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Bavarian Gothic

Update zu Peregrini Bavarici:

Als ich noch in Nürnberg gewohnt hab, wusste ich gar nicht richtig zu schätzen, dass es da eine … nun ja: quicklebendige Gothic-Szene geben sollte. Mich entschuldigt einzig, dass ich das gar nicht gemerkt hab, und einfach so unter den schwarzgewandeten Bleichgesichtern meine Nervengifte zu mir nahm.

Das ist überhaupt das Schöne an den Gruftis: Es sind die Dickbrettbohrer unter den Subkulturen. Immer mit Edgar Allan Poe und Samuel Beckett befasst, immer ein besinnliches Liedchen auf den schwarz abgesetzten Lippen, stets im Bewusstsein der Vergänglichkeit aller Existenz. Und mit Schwarz ist man sowieso immer und überall angezogen.

Als ich nach Bayern ausgewandert bin, waren die Leute nicht mehr so schwarz, jedenfalls nicht äußerlich. Mit der Vergänglichkeit haben sie’s aber hallo:

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Memento-mori-Fensterladen in Lenggries

Am Grabe streut man frische Blumen,
Warum im Leben nicht?
Warum so sparsam mit der Liebe,
Bis das Herze bricht!

Den Toten freuen keine Blumen,
Im Grabe fühlt man keinen Schmerz.
Würd’ man im Leben mehr Liebe schenken,
So lebte länger manches Herz.

Mir sagt ja die Unverfrorenheit zu, mit der die Oberländer Goten auf dem linken Fensterrahmen schnauzig und unterkühlt die Chevy-Chase-Strophe in die Memento-mori-Lyrik tragen und ohne falsche Scheu vor genug Senkungen pro Vers “Herz” auf “Schmerz” reimen — und vor allem das lebensbejahende “Im Grabe fühlt man keinen Schmerz”. Amen, Brüder!

Beinhaus St. Jakobus d. Ä., Lenggries

Buidln: Lenggries, glei wo ma einekimmt, und Sankt Jakobus der Ältere, “der Dom im Isartal”, ebenda.
Danke an Ralf für die Kamera, weil bei meiner die Akkus runter waren (soviel zur Vergänglichkeit)!

2 Kommentare

  1. Chevy Dingens was? Ich kenn Chivas Regal … und dann kann ich klasse knitteln!

    Diese Lengrieser haben einfach aus einem frommen Buch abgeschrieben … es gab im Haus nur ein Buch …. ausgenommen Katechismus und Gebetsbuch lag halt einfach kein VIERTES Buch rum! Und so hat man den Sinnsprüchen und dem Geschick des Dichters für Versmaß blind vertraut. (Steht sogar in einem Buch!)

    http://www.aphorismen.de/gedicht/55080

    Lehre daraus: trau keinem Versdichter …. ausser du hast zweitausend Gedichtbände oder Internet-Anschluss. Lüftelmaler sind in jedem Fall die besseren Handwerker!

    • Das haben wir auch überlegt, ob das Lüftlmalerei ist, wenn das Motiv rein typographisch ist, oder ob dazu erst ein Hl. Florian/Georg/Sebastian dabeistehen muss. Bei den kreativen Lenggriesern jedenfalls sind bestimmt bis zu zehn Büchern vorrätig, allein vier davon sind die Bibel und dann noch zweidrei Reader’s Digest Auswahlbücher und ein Bauernkalender.

      Die große Leistung ist ja, dass sie den Aphorismentext von “Unbekannt” in einen Chevy Chase umgebaut haben; in deiner Online-Version steht der als regelmäßig vierhebiger Jambus. Könnte Volksliedstrophe sein — und dann dieser Hauch von Brecht.

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