Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Kategorie: Design im wirklichen Leben (Seite 1 von 6)

Ohne Sinn

Bullshit-Jobs

Das Gefühl, einen großen Teil seines Lebens einen Bullshit-Job ausgeübt zu haben.

Aquarell ‚Kranich, übers Moor fliegend‘ Copyright Vroni ‚Vero‘ Gräbel

 

Begrüße jeden, auch und gerade die Generation Z., dass sie zumindest vorhat, sich das von Anbeginn an nicht anzutun.

Bullshit-Jobs: Tätigkeiten ohne Sinnstiftung

1. irgendwas mit Medien

2. PR für Konzerne

3. irgendwas mit Design

 

Wer dazu noch aus finanziellen Gründen auf mittelbösartige Kunden angewiesen ist, die a) keine Ahnung von der Materie haben, aber b) immer noch mehr zum gleichen Preis rausholen wollen: der Prostitution nicht unähnlich.

 

Mal-App-Vergleich: Finde die Spachtel

Art Set 4 versus Procreate

Seit einem Jahr arbeite ich beruflich mit Procreate. Das ist eine der besten und für den Profi brauchbarsten Mal- und Zeichen-Apps auf dem iPad.

Sie ist komfortabel ausgestattet und mit ihren zahlreichen modifizierbaren Pinseln (brushes) eine gute Möglichkeit, lebendige Illustrationen zu realisieren.

Für welche man im Analogbereich viel teure Farbe, viele teure Haarpinsel, einige Spachteln und viel teures Papier braucht. Ach ja und ausreichend Platz. Zum Trocknen, Lagern. Und einen Raum, aus dem man Haustiere aussperren kann. Wer jemals Aquarell und speziell in Öl malte oder spachtelte, weiß was ich meine: herumfliegende Katzen- Chinchilla- und Hundehaare, oder feine Sittichfederchen, die sich auf das feuchte halbfertige oder fertige Werk heften. Nur in den seltensten Fällen werten sie das Werk künstlerisch als ‚happy accidents’ auf, verkaufbar für Allergiker ist es jedenfalls nicht mehr.

Und dann die fortlaufenden Kosten: 1 einziger Bogen halbwegs brauchbares (dickes, saugfähiges) Aquarellpapier kostet im Handel schnell mindestens 2 Euro fuffzich. 1 lausiger Aquarellkasten mit lausig kleinen Farbnäpfchen gefüllt kostet mittlerweile um die 70 Euro. Und ein guter Aquarellpinsel: ab 10 Euro bis ‚nach oben offen‘.

Von Öl- und Acrylfarben und dem entsprechenden Rahmen samt grundiertem Canvas (rahme selbstredend selbst, bin kein Millionär) rede ich nicht. Ölfarben, die verbrauchernasenfreundlich nicht so stinken, als hätte jemand versucht, die Bude mit Terpentin anzuzünden, sind ebenfalls sehr teuer.

Nun habe ich deswegen Procreate

Aquarell Tree ©  Vroni Gräbel

Im Grunde kann ich damit fast alles illustrieren und malen, was man im echten Leben mit analogem Werkzeug macht. Fast. Also Aquarell geht. Allerdings ist es eine große Umgewöhnung weg vom klassischen Pinselverhalten.

Gewiss. Doch suchte ich für Procreate seit einiger Zeit nach Brushes, die auch eine vernünftige Öl- und Acrylic-Optik haben.

Zum Selbstmodifizieren der komplex konfigurierbaren Brushes fehlte mir der Nerv. Also kaufte ich welche, die Demo-Bilder dazu sahen vielversprechend aus. Habe auf diese Weise in schneller Folge teuer Geld für 4 Procreate-Öl-Brush-Sets ausgegeben. Doch das haptische Pastose, der fette Spachtelauftrag, der Glanz blieben mir verwehrt. Das zu dem Fast.

Da ich das Desktop-basierte Rebelle 7 kenne – für das es einen Rechner mit mindestens Intel 7 und eine schnelle Grafikkarte braucht – und ich weiß, was seine Pinsel Tolles können (live zerfließen wie analog und Material haptisch auftragen), tippe ich auf die andersartige Brushes-Engine von Procreate:

Procreate kann‘s nur weich, lasierend. Es hat keine Spachtel, es kann keinen dicken fetten Ölfarbauftrag mit Rillen von den Pinselborsten:

Öl/Acryl ‚Mare Nubium‘ Wolkenmeer © Vroni Gräbel

Egal welche Tricks man bei Procreates‘ Brushes anwendet.

So war ich auf der Suche nach ner weiteren App für Öl/Acryl

Da Rebelle 7 absehbar keine entsprechende App fürs iPad entwickeln wird, suchte ich offen. Fand nach 3 Fehldemoversuchen die App Art Set 4 und stellte überrascht fest, dass ich sie bereits habe! WTF. Und nur damals mit ihr nicht recht weiterkam, weil sie auf mich unübersichtlich wirkte und – ganz schlimm – hellgraue Bedienfelder hatte mit weißer Winz-Schrift.

Als ich durch Zufall im versteckten Menu den Umschalter zu lesbaren Bedienfeldern in Schwarz fand, wendete sich das Blatt:

Ich fand die Spachtel!

Und die Spachtel kann Haptik! Und Glanz! Man sieht ihn nur auf den weißen Tulpen kaum, dafür hätte ich ein dunkleres Weiß nehmen müssen – doch auf sattem Blau und Pink kommt er.

