Freitag! Logbuch

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Kategorie: Musik (Seite 1 von 3)

Promihaiku

Wenn ich berühmt bin,
will ich keine Fans, dann will
ich Exegeten!

Bob Dylan, I Shall Be Free No. 10, from, Another Side of Bob Dylan, 1964

Yippee! I’m a poet, and I know it.
Hope I don’t blow it.

Bob Dylan: I Shall Be Free No. 10,
aus: Another Side of Bob Dylan, 1964.

Das ist der wahre Untergrund

Wie viele Zeitungsartikel trifft man im Laufe eines Lebens, die einen auf Jahrzehnte hinaus beeindrucken? Es läppert sich. An einen meiner persönlichen drei wurde ich gerade kürzlich erinnert, als Hedwig Müller, die Wirtin vom Kropfersrichter “Happy-Rock” (an der B 85 bei Sulzbach-Rosenberg, wer’s kennt), 92 (in Worten: zweiundneunzig) wurde:

Das sind die die Sachen, die Kultur ins Leben und Leben in die Kultur tragen, oder genauer: lebenswert machen. Und sie bestehen unabhängig von Lebensalter und Region:

——— Christian Kortmann:

Let it rock

in: Die Zeit 18/2000, 27. April 2000:

Minutenlange Gitarrensoli, Ausdruckstanz, Mädchen, die Luftgeige spielen — im “Mobile” in Bad Salzdetfurth ist alles erlaubt, was in der Großstadt noch als uncool gilt. Und das ist gut so. Ein Abend in der Rock-Disco

Mittwoch ist Rockdisco-Tag. Um 20.30 Uhr wird ein solider Mainstream-Film (Flatliners) gezeigt und anschließend gerockt, so einfach ist das. Also fährt Andreas mit mir am Mittwochabend nach Bad Salzdetfurth ins Mobile. Gestern habe ich behauptet, dass uns eine Renaissance der harten Rockmusik und ihrer Gitarrenvirtuosen bevorsteht. Andreas, Musikexperte und langjähriger Gitarrist, schüttelte den Kopf und belehrte mich, dass der Hardrock kontinuierlich neben allen musikalischen Moden in einem Paralleluniversum zelebriert werde: “Das ganze Gerede von Clubculture und performativer Feier des Körpers ist doch Quatsch. Ich zeige dir, wo der Körper mit all seinen Schwächen wirklich gefeiert wird!”

Nur wenige Fahrzeuge sind auf der Landstraße unterwegs, dann tauchen links und rechts die Salzberge und Kalifabriken der Kurstadt auf. Das südniedersächsische Bad Salzdetfurth teilt mit Lüdenscheid den Ruhm, durch einen Komiker bekannt geworden zu sein. Dort war es Loriots “Herr Müller-Lüdenscheid”, hier Harald Schmidt, der in Schmidteinander regelmäßig fiktive Zuschauerbriefe von “Gabi aus Bad Salzdetfurth” verlas. Es gibt wirklich nicht viel in Bad S., außer Salinen und Rentnern im Sommer und seit über 30 Jahren das Mobile, eine “Hard Rock, Funk, Reggae, New Wave”-Discothek, die laut Eigenwerbung “Famous & Fantastic” ist. Wir parken auf dem hauseigenen Parkplatz mitten in einem Wohngebiet, wo man sich traditionell noch im Auto zur elfminütigen Live-Version von Stairway To Heaven eine Grastüte reinzieht.

“Voilà”, sagt Andreas, “willkommen im Uterus des Rock ‘n’ Roll!” Von innen erinnert das Mobile an die Scheune auf dem Cover von Neil Youngs Harvest. Links und rechts erheben sich Emporen mit alten Polstersesseln, und in der Mitte liegt die Tanzfläche, kurz: ein Raum, in dem in amerikanischen B-Movies Dorfversammlungen abgehalten werden, wenn eine Invasion der Außerirdischen droht. Auch hier versammelt sich eine Gemeinde, und was sie eint, ist die Liebe zur Gitarrenmusik alter Schule. Die Wände sind mit kultischen Motiven aus den siebziger Jahren, der großen Zeit der Supergruppen, geschmückt. Es gibt ein aufwändiges Dark Side Of The Moon-Fresko, und an der Decke hängt zwischen kokonartigen Lampions ein fliegender Stuhl des Yes-Designers Roger Dean. Und dann ist da noch eine Wandmalerei, ein Fensterblick auf die offene See, die rhythmisch von einem Scheinwerfer angestrahlt wird. Man spürt, dass dies hier ein magischer Ort ist, ein Teil vom Netzwerk des geheimen Lebens. Denn solche Etablissements existieren überall, heißen Point One, Exit, Farmer’s Inn, Rockfabrik oder Schlucklum und liegen in Dörfern wie Uetze oder Lucklum, doch sind sie außerhalb ihrer Klientel nicht bekannt. Anders als bei Techno handelt es sich um eine Subkultur ohne Lobby, das ist der wahre Untergrund: Für den Rockdisco-Besucher ist der ästhetische Code der Großstadt ungültig. Trotz der realen und medialen Vorherrschaft der Clubculture nimmt er sich das Recht, nach wie vor uncool tanzen zu gehen.

Die Liturgie ist dabei genau festgelegt, denn der DJ darf keine eigenen Platten mitbringen, sondern muss sich aus dem Repertoire bedienen, das alle Favoriten der Mobile-Stammgäste enthält. Nirgendwo sonst könne der DJ es sich erlauben, mit verschränkten Armen neben seiner Holzbude zu lehnen, während ein Musikstück läuft, sagt Andreas, der uns erst mal zwei Flaschen Einbecker Brauherrenpils holt. Verglichen mit dem Kopfhörer-Heftpflaster-Reinhör-Markier-Gewese des Techno-DJs, ist es schon extrem lässig, so im Westernerstil an der Saloontür zu lehnen und auf das einsame, weite Land der Tanzfläche zu blicken. Zu Mike Oldfields verspielten Gitarrensoli will und kann nun mal niemand tanzen, doch ein selbstbewusstes Lächeln steht im Gesicht des DJs. Er vertraut auf die Kracher, die er sich am Musikpult zurechtgelegt hat. Dann tritt er ins Innere der Holzbude, lässt eine Platte aus der Hülle gleiten und legt sie auf.

Schon springen die Aficionados von allen Seiten herbei und tanzen in Jeansjacken und Lederwesten zu langen Passagen von Aphrodite’s Childs Konzeptalbum 666 und anderen Liedern von ungeahnter Tanzbarkeit wie Tori Amos’ Cornflake Girl. Auf den Bänken und Amphitheaterstufen rund um die Tanzfläche sitzen dunkel gekleidete Gestalten mit angezogenen Beinen, hier und da glimmen selbst gedrehte Zigaretten. Man kann im Mobile sowohl ekstatische Lebenslust wie apathisches Abhängen beobachten und fragt sich, wieso Vergnügen und Langeweile so eng miteinander verknüpft sind. Liegt es daran, dass die Rockdisco-Nacht streng ritualisiert ist? Schließlich werden nur bekannte Lieder gespielt, die immergleichen aus dem langsam nur sich erweiternden Rockdisco-Kanon. Es fehlt der Reiz des Neuen, der sonst ein wesentlicher Bestandteil von Jugendkultur ist. Hier jubeln die Tanzenden, wenn ihr Lieblingslied kommt, und hüpfen dann auf und ab, als wollten sie den Boden nie wieder berühren.

