich.

“Wolfwolfwolf.”

Soundtrack: Lael Neale: For No One For Now,
aus: Acquainted with Night, 2021.
Das ist die mit dem Omnichord; siehe
ihre Würdigungen im Zündfunk und im Tagesspiegel:

Kommt ein Impfgegner nicht in die Bar

“Warum gibt’s im Wald kein Corona?” fragt die Frau neben mir, während sie mit den Baukastenteilen eines COVID-19-Schnelltests herumnestelt. Nicht dass ich sie gekannt hätte.

“Tapfer, tapfer”, sag ich, “ungeimpft, aber immer noch fremden Leuten Witze erzählen.”

“Weil die Bäume alle Zwei-Ge haben”, löst sie auf.

“Au weh zwick, Sie sind wirklich Schmerzen gewohnt”, sag ich, “und Booster shot schreibt sich auf Englisch Borcestershire shot, gell.”

“Schwein gehabt”, sagt sie und hält triumphierend ihren Schnelltest in die Höhe, “wieder nicht schwanger.”

“Sind Sie sicher”, sag ich, “dass Sie den Abstrich aus der Nase genommen haben?”

“Nase?” sagt sie, “verdammt, dann hab ich das falsche Youtube-Tutorial erwischt.”

Vielleicht sind Impfverweiger*innen ja auch bloß Menschen.

Soundtrack: Hurray for the Riff Raff: I Know It’s Wrong (But That’s Alright),
aus: Small Town Heroes, 2014:

Beiträge zur allgemeinen Wertschätzung von Textarbeiten

“Mein Verleser der Woche”, erzähle ich Vroni, “war: Bruchlandung statt Buchhandlung.”

“Angeber”, sagt sie, “was soll denn da der Unterschied sein?”

“Pf. Was war denn deiner?”

Sinnlose Unmöglichkeiten statt kontaktlose Impfmöglichkeiten.”

“Aber ich bin der Angeber, gell.”

Soundtrack: Riddy Arman: Spirits, Angels, or Lies,
aus: Riddy Arman, 2021:

Die Blätter

Update zu Das erste Frühlingsgedicht 2018:

Lenz

Der erste Vogel kam geflogen,
Bevor die Blumen blühten.
Und ich streife über Wiesen,
Weil sich’s weich verweilt auf diesen —
Lauer Wind streicht durch die Blätter
Ringsumher.

Herbst

Alle Vögel sind verzogen
Wohl in den heißen Süden.
Unaufhörlich muss ich niesen,
Weil die Fenster nicht mehr schließen —
Rauher Wind treibt braune Blätter
Vor sich her.

Vroni meint: “Wieso ‘Die Blätter’? Wieso nicht ‘Der Wind’ als handelndes Subjekt?

“Ich hab sogar ‘Perpetuum’ erwogen”, sag ich.

“Okay, Blätter.”

Soundtrack: Mariee Sioux: Swimming Through Stone,
aus: Gift for the End, 2012:

Quadratinterimsquartier

Burn it!
Love,
Leonard Bernstein

Gästebuch dser Philharmonie am Gasteig 1986.

Gar nicht so einfach, in seine zuständige Stadtbibse zu finden. Nicht, seit sie “im HP8” untergebracht ist, dabei kann ich neuerdings in Hausschlappen hin, statt eine einstündige Stadtrundreise mit Umsteigen zu unternehmen. Sollen sie halt sagen, wo er ist, ihr “Interimsstandort”, nämlich am Eck Thalkirchner und Brudermühlstraße, und nicht die Adresse Hans-Preißinger-Straße, die eine verschwindend mickrige Sackgasse zwischen den Hallen der Isarphilharmonie und dem Stadtkanal ist, der seinerseits nicht mal in der Lage ist, die Isar zu entwässern.

Also noch bis 26. November 2021 merken: Stadtbücherei ist momentan auch an der Brudermühl, wohin Sie Ihrer Schwiegermutter nächsthin eine Einzelkarte für einen Schönberg-Webern-Berg-Abend schenken, danach finden wieder die Stadtrundfahrten statt. Nicht ins normale Quartier, sondern demselben geggenüber, im Motorama. Geradeaus ginge das die ISar runter, bis man den Gasteig sieht, bloß halt rechts der Isar. So einfach wär’s, wenn man keinen Bus bräuchte, gell.