Kleiner Wermutstropfen: Procreate kann im Unterschied Pinselspitzen stufenlos verjüngt zurichten und bei 300 dpi ein größeres Format erzeugen: stolze knappe DIN A 1. Die App Art Set 4 kann bei 300 dpi ‚nur‘ DIN A 2.

Finde ich trotzdem noch gut: Viele andere Mal-Apps im App Store erreichen das nicht.

NB: ArtRage mit seinen Ölpinseln könnte Hobbyanwendern genügen. Es hat auch eine Spachtel. Sie lädt mir jedoch nicht genügend Farbmenge und verhält sich eher wie ein Messer zum Farbe abschaben.

Disclosure: Für diesen Software-Vergleich erhalte ich kein Honorar.

 

Heute ist meteorologischer Frühlingsanfang

Wir haben ganze 3 Frühlingsanfänge! Heute ist der erste

Der Kater bloggt.

Das schöne am Frühling ist, dass er immer gerade dann kommt, wenn man ihn braucht. Jean Paul

 

Ein ganz bestimmter Frühlingsanfang ist immer am 1. März.

Meteorologischer Frühlingsbeginn ist immer am 1. März, auch in diesem Jahr. Ganz egal wie das Wetter ist. Aus statistischen Gründen rechnen Meteorologen beim Frühling immer mit exakt drei Monaten – so machen sie es bei allen Jahreszeiten.

Gouache ‚Hoch oben‘. © Vroni Gräbel

In den bayerischen hochalpinen Lagen sieht man noch nicht allzuviel. Doch die Murmeltiere unter der Schneedecke wachen langsam auf.

Gouache ‚Silberwurz‘ © Vroni Gräbel

Gouache ‚Pink Blush‘ © Vroni Gräbel

Weiter unten im Tal grünt und blüht es längst. Is a bissi zu warm für diese Jahreszeit.

Wann genau ist nochmal der kalendarische Frühlingsanfang, wann der astronomische?

 

The Second Waltz

Schrumm kille kille* – dein Leben soll ein einziges Fest sein

Oder Awiedla wu (Zweiertakt)

 

“Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern.- Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.“ Tancredi zu Fürst Salina | Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Wer ist schon so radikal wie Tancredi in ‚Il Gattopardo‘ .

 

Hin zu einem fantastischen Werk, das man nicht verändern muss, damit es bleiben kann: Walzer No. 2

Glanz und Lebenslust einer untergegangenen Epoche nach dem Elend des modernen Stillstands und dem Versinken im modernen Kleinklein: Il Gattopardo.

Hier begleitet vom großartigen The Second Waltz von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Ich liebe seine Musik sehr. Und diesen Walzer besonders, der auf seltsame Weise berührt mit überbordender Lebensfreude, Raffinesse, Stil und gleichzeitig mit Klängen voller tiefer leicht morbider Melancholie. Der Beitrag der untergegangenen russischen Hochkultur, deren Künstler wie Schostakowitsch unter Stalin und seinen Mordbanden litten.

Gottfried Blumenstein bezeichnet dessen großes Gesamtwerk als „apokalyptischen Soundtrack zum 20. Jahrhundert“.

Aus ‚Il Gattopardo’ mit der einzigartigen Claudia Cardinale und aus ‚Anna Karenina‘ / ‚Krieg und Frieden‘ mit einer Keira Knightley zum Niederknien.

Nächste Woche zum Non-KI-Song ‚Here Comes The Sun‘ die im Prinzip Titanen-hafte Geburt von Habecks Heizungsgesetz. Oder lieber doch nicht.

Here comes the sun, doo-doo-doo-doo
Here comes the sun, and I say
It’s alright

Little darlin’, it’s been a long, cold, lonely winter
Little darlin’, it feels like years since it’s been here

Here comes the sun, doo-doo-doo-doo
Here comes the sun, and I say
It’s alright

Little darlin’, the smile’s returning to their faces
Little darlin’, it seems like years since it’s been here

Here comes the sun
Here comes the sun, and I say
It’s alright

Sun, sun, sun, here it comes

*Das kindliche „Schrumm kille kille, schrumm kille kille!“ stammt vom Barden Günter Stössel, dem es ein Anliegen war, dem niederen Volk den vornehmen Unterschied zum Zweiertakt aufzuzeigen.
 

Arbeitsbedingungen bei Kreativschaffenden

Keine zehn Pferde

Keine zehn Pferde bringen mich je wieder in eine Agentur

Geschweige denn an ein Filmset

 

Manche mögen es – ähnlich dem berühmten Ficus Benjamina – gemeinhin etwas gröber. (Zitat memoriert aus dem Film ‘Männer’. Der Ficus wurde im Film später von einem unbotmäßigen Sittich namens Schewardnadse, ähm entlaubt.)

 

Nicht dass es in einer Agentur toujours so zuginge wie aktuell an den Filmsets eines bekannten deutschen Filmregisseurs.

Doch. Ähnlichkeiten gibt es durchaus.

Omnipotente Chefs, die herumbrüllen, plötzliche Konzeptänderungen von Ihrognaden, wenn eigentlich alles morgens um acht fertig gebügelt und geschniegelt sein soll – inklusive der unvermeidbaren Handouts. Welche sich auch nicht von alleine herstellen.

Der unmaßvolle Konsum von Alkohol.

 

Black Rat Snake (Central Illinois) Urheber: American Lotus, CC Wikipedia

 

Übernächtigte Mitarbeiter, die trotz vier Stunden Schlaf – erst gegen drei Uhr nachts fertig geworden – wissend und absichtlich als Newbie morgens um acht extra mit Order per Mufti einbestellt wurden (Befehl). Sonst konnte man seine Sachen packen. Für die interne Endpräsi. So etwas wie eine Generalprobe unter vom CEO als normal betrachteten giftigen Bedingungen: Kritikhagel statt konstruktive Anmerkungen. Motto: Das muss man doch aushalten können. Um als Neuzugang weinend vor versammelter Restmannschaft gedemütigt zu werden, weil sie eine halbe Stunde verschlafen hatten. So geschehen einer fähigen Kollegin.