Das Getränk zur Langeweile ist ein vorgeblicher Muntermacher: Kaffee. Den gibt es draußen an der Theke im Foyer, vor der eigentlichen Disco. Man verkauft selbst gebackene Pizza, und es läuft andere Musik, meistens AC/DC. Am Tresen stehen unscheinbare Typen in Jeans und Lederblousons, die einen Becher Kaffee nach dem anderen bestellen, den der VoKuHiLa-Wirt aus einer chromsilbernen Tanksäule abzapft. An Kicker und Flipper hängen ein paar junge Einheimische rum, die so aussehen, als hätten sie schon mal bei H & M eingekauft: die Jungs in Cargopants, die Mädchen in Flokati-Jacken. In Bad Salzdetfurth gibt es halt nichts anderes, wo man abends hingehen kann, auch deshalb landet man in der Rockdisco. Das war früher im Sauerland nicht anders: Jede Freitagnacht galt es, eine Mitfahrgelegenheit nach Oberbrügge ins Infinity zu finden. Man überzeugte den starken Mann an der Kasse, dass man schon 18 war, trank Flensburger, stand blöd rum und fragten den DJ, ob er “was von Living Colour” da habe.

Zurück auf die Tanzfläche: Hippiemädchen in Batikpullovern und Lederwesten tanzen wie Waldgeister am Tor zur Dämmerung, was ihnen zur Vollkommenheit noch fehlt, sind die Panflöten; ein junger Mann läuft auf der Stelle, er befindet sich, comichaft wild gestikulierend, auf der Road to Nowhere und wird so schnell keine Ausfahrt finden. Ein Enddreißiger in erdfarbenem Strickpulli tanzt schlangenhaft, als sei er schon oft in einem indischen Ashram gewesen, vielleicht zu oft. Aber das ist ja gerade das Sympathische, dass die körperlichen Unzulänglichkeiten hier keine Rolle spielen. Wenn einer kein Taktgefühl hat, dann springt er halt am höchsten, und es ist voll in Ordnung.

“Da drüben!”, unterbricht Andreas meine Vision. “Das Hippiemädchen spielt Luftgeige!” Tatsächlich: Barfuß tänzelt sie im weiten Batikhemd über das irische Moos und lässt ihre imaginäre Fidel erklingen. Wahnsinn. Sie zeigen einem hier, was man mit Popmusik machen kann, nämlich alles: Zu einem berserkerhaften Gitarrensolo haken sich zwei hagere Woodstock-Veteraninnen mit Zöpfen unter und rasen in einem Folkloretanz der Trance entgegen.

Spät in der Nacht spielt der DJ dann noch Lieder von Faith No More, den Smashing Pumpkins oder Depeche Mode. Durch die Veränderung weniger Parameter wie Ort, Zeit, Lautstärke und Reihenfolge können Songs ihre Bedeutung vollständig verändern. Zu Californication von den Red Hot Chili Peppers, das man morgens entspannt beim Zeitunglesen hört, wird hier wild abgerockt. Es ist nicht etwa Nostalgie, die die Menschen seit nunmehr drei Jahrzehnten ins Mobile lockt, sondern die außerzeitliche Übereinkunft einer exklusiven Gesellschaft, deren Erkennungszeichen das Gitarrenriff ist. So greift man auf die Musikgeschichte von den Rolling Stones (Satisfaction) bis zur Bloodhound Gang (The Bad Touch) zu, und so hat es auch Fat Boy Slim ins Mobile geschafft. Der Rockafeller Skank wäre schließlich der kleinste gemeinsame Nenner, wenn Clubber und Rocker eine ökumenische Party schmeißen müssten. Aber dazu wird es hier so schnell nicht kommen. Denn sollten sich die Guitarreros aus ihren Gräbern erheben, um einen Rachefeldzug gegen die Clubculture zu starten, dann wird das Mobile ihr Hauptquartier sein.

Playlist der angeführten Lieder:

Playlist typischer Bauerndiscolieder, die seit 2000 in die Repertoires vorgelassen wurden (kurz, aber von besonderer Hupfbarkeit):

Nos dejamos hace tiempo, pero me llego el momento de perder

Update zu To all those who have lived and died alone:

Und weil gerade noch halbwegs Zeit für was Sommerliches ist, ein großer Filmmoment, der erst von 2017 stammt, bei dem man also staunt, dass er schon in der Qualität veryoutubt wurde, und der wohl bleiben wird: Harry Dean Stanton hat 89-jährig ein großes Solo mit Unterstützung der Familie Lynch erhalten, und wo immer Lucky auftaucht, soll man ihn durchlaufen lassen und mal 88 Minuten fein stille schweigen, damit man bemerkt, was aus der Schildkröte im Vorspann noch wird (nein, keine Suppe oder so, wir sind ja nicht bei Tarantinos).

Schon den halben Film wert ist, wie “Lucky” Stanton seinen Abgang als Geschenk an einen Zehnjährigen singt, der als einziger nicht zuhört. Der Text von Vicente Fernández erscheint hier in korrekter Versaufteilung, weil die bisher auffindbaren Versionen vermutlich voneinander abkopiert sind und alles durcheinanderwürfeln (offenbar muss ich das immer bei Liedern mit mexikanischem Bezug machen). Verständlich wird alles beim Google Translator:

——— Harry Dean Stanton:

Volver volver

aus: Lucky, 2017:

Este amor apasionado,
anda todo alborotado
por volver
Voy camino a la locura
y aunque todo me tortura
se querer.

Nos dejamos hace tiempo
pero me llego el momento
de perder
Tu tenias mucha razón,
le hago caso al corazón
y me muero por volver.

‘Y volver, volver, volver
a tus brazos otra vez
Llegare hasta donde estés
Yo se perder, yo se perder,
quiero volver, volver,
volver.’

Nos dejamos hace tiempo
pero me llego el momento
de perder
Tu tenias mucha razón,
le hago caso al corazón
y me muero por volver.

‘Y volver, volver, volver
a tus brazos otra vez
Llegare hasta donde estés
Yo se perder, yo se perder,
quiero volver, volver,
volver.’

Midder Kibbm in der Babbm

Es ist ein langer steiniger Weg dahin, bis man das singen darf:

1.: Seid mei ledzdn boor Brozende
zohlns mä endlich a weng Rende,
seid i mi zwischerm Rumfedzn
zwischä Fernseh, Glo und Gredzn
ä weng af mei Kautsch hiileech,
bin i endlich ausm Weech,

2.: schau vo mein Luuch fidel und munder
af die andern Debbm nunder,
hau ma nu an Zwedschgä ninder
und fühl mi scho glei vll xünder,
wal i um di Uhrzeid scho
mir a Seidlä köbfm koo.

3.: Seid i wöi a Schlugg Dai Ginseng
in der Sofaridzn drinhäng
und in Underhemd und Schlabbm
midder Kibbm in der Babbm
haubdberuflich Nosn buhr,
gäihds mä bessä wöi zuvur.

Fade-out: 3. Strophe als Kanon.

Wenn das jemand vertonen will: Die Musik gehört so ungefähr wie der Düsenclipperhocker von Streetlife unter Rudi Madsius und Günter Stössel 1984, aber ohne das septimakkordlastige Rumgefunke, wenn ich bitten darf. Ich will eine Version über mindestens 9:52 Minuten, das heißt: länger als Bat Out of Hell, aber weitere Strophen zu dichten stünde der Aussage der bestehenden entgegen. Instrumental darf also ganz schön was hergehen.

