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Die machen ihr Ding, und ich mach mein Ding

Anschauen bitte. Dann machen wir nach den in doppelter Hinsicht erschöpfenden 55 Sekunden erst mal eine Luftholpause und schieben dann die wohlfeile Häme beiseite, die sich aufdrängen will. Das Video von 2005 steht in Youtube als "Dumme Schülerin" — aber think twice.

Diese attraktive junge Dame, machen wir uns nichts vor, wird ihren Weg gehen, und zwar keinen schlechten. Sie sieht nicht vollends verschreckend aus, kann Augenkontakt halten und vertritt eine eindeutige Meinung über Menschen mit missbilligten Lebensentwürfen, von der sie nur in einem nicht ohne weiteres konstruierbaren Notfall abweichen wird. Im Fernsehen und auf Youtube war sie auch schon: Referenzen! Blond, kein Dialekt, der sich nicht ausmerzen ließe, ein Ziel vor Augen: arbeitslos, als Plan B Schauspielerin — das sind Gottesgaben, die Stefan Raab hier vergeblich vorzuführen versuchte. Alle anderen menschlichen Qualitäten waren für die wirklich erstaunlichen Karrieren der jüngeren Vergangenheit bestenfalls: kein Hindernis.

Falls es fürs erste nicht so hinhaut mit dem Megastar-Werden, wird sie Frisöse lernen, weil ihr nichts Besseres einfällt und die Chantal, die seit der ersten Fünften neben ihr sitzt, Visagistin macht. Noch im ersten Lehrjahr wird sie eine Allergie gegen allerlei Chemikalien entwickeln, woraufhin sie bei Lidl Regale einräumen geht, aber bis dahin wird sie auf die ganzen Omas herabblicken, die sich von ihr die Haare lila dauerwellen lassen, und es für ein unheimlich wichtiges soziales Engagement halten, wenn sie ihre Kundinnen extra unhöflich behandelt. Fortan erzählt sie jedem, dass sie fürs Leben ja ihr Jahr Frisörlehre hat, das kann ihr keiner nehmen.

Mit 18 lässt sie sich eine Familie gründen, von einem subalternen Drogendealer, der nicht sehr viel jünger als ihr Vater ist, falls sie eine Erinnerung an ihn hat. Wenn ja, dann keine gute, nur die verschwommene, wie er zwei-, dreimal die Woche zu ihr ins Zimmer kam, "zum Zudecken", um ihr "kleines Geheimnis" zu erneuern.

Zuerst hausen sie in einer untapezierten Höhle mit einem Fleischfliegenstamm zusammen und leeren Getränkekisten als Sitzmöbel, aber ich komm bald ganz groß raus, dann hol ich dich hier raus, Baby.

Noch bevor Leon-Marvin in den Kindergarten kommt, wird der Vater wegen einer größeren Ansammlung kleinerer Verstöße gegen Eigentums- und Betäubungsmittelgesetze eingebuchtet, in seiner Frau hat er zuletzt sowieso nur noch eine Art bösen Geist gesehen, weil eine normale Frau keine drei Tage so viel ertragen könnte, wie er ihr die letzten Jahre zugemutet hat, ich weiß, ich bin so ein Schwein, Baby, ich hab immer gewusst, du bist für was Höheres bestimmt, vielleicht bist du doch einfach zu gut für mich.

Endlich kriegt sie die Scheidung durch, offiziell damit er sich nicht weiter an seinem Sohn vergreifen kann, wie es ihr früher passiert ist, und an dem er neuerdings die Vaterschaft bestreitet, aber aus ihrer Sicht: weil Sex ja doch irgendwie dazugehört. Da ist sie immer noch weit unter 30 und lässt sich von einem noch Älteren einwickeln, der das alles schon hinter sich hat. Der bietet ihr das Reihenhaus, das sie sich schon lange erträumt und nach der ganzen Scheiße ja auch verdient hat.

Falls sie mit 40 noch nicht auf einer Bahnhofstoilette aufgefunden wurde, lässt sie sich von ihrem Derzeitigen etwas wie Jacqeline’s Woll’läd’le als Abschreibungsobjekt anmieten und einrichten. Die creative Arbeit liegt ihr, das wollte sie ja schon damals als Frisöse: sich selbstverwirklichen. Aus ihr hätte richtig was werden können, wenn diese bescheuerte Allergie nicht dazwischen gekommen wäre, daran glaubt sie fest ein Leben lang.

Um vor ihren Kundinnen repräsentativ dazustehen, lässt sie sich selbst die Haare lila dauerwellen und pflaumt entschieden zurück, wenn die jungen Gänse von Frisösenazubis ihr nicht devot genug kommen, schließlich hat sie es geschafft und ist jemand.

Einen Internet-Auftritt braucht sie selbstverständlich auch, hat man ja seit dem letzten Jahrhundert. Weil sie bisher immer nur gechattet hat, und zwar in Abkürzungen, hat sie das selber nicht so drauf und muss leider so einen studierten Loser von Webdesigner anheuern, der ihr mal schnell was auf so ein Serverding drauflädt. Und wehe, die Kundschaft kommt dann nicht in ihre umgebaute Eckkneipe in der Vorstadt geströmt, dann macht sie ihn fertig, den arroganten Sack, der dauernd nur von Strategie und Marketingzielen labert, statt ihr Geschäft nach vorne zu bringen, obwohl sie ihm fast so viel zahlen wollte wie dem Nerd von ihrem Nachbarn, der sich mal von Limewire Photoshop gesaugt hat.

Alt wird sie nicht, aber hey, nur die Besten sterben jung, und sie hat schon immer gesagt, sie wünscht sich lieber ein erfülltes Leben als sechzig, siebzig Jahre vor sich hinzudämmern.

Leon-Marvin hat mit zehn angefangen zu ritzen, wird wahrscheinlich schwul und fängt ein paar, wenn er das erste Mal mit rußschwarz gefärbten Haaren nach Hause kommt. Um die Veilchen zu vertuschen, schminkt er sich das Gesicht kalkweiß und betrachtet sich als Gothic.

Man kann immer schlimmer enden, und als Held, erst recht nicht als Heldin, wird man nicht geboren, Held ist man jeden verdammten Tag aufs neue, und ist das vielleicht nichts, einen Strickladen in der spießigen Wüste der Vorstadt wenigstens versucht zu haben? Gut, wenn man eine Ahnung von diesem "Marketing" mitgekriegt hätte statt dieser verdammten Allergie…

Film: TV total, 1995.

1 Kommentar

  1. Vroni

    Sachma…

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