Ausbeutung von Praktikanten aus der Hochschule, wo sich selbst der Hochschul-Dekan eingeschaltet hat, um das abzustellen und keine mehr hinließ. Seines Zeichens selbst ein Arbeitstier mit olympischen Augenringen. Also wenn selbst der.

Nicht dass es in einer Agentur toujours so zuginge wie am Filmset bekannter Regisseure: Bossing-Schlangengrube plus Unterlaufen von Arbeitsrechten. Brüste mussten da von Casting-Newbies gemeinhin nicht gezeigt und be-eddingt werden. Demütigungen anderer Art jedoch: täglich.

 

Keine zehn Pferde würden mich je wieder in eine Agentur bringen.

Nicht alle Agenturen sind so, gewiss. Es gibt die, bei denen Kreative in halbwegs angenehmer Atmosphäre ohne von allzu viel Machtspielchen behelligt zu werden, produktiv, konstruktiv und in Ruhe arbeiten können.

Gewiss.

Jedoch.

Die Branche, egal ob Film, Sound, Media oder Design ist seit Jahren massiv unter Druck. Die Kosten, die Bedingungen, der schnelle Rhythmus. Mit in Folge Ausbeutung der Kreativen und einem übertriebenen Selbstverständnis der ‘Who is Who’. Wobei normale Kreative dazu neigen, sich grundsätzlich zu den elitären ‘Who is Who’ zu zählen. Gutes Selbstbewusstsein braucht man doch, aber hey! Bis sie merken, dass sie es doch nicht sind und ein Leben lang zu unsäglichen Bedingungen ‘spuren’ müssen, weil sie Masse sind.

Wenn angestellt sein in Agenturen schon nicht das große Los ist: Kreative Soloselbständige sollten sich einen lukrativen Hauptberuf suchen, um sich solchen ‘Marktkräften’ nicht komplett ungeschützt ausliefern zu müssen.

 

Wenn du dich trotzdem da reinbegeben willst, erzähle es nicht deiner Mama

Außer ihr gehört das Unternehmen, für das du kreierst. Gewiss. Ansonsten: Erzähle ihr irgendwas mit Computern.

Oder außer dein Onkel oder Papa hat ein großes Unternehmen, ist ein Anständiger, und will dich ein Leben lang als Leaddesigner für seinen Markenauftritt installieren. Dann hab ich nichts gesagt. Bedenke dabei immer, Beziehungen, Ämter und solide Unternehmen sind nicht mehr von Dauer. Eher wie Rauch und Nebel: schnell weg, Exit, filettiert, verkauft, irrelevant, aufgelöst. Wie die Leoni Drahtwerke, wie Karstadt, wie Hersteller von Gasthermen, die sich nicht rechtzeitig umgestellt haben. Wir leben in hastigen Zeiten.

 

Verfasser ist Designer mit Hochschulabschluss, hat in Groß- und Mittelagenturen in leitender Position gearbeitet, zwischendurch und später als Freiberufler. Nicht alle Erfahrungen waren negativ, das Verhältnis war zwei Drittel positiv und ein Drittel negativ. Die letzten Jahre vor und nach Corona waren trotz gewitzter Erfahrung im Umgang mit Egomanikern aller Art: aufreibender als je zuvor.

 

Sternstunden der Autorenfotografie

Was wenige über mich wissen: Ich sammle Bilder von bedeutenden Menschen, die gephotobombt wurden. Die Bilder, nicht die Menschen. Obwohl … – Chronologisch:

  1. Barbara Niggl Radloff, André Maurois im Münchner Hofgarten, Schlafender auf Parkbank im Hintergrund, undatiert, vor 1962, via Münchner Stadtmuseum

    Barbara Niggl Radloff: André Maurois im Münchner Hofgarten, Schlafender auf Parkbank im Hintergrund (undatiert, vor 1962), via Münchner Stadtmuseum.

  2. Sepp Dreissinger,  Thomas Bernhard in Wien, 1988, via Ansichtssache, Thomas Bernhard – Das führt alles zu nix, Der Standard, 3. Februar 2011

    Sepp Dreissinger: Thomas Bernhard in Wien, 1988, via Ansichtssache: Thomas Bernhard – Das führt alles zu nix, Der Standard, 3. Februar 2011.

Vroni meint: “Kann man doch photoshoppen.”

Soundtrack: Led Zeppelin: Nobody’s Fault But Mine, aus: Presence, 1975 (übrigens in den Münchner Musicland Studios aufgenommen, wo heute das Arabella Sheraton Hotel drin ist),
zusammengekochte Version von Jimmy Page & Robert Plant mit dem Egyptian Ensemble und dem London Metropolitan Orchestra: live 1994:

Resignation ist noch zu viel Engagement

Ausschreibungen? Für die Katz’!

 

Wenn man verletzt gewinnt, steigert das natürlich den Stellenwert eines Siegers, aber Verletzungen können nicht der Preis für Erfolge sein.

Steffi Graf

 

Schwarze Katze auf dunklem Hintergrund

Neulich. Schwarze Gedanken und ein sehr dunkelgrauer Test

Wieder eine Anfrage, diesmal eine Ausschreibung eines Trägers im Freistaat. Es ging früher schon nichts bei kommunalen und staatlichen Trägern. Man hörte gemeinhin nie wieder etwas von denen, egal wie viel Mühe man sich als Büro gab und egal, ob man über eine Woche oder länger an diesen Bürokratie-Frechheiten saß.