Beiträge zur Zahlenmystik

Wenn die Leute signifikant älter geworden sind, erzählen sie einem hinterher immer gern darüber, wie sie “Bilanz gezogen” haben. Keine Ahnung, wie das gehen soll, falls es etwas bedeutet, das man nicht durch den Gebrauch eines Geldautomaten beheben kann. Meine Bilanz ergibt: Nach drei, vier Wochen legt sich der Rummel um einen runden Geburtstag langsam, und: Ui, ich bin jetzt auch schon 601 Monate alt.

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Eine Lanze für Destiny Hope Cyrus

“Fan” wäre jetzt übertrieben — aber dann ist mir doch etwas aufgefallen, bei dem man kurz schluckt: Man suche die Backyard Sessions von Miley Cyrus auf: Die Stimme ist geboostet, aber ihr übliches “Wäh, ich bin so ein böses Mädchen”-Gehabe hat die gar nicht nötig:

Die englische Wikipedia führt Frau Destiny Hope Cyrus als “vocal, guitar, piano”, dabei ist der Fratz gerade 25 geworden. Außerdem ist sie aus Nashville als Tochter eines praktizierenden Countrymusikers gebürtig — und weil ihre gute Fee zum Quartalsende alle guten Gaben loswerden musste, die Patentochter von Dolly Parton.

Auf der Brennsuppe dahergeschwommen sieht anders aus, die junge Destiny Hope war zum Berühmtwerden geboren. Daddy heißt Billy Ray Cyrus, ist im Geburtsjahr seiner nachmals berüchtigten Tocher 1992 mit dem mittelwichtigen Evergreen Achy Breaky Heart (dt.: “Ächzi Brechzi Herz”) hervorgetreten und

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Rocking and Wailing

Wenigstens einmal im Leben will man ein bissel eine Gaudi haben. Zur eigenen Beerdigung wäre das wohl keinen Tag zu früh. I put the fun into funeral und hab vorsichtshalber schon My Funeral Playlist zusammengestellt, nicht dass die Bedienung meinen Leichenschmaus mit höhenlastigem Classic Ambient aus ihrem Telefon beschallt.

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Sann end fann

Als ich noch ein Gefangener der Kneipen war — keine Angst, gegen regelmäßige Kautionen war ich Freigänger — war ich womöglich noch leichter zu erheitern als heute. Aus einer meiner zuständigen Kneipen erinnere ich mich an einen Spielautomaten, vulgo Bierfilzlesroulette, der aller fünf Minuten eine fiese eingängige Melodie füdelte, aller 30 Minuten in einer Art Maxi-Version. Dann pflegte er seine schönsten Blinkermuster herzuzeigen, damit auch ja jeder herschaute, um vielleicht mit ihm spielen zu kommen. Der Zockertyp war ich noch nie, darum war das immer der Moment, von meiner hochwichtigen Schreibarbeit aufzublicken und das Display zu beobachten. Darüber lief dann immer der Schriftzug: “SUN UND FUN”.

Eben nicht “Sun and fun” oder so. Sondern als ob man es genau so aussprechen müsste, ungefähr in Landnürnberger Betonung: “Sunn und Funn”. Die Bedienung war daran gewöhnt, wie ich mir jedes Mal das Lachen ob eines fränkisch sprechenden Spielautomaten verbiss. Einmal wollte ich ihr meine ständig neue Erheiterung nahebringen. Leider war sie keine Linguistin.

Und gerade gestern hab ich keine Kamera dabei und sehe ein kreidegeschriebenes Gaststättenschild: “LUNCH UND BRUNCH”. Gut, dass mir das erst nach meiner Kneipenentlassung passiert. Ich bin schnell weiter.

Soundtrack: Meiner leider etwas verschwommenen Erinnerung nach das letzte Lied, das ich gegen 1990 gegen Bargeld in einer Musikbox gewählt hab — wegen des hinterfotzigen Doppelsinns, den man erst besoffen überhaupt mitkriegt: Ringsgwandl: Radlmare, aus: Das Letzte, 1986. Hat’s das echt je als Single gegeben oder beziehen Kneipen Special Bierfilzl Releases?

https://youtu.be/cdVy9ISBM1Y

150 Jahre sind alt genug

Frank Zander konnte man schon immer albern finden, aber was den bis heute berüchtigten Bestand an Schlagersängern nach 1970 angeht, hatte man bei dem nie so das Gefühl, der wird doch von der CDU bezahlt.

Ein großer Moment in der trüben deutschen Musikgeschichte der Siebziger war … nein, nicht seine Phase als “Fred Sonnenschein”, auch wenn Hugo Egon Balder als Hamster Fritz mitsingt — sondern seine Platte Donnerwetter 1979. Da war nämlich Captain Starlight drauf.

Von dem Lied hat sich jemand einiges versprochen, es wurden nämlich Versionen auf Deutsch und Englisch, mit und ohne Intro erstellt. Man kann bemängeln, dass es nach dem damaligen Weltraum-Hype schon zu spät kam (der erste Star Wars war 1976), aber Peter Schilling ist mit seinem “völlig losgelösten” Major Tom auch erst 1983 nachgerückt. Dass er einen überschätzten Kubrick-Film elf Jahre zu spät veralbern wollte, hab ich zweifellos schon als “Krieg der Sterne”-Verweigerer in der fünften Klasse gemerkt, weil schon immer auf der Hand lag, dass Kubrick ausschließlich überschätzte Filme gemacht hat.

Das Intro von Captain Starlight vom grunddeutschen Frank Zander hatte dagegen Größe. Ein Kasperleschlager, der wie selbstverständlich mit einem ausführlichen, nirgends erklärten, ja auch nur erwähnten klassischen Streichersatz anfängt — und auch wieder aufhört, wo gibt’s denn sowas? Ich muss einige Male ziemlich gebannt am Radio geklebt haben, die Fernsehsendungen haben den nämlich grundsätzlich unterschlagen.

Später, mit einigem musikalischen Grundwissen, konnte man von selber draufkommen, dass es ein Streichquartett war. Welches, ein bestehendes oder gar ein eigens von Herrn Zander komponiertes, wusste kein Mensch, und zu Zeiten des Internets war Frank Zander schon ein abgehalfterter Schlageropa für ironisch-nostalgische Rückblicke.

Bis zum 18. Juli 2010, als in einem nerdigen Gitarrenforum jemand wusste: Das ist eine Moll-Version aus dem 1. Satz von Joseph Haydn: Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, op. 64,5; Hoboken-Nummer III: 63, Werkverzeichnisnummer 860, dem vulgo Lerchenquartett. — Stimmt.

Dass Haydn mit Sicherheit keine Moll-Versionen von seinen eigenen, gar nicht mehr genau zählbaren Streichquartetten in Dur-Tonarten angefertigt hat, macht die Antwort nicht erschöpfender, rückt Frank Zander aber in ein geheimnisvolles Licht: Der hat das bestimmt auch nicht umgeschrieben, weil er gelernter Grafiker ist, und welche vier praktizierenden Saitenkünstler für die Donnerwetter eine musikologische Fingerübung eingespielt haben, sollte man Herrn Zander (Jahrgang 1942, berufsbedingt als trinkfester Raucher einzuschätzen) endlich mal selber fragen. Wer traut sich?

Ich wette nur auf soviel: Es ist h-Moll.