Öffnungszeiten sind neuerdings von 7 Uhr in der Früh bis 23 Uhr in der Nacht, sie haben also was gelernt. Zum Beispiel was man für Ausweichmöglichkeiten braucht, wenn man seiner Schwiegermutter die falschen Philharmoniekarten zu Weihnachten geschenkt hat. Dafür gibt’s jetzt auch Gratisbenutzung von Stromklavieren — übrigens Yamaha Clavinova, die Nachfolger der Hausorgel, die der Gulda-Fritz benutzt hat, und im an-, nicht etwa abgeschlossenen Musiklabor darf man sie sogar aufnehmen, egal wie’s geklungen hat.

Und der Innenarchitekt hat sich was gedacht. Der Bestand ist, was wir angesichts seiner Verweildauer nicht weiter bemosern wollen, ungefähr so mickrig wie die Hans-Preißinger-Straße selber. Aber man kann ihn so betrachten, dass er richtig was gleichschaut. Der Blick durch die Belletristik im zweiten Stock, die im Interiumsquartier “Unterhaltung” heißt, ohne Photoshop, einmal hin:

Münchner Stadtbibliothek im HP8

und einmal her:

Münchner Stadtbibliothek im HP8

Sie nennen es “intuitive Aufstellung der Medienbestände”, aber dauert ja nicht mehr lang. Die Isarnähe wird durchgehend bei allen Standorten beachtet, falls doch mal jemand dem Bernstein-Leo seine Empfehlung von 1986 ernst nimmt.

Soundtrack: Micah P. Hinson: Fuck Your Wisdom, aus:
When I Shoot at You with Arrows, I Will Shoot to Destroy You, 2018:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal

Man hat immer die Auswahl: Entweder früh beizeiten losgehen, wo noch der Vollmond über Thalkirchen thront, damit man den Mandarinenten auf dem Tümpel Richtung Schloss Schwaneck beim Aufwachen zuschauen — und zuhören! — kann, oder so spät, dass in Schäftlarn schon der Klosterladen offen hat (Mittwoch bis Samstag 14 bis 17, Sonn- und Feiertage 11 bis 17 Uhr), damit man einem zum Strafdienst verdonnerten Internatsinsassen ein Pfund Honig abkaufen kann.

Diesmal war’s die Frühversion:

Isartal früh

Das Kloster steht seit anno salutis 762 und hoffentlich noch ein paar Tage; meine eigenen liebsten Dokumentationen waren Von München bis Venedig (fast) mit den meisten, seit 2010 leider deteriorierten Bildern, und Zwei Klavier-Trios und zwei Violoncello-Sonaten mit der besten Begründung, warum man sowas gelegentlich machen muss.

Maria Rast spricht sich beiläufig mit kurzem a, weil es sonst das Gegenteil hieße, und bringt momentan den Anfang des beliebtesten aller Psalmen in etwas fragwürdiger, dazu noch allzu verletzbarer, aber höchst ansprechender Umsetzung. Offenbar haben die Eichkatzeln schon drei Kiesel entführt:

Maria Rast, Psalm 23

Herr ist mein hirte mir wird nichts mangeln
weidet mich auf einer aue und führet mich zum frischem wasser
psalm 23

Sic, Schreibung wie in Maria Rast vorgefunden. “Mir wird nichts mangeln” — außer Honig halt. Man hat immer die Auswahl.

Soundtrack: Cellosonate op. 102 Nr. 1 mit Sviatoslav Richter und Mstislav Rostropovich, live ca. 1961–1963, von Beethoven für die auf dem Schäftlarner Klosterfriedhof begrabene Marie von Erdődy 1815:

Wir sind die, die mit den letzten 70 Euro endlich die Welt retten wollen, wenn es doch sonst keiner macht

Wenn einer zu spät kam, hat mein Lehrer immer gesagt: “Jaja, Arbeit ist Kraft mal Weg”; wenn sich einer beklagte, dass die Zeit für die Schulaufgabe zu kurz war: “Jaja, Leistung ist Arbeit pro Zeit”, und das war nur der Deutschlehrer.

