Freitag! Logbuch

Bewirtschaftet von Vroni und Wolf

The Meaning of München

Oft sind es die ehrbarsten Menschen, die komische Zeitungen lesen. Mit manchem, der sich im Bus hinter einer Bild-Zeitung versteckt, möchte man durchaus mal auf eine kleine saure Apfelschorle, und selbst ich wurde in meiner freudlosen Jugend gern mit MAD und Yps erwischt. Schließlich können die wenigsten von uns eine blondbezopfte hohe Tochter mit der mare sein.

Richtig gelohnt hat sich die Münchner Abendzeitung vom Freitag, den 16. April 2010, und darin allein die Seite 7: Dort hat Vanessa Plodeck empirische Fakten des Münchner Statistischen Amtes von Jahresdurchschnitten auf Tageswerte heruntergerechnet. Dabei bewegt sie sich innerhalb des knochig dürren Rahmens, den nicht einmal eine Boulevardzeitung absichtsvoll begradigen muss, indem sie nur das Rohmaterial herzählt, aus dem Lügenmärchen, Farcen und Zeitungsartikel erst geschnitzt werden wollen. Deutsch gesagt: Kein Grund, ihr nicht zu glauben.

Das hätte übersichtlicher ablaufen können, aber wir sind im München-Teil, nicht beim Handelsblatt. Nehmen wir den Journalistenjargon für übernächtigte Frühstücker mal raus:

Am 30. September 2009 hatte München 1.321.818 Einwohner. Und jetzt kommt

1 Tag in München:

  • 269 Menschen ziehen zu,
  • 228 Menschen ziehen weg,
  • 38 Menschen werden geboren,
    • von denen jedes 55. Mädchen Anna
    • und jeder 43. Bub Maximilian heißen wird,
  • 29 Menschen sterben,
    • davon 12 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen
    • und 8 an Krebs,
  • 6 Ausländer werden eingebürgert.
  • Etwa aller 30 Tage geschieht ein Mord,
    • im Zeitraum 2008 wurden 100 % davon aufgeklärt.
  • Das ergibt einen Bevölkerungszuwachs von 69 Menschen pro Tag.
  • In den Standesämtern heiraten 20 Paare,
  • in den Familiengerichten lassen sich 9 scheiden.
  • Alten- und Pflegeheime beherbergen 9.319 alte Menschen,
  • Kindertageseinrichtungen 54.061 junge.
  • Auf den Straßen geschehen 114 Unfälle,
    • in denen 16 Menschen verletzt werden
    • und etwa alle drei Wochen 1 stirbt.
  • Der MVG befördert in U-Bahn, S-Bahn, Tram und Bus 1.692.260 Menschen
  • und legt dabei 246.041 Kilometer zurück.
  • Jeder Münchner produziert 1,2 Kilogramm Müll,
  • das Münchner Gewerbe zusätzlich 544.000 Kilogramm,
  • zusammen 2062 Tonnen.
  • 65 Gewerbe werden angemeldet,
  • 2 Arbeitnehmer werden wegen Insolvenzen arbeitslos.
  • 5 Häuser werden gebaut,
  • 2 abgerissen.
  • Der Tierpark Hellabrunn begrüßt 3.872 Besucher,
  • die drei Pinakotheken 2.156,
  • der Botanische Garten 971.
  • 293 Straftaten werden polizeilich aufgenommen,
    • davon 110 Diebstähle,
    • 31 Körperverletzungen
    • und 12 Beleidigungen.
  • 13.233 Touristen übernachten,
    • davon 7.479 aus Deutschland
    • und 5.754 aus dem Rest der Welt.
  • 5,2 Stunden scheint die Sonne,
  • dagegen in Nürnberg nur 4,7, in Hamburg traurige 4,4 Stunden, Novograsnitovsk und Berlin werden taktvoll ignoriert.

So weit Vanessa Plodecks Umrechnung für die Abendzeitung nach Material des Statistischen Amts. Auch wenn ich nach Plodecks aufgeführten Plus- und Minusbewegungen der Bevölkerung nicht auf 69, sondern 269 — 228 + 38 — 29 = 50 Neuzugänge pro Tag komme: Von einiger Brisanz finde ich die Frage, ob tatsächlich jedes der effektiv 3 Häuser am Tag für je 23 Leute ausgerichtet ist. Schön wiederum, dass alle 69 Neumünchner schon nach 31,2 Tagen durch alle Pinakotheken gescheucht sind. Bestimmt fallen 10 von den 12 Beleidigungen auf den 246.041 Kilometern des MVG vor, und zwar gegen 4 von den 6 eingebürgerten Ausländern, woraus 15 von den 31 Körperverletzungen, 2 von den 12 Herz-Kreislauf-Kasperln und 3 von den 9 Scheidungen resultieren, und wollen mindestens 0,7 von den 3.872 Besuchern in Hellabrunn die Nacktmulle schauen. Unzulässig wäre dagegen der Schluss, dass unter diesen 69 Neuen alle 65 Gewerbegründungen Webdesign-Agenturen, die restlichen 4 Arbeitslose ohne Insolvenzeinwirkung seien.

Ein lückenhaft, aber plastisch hingeworfenes Bild von der realpoetischen Schönheit eines Zementwerks im Sonnenuntergang.

Soundtrack: Eric Idle für Monty Python: Galaxy Song,
aus: Monty Python’s The Meaning of Life, 1983.

2 Kommentare

  1. Mensch Vroni, das Du das Statistische Amt entdeckt hast. Puh …
    Das lässt hoffen ;-))

  2. Vor allem dann, wenn es gar nicht ich entdeckt habe.
    Sondern Wolfster. Guggsdu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2019 Freitag! Logbuch

Theme von Anders NorénHoch ↑