Für den nachweis der musikalischen Verwandtschaft ist das Haydn’sche Lerchenquartett in YouTube ausreichend vertreten. Ich möchte eine eher kleine, anrührend dilettantische Version verlinken, die von den Eleven der Levanger Kulturskole, weil deren Instrumente so schön authentisch verstimmt sind. Außerdem mag ich das hagere Tomboy-Nordmädchen an der ersten Geige.



Und weil die jungen nordischen Kulturschüler offenbar mit Allegro moderato, Adagio und Menuetto. Allegretto – Trio schon ausgelastet waren, Haydn aber seine Quartette noch viersätzig gestaltete, müssen die ausgelernten Kolleginnen vom Four Voices String Quartet Vivace zu Ende spielen:

Und nochmal alle vier Sätze als Playlist vom Attacca Quartet im Zusammenhang:

Bürgerliches Trauerspiel

Der junge Baron bringt’s mit einem Wischer hinaus, das muß ich wissen, und alles Wetter kommt über den Geiger.

Stadtmusikus Miller, Kabale und Liebe, I,1, 1784.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass Kunst nichts mehr wert ist? Da kann man weit zurückschauen: Mehr Mammutfilet als für die abgebildeten Tätigkeiten des Jagens und Abschlachtens ist für Konzeption und Ausführung der Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux auch nicht rausgesprungen.

Offen feindselig wurde gegen Kunstschaffende erst mit der abendländischen Aufklärung vorgegangen, als sich volks- und betriebswirtschaftlich nachweisen ließ, dass Schamanen eigentlich nur den Arbeitenden das Zeug wegkiffen und Kinder mehr Ideen haben als bezahlte Künstler. Diese Epoche wird derzeit noch perfektioniert.

Beim nächtlichen Studium von YouTube wird das besonders augenfällig, wenn man die Live-Aufnahmen klassischer Musik vergleicht: Bis tief in die 1970-er Jahre bestanden Orchester aus bierbäuchigen Familienvätern mit Hornbrillen, die auf ein ernstzunehmendes Monatsgehalt angewiesen sind, ganz wie der Schiller’sche ehrwürdige Stadtmusikus Miller (Cello). Danach sehen Orchester zunehmend aus wie fernöstliche Mädchenschulklassen.

Dass japanische Schulmädchen Musik machen dürfen, ist an sich noch nicht feindseilig; auf den ersten Blick ist es sogar schön vom Herrn Intendanten, überhaupt welche einzustellen. Es fällt nur auf, dass seit dem Einbruch der Billiglohngeschlechter in die Arbeitswelt die Arbeit nur mehr aus Gewohnheit und zur Eindämmung des Arme-Leute-Gemosers symbolisch bezahlt wird, wenn nicht gar vollends ausgeht. Da rede ich nicht allein vom Kunstschaffen, da macht es nur mehr Spaß hinzuschauen.

Ist es Zufall, dass der Preis für Tonträger mit klassischer Musik im gleichen Zeitraum in bestürzender Weise verfallen ist? Auch das ist für uns Musikverbraucher zuerst einmal schön. Oder ein Schlag ins Gesicht für jeden, der sich einst den Hunderter für die Matthäus-Passion unter John Eliot Gardiner monatelang vom Munde abgespart hat: Die gibt’s nämlich heute als Dreingabe für CD-Boxen, auf denen netto eine Woche der erlesensten Jahrhundertaufnahmen zusammengepackt ruht, um auf Amazon noch einen letzten Zwanziger einzutragen und dann nie wieder angehört zu werden.

Der Eintritt für Live-Konzerte kostet ungebrochen die ein, zwei Hunderter wie in den alten Zeiten, als in einem bürgerlichen Mittelstand in auskömmlichen Mengen Geld verbreitet war. Nun geht weder ein Bürger noch einer, der sich dergleichen leisten kann, in ein klassisches Konzert, da sind zwei- bis vierhundert Öcken schnell weg, und da ist noch nicht mal der Sekt in der Pause mit drin. Für vierhundert kann einer allerdings die verbliebene Klassik-Abteilung vom Müller aufkaufen, jedenfalls die relevanten CDs. Und von denen hat er länger als zwei Stunden was.

Ist doch gut? Ja, zuerst schon — für eine Gesellschaft, denen Kunst nicht einfach nur nichts wert ist, sondern die seit einigen Jahrhunderten gegen ihre Geistesarbeiter vorgeht: durch Aushungern, Verunglimpfen, Ausgrenzen — ein politisch gewünschtes, funktionierendes Mobbing. Eine Gesellschaft, die sich den eigenen Kopf absägt.

Zu den Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux wird immer betont, aus welch hochstehender Zivilisation sie nur entstehen konnten. Wenn uns das heute wieder reicht — okay. Jedenfalls hört man von den Leuten aus der Jungsteinzeit weniger Klagen als von den um ihr Leben geigenden Familienvätern und den immer verzweifelt ratlos wirkenden Schulmädchen im YouTube-Orchester. Und in dem gibt’s die Jahrhundertaufnahmen gratis, hurra, zum gleichen Preis wie im Paläolithikum, als die Schamanen legal kiffen und dabei mit den Honoratioren am selben Höhlenbärenfell sitzen durften.

Kann man schon machen. Muss man halt wollen.

Soundtracks: Beethoven: Fünfte, einmal unter Otto Klemperer 1970, einmal unter Chung Myung-Whun 2013:

To all those who have lived and died alone

Update zu Fuck Yes:

Es ergeht Empfehlung für ein einzelnes Lied; vielleicht hilft das gegen den mittlerweile wochenlangen Ohrwurm.

Wie viele Jahrzehnte hab ich jetzt geglaubt, in Wirklichkeit stünde ich auf die baumlange, blasse, burschikose Rothaarige mit Brille, Birkenstockmodell Gizeh und Knabenbrüstchen, die sich kaum aus dem Eck traut, um ihr Augustiner aufzufüllen, und keinen findet, mit dem sie ihr Promotionsthema diskutieren kann, und die ganzen heißblütigen Südgewächse sind bestimmt auch ganz wunderbare Menschen, aber weiter kein Grund, nervös zu werden.

Nach Naturereignissen wie Salma Hayek, Penelope Cruz und jetzt auch noch Lindi Ortega wollte ich vorsichtshalber nochmal nachdenken. Mit dem Ergebnis: Ach so, Kanadierin. Na dann.

Das Video zu ihrem Lived and Died Alone aus Tin Star von 2013 spielt explizit auf der anderen Seite der USA, inmitten mexikanischer Kultur der Trauerbewältigung; es geht nämlich von vorne bis hinten ums Sterben, schlimmer noch: Störung der Totenruhe, wenn nicht gar Nekrophilie. Jedenfalls ist alles denkbar morbid und gerade deswegen besonders tröstlich. Das ist kein Widerspruch, sondern Schwarze Romantik, und funktioniert innerhalb christlicher Kulturen in seiner modernen Form etwa seit 1780.

Außer als Kanadierin versteht Frau Ortega sich als Country-Musikerin, was die engelschöne, komplexe Melodie erklärt. Und dann den Text, ach den Text.

