Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

Die Kunst der Verhandlungsführung

(Kleine Satire, die leider zufällig im real life stattfand):

Mir ist in der Anfragephase neulich ein neuer Kundentypus unterlaufen.
Er sagt – sehr auffällig nebenläufig in Nebensätzen – nach vielen
Erläuterungen und Abschweifungen über sein Geschäft im allgemeinen (man
hört ja gern zu, das Geschäftsfeld Overseas ist zudem wirklich hochinteressant und überschneidet sich sogar mit persönlichen Lieblingsthemen. Und könnte ja eine größere
konzeptionelle Sache sein) irgendwo reinverpackt  in die Timeline von insgesamt 4 Stunden Beratungsaufwand (Inkl. E-Mail und Tralala)  6 Dinge:

1. eine Sache nicht: Nämlich wie denn das konkrete Vorhaben lautet (auf
konkrete Fragen kam kaum eine Reaktion, was nu) aber ganz wichtig:

2. "Wir haben auch andere Werbeagenturen angefragt."

3. Dann kam: "Wir haben die Firma neu positioniert und brauchen aber nur ein Template. Und dann etwas Unterlagen, aber ganz einfache."

4. Dann der Klopper: "Können wir von Ihnen schon Arbeiten dafür kostenlos sehen?"

5. Auf den umfassenden Hinweis, dass es ein eigens angefertigtes Template nicht
umsonst geben kann, kommt das Versenden
eines fast fertigen, von ihnen selbstgemachten PSD-Templates an mich
mit der Aufforderung "Beweisen Sie uns doch ihre grafische Leistung".

6. Von uns dann die ausführliche Erklärung und Begründung, dass eine Websitekonzeption leicht anders als
ausgerechnet mit dem grafischen Frontend beginnt, darauf die Replik des Kunden: "Wollen Sie uns jetzt auch noch SEO und Text verkaufen? Da haben wir schon jemanden!"

7. Wir betonen, dass deutlich sichtbar noch niemand SEO, Keyword-Strategie und Text gemacht hat, uns egal sei, wer das macht,  es aber mit der Grafik halt einfach zu früh sei und so mit Grafik noch nicht anfangen können.

Nur ein informierter Kunde ist ein guter Kunde. Wenn ein Kunde nicht informiert werden will, sind die Hände gebunden und der Zeitaufwand war für die Katz’.

Für solche Kunden, die mir einige Stunden meiner Lebenszeit kosten,
hätte ich einfach gern ein Tool, das ihnen sagt, dass ein Template das
und das von bis kostet.

6 Kommentare

  1. Silke Schümann

    Ich gebe Dir in fast allen Punkten recht, allerdings kann man eine Webseite so konzipieren, dass man darin die 08/15 Konzepte unterbringen kann und in einem gewissen Rahmen auch skalierbar ist.
    Wenn man CMS-Template ohne Kunden baut, dann ist das Template nicht für alle Projekte geeignet. In 99% aber für die klassischen (oft zum Gähnen langweiligen)Businesspräsenzen.
    Wenn Kunden sich keine Konzeption im Vorfeld leisten können, dann packe ich das erweiterte Standardpaket aus.
    Wer im Vorfeld Entwürfe aufgrund einer eignen Vorlage, die verständlicher Weise nicht Dein Niveau hat, wünscht, dann spricht doch nichts dagegen, den Auftrag anzunehmen und abzurechnen. Man kann im Vorfeld ja noch eine Auftragsbestätigung schreiben, die die Summe X enthält und die eine Rückantwort voraussetzt, und in der die Nutzung ausgeschlossen ist.
    Es gibt immer mehr Wege mit diesen Anfragen umzugehen. Meine lautet individuelle Leistung hat ihren Preis. Sie ist einzigartig. Alles andere gibt es von der Stange und dort ist eine große Breite möglich, von kömpletter Eigenleistung bis zu Fullservice.
    Wobei die geringe Wertschätzung der Leistung eines Grafikers auch mir gehörig auf die Nerven geht. Aber das schöne ist, als Selbsständiger darf man nein sagen. Auch ich praktiziere das schon lange.