Im September 2021 betrug die Inflation 4,1 %, noch im August nur 3,9 %. Heizöl ist gerade innerhalb eines Jahres 76,5 % teurer geworden, Benzin 28,4 % — mal so als Beispiel. Ob das noch der gewohnte Klassenkampf von oben oder schon Enteignung ist, können gern mal welche diskutieren, die vor lauter Pfandflaschensammeln noch zu irgendwas kommen (und zu ihrer ölbeheizten Wohnung mit einem Auitomobil gefahren sind). Wenn Ihr Einkommen auch um 76,5 % gestiegen ist: Glückwunsch und weiterhin viel Spaß beim Geldzählen, Investieren und Das-Geld-für-sich-arbeiten-Lassen.

Wie das zusammenhängt? — Die Kassenpatienten, die von Jugend auf mit dem Versuch befasst waren, ein guter Mensch zu sein und sich auf Grundlage von Haben oder Sein fürs Sein entschieden haben, können sich in gar zu absehbarer Zeit ihr eigenes Begräbnis nicht leisten, weil es den Tod mitnichten umsonst gibt. In einem freien Land wie dem hiesigen bedeutet das, nicht wegen seiner Unfähigkeit zu handeln hingerichtet zu werden, sondern unter Verweis auf Freiheit und Chancengleichheit ausgehungert. Andere als sozial breit akzeptierte Mittel sind noch nicht wieder zu vermitteln. Bis sie es sind, bin ich hoffentlich schon sozialverträglich entschlafen.

Wenn ich schon die Auswahl hab, nehm ich trotzdem die Demokratie, denn Demokratie dient der Illusion, eine Auswahl zu haben. Deswegen beschwer ich mich auch nicht, solange ich noch was zu verlieren hab. Geld zum Beispiel, oder in meiner Freizeit: Körpergewicht. Wachstum zählt ja nur in seiner statistischen Gesamtheit.

Nur bei Katzen kommt es nicht darauf an, eine zu haben, sondern eine zu sein.

Oder anders: Wenn Aschenputtel der Schuh so toll passt, warum hat sie ihn dann verloren?

Soundtrack: Maike Rosa Vogel: Unser Geld ist wichtiger als ihr,
aus: Eine Wirklichkeit, 2020:

Bonus Track: dieselbe: So Leute wie ich, aus: Fünf Minuten, 2012:

Die neuen Rittersleut

Vor Zeiten musste ich ein Wochenende lang auf der Grünwalder Burg wohnen – was bedeutet: einmal übernachten –, um mit der Communitas Monacensis in stauferzeitlichen Gewandungen Kalligraphie in karolingischer Minuskel und gotischer Fraktur, Brettchenweben und nach dem Buch von guter spîse (ca. 1350) nahezu neongrüne, aber vegetarische Ravioli und Lungenmus am Spieß zu bereiten. Das nannten wir Burgbelebung.

Kuratiert wurde die Veranstaltung samt der ganzen Burg Grünwald außerhalb ihrer Belebungen von einem Professor der Archäologie, der von seinem Skriptorium aus auf unsere Anstrengungen blickte, mit Lebensmitteln vom unweit residierenden Grünwalder Edeka ein authentisches Nachtmahl herzustellen. Ein so liebenswürdiger wie breit und tief gebildeter Mann, der dem Nachtmahl nicht nur deshalb eine Flasche Roten stiftete, um von seiner termingebundenen Abhandlung abgelenkt zu sein, sondern mit seinen belebenden Mittelalterdarstellern am Lagerfeuer beisammenzusitzen, wobei ihm auffiel, dass keiner der Reenacter eines aufs Wesentliche reduzierten Hochmittelalters eine Armbanduhr trug – und das bei Nacht und flackerndem Feuerschein.

Zu den täglichen Verrichtungen des Professors gehörte, das Ewige Licht unter dem Kruzifix im Hof brennend zu erhalten. Im Keller des Wirtschaftsgebäudes, einem niedrigen, von einer Reihe Schießscharten erhellten Gewölbe, hausten Siebenschläfer.

