Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Monat: September 2022

Herzkartoffel auf Schlauchzwiebelquarkspiegel

Herzkartoffel, 28. September 2022

“Es gibt Essen”, sagt Vroni.

“O ja, kein Zweifel”, sag ich, “grad gestern hab ich mal eins gesehen, war gar nicht so schlecht.”

“Wolfwolfwolf.”

Buidl: Vroni, 22. September 2022.

Kartoffel: festkochend, Lidl, 2,5 kg 1,89 €.

Soundtrack: Janis Joplin Big Brother and the Holding Company:
Piece of My heart, aus: Big Brother & the Holding Company, 1967,
live in der Jahrhunderthalle, Frankfurt am Main, 12. April 1969:

Spending my Produktionsmittel

Wenn man jedoch sich nicht verdutzen läßt, sondern frägt, was denn eigentlich die Ideen seien, als deren Vermögen die Vernunft bestimmt wird; so erhält man gewöhnlich, als Erklärung derselben, einen hochtrabenden, hohlen, konfusen Wortkram, in eingeschachtelten Perioden von solcher Länge, dass der Leser, wenn er nicht schon in der Mitte derselben eingeschlafen ist, sich am Ende mehr im Zustande der Betäubung, als in dem der erhaltenen Belehrung befindet, oder auch wohl gar auf den Verdacht geräth, es möchten ungefähr so etwas wie Chimären gemeint sein.

Arthur Schopenhauer:
Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde,
5. Zweite Klasse der Objekte für das Subjekt, § 34: Ideen, 1813.

Wenn man einen Jüngling absichtlich verdummen und zu allem Denken völlig unfähig machen will, so gibt es kein probateres Mittel, als das fleißige Studium Hegelscher Originalwerke: Denn diese monströsen Zusammenfügungen von Worten, die sich aufheben und widersprechen, so dass der Geist irgend etwas dabei zu denken vergeblich sich abmartert, bis er endlich ermattet zusammensinkt, vernichten in ihm allmählich die Fähigkeit zum Denken so gänzlich, dass von da an hohle leere Floskeln ihm für Gedanken gelten. – Wenn einmal ein Vormund besorgen sollte, sein Mündel könnte für seine Pläne zu klug werden, so ließe sich durch ein fleißiges Studium der Hegelschem Philosophie diesem Unglück vorbeugen.

Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II.
Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen, 1958.

Mit Schopenhauer ist es nicht viel anders als mit Hegel, Marx, Popper und Luhmann: Man wacht immer erst bei den Redundanzen auf. Oder wie der nicht zu unterschätzende Philosoph Per Gessle es ausdrückte: Don’t Bore Us, Get to the Chorus! (1995).

Liedersingen bei Stromausfall

Seit der finanziell begründeten, politisch allerdings hochwillkommenen Aussetzung der Schulbildung gehen ja nur noch die letzten Zuckungen der Kinderbücher und ein paar Regionalkrimis. Mal nach den Koryphäen schauen.

Zum Beispiel Robert Habeck: Kleine Helden, große Abenteuer (Band 2): Neue Vorlesegeschichten, Edel Kids Books – ein Verlag der Edel Verlagsgruppe, Hamburg 2021, vierfarbig illustriert durch die Ehefrau von dem “Autor” (Verlagsbeschreibung) Habeck, Andrea Paluch

Auf dem Stand vom 15. September 2022 Kundenbewertungen zu 80 % mit 1 von 5 Sternen. In der Verlagswerbung hab ich nach

Auch in diesem neuen Band mit Vorlesegeschichten vom Erfolgsgespann Robert Habeck und Andrea Paluch wird der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Jede der Geschichten hat einen besonderen Twist: Die kleine Susanna entdeckt mit ihrer Freundin die Geheimnisse der Zeit, und Emily erfährt aus erster Hand, wie aufregend ein nächtlicher Stromausfall sein kann.

zu lesen aufgehört. Schade um die Zeit, normalerweise hätt ich schon nach dem Numerus-Fehler abgebrochen.

Es kann aber sein, dass der Seewolf auf dem PR-Bild, das hoffentlich kein zweitverwertetes vom frühen Achim Reichel ist, schon zu beschäftigt mit Ministerämtern war; den Effekt kennt man ja von Goethe nach der Italienreise. Soviel zum Kinderbuch.

Also Gegenprobe beim literarischen Erstling, dem Regionalkrimi: Hauke Haiens Tod, S. Fischer, Frankfurt am Main 2001: Die 1-Stern-Rezensionen stehen nur auf 3 %, das meiste sind die 5-sternigen, 38 %:

Der Deich bricht. Bei einer Jahrhundertsturmflut an der friesischen Nordseeküste kommt es zur Katastrophe.

Na gut, war ein Versuch.

Soundtrack: Laura Gibson: La Grande, aus: La Grande, 2012:

When we’ve covered our hands in the bone-white clay,
And we’ve shaken the dust from every boot and spur,
We have counted our days in planks and rails,
We have kept our spirits in the dancing halls:

Oh, I’ll be no more.