Man versteht Frau Ortega recht gut, Kanadier können von Geburt an mit Mehrsprachigkeit umgehen. Und der Wortschatz bleibt kunstvoll schlicht, allerdings in thematisch ungewohnten Zusammenhängen, die sich keinem Normaldeutschen so selbstverständlich ins Ohr nisten, dass er ohne ein Minimum an Eigenleistung jederzeit mitsingen könnte. Der Text ist online gut auffindbar, aber an allen bisherigen Stellen, die wahrscheinlich eine von der anderen abkopiert sind, in falscher Versaufteilung. Als Mehrwert bringe ich daher erst das Video und dann den Text in merkfähiger, weil lyrisch korrekter Typographie. Falls das Video youtube-typisch verschwindet, lohnt sich jeder Suchaufwand, versprochen; es reicht sowieso nie, es nur einmal laufen zu lassen.

Lifehack 1: Gegen Ohrwürmer hilft auch, die Pippi Langstrumpf zu singen, die überdeckt alles andere.

——— Lindi Ortega:

Lived and Died Alone

from: Tin Star, Last Gang Records, October 8th, 2013:

Love never came easily to me,
there were no fish swimming in my sea.
I resided myself to the fact
that I would always love
never to be loved back.
But that’s okay,
I know some day —

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I guess I thought it couldn’t really hurt
to search for sweethearts underneath the dirt.
Sure, they may be made of dust and bone
But I will take them home
from their lonely tombstone
to be with me
in the Dead Sea.

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed
to fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

(Solo.)

When the sun has set,
I will go dig up the dead,
lift their bodies from their graves,
and I’ll lay them in my bed.
I will fill their hollow hearts
with all of my broken parts,
and all the love that they were never shown
to all those who have lived and died alone.

I’d been a girl and one dream frequented my late afternoons

Girl
where did you stay so long
Girl
where did you stay so long
I feel strong
the answer she gave
simply was
I’ll show you where the lilies grow

Die gute Nachricht ist: Sibylle Baier sitzt an einem zweiten Studioalbum. Dem zweiten seit 1973.

Keine Schande, das erste nicht zu kennen. Es hieß Colour Green und wurde von der Künstlerin höchstselbst im Alleingang spätnachts in ihrem Wohnzimmer mit einem Kassettenrekorder und einer beneidenswert gut gestimmten Wanderklampfe aufgenommen. Das war zwischen 1970 und 1973.

Sibylle Baier und Sohn Robby, sibyllebaier.comIn diesen drei Jahren hat Frau Baier 14 Lieder eingespielt, die zusammen nicht ganz 37 Minuten dauern. Im weiteren Verlauf ist sie nach Amerika ausgewandert, hat Kinder aufgezogen und getan, was man so tut im Leben — zum Beispiel einmal für Jochen Richter den Soundtrack geschrieben und einmal für Wim Wenders mitgespielt. Viel mehr weiß man nicht über sie. Offenbar legt sie keinen gesteigerten Wert auf großen Rummel um ihre Person. Eine amerikanische Hausfrau, die als junges Mädchen in Deutschland mal ein paar selbstgeschriebene Liedchen gezupft hat, wird nicht gerade dauerhaft von Paprazzi umlagert, und wozu auch?

Ungefähr 2003 war ihr Sohn Robby schon groß und seinerseits Musiker und konnte aus Mamas alten Kassetten eine CD zusammenbrennen. Wie dieselbe an J Mascis von den Dinosaur Jr geriet, fällt schon unter die feineren Verästelungen im Unterholz des Musikgeschehens. Jedenfalls kam die CD von den Dinosaur Jr ans Label Orange Twin Records und war ab 2006 eine Zeitlang verkäuflich. Amazon.de weiß noch davon, und der wohlgeratene Robby pflegt ihr bis heute die Website.

Anscheinend hat die junge Frau Baier um 1970 viel Pink Floyd gehört, inhaltlich erinnern ihre Lieder stark an die Zeit zwischen Syd Barrett und der Dark Side of the Moon. Die Gitarrenarbeit ist ordentliches Lagerfeuerniveau. Jedes Jahr Warten seit 1973 und jeden Cent wert ist aber ihre Stimme: ungefähr Nico Päffgen, ebenfalls Exildeutsche, von den Velvet Underground, jedenfalls genauso unbeirrbar modulationsfrei. Aber schöner.

Und die schlechte Nachricht? Wer auf eine besteht, kann ja egal wohin anders surfen als zur Playlist von Colour Green, aber davon rate ich ab.

Wenigstens eine mittelgute: Wir müssen jetzt nicht alle gefrustet unsere im Gefolge von Janis Joplin und Hannes Wader vollgesungenen Kassetten vorschriftsmäßig im Plastikmüll entsorgen, es hat nämlich nicht gleich jeder Wim Wenders zum Freund des Hauses. Soviel Trost muss uns unentdeckt Bleibenden reichen.

Bild: Sibylle und Robby Baier gegen 1973.

Mit Blumen, mit verdorrten

Lieber meteorologischer Frühlingsanfang — leicht zu merken: immer am 1. März — als Märzunruhen. — Seit 1849 immer wieder bestrickend sind die beziehungsreichen Pflanzennamen:

——— August Freiherr von Seckendorff:

‘s ist wieder März geworden

März 1848, Erstdruck als August Dorff in: Leuchtkugeln, Verlag von Emil Roller, München, Mitte April 1849, Seite 150 f.:

Alfred Rethel, Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849, Deutsches Historisches Museum Berlin‘s ist wieder März geworden,
vom Frühling keine Spur.
Ein kalter Hauch aus Norden
erstarret rings die Flur.

‘s ist wieder März geworden —
März, wie es eh’dem war:
Mit Blumen, mit verdorrten
erscheint das junge Jahr.

Mit Blumen, mit verdorrten?
O nein, doch das ist Scherz —
gar edle Blumensorten
bringt blühend uns der März.

Seht doch die Pfaffenhütchen:
den Rittersporn, wie frisch!
Von den gesternten Blütchen —
welch farbiges Gemisch!

Der März ist wohl erschienen.
Doch ward es Frühling? — Nein!
Ein Lenz kann uns nur grünen
im Freiheitssonnenschein.

Seht hier den Wütrich thronen
beim Tausendgüldenkraut,
dort jene Kaiserkronen,
die Königskerze schaut!

Wie zahlreich die Mimosen,
das Zittergras wie dicht!
Doch freilich rote Rosen,
die kamen diesmal nicht.

Bild: Alfred Rethel: Allegorie auf die Niederschlagung der Revolution von 1848, 1849,
Deutsches Historisches Museum Berlin.

Ein Tag mit Glenn Gould

Unterschied zwischen Glenn Gould und Maria Callas? — Bei Glenn Gould hat’s nicht so gestört, wenn er mitsingt.

Haben Sie schon gekannt? Macht nix, ungefähr einmal pro Jahr erzählt den irgend jemand, der sich für den einzigen humorbegabten Kenner klassischer Musik auf Gottes Erdboden hält, und weil man ihn in solchen Abständen regelmäßig wieder vergessen hat, ist der seit mehreren Jahrzehnten für ein wiederkehrendes Grinsen gut. Heuer muss man sich noch öfter drauf gefasst machen, da hat Glenn Gould kurz hintereinander 85. Geburtstag und 35. Todestag.