Schießscharte Burg Grünwald, 22. September 2021

Eher 20 als 15 Jahre nach dem Wochenende auf und unter der Burg Grünwald bin ich noch einmal wandernd vorbeigekommen. Unter dem Wohngebäude des Professors bis in den Burghof hinein wurde ein Café eingerichtet, im Wirtschaftsgebäude ein Museum, das übrigens gar nicht so schlecht sein soll; danken wir’s unbesehen dem rotweinstiftenden, zuzeiten prokrastinierenden Professor von der Archäologischen Staatssammlung.

Was aus den Siebenschläfern geworden ist, frag ich vorsichtshalber nicht so genau nach. Das Ewige Licht wurde abgeschafft. Unterm Professor hätt’s das nicht gegeben.

Kruzifix Burghof Grünwald, 22. September 2021

Buidln: Sejwergmacht am 22. September 2021, schenk i Eahna.

Zu Grünwald im Isartal: Karl Valentin: Die alten Rittersleut aus: Die Ritterspelunke, 1939, populär durch: New Orleans Hot Dogs, 1966 ff.; mit den meisten Strophen in einer Version von 1970:

Wenn man weiß, es geht um was - es anscheinend aber niemanden interessiert

Die Qual dieser Wahl

Der Kater bloggt Kater-Koma

 

 In einem Kopf voller Ängste ist kaum Platz für Lösungen. Der Kater

 

In zwei Tagen wird gewählt.

Der deutsche Wähler scheint ein seltsam Wesen zu sein. Zumindest, wenn man sich das obskure Wirken im Hintergrund werkelnder schlauer Wahl-Spin-Doctors der großen Parteien anschaut.

Denen zufolge liebt der deutsche Wähler ausnahmslos langweilige Plakate mit schlechten Portraitaufnahmen (Ausnahme FDP). Dieser Wähler-Prototyp will außerdem nicht, dass ihm angesichts der Klimakatastrophe über die Kosten und Maßnahmen reiner Wein eingeschenkt wird. Sonst würde er scheu werden wie ein Reh. Geht gar nicht. Das muss, geht es nach ihnen, erst nach der Wahl. Nannte man früher nicht ‘Strategie’, sondern Katze im Sack. Außerdem liebt der deutsche Wähler ihnen zufolge ermüdende Rederituale, in denen nichts gesagt wird, aber schwachsinnige Abitur- und Jodelzeugnisse, die lila Schuhe oder die Teflonhaftigkeit oder Mikro-Mimik zum Gespräch werden.

So ist also dieser Sinus-Milieu-Wähler beschaffen:

Schwachsinnig, glattes Teflon, öde Anzüge liebend, wie Lehrer Hempel rückwärtsgewandt in alten Lebensläufen grabend, langweilig, fad, ideenlos, alles hinnehmend, ängstlich und scheu, Einschlafhilfen brauchend.

Anscheinend ist der Deutsche in den Augen der Spin Doctors ein ängstlich-paranoider Anal-Charakter, der im Gestern lebt und nur noch vorm Fernseher oder mit Benzodiazepinen einschlafen kann. Das erklärt auch die Wahlsendungen sowie die Baldrian-ähnlichen Rentnersendungen wie Traumschiff und Schwarzwaldförster.

Nicht ist er nach diesen Spin Doctors so beschaffen: will endlich Neues, wünscht klare Aussagen, will klare Richtung, nimmt nichts mehr hin, mutig bis offen grantig. Dieser Wähler existiert für die um jedes Stimmchen kämpfenden Spin Doctors nicht.

Oder vielleicht doch. Er oder sie macht verzweifelt oder grantig das Kreuz bei DER LINKEN, bei der AfD, der ÖDP, der Tierschutzpartei und weiteren Splitterparteien, wovon es immer mehr gibt.

Dieser Wähler macht inzwischen 20 % aller wahlberechtigten Bürger aus: 9 % sonstige plus 11% AfD, Quelle Emnid 23.9.2021.

Fast Kanzler-machend. Aber niemand holt ihn ab.

