Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Die Rettung des Krokodils

Präsentation. Der neue Werbeleiter der mittelständischen Halb-/Großbrauerei und mein damaliger Agenturchef, kantige Meinung des Werbeleiters:

"Das Krokodil da geht gar nicht!" 

Der Agenturchef fassungslos. Ein No-go in seiner fortgeschrittenen frankfurterisch geschulten Marketingwelt, ein mäßig-erfolgreiches Branding zu kippen. Und auch noch einfach so! Das Krokodil war das eingeführte Diensttier der Brauerei.

Er fragte behutsam (es war nach dem Lunch und er war eins mit sich und der Welt, was er vor dem Lunch selten war) nach dem Grund. Der neue Werbeleiter knurrte etwas über das Grün des Viehs, das nicht gefällig wirke und auch seiner Frau nicht zusage.

Der damals-als-ich-noch-Testtrinker-bei-Martini-war-Agenturchef darauf trickreich-leutselig: Sachma, Grün ist doch diiieee geschmacksphysiologische Farbe für Pils!

Der Werbeleiter merkte, dass er bei diesem Rhetoriker nicht durchkam und sprach leise: Naja, es sei wegen des Urlaubs damals in Florida. Da war er acht, sie waren in den Everglades und er kann bis heute nicht vergessen, wie er sich vor diesem einen Alligator erschreckt hat. Das sei ihm nachgegangen, so dass er bis heute große Angst vor diesen lebenden Handtaschen habe. Und wir Grafiker hätten es auch noch groß als Hero/Comic-Tier in Stories mit Sprechblasen auf die zu präsentierenden Plakate gemalt und mit ihm Kino-Spots erfunden.

Mein Agenturchef sagte, dass Reptilienphobien unter Werbeleitern durchaus vorkämen, weil sie so sensibel seien (die Werbeleiter jetzt). Dass das aber keinesfalls den Erfolg der Brauerei trüben dürfe, da müsse er durch (der Werbeleiter wieder). Dann trank man eine Runde gutes, grünes Bier.

Das half. Das Reptil durfte bleiben, denn es war: eingeführt und einzigartig. Welche Brauerei hat ein Krokodil im Wappen und damals auf den Plakaten, bitte.

Grüne Krokodile sind…

keine Geschmackssache. Sie sind Storyteller, erzählen Geschichten. Sie sprechen. Haben eine große Klappe, regen an und auf.

Dem Irrglauben, dass Design persönliche Geschmackssache sei, hängen viele Unternehmen an. Noch mehr als diese: die Klein- und Einzelunternehmer. Man und vor allem frau meint, dass man mit seinem Gefühl und Geschmacksempfinden den eigenen Betrieb und sein Produkt sehr gut darstellen könne und für diese Kompetenz keine professionelle Unterstützung brauche.

Meist sind ihre Ideen und Geschmacksvorstellungen zu nah am Produkt. Das ist nicht ganz unrichtig, aber sehr langweilig. Wir haben Wettbewerb. Bei Bier ist es mit 100%iger Glaskugelvoraussage das sonnendurchflutete Bierglas, die sich im Wind wiegende Ähre und der Bergsee. Nur macht das bei ungefähr 20 mitkonkurrierenden Brauereien keinen Punkt, die ebenfalls sich wiegende Gläser, flutende Wälder und sonnige Bergseen haben. Austauschbar.

Aus der Erinnerung nacherzählt.
15 Jahre her.

Und es lebt noch.
Und hier auch.

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UPDATE

Wie man diese unsere Geschichte sonst noch sieht (Zitat, Quelle: http://meatjuice.tumblr.com/post/52924983/another-designers-lament)

                        

another "designers lament"

                        

which is actually quite the funny story.

“I don’t like crocodiles, therefore they are unsuitable for the use as a logo.”

ha. wrong. crocodiles are awesome."

                   

2 Kommentare

  1. Wolf

    Ich find nicht, dass das Krokodil recht lebendig aussieht… Aber angesichts solcher Memorabilien wie dass der erste Güterzug Deutschlands (hinter der “Adler”) zwei Fässlein Lederer von Nürnberg nach Fürth transportiert hat, wo ein Professor im “Krokodil” das bis heute gültige Logo entwarf, taugt das Viech offenbar doch zum Storytelling, unbedingt.

  2. Vroni

    Das tote Vieh an der Decke ist halt im rattenscharfen Nürnberger Damokles-Style und zeigt raffinierte Nürnberger Simplicity: Execution ist für sie eins. Heißt für sie Ausführung (ex’ecutive manager) wie Hinrichtung (execu:tion) zugleich :-)
    Da muss man als Kreativer durch, wenn die Idee Krokodil tief und fest von der Bevölkerung (hier: Wirt) adoptiert ist. Das haben adoptierte Ideen so an sich, dass sie eine stellenweise sogar tot (gn) anmutende Eigendynamik kriegen, über die man als erfindende Agentur keine Kontrolle mehr hat.

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