Wie oft und wie lange Glenn Gould beim Mitsingen ertappt wird, kann man jetzt endlich mitvergleichen, ohne andauernd mühselig die CD zu wechseln (oder gar, wie noch früher, doppelt so oft die Platte umzudrehen): War der einzige Erfolg der weiland Google Videos, die nicht mal mehr einen deutschen Wiki-Artikel haben, dass die Videos dort länger als zehn Minuten sein durften, hat am 27. Juni 2016 ein engagierter Musikfreund mal kurz ein Video mit allen Bach-Aufnahmen von Glenn Gould (oder sollte es heißen: allen Gould-Aufnahmen von Bach…?) auf YouTube gepumpt. Es dauert über siebzehneinhalb Stunden.

Allein die jeden Höreindrucks entkleidete Zahl macht einen erschauern. “Glenn Gould spielt Bach” ist ja geradezu eine eigene Musikrichtung, die jedenfalls mehr Regalmeter auffüllen kann als manche Unterkategorien der Leicht- und Schwermetalle. Wenn da oben “Ein Tag mit Glenn Gould” steht, meine ich auch einen Tag. Einschließlich der Nacht. Die verbleibenden viereinhalb Stunden sind für einen kurzen Nachtschlaf und Stoffwechsel. Oder um weitere engagierte Musikfreunde zur Nachforschung anzuhalten, wie lange es dauert, wenn Glenn Gould mal nicht Bach spielt.

Der Eintritt in die erste Veranstaltung der Elbphilharmonie, für die man überhaupt irgendwelche Eintrittskarten kaufen durfte, hätte übrigens zwischen 19,80 und 91,30 Euro gekostet, “ggf. wenige Restkarten am Veranstaltungstag vor Ort“.

Das Wochenend sollte jedenfalls gerettet sein. Ansprechbar bin ich hinterher wieder. Aber fest versprechen kann ich’s nicht.

https://youtu.be/GokEz4bbZP4

These fascists kill machines

Ich referier das bloß. Nicht dass es wieder heißt, ich erfinde was.

——— Woody Guthrie:

Old Man Trump

Music: Ryan Harvey, 2016; lyrics: Woody Guthrie, 1950, rediscovered 1967:

I suppose that Old Man Trump knows just how much racial hate
He stirred up in that bloodpot of human hearts
When he drawed that color line
Here at his Beach Haven family project.

Beach Haven ain’t my home!
No, I just can’t pay this rent!
My money’s down the drain,
And my soul is badly bent!
Beach Haven is Trump’s Tower
Where no black folks come to roam,
No, no, Old Man Trump!
Old Beach Haven ain’t my home!

I’m calling out my welcome to you and your man both
Welcoming you here to Beach Haven
To love in any way you please and to have some kind of a decent place
To have your kids raised up in.

Beach Haven ain’t my home!
No, I just can’t pay this rent!
My money’s down the drain,
And my soul is badly bent!
Beach Haven is Trump’s Tower
Where no black folks come to roam,
No, no, Old Man Trump!
Old Beach Haven ain’t my home!

Das tut uns leid.

Dieses Video ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da es Musik enthalten könnte, über deren Verwendung wir uns mit der GEMA bisher nicht einigen konnten. Das tut uns leid.

Das untrügliche Merkmal wirklich klassischer Zitate ist ja, dass sie oft parodiert und noch öfter falsch wiedergegeben werden. Das Original verschwindet dann aus dem kollektiven Bewusstsein und muss von Bewahrern einer schnell als nerdy wahrgenommenen Kultur in Nostalgie-Gruppen gehortet werden, bis das nächstflachere Telephon rauskommt.

Oben steht die vorläufige Ausgabe “letzter Hand” der YouTubischen Sperrtafel, was kein Widerspruch mehr ist, seit Facebook damit wirbt, dass man seine rassistischen Entgleisungen theoretisch sogar wieder löschen könne. Vorläufer-Versionen sperrten das Video für “dein Land”, was sie geändert haben, seit YouTube die psychologische Kriegsführung gegen die GEMA untersagt ist, weil ungefähr gleichzeitig das faschistische Vokabular im Verliererland sowieso wieder salonfähig wurde.

Wir werden sie vermissen, die Sperrtafeln mit dem Vintage-“Weiß nicht recht”-Emoticon. Die ersten Neuformulierungen “Und da für zaheln wir Gemma??!!!?? Da mal drüber nach denken!!!!!111!!” wurden schon gesichtet.

Denken wir positiv und nutzen die angeblich Tausende von seit den frühen Morgenstunden von Allerheiligen freigeschalteten Videos, solange Sony kein neues Argument einfällt. Eins, das ich lange und durchaus schmerzlich vermisst hab, ist der Beitrag von Wolfgang Ambros zum in den frühen Morgenstunden von Halloween ausgebrochenen Lutherjahr. Es ist von 1979 und war dafür ziemlich zeitig dran. Ich bin leider schon über 30 und dafür ziemlich spät dran. Typisch. Es ist nicht, wie die meisten richtig guten Lieder von Ambros, eine Dylan-Übersetzung; die Kalauer sind echt. Und dafür zahlen wir GEMA.

Sieben Tage, sieben scheußlich schöne Lieder

Facebook kann sogar Spaß machen. Letzte Woche hat mich dort unversehens ein Musikstöckchen ins Genick getroffen: Sieben Tage, sieben Lieder.

Immer nur Sachen zu verbreiten unter dem Ansatz, sie seien “so schlecht, dass es schon wieder gut ist”, wäre natürlich ein garstiges Unterfangen. Mir liegt immer daran zu betonen, dass ich niemals einer Verbreitung Vorschub leisten werde, nur um jemanden oder etwas bloßzustellen. Außerdem ist das auf hipsterhafte Weise postironisch, also ja wohl sowas von 2012.

Vielmehr will ich auf die Schönheit in der allzu offensichtlichen Scheußlichkeit aufmerksam machen. Ich darf sowas, weil ich allzeit und absichtslos einen viel zu soziologischen Blick auf die Natur (und Kunst) gerichtet halte, um ein Lied rundum scheiße zu finden. Ich betrachte die erschütternd gedankenlos zusammengerüpelten Prominentendarstellungsliedchen aus dem weiland Blauen Bock mit der gleichen geradezu zoologischen Faszination wie das perfide Brutverhalten der Schlupfwespen. Oder anders: Ich bin nicht so der Fremdschämer.

Weil ich ja mit den wenigsten Leuten auf der Welt befacebookt bin, folgt meine Liederauswahl, damit ich das Zeug nicht bloß für zweieinhalb Facebooquiniers ausgewählt hab, denen außer Fotos von Tellergerichten eh alles wurscht ist. Da müssen Sie jetzt durch.

Mittwoch. Als erstes fällt mir der Roadrunner von 1983 ein, vor allem das Video aus der Frühzeit des Musikvideoschaffens. Burghausen, die längste Burganlage der Welt, war schon Zeuge mancher musikalischen Verirrung und Drehort für irgendwelche Versionen von den “3 Musketieren” und “Baron Münchhausen”, “Wickie auf großer Fahrt” und “1 1/2 Ritter”, aber vermutlich nur einmal Schauplatz eines so engagiert und buchstäblich zerbombten Refrains. Das Schöne daran ist, dass dieser gesuchte Effekt tatsächlich stört und dadurch erst zeigt, was Roadrunner für ein unverwüstlicher Ohrwurm ist.