 

Gruß

Der Kater,
welcher angesichts der tief-langweiligen “Großen Wahlschlussrunde” in den Schlaf gefallen ist. KK: Kater-Koma.

 

Ich schicke euch Kraft

Wie man sich endlich durchsetzt

Der Kater bloggt eine Buchrezension aus Katersicht

 

Ausdauer ist eine Tochter der Kraft, Hartnäckigkeit eine Tochter der Schwäche, nämlich der Verstandesschwäche. Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

Der Katerkatz hat all seinen Mut genommen und ein Durchsetz-Buch gekauft, das dem Leser empfiehlt, eben noch hartnäckiger zu werden. Wenn es darum geht, sich lieber höflich statt mit blutiger Kralle durchzusetzen.

Da der Kater ein höflich Tier und Gentleman ist, welcher sehr selten (wirklich selten) und ausgesprochen ungern die Kralle zeigt, war es ihm wohlfeil und beim Lesen ein recht erhellend Büchlein. Es empfiehlt ihm, statt den anderen mit der Kralle in Streifen zu schneiden (schade), den bewährten Methoden der Werbung folgend, einfach immer nur die sture Wiederholung der immergleichen Botschaft, um endlich gehört zu werden.

Um gehört zu werden im Gehirne der Menschen, das immer übervoll ist von Dingen. Dinge wie: Habe ich heute das Hemd von der Reinigung geholt, ist der Müll draußen, habe ich das Kind im Kindergarten vergessen, ruft mich der Arzt wegen des Labors zurück oder soll ich mich besser selbst drum kümmern.

So eines Menschen Gehirne ist laut Büchlein übervoll. Stets und ständig. Außer er schläft, oder er kämpft um seinen Schlaf.

Daher hört er des Katers Botschaften “Füttert mich!” – “Macht mein Katzenklo!” nicht recht.

Doch ausdauernd war der Kater doch schon immer.

Ausdauernd schlafen, ausdauernd sich putzen, ausdauernd spielen. Ausdauer mit Genuss. Muss er jetzt in Zukunft öde und quälend hartnäckig mauzen statt genussvoll spielerisch posieren? Und dadurch jedem schäbig auf die Nerven gehen und entnervt mit Vasenwasser begossen werden, nur damit sein gemütlich Heim nicht vor die Hunde (bäh!) geht?

Ich überleg mir das nochmal.
Ist es in der Werbung nicht so, dass man, um die Botschaft durchzusetzen, statt stur und öd runterbetend, sie besser interessant, ja lustig verpackt. Also genussvoll, bevor man sie auf die Endlos-Schleife der Wiederholung schickt?

Ich entscheide mich für die un-öde Botschaft – putzig ausseh! schnurr! ans Bein werf! streichelt und beachtet mich! – und für die genussvolle Ausdauer desselben. Statt öd herum zu mauzen.

Denn wenn Wiederholung keinen Spaß macht und weder mir noch dem Menschen Genuss bereitet, ist das für den Hund.

 

Gruß

Der Kater

 

Buch-Rezension zu: “Sanfte Selbstbehauptung: Die 5 besten Strategien, sich souverän durchzusetzen” Barbara Berckhan

 

Und Pimentkörner

Update zu Nix diese
und Goethes Kindergartenfutter:

Petersil und Suppenkraut
gerebelt von Hela, Mautner, Ostmann
im Regal neben den frischen
Koriander, Blätterknoblauch, Portulak
in Plastiktöpfen auf einem Tablett,
in dem das Gießwasser unter
den Klarsichtfolien schwimmt,
und die türkischen Verkäufer
haben keine Ahnung, wer
oder was ein Liebstöckel ist,
haben aber gelernt, dass
“Wollen verarschen?”
nicht im Repertoire
der Kundenberatung vorkommt,
Frau Aja hätte aber
gelten lassen, was da ist,
und mich meine Laubfrösche kochen lassen,
wie es geht,
und aus ihrem
Buben ist damit auch noch was geworden.

Fachliteratur: Renate Hücking: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, vor allem Seite 22:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

Zutaten
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die “Laubfrösche” mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorsichtig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion:
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018,
mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

I drank ten pints of beer and I cursed all the people there

At the time, I was working for a landlord
And he was the meanest bastard that you have ever seen
And to lose a single penny would grieve him awful sore
And he was a miserable bollocks and a bitch’s bastard’s whore.