Ich grübelte diesmal nicht lange herum wie früher, sondern fackelte nicht. Sendete finster entschlossen ein lebensgefährlich niedriges Gebot ab. Riskante Sache. Wer damit wider Erwarten genommen wird, kann beim Staat nicht mehr abspringen, nix Angebotsfreiheit. Man blockiert seine Ressourcen, muss zur Strafe viel rödeln und zu einem kaum rentablen Preis abliefern.

Ergebnis meines Tests um zu sehen, ab welchem Punkt es den Zuschlag gibt: Es gab anscheinend jemanden, der niedriger bot. Jessas.

 

Spirale nach unten

Jetzt weiß ich, wie niedrig meine Branchenkollegen bei Ausschreibungen bieten. Man müsste wirklich Schwarzmarktpreise reinschreiben, um halbwegs mithalten zu können. Und selbst diese sind zuweilen nicht mehr niedrig genug. Preise, mit denen sich kein einzelner Mensch, schon gar kein Büro mit Mitarbeitern je über Wasser halten kann. Bis zu Arbeiten für Gotteslohn.

 

A bissi wos geht oiwei

Nicht jeder lässt sich davon abschrecken. Manche Bieter haben genau diese frustrierenden Erfahrungen gesammelt. Aber verhalten sich in Zukunft konsequent anders:

Der Trickser-Bieter

Er hat einen taktisch guten Grund, als Anbieter bei einem kleinen Erstprojekt extrem zu dumpen. Dumping nicht als Selbstschädigung, sondern als raffinierter taktischer Trick. Dann, wenn im Anschluss ein wesentlich größerer Folgeauftrag winkt, bei dem genau wieder der gleiche Anbieter genommen werden muss. Da er sich dann inzwischen auskennt und es kein anderer mehr machen kann. Genau das ist das Spiel. Hier in dem Testfall gut möglich gewesen, weil tatsächlich nach den Entwicklungsarbeiten die richtig große Site gebaut werden sollte.

 

Aber dann:

Der Trickser-Ausschreiber

Es ist möglich, dass dann zwar der eigene Bieterpreis tatsächlich der niedrigste war, aber unzulässig nach Gebotsabgabefrist bei anderen nachverhandelt wurde. Weil man unbedingt sein Freunderl drin haben wollte und keinen Neuen.

Es ist auch möglich, als Ausschreiber nachträglich nach Abgabefrist bestimmte Verwaltungs-Kriterien zu ändern oder diese, falls sie den Bietern unbekannt waren, plötzlich ins Feld zu führen. Um jemanden nicht nehmen zu müssen. Sondern den Favoriten, der von Anfang an feststand.

 

Kann man etwas gegen tricksende Konkurrenz und gegen tricksende Ausschreiber tun?

Obwohl das hoch intransparent und oft eine linke Tour ist: Rechtlich kann man als Bieter kaum was machen. Die Nachprüfungsbehörde, die neutral und unabhängig definiert ist, besteht in der Praxis nur aus Verwaltungsfachleuten. Und die entscheiden in der Regel für die ausschreibende Verwaltung, fast nie für den Bieter. Auch hirnrissig niedrige Bietpreise gehen zu häufig problemlos durch. Heimliche, kungelige Vereinbarungen oder Festlegungen auf einen Favoriten vor der Frist sind kaum nachweisbar.

 

Schwarz-samtige Lösung

Wenn ich mich je erneut zu einer Ausschreibung hinreißen lasse, dann nur, wenn ich jemanden dort kenne, persönlich gut kenne ; -)

 

Murmeltiertag

Diese Erfahrung ist beinahe deckungsgleich mit meinen früheren Erfahrungen mit einem Münchner Träger. Ein öffentliches Institut der Forschung mit einem guten Namen. Jahrelang bekam ich von ihnen, eine Ausschreibung “Erstellung einer Broschüre, Gestaltung und Satz”, angefragt. Jedes Jahr bot ich etwas niedriger als im letzten Jahr: nichts! Nie wurde es etwas. Bis ich eines Tages die Faxen dick hatte und fuchsteufelswild Dumping betrieb: 20 EUR pro Seite inkl. Gestaltung und Satz und Bildbearbeitung, jawoll!

 

Rückwärts-Auktion?

Ich bekam tatsächlich nach Ende der Angebotsfrist einen Anruf. Um mir mitzuteilen, dass ein anderes Büro preislich genau so liege, es aber im Unterschied zu mir den kompletten Druck mitbezahlte.

Mir kam die Anruferstimme so vor, als schwänge im Ton eine Aufforderung mit, meine Sterne jetzt neu zu ordnen. Quasi das Eisen zu schmieden solange es noch heiß ist und zu erklären, einfach ebenfalls den Druck mit dazu zu nehmen zum gleichen Endpreis wie vorher. Vielleicht noch ein Extra-Schmankerl dazu zu geben. Als ob wir, statt Dienstleister mit individuellen, nicht skalierbaren Anforderungen, Fischer auf einer Rückwärts-Fischauktion seien.

Ich verzichtete im Telefonat auf die provokante Fischmarkt-Metapher und auch auf betriebswirtschaftlich vernünftige Betrachtungen über die begrenzt skalierbare Zeit und das kaum skalierbare Geld der Kriegskasse eines freien Dienstleisters. Es wäre einfach nicht gegangen, auch noch den Druck für Null mit zu bezahlen. Ich hätte, wäre ich darauf eingegangen, dunkelroteste Miese gemacht. Das misstrauische Finanzamt hätte gefragt: Was machstdu, machstdu Hobby?