Der Künstler Max Werner ist Holländer, sieht aber mit seinem zeittypischen Vokuhila und diesem nicht kopierbaren Trucker-Blick verblüffend aus wie die Nürnberger Gebrauchs- und Biergartenmusiker, die man bis heute an ihrem freien Samstag in den nach der Gentrifizierung übrigen Altstadtkneipen trifft, wo sie mit ihrem Fender-Plektrum auf der Theke den Takt zu den “besten Oldies” klopfen wie normale Leute mit ihrem BMW-Schlüsselanhänger. Meistens betonen sie einmal zu oft, dass “Spaß sein” müsse, sind aber bei genauerem Herumlallen erstaunlich patent. Lang sollen sie leben.

Donnerstag. Wenn schon, dann richtig: Ray Peterson: Tell Laura I Love Her von 1960 ist mir zuerst etwa 14-jährig beim heimlichen Radiohören im Bett widerfahren, wahrscheinlich im Nachtprogramm auf SWF 3 oder so. Danach musste ich erst mal ausschalten, weil darauf einfach nichts Ebenbürtiges mehr folgen konnte. Gegen diesen schamlos ausgelebten Herzschmerz kann jeder Shakespeare-trainierte Berufstragöde einpacken, und am besten ist natürlich der letzte Refrain, den “Tommy” aus dem Sarg heraus singt. Und ich wusste bis soeben nicht einmal, dass ein Genre des Teenage tragedy songs existiert.

Freitag. Mal was Lustiges. Leinemann: Piraten der Liebe, 1986 kann ich nur ungefähr zwei-, dreimal im Leben gehört haben; unvollständige Youtube-Anspielungen zählen nicht. Dabei kann es sein, dass dieser Faschingsklopfer in hedonistischer orientierten Gegenden Deutschlands, vulgo “Karnevalshochburgen”, sehr viel präsenter ist als im Fränkischen.

Der erhältliche Fernsehmitschnitt sieht so aus, wie das Lied klingt: bunt, überladen, randvoller Piratenklischees, übermütig und auf jede Weise so, dass man nicht wegschauen kann. Die Melodie ist offenbar eingängig genug, dass ich sie mir an die drei Jahrzehnte ohne weitere Stütze merken konnte, und poetisch ganz und gar durchtrieben gestrickt — und vor dieser Art Unterhaltungshandwerk hab ich von jeher einen Heidenrespekt. Man hat ständig das Bedürfnis, an geeigneter Stelle “und ‘ne Buddel voll Rum” einzufügen.

Samstag. Bei Country & Western muss man ja immer höllisch aufpassen: Vor allem wenn die Künstler als Cowboys kostümiert sind, womöglich noch in Weiß und/oder mit Indianer-Applikationen, hagelt’s patriotischen Kitsch. Faustregel: Country-Musiker mit Hut sind zu meiden.

Tom Astor — Markenzeichen: weißer Cowboyhut — ist in Wikipedia als Sänger, Komponist, Texter und Produzent ausgewiesen und hat schon mit Johnny Cash Duett gesungen — ein respektabler Mann. Auf einem Nürnberger Truckertreffen hab ich ihn dagegen mal live und eher als überforderten Pausenkasper erlebt. Die Produzentenseite in ihm scheut sich nicht, für seine Spätpubertätshymne Junger Adler von 1993 Kinderchor und elektrisch vervielfältigten Dudelsack zu verwenden. Alle Häme des kulturell Gebildeten ist über dergleichen schnell ausgegossen.

Und dann das: Sozialarbeiter, die mehrmals pro Jahr Zeltlager mit straffälligen Jugendlichen wuppen müssen, berichten mir, dass zuverlässig immer bei diesem Lied mit den mittelschweren Jungs “etwas Magisches” passiert. Und das ist der Moment, wo Adorno mit seinem leider unwiderlegbaren Elitequatsch über Gebrauchsmusik mal kurz die Klappe halten soll. Mir sagt das: Es funktioniert also offenbar auch mit verstimmter Lagerfeuerklampfe und rührt an etwas Urtümliches, zutiefst Menschliches — und das eben nicht nur in musikalischen Nullcheckern und bekennenden CDU-Wählern, sondern in Menschen, die sich anderweitig jung aufgegeben haben. Sagen wir, ich würde kein Geld für einen Tonträger davon ausgeben, ich find’s ja selber zum Fürchten — aber wer mir erzählt, das rühre samt Kinderchor und Dudelsack sein Herz nicht an, der hat keins.

Sonntag. Ich bin ziemlich sicher, dass ich das genau einmal im Leben gehört hab, bevor ich aus dokumentarischen Gründen auf Youtube danach gesucht hab; man sucht dergleichen nicht freiwillig auf. Und schau an: Es ist tatsächlich eine Rarität. Der ganze Patrick Nielsen firmiert in allen Suchergebnissen als Profiboxer, das Väter und Cowboys von 1980 hat so gut wie nie existiert. Allein einem einzigen Youtübner scheint es etwas zu bedeuten, der visuellen Möblierung nach etwas sehr Persönliches. Die Tonaufnahme ist sehr höhenlastig, wie die meisten Vinyl-LPs, die per USB-Plattenspieler in Sounddateien überführt wurden. Offenbar hat das Lied nie den CD-Status erreicht, sondern kommt nahtlos aus einer Plattentruhe ins Internet.

Es war wohl einst sozialkritisch gemeint — damals, als Bayern 1 noch ungeniert Heino spielen konnte. Warnung: Es fällt schwer, sich auf einen schlimmeren Schmalz zu besinnen, und wie mein Beispiel lehrt, hält der Ohrwurm Jahrzehnte.

Montag. Weil morgen schon schluss ist, gleich ein Double Feature: Kate Bush: Wuthering Heights aus The Kick Inside von 1978 hat seinerzeit gleich zwei aufwendige Videos bekommen: das White Dress Video für den europäischen Markt und das Red Dress Video für den amerikanischen. Jemand mit Kohle hat also ziemlich viel von dem Lied gehalten, dabei wusste von Anfang an niemand, welche Visualisierung jetzt die grausigere ist.

Es ist so eins, um das die Legendenbildung praktisch sofort eingesetzt hat, zahlreiche Coverversionen balgen sich, freiwillig oder nicht, um die Palme für die schlimmste Parodie und versuchen endlich Herr über die zugegeben sehr anspruchsvolle Melodie zu werden. Selber bilde ich mir einiges darauf ein zu wissen, welche Wuthering Heights-Verfilmung das 18-jährige Mädelchen Kate Bush beim Aufwachen vor dem Fernseher (es war der 5. März 1977, natürlich eine Vollmondnacht) zu diesem Monument der Besessenheit inspriert hat (der mit Laurence Olivier von 1939 war’s).

Pina Bausch hätte Kate Bush für diese Verunglimpfung des Ausdruckstanzes mit einem nassen Tütü erschlagen, aber das Lied hat wirklich Größe.


Dienstag, letzter Teil: Einmal Neue Deutsche Welle muss einfach sein: Andreas Dorau und die Marinas: Fred vom Jupiter aus Blumen und Narzissen von 1981 war ein Schulprojekt, was man ihm auch anhört, aber immer für künstlerische Gestaltung gehalten hat. Andreas Dorau war bei Konzept und Umsetzung ebenso wie seine Go-Go-Klassenkameradinnen 16 Jahre alt, vier Jahre älter als ich, und konnte mich durch den Rest meiner Jugend damit begleiten. Wirklich imponiert hat mir immer der Mädchenchor, der gegen seine eigene Melodie ansingt.

Erst im YouTube-Zeitalter erhellte, dass tatsächlich eine Sechseinhalb-Minuten-Version erstellt wurde. O der verschwendeten Jugend.