The Pogues, a. a. O., 1984.

Immobilienmakler sind goldig. Die kennen alle ein einziges Lied, das nur aus dem Refrain besteht; der geht:

Lage, Lage, Lage.

und das singen sie jetzt den ganzen Tag. Süß. Wenn es nicht so zynisch wäre.

Schlachthof München, August 2021Man freut sich nicht, wenn einem innerhalb eines Google-Suchlaufs der Sinn des Lebens, nein: der Wert der eigengenutzten Immobilie auf die Hälfte zusammensackt, und innerhalb eines weiteren solchen auf ein Viertel.

Nicht dass man sich selbst in der Isarvorstadt, vulgo Glockenbachvierel, durch die schiere Tätigkeit des Wohnens im noch laufenden Leben als Millionär wiederzufinden erhofft hätte. Allerdings hätte man sich in einer “Lage. Lage, Lage”, deren Wert sich angeblich immer noch aller zehn Jahre verdoppelt, gewünscht, dass die prospektiven Erben einen gewissen Gegenwert für zwei verdaddelte Leben davontragen.

Wenn man trotz lebenslänglicher Vermögensbildung und praktischer Altersvorsorge verarmen wird, kann man seine Burg doch wenigstens verrenten, oder nicht?

Im August 2021 stand die Inflation bei 3,9 %. Aber ich bin der Zyniker, gell?

Rechenbeispiel:

And it’s lend me ten pounds, and I’ll buy you a drink,
And mother, wake me early in the morning.

The Pogues: Boys from the County Hell, aus: Red Roses for Me, 1984:

Buidl: Plakat am Schlachthof München, selbergemacht August 2021.

Beifuß sammeln und fotografieren

Seit langem wieder mal an der wilden Isar

Der Kater bloggt
seit langem mal wieder

Die Erschaffung einer kleinen Blume ist das Werk von Jahrtausenden.

William Blake

 

Impressionen nach all den Corona-Aufregungen.

Die Flusslandschaft mitten in München wirkt an diesem Mittwoch Abend erstaunlich wild und unberührt. Trotz der Massen, die seit dem Frühjahr in der Zeitung standen – trotz der abendlichen Grillschwaden an den Wochenenden.

Der Sommer ist vorbei und herbsteln tuts. Zeit für einen Datschi und Zeit, rechtzeitig wilden Beifuß zu sammeln für die Ente an Weihnachten.

Wilden Beifuss sammeln

Wilden Beifuß sammeln

Beschnitztes Treibholz

Raben an der Isar

Raben an der Isar auf dem Schild “Baden verboten”

 

Es grüßt der Kater

 

 

Der aktuelle Filmtipp:

Rambo III, USA 1988:

Laut Guinness-Buch der Rekorde mit 221 Gewalttaten und 108 toten Menschen brutalster Film, daher FSK 18 ohne Jugendfreigabe; von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat “wertvoll” ausgezeichnet. Endet mit: “This film is dedicated to the gallant people of Afghanistan”, deutsch: “Dieser Film ist dem tapferen Volk von Afghanistan gewidmet.”

Highlights:

“Das ist Afghanistan! Alexander der Große wollte dieses Land erobern, Dschingis Khan, die Briten und jetzt die Russen, aber wir lassen uns nicht erobern!”

“Gott muss lieben verrückte Menschen!”
“Wieso?”
“Er machen soviele davon.”

“Meine Zeit ist um.”
“Was heißt das?”
“Das heißt, mein Krieg ist vorbei:”

Und mein Liebling:

“Wozu ist das?”
“Das ist blaues Licht.”
“Und was macht es?”
“Es leuchtet blau.”

Danke für die Idee an Sven (Website erloschen)!

Und morgen versuchen wir dann, drei vollständige Staffeln durchzubingen

Rest des Nachmittags : faul und bösartig. (Wie Gott vor der Schöpfung).

Arno Schmidt: Brand’s Haide, 1951; BA I,1,136.