  2. Vroni

    Du, der Kunde hat im Grunde nicht geschaut, wen er da anfragt. Unser Geschäftsauftritt handelt monothematisch von nichts anderem als von Konzeption und dann Design aufsetzen. Unser core asset und Geschäftsangebot. Wer das nicht will als Kunde, sollte uns nicht wegen Wände streichen anfragen, sondern muss woanders anfragen, so einfach ist das. Wir sind keine Wald, Feld – und Wiesengrafiker. Ich wundere mich immer wieder, warum manche eigentlich nicht unser Geschäftsangebot lesen. Lesen ist nicht in.
    So wie das aussah, war am Anfang Mords-Ding und Diskussion über Positionierung/Konzept hin und her, dann aber lediglich die Verhübschisierung (5 mm nach links) eines akribisch vorgebastelten Photoshop-Template für sag ich mal geschätzte sehr wenige EUR gefragt.
    Mit gleichzeitiger “Ankündigung”: Mach das fei schön billig, es wird auch bei anderen Agenturen angefragt. (Ist da nicht ein bisschen zuviel Getue um ein Photoshop-Dings? Gehts noch. Schätze, war nur um zusätzlichen Einkäuferdruck auszuüben. Kann man machen, aber bitte nicht so unglaubwürdig.)
    Das ist zusammen mit “Zeigen Sie Ihre grafische Leistung” gegenüber jemandem, der zig Jahre Grafikdesign und Konzept macht und kein Garagendesigner oder Praktikant ist, ein Unding.
    Es gibt Kunden, die muss man dem Wettbewerb überlassen. Solche.
    Zudem: Mit dieser Template-“Verbesserung” kriegt er nicht das, was er will, die Wirkung: Dass die von ihm definierte Zielgruppe xx anbeisst. Da beisst si nix. Denn dazu braucht es Keyword-Strategie (nicht vorhanden, will er auch nicht) dazu braucht es ganz andere Sachen, bevor Kästchen geschoben werden.
    Wenn ein Kunde derart Vernünftiges nicht einsieht, schmeißt er nicht nur Geld raus. Bei 50 EUR oder Billigeinkauf ginge das zwar noch. Nein, er verliert Geld und zwar richtig, da er nur eine unglaubwürdigen Websiteauftritt bekommt: Design ist doch keine Solovorstellung, Design und Text gehören zwingend zusammen. Das Internet ist Text.
    Es ist das core asset von the missing link, sowas dann genau nicht zu machen. Gibt schlechte Referenzen.

  3. Silke Schümann

    Gut, ich habe in dieser Beziehung vor langer Zeit die Segel gestrichen und lehne die weitere Verantwortung ab für das danach ab. Das liegt in erster Linie am Kundensegment, das ich mir gewählt habe. Als ich 1997 startete war ich noch ganz Konzeption und das Potential des Internets zur Neige ausschöpfen. Doch kein einziges Unternehmen verstand auch nur Ansatzweise was ich ihnen Anbot oder aber waren absolut nicht interessiert.
    Das beste Feedback, das ich damals hörte auf die Nachfrage, wie zufrieden er denn jetzt mit der 08/15-Lösung sei (nicht dass ich das Ergebnis ihm gegenüber so genannt hätte). Es sei super. Der Wegweise würde von allen gelobt.
    Beim größten Kleidergeschäft hier in der Gegend mit mehreren Filialen bot ich eine virtuellen Rundgang durch das neue Ladengeschäft, das nun erstmals höherpreisige Klamotten anbot. Da hatte er 2-3 Millönchen für das Haus in bester Lage gegönnt und was wollte er mit der Webpräsenz? Die Öffnungszeiten. Er bekam die Öffnungszeiten, sicher mit etwas Brimborium dekoriert.
    So ging es weiter bis ich schließlich achselzuckend mich auf den Markt einstellte und nicht mehr versuchte dem Markt das Internet und seine unendlichen Möglichkeiten zu öffnen.
    Ich bin nicht geeignet für den Don Quichote des Internets.
    Wovon Du sprichst, ist vermutlich noch einmal etwas anderes, wobei jedoch eine wirklich saubre Koordination von Bild und Text im Internet nicht möglich ist. Das kann ich allenfalls in Flash unveränderlich und proportional fixieren. Flash ist in meinen Augen ein Addon für interaktive Applikationen, eine komplette Website gehört nicht dazu.
    Du verlierst die Kontrolle somit ohnehin, insbesondere, wenn Du ein CMS einsetzt, bei dem die Redaktion beim Unternehmen inhouse sitzt.
    Dein Argument mit Text, Bild und Rahmendesign kann ich damit nicht 100% folgen.
    Wo ich absolut Deiner Argumentation folge und Dir 200% recht gebe, ist die Sache mit Design und CI. Hier übertrifft eine sauber im Vorfeld konzeptionierte Seite immer um Klassen, jedes Template-System, denn es prägt den ersten Eindruck des Kunden vom Unternehmen und entscheidet damit darüber ob der Kunde tiefer einsteigt oder die Site gleich von vornherein ablehnt, als nicht zu ihm, seiner Philosophie oder seinem Geldbeutel passend.