Es interessiert Verwaltungsleute einfach nicht. Sie verstehen es auch nicht. Blieb also freundlich und stellte mich dumm, den korrumptiv klingenden mitschwingenden Ton je gehört zu haben. Danach war Ruhe mit diesen richtig Arbeit machenden jährlichen Ausschreibungs-Anfragen.

 

Dunkelschwarzes Fazit

Ich weiß nicht, ob ich ein gutes Büro bin, auf diese Weise jedenfalls bekommen Ausschreibende keine guten Büros und keine guten Leistungen, sondern eine komische Sorte Fischverkäufer.

1 guter Kunde in der Privatwirtschaft ist besser als 100 solcher seltsamer Vergaben. Sie sollen sich bitte ihre Filmvollmachenten (das sind wie ich die Dummen, die sich richtig Arbeit machen und unermüdlich mit anbieten) und ihren Lieblings-Fischverkäufer ab jetzt endgültig woanders suchen.

Man behauptete zwar freundlich, nächstes Jahr gäbe es die neue Runde und ich könne gern wieder daran teilnehmen. Die Runde, in der der jetzt Alteingesessene erneut drin ist. Muss ich nicht haben. Aber nein, danke. Erneut nur als Bauernopfer die Anforderungen zu erfüllen, dass ihr halt genügend Büros angeschrieben habt. Es reicht. So long, and thanx for all the fish!*

Delphin springt aus dem Wasser

*Bei Douglas Adams ziehen die Delphine mit diesem Spruch von der Erde fort, kurz bevor sie von den Vogonen zerstört wird, um einer Hyperraum-Umgehungsstraße Platz zu machen.

 

Interessante Methoden und Tricks von IT-lern, wenn sie trotzdem eine Ausschreibung gewinnen wollen

 

Schäufele-Gewinnspiel 2015 geschlossen

Augen auf pp.

Nachdem ich schon anno 2015, als ich noch nicht zu faul war, nach dem Einsetzen aufgeladener Akkus das Datum an der Kamera frisch einzustellen, unter Einsatz meiner morschen Gebeine und ebensolchen Wanderschuhsohlen eine der ganz wenigen Katzendarstellungen in den Kirchen der weltumspannenden Christenheit zu dokumentieren die Gelegenheit ergriff — das Halbrelief eines weitgehend nackigen kleinen Buben, der mit einer Katze spielt, indem er ihr einen großmächtigen Zapfen Wurst anbietet, mithin ein Bild des Friedens, der Eintracht und der Wohltätigkeit, im Sockel des Taufbeckens, wenn man reinkommt links auf halbem Weg zum Hochaltar, an der lichtabgewandten Wandseite, wo es nicht heller wird, außer man fragt den Pfarrer, ob man’s besser ausleuchten darf, falls man sich auf sowas versteht, und damit das Bild aus meiner spärlichen Bilderproduktion, auf das ich möglicherweise am stolzesten von allen bin — bleibt mir nur noch die Dokumentation der Weisheit der Straße, vulgo Streetsmartness.

Augen auf, Maul zuDas Weise an dem Graffito, wie jeder auch nur halbwegs Weise bemerken wird, ist selbstverständlich seine lakonische Stringenz und seine seit 2018 nur noch stetig angewachsene Nützlichkeit. Wobei mir einfällt: Die Einladung zu einem Schäufele im Klosterbräustüberl Schäftlarn, die ich anno 2015 ausgerufen hab, falls jemand weiß, wo sich die Katze in der Klosterkirche rumtreibt, fällt damit natürlich automatisch aus, weil ich’s jetzt nach über fünf Jahren selber verraten hab, obwohl sie den Laden “voraussichtlich” am 1. Dezember wieder aufsperren.

2020, schreiben sie dazu. Das ist ebenfalls weise, weil sie ja dann immer am 2. Dezember bloß die letzte Ziffer an der Jahreszahl ändern müssen.

Buidl: Selbergmacht, schenk i Eahna, 7. Januar 2018.

Soundtrack: Hildegard von Blingin’: Creep, medieval and fantasy inspired, 10. Juni 2020:

Ratgeberbuch

Endlich aus der Not der Designer eine Tugend machen

Der Kater bespricht.

 

Wer um Rat bittet, sucht fast immer einen Komplizen.
Joseph-Louis de La Grange (1736-1813), frz. Mathematiker u. Astronom

 

Buchbesprechung Ratgeberbuch

 

In Kurz:

Die Autorin (BWL) klärt in diesem Buch beratende Gestalter auf, dass sie den großen Fehler machen, ihre Auftraggeber für Umme zu beraten. Dass sie die wertvolle Leistung Designthinking, mit der Berater und BWLer ihr an Unternehmen Geld verdienen, nicht berechnen.

Mit der Erfahrung und prinzipiell holistischen Arbeits- und Denkweise, die Gestalter haben! Keine Beratung ohne Mandat, ohne Auftrag! Damit Gestalter endlich reüssieren und endlich Geld für ihre wertvolle Beratung bekommen, empfiehlt sie ihnen gegen Ende des Buchs, nachdem seitenlang beschrieben wurde, was falsch läuft, ihre Seminare. Gegen echtes Geld.

 

In dem Buch scheint alles richtig gesagt, so schaut’s aus in der Grafikdesign-Branche. Man kann vieles bejahen und, falls es zutrifft, anwenden.