Na bitte: den ganzen Tag
          kein Spaß und keine
                    neuen Katastrophen.

Geht doch —
          für einen Tag, an dem
                    man aufgestanden ist.

Soundtrack: The Secret Sisters: He’s Fine,
aus: You Don’t Own Me Anymore, 2017:

Und hätten sie nicht so gelacht, hätt’ Niklas sie nicht schwarz gemacht

Gehört schon lange mal gesagt: Die Quintessenz des Antirassismus stammt von 1844, es spricht “der große Nikolas / Mit seinem großen Tintenfaß” in der Geschichte von den schwarzen Buben:

Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist, wie ihr?

Ja, was? — Die Davidsterne in der Illustration dazu bestehen erst — oder schon — seit 1859. Das gesamte Korpus gilt heute als schwarzpädagogisch; Angehörige von anderen als deutschsprachigen Kulturen können es überhaupt nicht fassen, dass Minderjährige mit Handlungsverläufen, in denen die Amputation beider Daumen und Verbrennung bei lebendigem Leib als erzieherische Maßnahmen durchgehen, geängstigt werden. 1844 ff. war es offenbar notwendig, dass ein Psychiater, der sich aufs Ersinnen von Paarreimen und deren Illustration versteht, seine Geschichten so weit überspitzt, dass sie lange genug überleben, und sei es als abschreckendes Beispiel.

Mehr gibt es über Rassismus und seine Gegenseite nicht zu wissen. Mein Liebling war natürlich trotzdem immer Die Geschichte vom fliegenden Robert, und seit Hans Magnus Enzensberger weiß ich sogar, warum.

Der ganze Horror, FSK 6: Der Struwwelpeter, Deutschland 1955,
mit Wulf Rittscher als Nikolas:

Bonus Track: Dr. Böhmermanns Struwwelpeter, 2018 war auch nicht schlimmer (bloß nicht einzubetten).

Wer Zigaretten durch Stangensellerie ersetzt, kann bis zu 100 % von dem reduzieren, was er noch vom Leben hat

Hier sollten meine empathischen Auslassungen darüber stehen, was das Wetter doch für eine Katastrophe ist, im Ausgleich zum #jokergate eines hämischen Kapitalisten, den ich zu meinem Kanzler wählen soll, weil die Auswahl zu ihm mehr Fehler im Lebenslauf hat als mein Lebenslauf Kundenreferenzen. Das wird aber gerade so wenig helfen wie sich das Hirn von ein paar alten Folgen Tom und Jerry breitklopfen zu lassen. Das bleibt wenigstens kostenneutral. Als Angehöriger der dienenden Klassen war ich immer darauf angewiesen, für mein bisschen Geld meine Arbeit anzubieten, der Arbeit-Geber war ein Leben lang ich. Und zwar länger als mein Vater, der mich verächtlich dafür anschaut, dass ich ein längeres Arbeitsleben lang, als er bis zur Frühpension hatte, immer noch weniger rauskrieg als er, ob er sich nun früh oder spät aus dem Bett quält oder nicht. In all den Arbeitsjahren hätte ich mir das Hirn von weniger alten Folgen Tom und Jerry breitklopfen lassen können, als Unterschied erwarte ich jedenfalls nicht so viel, dass es einen Unterschied macht, immerhin verbietet es sich aus meinem gesellschaftlichen “Status”, meine Rechte anwaltlich einzuklagen, weil ich leider auf meine Rechte angewiesen bin: Geld, wie erwähnt. Während Kapitalisten Kapitalistensachen machen, schreib ich schon mal in meine Patientenverfügung: Wenn meine Behandlung der Krankenkasse zu teuer wird, dürft ihr mir sofort das letzte Lebenslichtlein ausknipsen, damit ich niemandem zur Last falle, gell. Und wenn ich mir jetzt gefälligst in Ruhe das Hirn von ein paar alten Folgen Tom und Jerry breitkopfen lassen dürfte.

Soundtrack: Slime: Lustig lustig ihr lieben Brüder,
aus: Viva la muerte, 1992 (nur auf der LP, nicht der CD):

Vielleicht eine traurige Geschichte

Ob ers schafft?