  4. Vroni

    Mittlerweile schreiben wir jedoch 2008 und nicht mehr 1998 und es gibt viele Kunden, die begriffen haben, dass es dumm ist, im Netz Öffnungszeiten zu proklamieren. Es ist möglich, Kunden zu haben, die es begriffen haben und ich habe welche.
    Sie haben auch begriffen, dass man etwas tun muss, damit Leute auf ihre Site kommen. Der oben beschriebene Kunde hat zumindest begriffen, dass die falschen Leute auf die Site kommen und wollte das ändern. Ich habe ihn nach seinem Ziel gefragt, ich frage immer nach Zielen: “Was willst du mit dieser Maßnahme erreichen?”
    Es war in seinem Fall änderbar. Nur ist das nicht mit Design zu ändern. Das kann nur gezieltes Keywording und SEO leisten. Ich halte es für meine Pflicht, das im Vorfeld zu sagen. Wenn der Kunde dann immer noch nicht will, dann ist das halt so.
    CMS-Systeme biete ich gezielt und bewusst nicht im Vordergrund an. Das hat seinen Grund: Viele KMU-Kunden brauchen diese Unmengen an dynamischen Seiten gar nicht, wenn sie nur einmal im Monat die News ändern. Da reichen einfache Editoren, die man der jeweiligen Seite reinbaut.
    Der Grund, warum viele KMU-Kunden ein CMS wollen, ist dass sie glauben, sie sparen sich Geld: die Textarbeiten der Agentur brauche man nicht. Sie schreiben selber. Das kann gut gehen (vor allem wenn das CMS gewisse suchmaschinenfreundliche Voreinstellungen hat), geht aber oft auch schief: nicht zielgerichtete Texte, zu kurze Texte, Texte, die überhaupt nicht interessant geschrieben sind, Orthografiefehler, Grammatikfehler, fehlende Handlungsaufforderungen, da wo es sie braucht, etc.
    Dass Internet Text ist, haben sie im Jahr 2008 begriffen. Sie sind aber stolz auf ihre eigenen Texte. Was ich für sie tun kann ist: ihnen die Hauptauftrittsseiten schreiben, bei “Veranstaltungen” oder “Presse” oder “Veröffentlichungen” kann der Kunde schreiben. Wenn ich das überzeugend rüberbringen kann, wieviel besser dann die Wirkung ist, dann passt das. Ich kann nur ermutigen, den Kunden da auch konzeptionell beratend zur Seite zu stehen, es funktioniert.
    Dieser Kunde aber, der oben beschrieben ist, war anders: Er wollte auf Teufel komm raus Geld sparen. Funktioniert halt nicht, wenn man Wirkung will. Und er wollte keine Beratung. Das gibt es natürlich auch, kann er machen. Kann er schauen, welcher Anbieter da ohne jede Beratung ihm ohne Federlesen ein Schilda hinstellt: dreieckige Häuser baut wo keine Fenster drin sind. Wir sind auch ein freies Land: Anbieter sind nicht gezwungen, ihm was zu machen, wenn es deutlich Shit ist. Wenn sie von anderen Prospects danach gemessen werden.
    Nur: Dafür sollte er dann im Vorfeld nicht so viel Klabaster erzählen und Gedöns machen. Und lieber einen Grafiker finden, dem es wurscht ist, für so einen Unsinn von Fachkollegen und prospectiven Kunden anschließend negativ beurteilt zu werden. :-) Ist doch oookkkaayy!!!! :-)
    Das was mich aber wirklich aufregte, ist, dass ein Berg umständlich gekreist hat, und ein Mäuslein geboren ward, das auch noch bei mehrere Agenturen angeblich angefragt wurde. Da fliegt mir doch das Blech weg.
    Das ist wie Gedöns machen, wenn man für einen Schalter einen Elektriker braucht, ihn voreinbaut (und zwar verkehrt herum und das so will) und dann 3 verschiedene Firmen antanzen lässt und rumködert, man bräuchte eine komplette Änderung der Anlage, sie sollten pitchen und beweisen, dass sie Schalter einbauen könnten? Krass, oder.

  5. Tina

    Ah, wieder ein Pitch in Altweiß. :-)
    Also einlenken und resignieren, so im großen Stil, das könnte ich gar nicht. Mich nerven ja schon die Kompromisse, die man im Kleinen dauernd machen muss.

  6. Vroni

    Ja, so etwas, in der Richtung versteckter 0 EUR Pitch.
    Was mir nicht in den Kopf will: dass man es für klug hält, für so einen Minikram wie ein aufgehübschtes Template p i t c h e n zu lassen.
    Ich lasse denmächst mal die Ekklektiker, ähm die Elektriker vom Sendling und die von Harras und Giesing (Münchner Stadtteile) um die eine Supersteckdose pitchen, die ich mir so in meinem Kopf vorstelle^^.
    Krank das.
    Hypermanische Selbstüberschätzung (“Ich Boss du nix”) meets dessen Ebbe in der Kasse.
    Was macht so ein son of a pitch dann, wenn er wieder was für sein Ego tun muss?
    Genau: Konzeptioner foltern.
    Marktsadismus.

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