Zitat aus der Buchwerbung:

Und sie wundert sich, warum Gestalterinnen und Gestalter mit ihren Kompetenzen nicht viel früher und intensiver in Prozesse eingebunden werden, an deren Ende doch immer die Visualisierung steht, also Design. Sie beobachtet ein Design-Dilemma, in dem mangelnde Wertschätzung und Bezahlung eine wesentliche Rolle spielen. Das muss nicht sein, davon ist sie überzeugt.

 

Ich bin mir aber nicht sicher, ob es nicht doch nur gleichzeitig eine Recyclingidee plus ein feiner Spin ist, einfach mit dem gleichen Wissensvorrat, den sie sich für Unternehmenskunden erarbeitet hat, mit der neuen Zielgruppe Designer neue Seminar-Kunden hinzu zu generieren. Weil die Unternehmenskunden aus dem Mittelstand zu wenige sind?

Eine BWL-Markenberaterin, die länger in ihrem Metier arbeitet, weiß im Grunde genau, welch hartes Brot es ist, explizite Beratung gerade für den nicht allzu Budget-bestückten und daher vorsichtigen Mittelstand anzubieten und zu verkaufen. Jetzt scheint es so, dass sie auch noch den Kollegen Gestalter als Anbieter ihrer Beratungs-Ecke auf diesen Acker führen will. Warum?

 

Blick über den Tellerrand

In einer ähnlichen Branche läuft das schon lange so: “Train the trainer!” ist ein geschicktes one-to-many-Prinzip und ist meist aberhallo! ein standardisiertes und oft sogar patentiertes Produkt (kein mühsamer Einzel-Prozess, liebe Maren!) und durch die Multiplikation lukrativer als sich selbst in einem überlaufenen Markt als one-to-one-Trainer neben viel Konkurrenz verkaufen zu müssen. Mathematik und Psychologie, das kommt hier zusammen.

Ratgeberliteratur funktioniert gern und mit so einem Spin, sich gleichzeitig als Experte zu positionieren und aus Rat suchenden Lesern erfolgreich Seminarkunden oder Coaching-Klienten zu machen. Nicht, dass das schlecht wäre. Es wirkt jedoch mit diesem Spin ein wenig unehrlich. Vielleicht tue ich ihr aber unrecht und sie ist wirklich eine uneigennützige edle Seele. Es stimmt ja alles, was sie sagt: Gestalter sind vertraglich oft gefangen in unreifen oder schlechten Konzepten ihrer Auftraggeber, müssen manchmal richtigen Blödsinn umsetzen, dabei sollten sie mit ihrem wertvollen Wissen vom Auftraggeber früher einbezogen werden.

 

Meine Schlussbewertung:

Für die Gestalter sicher hilfreich, die raus aus ihrer Rolle der immer mickriger bezahlten Ausführmaus wollen. Interessant auch für die Gestalter, die den missionierenden Drang verspüren, dem design-mäßig zauseligen Mittelstand endlich was beizubringen und sich todesmutig in das kühle Gewässer dieser schwierig zu bewirtschaftenden Teiche werfen wollen.

Noch hilfreicher: Eigentlich sollten dieses Buch die Auftraggeber von Gestaltern lesen.

Von wegen:

Die Wirtschaft hat einen neuen Auftrag für Sie: gestaltende Beratung.

“Die Wirtschaft” vergibt keine Aufträge für gestaltende Beratung an euch Gestalter. Sie hat entweder Marketingleiter und weiteres Personal, die glauben, das zu können. Oder “die Wirtschaft” belegt Designthinking-Kurse und glaubt danach sehr kreativ zu sein. An Gestaltern geht das komplett vorbei.

 

Auch das:

ist nur ein freundlicher Wunsch. “Werfen Sie sich ins Getümmel!” das ist eine emotionale neoliberale Einladungsfloskel, die ich hier für leicht unredlich halte.

In Wirklichkeit hilft es in diesem engen und schwierigen Markt eine riesige Menge mehr, einen realen BWL-Abschluss vorweisen zu können.

Stichwort Beglaubigung und Glaubwürdigkeit. Gerade bei Beratungsangeboten beispielsweise für ein einem wichtiges Startup im Internet (Status “eigenes Baby”, also mega-wichtig) geht man immer noch zum Schmied mit BWL und nicht zum Schmiedel, der keine solche Ausbildung hat. Der Schmiedel, der Bader, ist vielleicht günstig, aber bringt möglicherweise mein Baby eher um als der Schmied, der approbierter Arzt oder mindestens ausgebildete Hebamme ist und weiß, wie man Kinder auf die Welt bringt.

Stichwort “Vertrauen”. Stichwort “wer ist der erwiesene Experte”: Der, der sich halt so nennt und einfach loslegt oder der, der es laut Ausbildung zu können hat? Ausbildung hat heutzutage zwar keinen großen Stellenwert mehr, jeder kann heute angeblich alles. Man kann über dieses Mantra aber gerne nachdenken.

 

Paradoxon beachten:

Grafikdesigner, die beklagen, dass heutzutage jeder Design anbietet ohne die Ausbildung dafür zu haben, sollten darüber nachdenken, ob das so passt, wenn sie jetzt aber selbst in fremden Fächern wildern.

Disclaimer:
Der Kater als echtes Mischtier hat 4 Semester Betriebswirtschaft und je 4 Semester Marketing, Politik und Kunstgeschichte auf dem Buckel.

 

Gruß

Der Kater

Berät nicht für Umme, noch nie.
Bloggt bloß für Umme.