Jesus Christus, ja ja

Altötting leuchtet. Der frühe Städtetourist schaut dem Kapellplatz beim Aufwachen zu, der Himmel darüber hat vor lauter Freude über das allgemeine Wiederauferstehen in seinem Weiß-Blau sogar die weißen Wölkchen vergessen, bis auf ein einziges Schäfchen. Die Devotionalieneinzelhändler um die Gnadenkapelle herum entzünden an ihren Auslageständen mindestens vier Sorten Weihrauch, damit auch der weltlich orientierteste Pilger gleich erschnuppert, wo er hingeraten ist. Riecht gar nicht schlecht, nach Frühmesse, Gratis-Mitbenutzung legaler Psychedelika und Ausräuchern aller Sünden.

Ich verlaufe mich in den historischen Gässchen ums Zentrum. Man geht hier nie lange verloren, an jeder Ecke wartet eine Kirche, die man schon seit dem Bahnhof (Bahnhof des Jahres 2020!) von den Wegweisern beim Vornamen kennt. Die meisten davon sind schon fleißig befasst mit ihrem wochentäglichen Gottesdienstprogramm. Jede Rosenkranzandacht findet genug Fans, die den Rosenkranz auswendig können, dass man ihr Gemurmel bis draußen hört.

Die Straßen und Kirchvorplätze gehören noch den Devotionalienhändlerinnen mit anscheinend heidnischen Hintergründen und mir leider etwas weltlich orientiertem Pilger. Ich betrachte die Auslagen aus geweihten und selbstständig zur Weihe vorzuführenden Kerzen, Repliken der allgegenwärtigen Schwarzen Madonna in allen Größen, Klosterlikören der weltoffensten Provenienz, kunsthandwerklichen Gegenständen ortsansässiger Hausfrauen und Nonnen, Pilgerbier als Sixpack in Bügelflaschen, erbaulichen Spruchweisheiten aller Weltreligionen, solange sie tief genug im allgemeingültig Vagen verharren, um dem römisch-katholischen Glauben nicht geradewegs zu widerspechen, und Grünen Skapulieren vom Unbefleckten Herzens Mariens. In der soeben ihre Pforten aufschließenden St.-Antonius-Buchhandlung erwäge ich den Kauf des dreibändigen Lexikons der Heiligen und Heiligenverehrung, Herder 2003, aber für den Verlagspreis hätte ich es wenigstens gesegnet haben wollen; siehe auch: avaritia; acedia.

Die jungische Sintiza im wehenden Leinenmantel mit dem schlaffen Einkaufsbeutel läuft mir schon die dritte Altstadtgasse lang in einigem Abstand hinterher.

“Spende bitte!” ruft sie mir von hinten zu, “Spende, bitte Spende!”

“Gehen Sie halt ein bissel näher an die Hausmauern”, sag ich, “die spenden Schatten.”

Sie versteht gut genug Deutsch. Ihr Abstand vergrößert sich.

“Ja, ja!” schreit sie mir hinterher, “ja, ja! Jesus Christus! Ja!”

Gut gegeben; ich grinse anerkennend in mich hinein, damit sie sich nicht ausgelacht fühlt. Woher kann sie denn auch wissen, dass Pilgernde meines Schlages in so sakraler Umgebung nicht ihren Herrgott feiern, der sich schließlich allüberall finden lässet, sondern Folklore gucken gehen.

Ich gehe in Kirchen unterschiedlicher Widmungen und Baustile mein Kreuzlein schlagen und vor allem ins seit Jugendtagen anvisierte Jerusalem-Panorama “Kreuzigung Christi”, das mich mein Tagesbudget Eintritt kostet (4,50 Euro), vergesse auch einen Abstecher ins drei Kilometer beiseite liegende Neuötting nicht, verzehre vor der dortigen Nikolauskirche zwei mitgebrachte Äpfel und ein Dextro Energen, weil Verschwendung keine geringere Sünde wäre denn Habsucht, und mache mich auf den Rückweg zum Bahnhof des Jahres 2020.

Der russisch geführte Supermarkt namens R·markt in der Bahnhofstraße hat regionale Äpfel für 99 Cent das Kilo, ich muss also rein, damit ich nicht mit noch leereren Händen heimkomme, als ich weggefahren bin. Es gibt auch Salzgurken aus kaukasischer Rezeptur und etwa fünfzig Kühlregalmeter sehr unterschiedlich gewürzter Speckseiten.

Auf der Straße wartet die jungische Sintiza im wehenden Leinenmantel mit dem prallvollen Einkaufsbeutel.

“Spende bitte!” sagt sie, “Spende, bitte Spende!”

“Ja, ja”, sag ich, “Jesus Christus.”

Sie erkennt mich. Leider haben wir alle vier Arme voll zu schleppen, darum lächeln wir nur und verneigen uns voreinander im tiefsten Respekt.

Altötting leuchtet.

Soundtrack: Vagabon featuring Courtney Barnett: Reason to Believe, 2021:

Lalü

So geht’s also auch.

“Aber … Aber ihr könnt doch nicht einfach mich verhaften!”

“Hab ich auch immer gedacht.”

Gerhard Seyfried: Wo soll das alles enden. 1 kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken, Edition Ahrend & Wegner, 1978.

Ecke Kapuziner- und Thalkirchnerstraße

Buidl: Sejwagmacht am Eck Kapuziner- und Thalkirchnerstraße,
29. August 2022. Schenk i Eahna.

Soundtrack: Polizeichor Wuppertal e.V.: Halleluja, sing ein Lied, 1979,
Livemittschnitt in Hamburg-Harburg 2016:

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