Und? Können Sie noch? Sie sollten ja auch nicht alles gleichzeitig anklicken.

Nummer 8 wäre übrigens New World: Kara Kara Kimbiay von 1971 gewesen. Leider war da die Woche schon rum. — Bonus Track:

Remember I said I give you lessons, too?

Obwohl die zuverlässigste Zählung der Filme mit drei und vier Marx Brothers (der biedere Zeppo war Ersatzbank, Gummo war nur live auf der Vaudeville-Bühne und in keinem Film, und einer ist schon mit drei Monaten gestorben) auf 17 plus 7 mit Groucho solo plus 3 mit Harpo solo, und Chico in “jedem der dreizehn Marx-Brothers-Filme” durch seine versehentlich erlernte Pistolenfingertechnik am Klavier aufgefallen sein soll, stellt der “one-stop shop for Chico Marx playing the piano” gerade einmal 10 Klavierauftritte zusammen. So krampfhaft ich mich auf meine frühen Fernseherlebnisse zu besinnen suche, fällt mir auch kein elfter mehr ein.

Chicos zehn Rezitationen populärer Klassiker, früher Schlagerfetzen und Kinderlieder am Klavier dürfen ruhig als stilbildende Momente der Filmgeschichte gelten. Deren Versammlung ist erschütternd kurz: keine 20 Minuten. Das Tonmaterial von Wladimir Sofronitski dauert wahrscheinlich ein paar Wochen, aber sein Schauwert beschränkt sich dabei auf die Spannung, ob er die Tasten auch mit den Mundwinkeln anschlagen kann. Spätestens wenn man Chico in dieser Geballtheit zuschaut, dämmert einem wieder, was man aufgrund der eigenen Lebensauffassung im Leben alles verpasst: eigentlich nichts Genaues, aber schöner, geschmeidiger, leichtfüßiger und vor allem leichtherziger ging’s auch.

Etwas Größeres kann ein Film nicht leisten. Wenn jemandem etwas Größeres einfällt, das ein Film leisten kann, soll er mir’s bitte sagen. Aber nicht in der Rhetorik von meinem alten Vorbild Groucho, das merk ich nämlich sofort und kann’s hoffentlich selber am besten.

  1. The Cocoanuts, 1929: Gypsy Love Song als Signor Pastrami the Lithuanian Pianist;
  2. Animal Crackers, 1930: Silver Threads Among the Gold als Signor Emmanuel Ravelli;
  3. Monkey Business, 1931: Pizzicatto/When I Take My Sugar To Tea als Chico;
  4. Horse Feathers, 1932: Collegiate als Baravelli the Piano Teacher;
  5. A Night at the Opera, 1935: All I Do Is Dream Of You als Fiorello;
  6. A Day at the Races, 1937: Hungarian Rhapsody #2/On The Beach at Bali Bali als Tony;
  7. At The Circus, 1939: Beer Barrel Polka als Antonio;
  8. Go West, 1940: The Woodpecker Song als Joe Panello;
  9. The Big Store, 1941: Mamãe eu Quero als Ravelli, vierhändig mit Harpo als Wacky;
  10. A Night In Casablanca, 1946: Hungarian Rhapsody #2/Beer Barrel Polka/Moonlight Cocktail als Corbaccio.

Um als Bonus Track doch noch einen elften Moment zu ermöglichen, verschweigt die YouTube-Gesamtausgabe ausdrücklich Chicos Duett mit dem vielbeschäftigten Filmgeiger Leon Belasco als Mr. Lyons — aus Love Happy, 1950: Gypsy Love Song — mit der Begründung, dass es kein Solo ist. Als ob der vierhändige Auftritt mit Harpo eins wäre; übrigens der beste, aber der verwendet aufs Ende zu sogar ein virtuelles Orchester. Das heißt mich hoffen, dass jemand oder etwas bald auch eine Sammlung mit den Harfenrezitationen von Harpo erstellen wird.

Es fiel mir ein, als ich ausstieg

Der Münchner Bus 271 verkehrt zwischen Höllriegelskreuth und Großdingharting. Das kann man so hinnehmen, auf sich wirken lassen oder nach Belieben Schlüsse daraus ziehen. Ich bin fürs erste.

Soundtrack: Erdmöbel: Busfahrt, aus: Altes Gasthaus Love, 2003.

Gluteum ad genuflexes

Okay, der #FallBöhmermann scheint wohl vorerst durch, neue #Schmähgedichte scheinen nicht zu gewärtigen. Jedenfalls so lange, bis das ZDF wieder weiß, wo sich Herr Böhmermann aufhält, wenn er live irgendwelche Schulhofreimchen aufsagen soll — falls ihm nicht gerade seine eigene meinungsfreiheitlich gesonnene Regierung in den Rücken fällt, auch wenn er gar keine Meinung vertreten will.

Schade eigentlich, die Wortschöpfung “Schrumpelklöten” hatte einen gewissen pubertären Charme, und wenn das nächste Ziel seiner Neckereien wenigstens soviel Geistesgegenwart besitzt, innerhalb einer Woche etwas zu kontern wie “Pff, diese schwiindsichtige Zigarettenbirscherl wird wahrscheinlich alle Tage zusammenpacken seine Ikearegal”, muss niemand wegen einer Kasperlesendung ohne Einschaltquoten das Strafgesetz ändern.

In Österreich, das bis vor ein paar Tagen noch was auf künstlerische Freiheit gehalten hat, geht’s doch auch, jedenfalls haut das Wiener Prolo-Rock-Kabarett Die Hinichen, nach Selbstauskunft “die ordinärste Band von Österreich, verpönt bei Funk und Fernsehen”, seit Jahrzehnten einen Tonträger nach dem andern raus, auf dem es um es um nichts anderes als möglichst unwahre und unflätige Verunglimpfung Dritter geht. Und regt sich einer auf? — Ja. Aber keiner, der eine Ahnung von einem fröhlichen Beisammensein hat.

Damit wir durch allzu unverblümte Verschlagwortung keine verirrten Verwirrten auf unsere Seite ziehen, diene uns ein Soundvideo als Textbeispiel:

Und das, geliebte Freunde des freien Wortes, ist eins von harmlosen. Was wir daraus lernen? — Natürlich, dass man sich ruhig in ausreichend plastischem Deutsch äußern darf, wenn der Sprechakt es erfordert: Warum sollte man wohl von einem ohnehin falsch denotierten “Busen” säuseln, wo von Dutteln die Rede ist, Himmelarsch noch mal?

Mich bringt die Wiederbegegnung mit den musikalisch gar nicht mal so gefühlsarmen Hinichen darauf, endlich mal die bundesdeutsche Steilvorlage für Parodien jeglicher Tonart in die Mangel zu nehmen:

Das ist von Element of Crime: Das alles kommt mit, aus: Weißes Papier, 1993 via Jochen und Hannes live am 13. Dezember 2008 in der Küche des Franzosenhauses, was immer das ist, und so ziemlich die anrührendste Laien-Coverversion, die YouTube so hergibt.

Die CD hab ich, seit sie 1993 das Ding der Stunde war, aber immer wenn ich das Lied umschreiben will, komm ich bei dem Erstentwurf “die Vaseline, die du in Krankenhausmengen verbrauchst” vor kindischem Gekicher nicht weiter. Vor allem, wenn ich mir das Gesicht von der Kandesbunzlerin dazu vorstell. — Einen belustigten Tanz in Mai wünschen wir.

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