 

 

FAR TAN

Immer wieder beruhigend, dass es auch Pflanzen gibt, die man nicht jeden Tag von vorne handpäppeln muss. Moos ist ja was Schönes. Unbegreiflich, dass es keiner im Garten will, das innenstädtische Kapuzinerkloster St. Anton duldet es wenigstens davor.

Pfarrei St. Anton, Thalkirchner Straße

Manche Moosarten — meistens Ackermoose — setzen ihre Sporen frei, indem sie verwesen, und wenn unsereins nicht achtmal pro Woche seine Sexualität auslebt, herrscht Beziehungskrise. Das Zeug wohnt am Kloster schon ganz zurecht. Im Bild der malerischste Ausschnitt der Inschrift Pfarrei St. Anton, Eingang Thalkirchner Straße.

Moos sehenden Auges ins Haus zuziehen:

Voraussehbares Nirvana

NIRVANA Cover-Spoof von Pål Nordseth  CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Es gibt fast nichts Sichereres, wenn man von jemandem nichts mehr hören möchte:

Man muss in Zeiten von WhatsApp und Twitter nur darum bitten, zwei, drei Fragen per E-Mail zu beantworten.

 

E-Mail heißt nachdenken und längere schlüssige Sätze tippen.

Auf diese Mail wird man ewig warten.

 

Fort sind sie. Ins Nirvana abgetaucht.

Funktioniert erstaunlich oft. Läuft.

 

Farbraum

4 Wäschekübel im Hotelkeller

Endlich möglich:
CMYK an 3D-Objekten:
Küche, Grün, Blau, Rosa.

Vroni meint: “Wolfwolfwolf. CMYK ist kein Farbraum, sondern ein Farbmodell. Und taugt höchstens für Tintenstrahl.”

“Tröste dich, ist ja bloß die Dokumentation. Das Foto ist im RGB-Farbraum.”

“Wolfwolfwolf.”

Bild: selber gemacht, können Sie aber haben,
wenn’s Ihnen nicht graust.

Soundtrack: The Rolling Stones: She’s a Rainbow,
aus: Their Satanic Majesties Request, 1967:

Der nächste Meter bedruckter Seiten

Jetzt endlich auch bei Ikea: keine Bücher!

Beim buchreport haben sie offenbar schon am 29. August den Ikea-Katalog für 2019 gekriegt. Müssen wohl die Rezensionsexemplare sein; jedenfalls verreißen sie ihn sofort: Verdrängung im Bücherregal: Ikea inszeniert Wohnen mit wenig Buch:

Geht es dagegen nach dem in diesen Tagen an ca. 25 Mio deutsche Haushalte verteilten 300-Seiten-Katalog 2019, spielen Bücher nur noch eine marginale Rolle. Statt der bunten Bücherregale früherer Jahre finden sich meist nur noch in schwarzen oder weißen Umschlägen neutral gewandete Einzelstücke als marginale Accessoires. Zahlreiche der abgebildeten und explizit als “Bücherregal” bezeichneten Möbel enthalten Wollknäuel, Geschirr und andere Haushaltsgegenstände, aber kein einziges Buch.

Schön auch zu erfahren: Bei der FAZ lesen sie sowohl den Ikea-Katalog als auch den buchreport, jedenfalls deren Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck, die beobachtet: Klassiker für Katzen. Neuer Ikea-Katalog ohne Bücher, FAZ, 30. August 2018:

In seinem neuen Katalog hat Ikea die Bücher aus den Regalen verbannt. Ist das die Lehre aus dem Vormarsch des Digitalen – oder ein Plädoyer für den Müßiggang?

[…] Sicher, jeder hat schon einmal einen Bücherschrank zweckentfremdet. Man denke nur an die regalfüllenden DVD-Sammlungen lesefauler Lebenspartner, die jede nach Autoren und Stilformen geordnete Buchkollektion durcheinander brachten. Oder an die Hauskatzenangewohnheit, tote Mäuse in ungenutzt gelassenen Fächern zu verstauen. Aber ein Blick in alte, akribisch im Buchregal gesammelte Ikea-Kataloge zeigt, dass “Billy” früher immer voller Bücher stand, sogar im Kaufhaus selbst, was ja einer von vielen Gründen war, warum man beim Gang durch die Möbelabteilung immer so lange brauchte. Und wenn das erstandene Regal noch so langweilig war und auch beim spießigen Nachbarn stand – zumindest die Auswahl der Titel darin konnte man selbst bestimmen.

Auf meinem eigenen letzten Müßiggang durch den Echinger Ikea ist mir aufgefallen, dass sie dort keineswegs eine verlockende Bibliothek in ihre Wohnlandschaften geordnet haben, sondern abertausendfache Pappdeckelmodelle der erst posthum öffentlich gemachten Coming-outs von — nein, nicht etwa Astrid Lindgren; wo dächte man hin? — Patricia Highsmith: Elsie’s Lebenslust, ‘Small g’ — eine Sommeridylle und Carol. Roman einer ungewöhnlichen Liebe, in späterer Übersetzung: Carol: Salz und sein Preis.

Attrappen von Lesben-Klassikern mit diskutierwürdigen Apostrophen einer Amerikanerin aus einem Schweizer Verlag am Stadtrand von Eching — das war noch praktizierte Weltoffenheit der Seefahrernation Schweden. Nachdem Ikea seinerseits sein ausgewiesenes Bücherregal Billy in einer Form neu auflegte, in der man seine eigenen Bohrlöcher nach Bedarf mit dem kleinen Finger ins Holz stechen konnte, soll mir mein geboosteter Vintage-Ivar reichen. Der aktuelle Produkttext für Billy handelt ausdrücklich über “Regale & Bücherregale”, aber eben:

Nicht nur für Bücher

Bei IKEA versuchen wir immer, neue Wege zu denken. Zum Beispiel, indem wir uns bei einem Bücherregal nicht auf Bücher als Aufbewahrungsgegenstände beschränken lassen. Regale eignen sich auch für Geschirr hervorragend. Oder für deine Sammlungen. Aber wenn du sie einfach nur für den nächsten Meter bedruckter Seiten brauchst, ist das selbstverständlich auch prima.