Der Kater bloggt.

 

Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es.

Thich Nhat Hanh

 

 

Ein kleiner Mauersegler rummst gegen das Wellblechdach von Clarissa, dann gegen das neue strahlend saubere Glas des Vordachs der WEG Rückgb. oder gegen beides.

Sein rechter Flügel hat nun einen leicht anderen Winkel, ansonsten wirkt er nur leicht benommen. Er flattert ungeduldig in der Hand, als wenn er gleich wieder in die Lüfte steigen wollte. Oder vor Schmerzen. Er nahm Anlauf, er torkelte.

Wir nahmen ihn auf.

In eine enge abgedunkelte Kiste, damit er sich wieder beruhigt. Mit Kleenex unten drunter und mit Anschmiegematerial zum Wohlfühlen. Dann herum telefoniert, wer so ein Tier kann und es vielleicht wieder hinkriegt. Geschlagene 2 Stunden. Dann war mir klar, dass das fast nur freiwillige und sehr Engagierte machen, die überlastet sind und keinen Pfennig dafür kriegen. Und daher halt ein wenig unorganisiert.

Als ich auf die Website der kompetenten Frankfurter Mauerseglerklinik (wow!) gelangte, dass er innen drin Brüche haben kann, die man außen nicht sehen kann. Oh.

Derweil schaute er mich mit seinen großen blanken Augen an und ließ sich an seiner Kehle vorsichtig kraulen. Ich hatte keine Ahnung, was das für schöne Tiere sind, die jeden Tag vor unserem Fenster in die höchsten Lüfte steigen. Meisterflieger.

Die Versuchung war groß, dieses wunderbare Tier einfach vorläufig zu behalten, wenn das so schwierig ist, für es eine Stelle zu finden. Um zu schauen ob sein Flügel sich nicht auch so erholt.

Dann war da diese Sache mit den Heimchen, die man lebendig kaufen soll.

Denn Mauersegler fressen nur so etwas. Und keinen Hack oder ähnliches Zeugs, davon werden sie krank. Die Heimchen dann einfrieren und wenn gefroren, ihnen dann die Beinchen wegknipsen. Oh. Und dann aufgetaut und angewärmt füttern, hm. Wenn’s geht das aufgewärmte Heimchen mit einer B-Komplex-Spritze impfen, ab und an auch Vitamin D spritzen. Dann damit füttern. Wobei erwachsene Tiere nicht so kooperativ seien wie Jungtiere. Das Ganze Minimum 6 mal am Tag jeweils 2-3 Heimchen. Und zu trinken geben.

Dabei ist noch nicht klar, ob sein Meister-Flügelchen durch bloßes Abwarten je wieder so gesund werden wird wie vorher. Er hat Schmerzen und ich kann ihm nicht helfen, weil wieder einmal alles zu war.

Las in der Klinikseite der Frankfurter, dass unbehandelt eine Prellung oder Luxation zu Verwachsungen und Gewebeeinlagerung führen kann. So fliegen sie dann nicht mehr gut, weil falsche Belastungen. Das ist das Todesurteil für diese wunderschönen Gottesgeschöpfe.

So gab ich meinem Herzen einen Stoß und ging am strahlenden July Morning um 7 Uhr zur Tierrettung München in Schwabing. Die den Kleinen an die LMU Klinik für Reptilien und Wildvögel übergeben. Dort bekommt er endlich die Schmerzmittel die er schon seit 12 Stunden bräuchte und Heimchen, dort wird er geröntgt, um zu sehen, ob Brüche (dann hat er als Meisterflieger keine Chance mehr) oder etwas anderes.

In der Tram 27 spitzte sein Köpfchen raus und ich kraulte ihn zum letzten Mal am Kinn. Er wollte nichts als fliegen.

Wieder zuhause. Abgegeben wie einen Säugling in der Klappe, furchtbar. Ich hoffe für ihn, ich erfahre nichts. Er hat eine Chance, wenn auch nur eine kleine.

Derweil fliegen seine Brüder und Schwestern zuhaufen im Blau und rufen Sri, Sri!
Muss weinen.

Warte auf den Anruf.

 

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