Sie raten von Büchern ab und biedern sich sogar mit einer als fortschrittlich eingestuften Zielgruppe an, indem sie sich gallig von analogen Medien distanzieren — das hätte wenigstens der investigativen FAZ ruhig auffallen können. Dem allzeit wachen und dem Buchhandel zuarbeitenden buchreport hätte ich vorgeschlagen: Meine Fresse, warum geht Ikea denn nicht endlich eine längst überfällige interdisziplinäre Kooperation mit dem Aufbau-Verlag ein?

Fortschrittlicher Soundtrack in Blau und Gelb:
Reinhold Limberg: Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!, 1951:

The only thing that looks good on me

Seit vorgestern muss ich mich an die frisch angebrochene Ära der Gleitsichtbrille gewöhnen. Dass es gleich zwei solche Geräte geworden sind, um einen Ersatz in der neuen Technologie zu schaffen, macht nichts leichter. Das eine Modell geht in die Richtung Buddy Holly und Heiner Müller, das andere ist dermaßen dem 19. Jahrhundert verhaftet, dass es noch einen Windsorring hat — das, was sich E. T. A. Hoffmann hinter die Ohren geschnallt hätte, um den Kater Murr zu schreiben; nicht das um Mitleid flehende Blumendrahtgestellchen von Franz Schubert, aber schon etwas, mit dem man sich bei Unschlittkerzenlicht Eisengallustintenfinger zuzieht. Ich brauche dringend einen Bratenrock.

Damit lernt man dergestalt das Gucken neu, dass man sich fürs erste stark der Musik zuwendet, weil man zuerst einen Blick wie E. T. A. Hoffmann kurz vor dem täglichen Verlassen des Lutter & Wegner hat. Darum vorsichtshalber heute keine Bilder.

Und sonst? Ist uns der Harry Rowohlt auch schon wieder drei Jahre gestorben:

Ich hab’s geschafft: Ich bin Coverboy im Hamburger Abendblatt, in Farbe, und das mir, dem letzten freilebenden Springer-Boykotteur. […] Orthographie und Interpunktion waren immer das einzige, was ich einigermaßen beherrschte. Wenn diese beiden Tugenden plötzlich nichts mehr gelten, stehe ich vor dem Nichts. Ich kann ja nicht mal ordentlich skilaufen. […] Das ist so gut gesagt, da beschlägt einem doch die Berylle.

Harry Rowohlt: Pooh’s Corner.
Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand
,
in: Die Zeit, 8. August 1997.

Soundtrack: Die Ärzte: Buddy Holly’s Brille,
aus: Im Schatten der Ärzte, 1985:

Maximilianstraße

Alix, München, 23. März 2013, blog-amm.comDen entscheidenden Tick
zu lange gemusterte
Markenjeans,

den entscheidenden Tick
zu bemühte hochhackige
Sandalenstiefel:

Die Sommersaison ist
entweder in der
Staatsoper

der Eintritt höher
oder im P1
niedriger.

~~~\~~~~~~~/~~~

Buidl: Frau Alix in München, 23. März 2013, aus dem blog-amm.com, den es nicht mehr gibt.
Paisley-Jeans, Peetoe-Boots und Schneeleopardentasche: Zara.
Die Straße scheint mir einer der ruhigeren Aufgänge am Giesinger Berg.
Meine eigenen Models halten nämlich nie still.

Ernstfall-Video: Secret Fashion Show Vol. 7, Mai 2017. Keine dreieinhalb Minuten, aber nichts für schwache Nerven:

Soundtrack zum Entgiften, weil Musik ja auch Spaß machen soll: Sportfreunde Stiller: Tage wie dieser, aus: Die gute Seite, 2002, mit allerhand glaubwürdigen Münchner Ansichten:

With his spectacles off, the near-sighted photographer can’t focus

Summoning his cosmic powers,
And glowing slightly from his clothes,
His psychic emanations flowed.

Pink Floyd, 1968.

Heute keine Bilder.

Ich wollte selber eins machen, mit zwei Büchern drauf, im Zusammenhang mit den zwei Brillen, die ich derzeit benutze. Es hätte aber draußen sein müssen, auf hellem Hintergrund bei Tageslicht, weil die zwei Bücher eher dunkel sind: Wieland, antiquarisch von A. D. 1853, die zwei von 18 Bänden mit dem Aristipp.

Leider ist mir typischerweise nicht nur die Sonne davon-, sondern die Bewölkung hinterhergelaufen, und der Idee einer verschwommenen Brille konnte ich seit der Cover-Art von Hipgnosis für die Nice Pair-Compilation von Pink Floyd 1973 nichts mehr hinzufügen:

Out-of-focus spectacles — With his spectacles off, the near-sighted photographer can’t focus.

Ich beklage mich nicht, es werden ja so viele Bilder gemacht, was soll da ein dermaßen stilles Motiv noch reißen. Grund zu klagen gibt’s erst, wenn ich’s nicht mehr selber kann.

Soundtrack ist natürlich Let There Be More Light aus: A Saucerful of Secrets, 1968:

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